Treffen in Südafrika: Wie die BRICS-Staaten die westliche Vormachtstellung attackieren wollen
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Die führenden Schwellenländer rund um China und Russland blasen zum Angriff: Erstmals seit der Corona-Krise treffen sich die BRICS-Staaten auf einer Konferenz in Südafrika. Auf der Agenda des Treffens vom 22. bis 24. August könnten vor allem zwei Themen stehen: Die Einführung einer gemeinsamen Währung und die Aufnahme neuer Mitgliedsstaaten.
Die einleitenden Worte des südafrikanischen Gastgebers lassen bereits aufhorchen: Es gebe keine unipolare Welt mehr, erklärte Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa wenige Tage vor Beginn der Konferenz, an der neben den BRICS-Staaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika insgesamt rund 40 Länder teilnehmen werden. Die „tektonischen Verschiebungen in der Geopolitik“ seien dramatisch, versicherte Ramaphosa. „Das müssen wir feiern.“ Die „neue Weltordnung“ mitsamt seinen politischen und finanziellen Auswirkungen werde beim anstehenden Treffen ausgiebig diskutiert.
Welche konkreten Schritte sind also für die Konferenz geplant?
Die Geschichte der BRICS-Staaten begann 2001, als der Wirtschaftswissenschaftler Jim O'Neill von Goldman Sachs den Begriff „BRIC“ prägte, um auf den wachsenden wirtschaftlichen Einfluss von Brasilien, Russland, Indien und China hinzuweisen. Doch erst 2009 schlossen sich die vier Länder tatsächlich unter dem Akronym zusammen. Südafrika trat 2010 bei. Mittlerweile repräsentieren die fünf Staaten 42 Prozent der weltweiten Bevölkerung und fast ein Drittel des weltweiten Bruttoinlandsprodukts. Die Tendenz ist steigend, mittlerweile hat man sogar die G7-Staaten eingeholt, wobei ein Großteil der Finanzmacht auf China entfällt.
Doch was hat die Gruppe bislang erreicht? Die wohl größte Errungenschaft der fünf Schwellenländer ist die Gründung einer Entwicklungsbank mit einem gezeichneten Kapital von umgerechnet 50 Milliarden US-Dollar zur Finanzierung von Infrastrukturprojekten in Entwicklungsländern. Darüber hinaus gibt es jedoch kaum gemeinsame Projekte. „Abgesehen von der Gründung der BRICS-Bank“ sei es „schwierig zu erkennen, was die Gruppe außer ihren jährlichen Treffen bislang überhaupt geleistet hat“, kommentierte Begriffsschöpfer und Ökonom Jim O'Neill vor mehr als zwei Jahren. Das liegt nicht zuletzt auch an internen Spannungen, etwa bei den Grenzfragen zwischen China und Indien.
Auf dem diesjährigen Treffen könnte sich das Bündnis erneut erweitern – und somit auch der politische und wirtschaftliche Einfluss. 23 Länder haben sich offiziell um eine Vollmitgliedschaft beworben. Zahlreiche weitere sollen Interesse bekundet haben, mehrheitlich weil ihnen eine multilaterale Welt unter Vorherrschaft der USA ein Dorn im Auge ist. Unter den Bewerbern finden sich Länder aus dem Nahen Osten wie Saudi-Arabien, Iran oder die Vereinigten Arabischen Emirate, vor allem aber zahlreiche afrikanische Staaten wie Nigeria, Ägypten oder Äthiopien, die sich vom globalen Finanzsystem benachteiligt fühlen. Doch auch hier zeigen sich unterschiedliche Meinungen: China und Russland treiben die Ausweitung des Bündnisses voran, während Länder wie Brasilien oder Südafrika, die sich nicht als explizit anti-westlich verstehen, aus Angst vor verschlechterten Beziehungen mit den USA eher auf die Bremse treten.

Die möglichen Kandidaten für einen BRICS-Beitritt.
Wird ein eigenes Zahlungssystem etabliert?
Im Fokus der Konferenz könnte auch ein möglicher Angriff auf den US-Dollar als Weltreserve-Währung stehen. Nach monatelangen Debatten über verschiedene Währungs- und Rohstoffkörbe hat sich ein von Russland und China geführtes Konsortium offenbar im Juni darauf geeinigt, Gold als Grundlage für ein geplantes neues internationales Währungssystem zu verwenden, berichtete das Wirtschaftsmagazin Forbes. Das Konzept der Initiative könnte auf dem Treffen in Johannesburg vorgestellt werden, wenngleich das Gastgeberland Südafrika dies vorab dementierte. Ein Währungssystem unter Goldstandard wäre die wohl bedeutendste Entwicklung in der internationalen Finanzwelt seit dem Nixon-Schock von 1971, als die USA ihrerseits den Goldstandard aufgaben.
Das Projekt eines eigenen Zahlungssystems steht schon seit Jahren im Raum, gewann aber im Zuge der Sanktionen gegen Russland erneut an Fahrt. Unmittelbar nach dem Angriff auf die Ukraine folgte bekanntlich die Isolierung Russlands vom gesamten westlichen Finanzsystem und vom SWIFT-System für internationale Bankzahlungen. Zusätzlich fror der Westen rund 600 Milliarden Dollar an Währungsreserven ein, die Russland wahrscheinlich nie wieder zu Gesicht bekommt. Die Sanktionen waren ein Weckruf für andere Nationen wie China oder Indien. Wenn es so leicht ist, russisches Vermögen einzufrieren, dann könnte dies früher oder später auch uns drohen, so die Logik. Also sucht man nach Alternativen.
Derzeit fahren China, Russland, Indien und Brasilien ihre Goldreserven massiv nach oben. China etwa steigerte seine Reserven von 1054 Tonnen Gold im Jahr 2013 auf 2113 Tonnen Gold im Juni 2023. Auch Russlands Reserven haben sich in diesem Zeitraum von knapp 900 Tonnen auf rund 2300 Tonnen mehr als verdoppelt. Zum Vergleich: Die Goldreserven der USA betragen über 8100 Tonnen.
Staaten vereinbaren Handel in anderen Währungen als dem US-Dollar
Gleichzeitig haben mehrere BRICS-Mitglieder bereits damit begonnen, bilaterale Handelsgeschäfte in ihren Landeswährungen abzuwickeln. Indien hat ein Abkommen mit Malaysia geschlossen, um die Verwendung der Rupie im grenzüberschreitenden Handel zu verstärken. Brasilien und China haben Anfang des Jahres eine Vereinbarung getroffen, den Warenaustausch in ihren Landeswährungen abzuwickeln. Indien und Russland sind kürzlich an Südafrika herangetreten, um die Zahlungsabwicklung in ihren eigenen Währungen miteinander zu verknüpfen.
Die USA sollen als zentrale Macht im globalen Finanzsystem herausgefordert werden, so viel ist klar. Doch nach wie vor ist der US-Dollar die alles dominierende Währung. In einer jüngsten Studie der US-Zentralbank FED stellen ihre Analysten fest: „Nach unserem Index, der verschiedene Faktoren kombiniert, ist die internationale Verwendung des Dollars in den letzten fünf Jahren im Wesentlichen unverändert geblieben.“

Der Index zur weltweiten Währungsdominanz zeigt: Der US-Dollar steht noch immer unangefochten an der Spitze (Quelle: Internationaler Währungsfonds)
Vertrauen ist die wichtigste Währung
Zudem gilt: Noch immer ist Vertrauen die wichtigste Währung auf dem Finanzmarkt. Die meisten Investoren blicken jedoch eher skeptisch auf Russland oder China. Zumal beide Länder vor erheblichen Problemen stehen. In China zieht derzeit die Immobilienkrise die gesamte Wirtschaft nach unten. Während in Europa und in den USA die Zinsen gestiegen sind, versucht die chinesische Zentralbank die Wirtschaft mit tieferen Zinsen zu stützen.
Gleichzeitig fällt der russische Rubel derzeit ins Bodenlose. Die Superreichen können den Währungsverfall über Auslandskonten abfedern, für einen Großteil der Bevölkerung aber verschlimmert sich die soziale Lage. Auch die Inflation zieht derzeit wieder an und lag laut offiziellen Angaben aus Russland im Juli bei 4,3 Prozent.
Wladimir Putin wird übrigens im Unterschied zu seinen Kollegen aus China, Indien, Brasilien oder Südafrika nicht in Johannesburg auftauchen, sondern schickt Außenminister Sergei Lawrow. Der Grund: Ihm hätte aufgrund des internationalen Haftbefehls aus Den Haag mitunter eine Festnahme gedroht.
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Björn Harms
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