Tellkamp: „Ich will nicht, dass ihr mir dauernd reinredet, was ich zu wählen, sagen, denken, lesen und sonst wie zu meinen habe“
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Treibt Freiheitsliebe die Menschen im Osten an?
Er ist einer der bekanntesten Autoren Deutschlands und eine wichtige Stimme des Ostens: Mit seinen Romanen „Der Turm“ und „Der Schlaf in den Uhren“ hat der Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp sich in die jüngste Geschichte der Deutschen eingemischt.
Bei „Schuler! Fragen, was ist“ habe ich mich mit ihm über die Stimmung vor den drei Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg unterhalten, über die Erfolge der AfD und den Verdruss vieler Menschen an der etablierten Politik.
Menschen wollen keine Restriktionen
Die Stimmung im Osten speise sich aus einer ganzen Reihe von Motiven, sagt Tellkamp. „Ich glaube schon, dass der deutlichste Akzent auf einem Freiheitswillen liegt. Ein Freiheitswille im Sinne einer Demokratie, wie viele Menschen sie jetzt nicht mehr sehen und nicht mehr erfahren.“ Dabei werde die Demokratie als Staatsform nicht infrage gestellt. Es seien aber bestimmte Entwicklungen, die im Osten auf Widerstand stoßen.
„Unsere Demokratie äußert sich in vielen Restriktionen, in Übergriffigkeiten auf das Alltagsleben der Menschen. Und nach meinen Beobachtungen wollen das viele einfach nicht.“

Ich traf den 55-jährigen Tellkamp in seiner Geburtsstadt Dresden.
Für viele Ostdeutsche liegen die Zeiten der Tyrannei nicht weit zurück
Das Erleben der DDR-Vergangenheit spiele dabei durchaus eine Rolle. „Gerade aus der Erfahrung eines Staates heraus, der andere Dinge aber ähnlich durchgeführt hat und ähnlich praktiziert hat“ entwickle sich ein Anti-Reflex. „Diese Einschränkungen der Freiheit wollen viele Menschen einfach nicht mehr. Und Freiheit bedeutet eben auch, sagen zu können: Ich will das nicht haben. Ich will euren Ablasshandel nicht – in verschiedener Hinsicht. Ich will nicht, dass ihr mir dauernd reinredet, was ich zu wählen, zu sagen, zu denken, zu lesen und sonst wie zu meinen habe!“ Für viele Ostdeutsche lägen die Zeiten noch nicht so lange zurück, in denen man ihnen sagen wollte, was sie wählen sollen und was nicht.

Laut dem Literaten haben Ostdeutsche einen Anti-Reflex entwickelt, wenn die Regierung übermäßig Restriktionen erlässt.
Es sind gut dreißig Grad, vereinzelte Wolken ziehen über Dresden-Loschwitz hin, wo wir im Hof vom „Buchhaus Loschwitz“ über die Wahlen und Tellkamps Blick auf Deutschland sprechen. Die Elbe ist nur wenige Schritte entfernt und fließt in diesem Sommer deutlich schmaler durch die sächsische Hauptstadt als sonst.
Migrationswelle sorgt für Protestwähler
Ob er glaube, dass viele Menschen im Osten die Politik abstrafen möchten, will ich wissen. „Ja“, sagt Tellkamp, „das Stichwort ‚Protestwahl‘ wird eine Rolle spielen. Aber hier geht der Frust tiefer. Was soll denn hier abgestraft werden? Das ist eine Politik, die in den letzten Jahren, sagen wir mal grob seit 2015, begann. Mit der Migrationswelle, mit der Energiewende greift man sehr tief in den Alltag von Menschen ein. Auf eine Weise, die viele inzwischen nicht nur irritiert, sondern verstört und die ja wirklich etwas kostet. Sie kostet bürgerlichen Wohlstand. Sie kostet in der Gesellschaft auch sozialen Wohlstand, sozialen Rückhalt und alle diese Dinge, also das Gefühl, dass sich das Land auf eine Weise verändert, die als nicht gut empfunden wird. Das ist mehr als eine bloße Störung atmosphärischer Art.“

„Etwas Grundsätzliches beginnt hier sehr schiefzulaufen“
Das Gefühl vieler sei: „Etwas Grundsätzliches beginnt hier sehr schiefzulaufen. Dieses Gefühl ist da und das Bedürfnis, da etwas entgegenzusetzen, ist mit Protest alleine, glaube ich, nicht erklärt, sondern hier soll sich in diesem Land grundsätzlich etwas ändern zu einer vernunftgeleiteten Politik.“ Man könne durchaus darüber diskutieren, was man unter „vernunftgeleitet“ versteht. „Aber viele sagen, die grüne und linke Politik ist es nicht.“ Die Folge: „Man wendet sich einer Partei zu, die das am deutlichsten auch im Programm nicht will.“
Das ganze Gespräch mit Uwe Tellkamp können Sie hier anschauen.
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Ralf Schuler
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