Nicht bloß Politiker-Reden, sondern Textdiebstahl bei Autoren: Weimer kämpft um sein politisches Überleben
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Die Weimer-Affäre weitet sich aus. Mehr und mehr Medien melden sich zu Wort – mit teils vernichtenden Worten. The European hat in großem Stil fremde Texte übernommen und als eigene Inhalte veröffentlicht. Quellenangaben fehlten häufig oder waren unvollständig. Es geht nicht nur um Reden von Politikern – betroffen sind auch Journalisten und Buchautoren. Die aggressive Verteidigungslinie des Portals greift daher nicht. NIUS zeichnet die politische Dynamik nach, die sich zu einem regelrechten Schlachtgemälde ausgewachsen hat.
Und das führt in die unmittelbare Gegenwart: Denn eben jener Verlag, der für Textdiebstahl und Urheberrechtsverletzungen verantwortlich ist, die Weimar Media Group, richtet am Mittwoch in Frankfurt ein pompöses Event aus, bei dem sogar die EZB-Chefin präsent ist. Die politische Klasse – in unmittelbarer Gegenwart eines Hochstaplers?
Schutzbehauptung: „Es geht vor allem um Politiker.“
Die Leitung um Wolfram Weimer weist jede Verantwortung zurück und verweist in einer Stellungnahme auf Redaktion und einzelne Redakteure – statt Einsicht folgt Auslagerung der Schuld.
The European geht zum Gegenangriff über: „Die Politiker haben grundsätzlich kein Recht zu entscheiden, ob öffentlich gehaltene Reden und Stellungnahmen über Tagesfragen veröffentlicht werden oder nicht.“ Wer von „Textdiebstahl“ spreche, greife sogar die Pressefreiheit an, heißt es weiter: „Wer heute von Textdiebstahl schreibt, attackiert die Pressefreiheit.“
Doch ein Faktencheck zeigt: Dieser Spin ist falsch. Die Vorwürfe kommen nicht nur von Politikern, sondern von real betroffenen Autoren. NIUS kann vier sicher bestätigen.
1. So wurde der „Plagiatsjäger“ Stefan Weber beklaut. Auf X stellt er klar, dass ihm keine E-Mails vorliegen, in denen er seine Zustimmung zur Übernahme von – insgesamt elf – Artikeln gegeben habe. „Eine Erlaubnis dafür lag nicht vor.“

Ausschnitt eines X-Tweets
2. Zu den Geschädigten gehört weiter Schriftsteller und Journalist Michael Klonovsky. Bei ihm ließ The European sogar Spuren verschwinden. Waren bis vor Kurzem noch fünfzehn Texte auf der Website, sind sie heute allesamt gelöscht.

Screenshot: X
3. Buchautor und Journalist Markus Vahlefeld ist ebenfalls betroffen. Auch bei ihm hat The European Textdiebstahl begangen.
NIUS gegenüber stellt Vahlefeld klar, dass er sein Einverständnis nicht gegeben hat. Inzwischen ist der Text, um den es ging, gelöscht. In einem Internetarchiv hat NIUS ihn aber noch gefunden. Auch die Achse des Guten hatte The European keine Erlaubnis erteilt, wo der Beitrag erschienen war.

Die Schutzbehauptung, dass es vornehmlich um Reden von Politikern gehe, trifft nicht zu.
4. Ebenso ist der ehemalige Chef des Verfassungsschutzes, Hans-Georg Maaßen, betroffen. Er war nie Politiker in dem Sinne, dass er Reden im Bundestag gehalten hat.

Für Maaßen ist klar: Weimers Publikation ist armselig.
Inzwischen gibt es ein gewaltiges Medienecho: Sämtliche großen Medien kommen ihrer journalistischen Pflicht nach und berichten ausführlich — bis auf ARD, ZDF und Deutschlandfunk. Ein eiskalt durchgehaltenes Weimer-Schweigen bestimmt die Informationspolitik des einzigen Medienapparats, der zur Ausgewogenheit verpflichtet ist und dennoch extrem einseitig berichtet.
Einzige Ausnahme: der WDR. Er brachte bislang zwei kurze Meldungen. In der ersten wurde das Thema auf knappest mögliche Weise angerissen. In der zweiten heißt es: Medienjournalist: „Weimer muss Erklärung liefern.“ Der WDR zitiert: „Der Medienjournalist Michael Meyer fordert von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer Erklärungen zu den Vorwürfen der Urheberrechtsverletzung.“
Selbst T-Online geht auf Gefechtsstation
Auch das linksgerichtete Portal T-Online – wo Chefreporter Lars Wienand gewöhnlich einen eisernen Kampf gegen Rechts führt – reiht sich nun in die Reihen der Kritiker ein. Die Recherche beginnt mit den Worten: „Edle Optik – aber vielfach nur Abladeplätze von Pressemitteilungen, Facebook-Posts, Videotranskripten und Redetexten?“
T-Online hat eine systematische Typologie angelegt. Das Medium schreibt von „kopierten Reden“, „gekaperten Videos“, „kopierten Newslettern“, „kopierten Social-Media-Beiträgen“, „ausgeschlachteten Briefen“ und „kopierten Partei-Interviews“. Es geht auch um die Übernahme von Texten „von Vereinen und Organisationen“ sowie „von Pressemitteilungen“. Zwar gebe es auch eigene Inhalte und Fälle mit eingeholter Zustimmung – klar sei jedoch: Die eigene redaktionelle Stärke sei maßlos übertrieben worden.
T-Online schießt scharf: „Das Portal ‚The European‘ des heutigen Kulturstaatsministers Wolfram Weimer ist seit Tagen in der Diskussion, weil es zum großen Teil aus zusammenkopierten Inhalten besteht und die Urheber der Texte nichts ahnend dort zu ‚Autoren‘ wurden. Die langjährige Praxis setzt Weimer jetzt unter Druck.“
Die Bombe aber ist: „Im Magazin sind nicht nur Beiträge verschwunden, sondern auch eine Übersicht gelöscht, auf der t-online als Kooperationspartner angegeben war – obwohl keine Kooperation bestand.“
Der Spiegel vernichtet – die FAZ verteidigt
Auch der Spiegel hat eine regelrechte Vernichtung veröffentlicht, die mit den Worten endet, dass die Weimer Media Group wie „ein Unternehmen [handelt], das sich seiner Schuld bewusst ist.“ Weiter berichtet das Magazin, Weimer verweise nicht auf eigenes Handeln, sondern „in einer Stellungnahme auf die Weimer Media Group“, die inzwischen von seiner Frau geführt werde und „formal nichts mehr mit ihm zu tun hat“. Das lässt der Spiegel nicht gelten. Weimer sei zwar „nie Chefredakteur von The European gewesen“, könne aber „mitverantwortlich dafür sein, dass das Medium zuletzt so arbeitete, wie es eben arbeitete.“
Ganz anders die FAZ. Sie framet den Skandal als politische Kampagne der AfD – was er nie war. „AfD bläst zur Jagd auf Wolfram Weimer“, titelt das einst liberal-konservative Flaggschiff. Dass Alice Weidel sich wehrt, ist ihr Recht – zumal es bei ihr nicht nur um Reden, sondern um Social-Media-Beiträge geht. Außerdem hat die AfD keine Kampagne organisiert. Angestoßen wurde die Affäre nicht von einer Partei, sondern von Journalist Alexander Wallasch, der anmerkt: „Die FAZ diffamiert zudem den Aufdecker – was der Spiegel nicht macht.“ Seine Erklärung: „Die FAZ gehört zu den Medienpartnern 2025 der Weimer Media Group. Der Spiegel ist kein Partner des Kulturstaatsministers.“
Das CDU-Grummeln
Nach NIUS-Informationen herrscht in der Union Unmut über Weimers Vorgehen. Man glaube jedoch, man müsse die Reihen schließen – weil Weimer zu nah an Merz ist. Tatsächlich sind beide eng miteinander verbandelt. Merz besitzt ein Haus in Gmund am Tegernsee. Dort, schreibt die Süddeutsche, habe sich „sein langjähriger Weggefährte Wolfram Weimer […] zusammen mit seiner vermögenden Frau Christiane Goetz-Weimer ein Verlagssammelsurium im Wohnort Tegernsee aufgebaut.“
„Höhepunkt des gemeinsamen Schaffens“ ist der jährliche Ludwig-Erhard-Gipfel. Die Süddeutsche schreibt, er sei „PR-technisch gut eingeführt“, firmiere als „deutsches Davos“, ziehe Spitzenpolitiker, Verbandsfunktionäre und Top-Manager an. „Stammgast seit vielen Jahren – wie könnte es anders sein: Friedrich Merz.“
Diese Nähe dürfte bei der Besetzung des Amtes eine Rolle gespielt haben. Weimer sitzt nicht zufällig im Amt. Er ist Produkt eines politischen Umfelds, in dem Friedrich Merz Kanzler ist – ohne dieses Machtgefüge wäre er dort nie gelandet.
Öffentliche Gelder und der Elefant im Business-Room
Hinzu kommt der Einsatz von Steuermitteln. Ein Geschäftsfeld der Weimer Media Group sind exklusive Konferenzen. Nach Angaben der Hessischen Staatskanzlei, auf die sich die Junge Freiheit beruft, stammt für den jetzt startenden Summit in Frankfurt eine Förderung von 30.000 Euro vom landeseigenen „Hessen Trade & Invest“ – obwohl Tickets 790 Euro kosten. Für den Ludwig-Erhard-Gipfel flossen aus dem bayerischen Haushalt knapp 200.000 Euro.
Am Mittwoch startet das nächste Weimer-Event. Die Weimer Media Group „spielt Tischlein-deck-dich für jene, die sich der Elite zugehörig wähnen“, schreibt Wallasch.

Mit viel Tam-Tam tagt heute ein privater Finanzgipfel in Frankfurt.
Anwesend sein wird die politische Elite – etwa Christine Lagarde, Dorothee Bär, Boris Rhein (CDU) – zusammen mit einem mutmaßlichen Hochstapler, dem systematischer Urheberrechtsmissbrauch vorgeworfen wird und öffentlicher Gelder kassiert.

Zu den Medienpartnern gehört The European – und weitere Kleinpublikationen der „Weimer Media Group“.
Dieses Event könnte erklären, warum die öffentlich-rechtlichen Medien den Skandal verschweigen – obwohl er auf dieser Finanzveranstaltung wie der Elefant im Raum stehen wird.
Nachtrag (Mi., 22. Okt.): Inzwischen (Dienstagabend) hat zumindest das ZDF im größeren Stil berichtet.
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Felix Perrefort
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