Wadephul bei al-Jolani: Herzlicher Händedruck mit einem Ex-Terroristen – eine neue Selbstverständlichkeit?
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Syriens neuer Machthaber Mohammad al-Jolani ist als Ahmed al-Scharaa zum akzeptierten Gesprächspartner avanciert, obwohl er einst als Al-Qaida-Terrorist steckbrieflich gesucht wurde. Die Realpolitik macht es möglich – und was noch?
Außenminister Johann Wadephul reist nach Syrien – und trifft dort Machthaber Mohammad al-Jolani, der sich jetzt Ahmed al-Scharaa nennt. Der ehemalige (?) Islamist und gejagter Al-Qaida-Terrorist wird inzwischen offenbar als verlässlicher Staatsmann wahrgenommen. Im September trat er – nach 60 Jahren Diktatur unter der Assad-Familie – als erster syrischer Präsident vor der UNO auf. Zuvor hatte er sogar an einer Podiumsdiskussion teilgenommen, an der auch der US-General und frühere CIA-Direktor David Petraeus teilnahm, der ihn fast zwanzig Jahre zuvor im Irak verhaften ließ. Fünf Jahre verbrachte der Dschihadist in amerikanischen Militärgefängnissen.
Und jetzt sieht man ihn wie selbstverständlich beim herzlichen Händeschütteln mit dem deutschen Außenminister, der natürlich auch wieder Geld mitgebracht hat: fast 40 Millionen Euro. Schon Wadephuls Vorgängerin im Amt, Annalena Baerbock, hatte Damaskus 2024 „humanitäre Hilfe“ in Höhe von 220 Millionen Euro zugesagt, die angeblich an „regimeferne“ UN-Organisationen und NGOs flossen. Noch im März 2025 wurden 300 Millionen Euro zusätzliche Hilfen für den Wiederaufbau Syriens und die Unterstützung von Flüchtlingen in der Region (z. B. Jordanien, Libanon, Irak, Türkei) angekündigt.

Mein Freund, der alte Terrorist: Wadephul und al-Jolani.
Außenpolitik ist kein Wunschkonzert
Al-Jolani heißt jetzt al-Scharaa, sonst ändert sich nix? Scheinbar schon, auch wenn man seine Hand dafür sich nicht ins Feuer legen möchte, schließlich ist weder al-Jolanis terroristische Vergangenheit vergessen, noch sein brutales Vorgehen gegen die Drusen, als er an der Macht war. Aber zumindest scheint es, als gelte der syrische Machthaber jetzt als „pragmatischer Radikaler“. Als größerer Akteur in der Region muss al-Jolani alias al-Scharaa in einem „komplizierten Geflecht aus Allianzen und Feindschaften“ (NZZ) zurechtkommen und zwischen den USA, Israel, den Golfstaaten und der Türkei lavieren.
Dass einst 10 Millionen Dollar auf seine Ergreifung ausgesetzt waren, zählt heute nicht mehr. Und natürlich ist al-Jolani auch nicht der erste Terrorist, der international eine Rehabilitierung erfahren hat. Schon auf den PLO-Erzterroristen Jassir Arafat setzte der Westen seine Hoffnungen. Man glaubte, Arafat (Kampfname: Abu Ammar) durch den „Friedensprozess“ von Oslo gewissermaßen resozialisieren zu können und verlieh ihm sogar den Nobelpreis, doch der unverbesserliche Arafat konnte nicht aus seiner Haut heraus und ließ den Oslo-Prozess mit der „Al-Aqsa-Intifada“ vollständig zerstören.

Mohammad al-Jolani, als al-Qaida-Terrorist gejagt von den Amerikanern.
Niemand kann sagen, was echte Wandlung bei al-Jolani ist und was nur Taktik und Täuschung, doch kann man sich in einer Weltgegend, in der Regimewechsel meist nach dem Motto „schlimmer geht immer“ ablaufen, seine Gesprächspartner nicht aussuchen.
Unvermeidbare Gesprächspartner
So kann das gehen in der Politik: Die Terroristen von gestern sind plötzlich die Staatsmänner und Verbündeten von morgen, und sei es nur, weil man mit dem kleineren Übel zurechtkommen will. Man nennt es Realpolitik, ein Begriff, der auf den preußischen Staatsmann Otto von Bismarck zurückgeht und eine außenpolitische Strategie beschreibt, die sich primär an machbaren Zielen und nationalen Interessen orientiert, anstatt an moralischen Idealen oder ideologischen Prinzipien.
Bedeutet in der Praxis: Staaten und Politiker müssen, mitunter eben trotz Magengrimmen, mit Akteuren verhandeln, die eine belastete Vergangenheit haben – sei es durch Terrorismus, Kriegsverbrechen oder autoritäre Herrschaft. Selbst die fragwürdigsten Gestalten, die man am liebsten weiträumig umfahren würde, werden zu unvermeidbaren Gesprächspartnern. Das stellt dann keine nachträgliche Billigung in der Vergangenheit verübter Taten dar, sondern eine pragmatische Notwendigkeit zur Erreichung bestimmter Ziele.
Winston Churchill musste im Zweiten Weltkrieg mit der stalinistischen Sowjetunion paktieren, trotz Millionen Toten unter Stalins Regime, um Hitler zu besiegen. Der Zweck – der Sieg – heiligte hier nicht die Mittel, sondern machte sie leider unerlässlich. Heute sind es oft nicht-staatliche Akteure wie Terrorgruppen oder Rebellenführer, mit denen man reden muss, weil sie Territorien, Ressourcen oder Bevölkerungen kontrollieren. Selbst mit der Hamas, deren Ziel nach wie vor die Vernichtung Israels ist (was keinen Spielraum für Kompromisse lässt), musste man – über Vermittler – verhandeln, um einen Waffenstillstand und die Freilassung der letzten lebenden Geiseln zu erreichen.

Seit Ende Januar 2025 Interimspräsident von Syrien: al-Jolani alias al-Scharaa.
Moralische Absolutheit kann man sich nicht leisten
Dass al-Jolani die Kunst der Verstellung beherrscht, steht außer Zweifel, nur gibt es eben derzeit keine Alternative zu ihm. Auf keinen Fall darf man naiv an eine vollständige Wandlung des syrischen Machthabers glauben (schon im Fall des vermeintlich gemäßigten Bashar al-Assad wurde der Westen zum Opfer falscher Illusionen), doch solange man ihn realistisch einschätzt und ihm notfalls seine Grenzen aufzeigt, wie Israel im Fall der bedrängten Drusen, spricht grundsätzlich nichts gegen einen Dialog.
Dass deutsche Steuergelder nach Afghanistan fließen, darf mit Fug kritisiert, besser noch abgelehnt werden, doch selbst zum Taliban-Regime nahm Deutschland wieder Kontakte auf. Annalena Baerbock, die nach eigener Aussage „feministische Außenpolitik“ betrieb, redete mit den Steinzeit-Islamisten, obwohl diese Frauen in allen Bereichen des Lebens unterdrücken. Die moralische Absolutheit aber ist ein Luxus, den sich nur die Machtlosen leisten können.
Henry Kissinger, Nationaler Sicherheitsberater (1969–1975) und Außenminister (1973–1977) unter den US-Präsidenten Nixon und Ford, sah die internationale Ordnung nicht als moralisches Drama, sondern als geopolitisches Gleichgewichtssystem. Die Welt war für ihn ein multipolares Schachbrett mit begrenztem Platz: Jede Figur (Staat) muss so bewegt werden, dass das Gesamtsystem nicht kippt. Von seinem tiefen Verständnis der Geopolitik sind Baerbock und Wadephul zwar Lichtjahre entfernt, schon weil sie nicht für kalkulierten Interessenausgleich stehen, doch sie handeln schon aus rein kurzfristig praktischen Erwägungen.
Demnächst auch Putin?
Deutschland beherbergt eine Million Syrer und eine halbe Million Afghanen. Schon deshalb muss man mit al-Jolani / al-Scharaa und den Taliban reden, um wenigstens einen Teil der illegal als „Flüchtlinge“ eingereisten Migranten wieder in ihre Heimat zurückschicken zu können. Wobei Wadephul in Syrien höhere Erwartungen bereits gedämpft hat: Eine Rückkehr von Flüchtlingen dorthin sei „kurzfristig“ nicht möglich. Zu Rückführungen einzelner schwerer Straftäter sei das Ministerium mit dem syrischen Außenministerium in Kontakt, wovon man sich aber auch nicht allzu viel erhoffen sollte.
Selbstverständlich ist al-Jolani kein Demokrat und wird auch nie einer werden. Zwar hat er angekündigt, ein neues Parlament wählen lassen, doch setzt er ein Drittel der Abgeordneten selbst ein, die anderen zwei Drittel wählt eine von seiner Regierung ernannte Wahlkommission aus. Demokratiesimulation auf Arabisch.
Wenn allerdings ein ehemaliger Al-Qaida-Terrorist wie selbstverständlich als Gesprächspartner akzeptiert wird und der Blick auf die geopolitische Landkarte wieder an Gewicht gewinnt, ist auch vorstellbar, dass der jetzt noch von fast dem gesamten Westen geschnittene Wladimir Putin, gegen den der IStGH einen Haftbefehl erlassen hat, eines Tages auch wieder für tauglich zum herzlichen Händeschütteln befunden wird, ob man ihn nun mag oder nicht. Donald Trump, der jeder Ideologie abhold und stets auf pragmatisches, ergebnisorientiertes Handeln erpicht ist, war der Erste und möglicherweise auch nicht der Letzte.
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