Prost-Politik am Limit: Warum Politiker in Wahrheit längst kein Bier mehr trinken
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Uff-tata-rumms-tata … Ein Prosit der Gemütlichkeit! Praller die Krüge nie klingen als beim Politischen Aschermittwoch der CSU alljährlich in Passau. Und doch müssen inzwischen Historiker vermutlich bis zu den Zeiten des großen Franz Josef Strauß (†1988) zurückgehen, um die letzten CSU-Granden zu finden, die tatsächlich echtes Bier in ihrem Krug hatten und auch noch davon tranken.

Franz Josef Strauß nimmt einen kräftigen Schluck aus einer Maß.
Edmund Stoiber und Horst Seehofer hatten meist Kamillentee in der Maß, und der aktuelle CSU-Chef Markus Söder stemmt als bekennender Nicht-Trinker seine Krüge ebenfalls mit verschiedenen Ersatzflüssigkeiten.

Edmund Stoiber beim 50. Politischen Aschermittwoch in Passau 2002.

Auch Horst Seehofer nimmt einen kräftigen Schluck aus seinem Krug in der Passauer Dreiländerhalle.
Hömma, hol mir mal ’ne Flasche Bier
Bei der SPD lässt sich das präziser terminieren. Als der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder im Jahr 2000 bei einer Reise durch den Osten in einer Kleingartenkolonie Autogramme schreiben sollte, ging sein Spruch: „Hol mir mal ’ne Flasche Bier, sonst streik ich hier“ in die Geschichte ein und vergoldete sich später sogar als Hit-Single von Stefan Raab.
Die Zeiten sind lange dahin. Als Kanzler Olaf Scholz dieser Tage den „Stoppelmarkt“ in Vechta besuchte, nippte er erkennbar gerade mal den Schaum vom Pils, was bei wahren Freunden des Gerstensafts eher Abwehrreflexe weckt, weil man das Glas normalerweise extra couragiert ankantet, um durch den lästigen Schaum zum goldenen Getränk vorzustoßen.

Ein Schlückchen Schaum: Olaf Scholz nippt nur kurz an seinem Bierglas.
Die volksnahe Bier-Geschichte stimmt schon lange nicht mehr
Nichts hat sich so dauerhaft und ikonografisch im politischen Geschäft verfestigt, wie das Bier in der Hand als Insignium der Volksnähe, Bodenständigkeit und Normalität. Und nichts ist verlogener. Ganz gleich, ob CDU-Chef Friedrich Merz beim Wahlkampf im Thüringen oder die Grünen-Spitze beim eigenen Aschermittwoch: Die Fotos mit dem Bier in der Hand gehören einfach dazu. Und sei es, dass ein alkoholfreies ist.

Friedrich Merz mit dem thüringischen CDU-Spitzenkandidat Mario Voigt in Erfurt.

Katharina Schulze und Omid Nouripour beim Politischen Aschermittwoch der Grünen in Landshut.
Wenn ich geschafft vom Tagwerk abends aufs Sofa falle, soll das heißen, mache ich mir wie jedermann eine schöne Flasche Bier auf. Das Problem: Die Bier-Geschichte stimmt schon lange nicht mehr. Dass Brandenburgs CDU-Spitzenkandidat Jan Redmann unlängst bei der Heimfahrt vom Wahlkampf auf einem E-Scooter mit einem veritablen Alkoholpegel erwischt wurde, ist eher die Ausnahme und den meisten Spitzenpolitikern schon lange eine Horrorvorstellung. Die meisten haben sich das Gemütlichkeitstrinken längst abgewöhnt, weil es auf die Kondition schlägt, bei mehreren Terminen am Tag auch nur am Alkohol zu nippen.
Selbst abends im Privaten mit Bier oder Stärkerem zu „entspannen“ ist in der Top-Etage der Politik genauso verpönt, wie unter Spitzenmanagern der Wirtschaft. Wer etwas werden will oder schon geworden ist, muss immer erreichbar und dann auch im Vollbesitz seiner mentalen Kräfte sein. Kater am nächsten Morgen, wenn um 7.10 Uhr das Interview mit dem Deutschlandfunk ansteht oder der Fahrer schon um 6.30 für den 8-Uhr-Termin vor der Tür wartet, kann man sich nicht leisten. Der wohlig fortschreitende Kontrollverlust beim Trinken ist für politische Kontrollfreaks keine Option und ein latentes Karriererisiko. Ähnlich den Top-Managern der Tabakindustrie, die privat auch nicht rauchen.

Helmut Kohl und Edmund Stoiber im Jahr 2000 beim Oktoberfest in der bayerischen Vertretung in Berlin.
Historisch gesehen haben sich schon die Spitzen des DDR-Politbüros in der Wendezeit mit dem vermeintlich volkstümlichen Feierabendbier reingeritten und der Lächerlichkeit preisgegeben. In einem Interview sagte ein hoher SED-Bonze 1989, auch er mache sich nach Feierabend eine „Büchse Bier auf“. Blöd nur, dass es in der DDR kein Dosenbier gab und sich der wackere Genosse damit als Teil des exklusiven West-Versorgungssystems der streng abgeschotteten Wandlitzer Waldsiedlung zu erkennen gab.

Bundeskanzler Helmut Schmidt mit Bier und Zigarette auf Wischnewskis Hochzeitsempfang im Jahr 1978.

Kanzler Willy Brandt und Oppositionsführer Rainer Barzel 1972 beim gemeinsamen Bier. Kurz vorher war Barzel mit seinem Misstrauensvotum gegen Brandt gescheitert.
Man kann darüber streiten, ob Politiker im Wahlkampf einen Ehrlichkeitsbonus bekämen, wenn sie mit einem Glas Kamillentee (übrigens auch wegen der Rede-gestressten Stimme sehr beliebt) oder einer Coke-Zero im „Bierzelt“ anstoßen würden. Der Vorwurf der blutleeren Volksferne und Abgehobenheit stünde im Raum und ist so ziemlich das Schlimmste, was Politiker fürchten.
Trump dagegen ist nichts peinlich
Aus ganz anderem Holz ist da Ex-US-Präsident Donald Trump geschnitzt, der schon früh zu Protokoll gab, nie in seinem Leben einen Schluck Alkohol getrunken zu haben. Ob man das glaubt, muss jeder selbst wissen.

Donald Trump im Weißen Haus inmitten von Bergen an Fastfood.
Trump jedenfalls ist nichts peinlich, und wenn er Bürger ehedem ins Weiße Haus zum Empfang einlud, präsentierte er sich stolz vor einem Berg von tausenden Cheeseburgern – in europäischen Augen ein Ausweis amerikanischer und vor allem Trump’scher Kulturlosigkeit. Fakt ist, dass Trump in den Augen seiner Anhänger als authentische Verkörperung des Anti-Establishment-Politikers gilt. Und wenn er in einer berühmten Szene seines letzten Wahlkampfs in einen Cheeseburger biss, tat die Tatsache keinen Abbruch, dass er dabei in seinem Privatjet saß. Vielleicht zieht Wahrhaftigkeit doch im Vergleich zu gespielter Kneipenbruderschaft und durchsichtiger Prost-Politik.
Dass man sich beim Zuschauen von Politik und Politikern eine ordentliche Flasche Bier aufmacht, kann allerdings nie schaden. Vieles erträgt man dann leichter. Haben mir Leute erzählt …
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Ralf Schuler
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