Warum „kulturelle Aneignung“ die Menschheit voranbringt
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- Selbsternannte Sittenwächter wollen kulturelle Anleihen bei anderen Völkern verbieten.
- Das Schlagwort von der „kulturellen Aneignung“ steht in Wahrheit für das Lernen der Menschen voneinander.
- Es gibt kein Patent auf Kultur. Ein Kommentar.
Rentnerinnen mit mexikanischem Sombrero, Indianer-Häuptling Winnetou oder schwarz angemalte Schauspieler – alles schlimm, alles verboten, alles „kulturelle Aneignung“. Ausgerechnet die früheren Prediger von Multikultur haben inzwischen ein neues Schlagwort gefunden und dozieren heute das Gegenteil: Abstand!
Hände weg, von fremden Kulturen. Das doppelt Irre an dieser Theorie: „Kulturelle Aneignung“ ist nur verwerflich, wenn Träger einer „dominanten Kultur“ Elemente einer „Minderheitenkultur“ übernehmen, ohne diese zu respektieren oder zu verstehen. Mit anderen Worten: Die Freunde der „einen Welt“ machen selbst eine Hierarchie der Kulturen auf.
All das ist völliger Unsinn!
Kulturelle Aneignung hat die Menschheit zu dem gemacht, was sie heute ist. Man nennt es auch Fortschritt. Kulturelle Aneignung ist nichts anderes, als die Übernahme praktischer, unterhaltsamer, wissenschaftlicher oder genussvoller Vorsprünge anderer. Manager-Deutsch: „best practice“. Von der Kunst Feuer zu machen, Vieh zu halten, Feldfrucht anzubauen oder Eisen zu schmieden bis zu Musikinstrumenten, traditionellen Bau- oder Produktionstechniken – der Mensch raukopiert sich durch seine Geschichte auf dem Weg zur heutigen Zivilisation.
Ist ein deutscher Döner „kulturelle Aneignung“? Dürfen nur türkische Schlagzeuger ihre Becken prügeln, weil man mutmaßlich Hofe des Sultans vor Jahrhunderten die handgehämmerten Bronzen erfand? Und vor der Benutzung eines chinesischen Reishutes müsste zunächst geklärt werden, welche Kultur eigentlich dominanter ist und war: die europäische oder die chinesische...
Vom Nutzen der kulturellen Leihgaben für die Geber ganz zu schweigen: Wären Indianer heute womöglich längst vergessen, wenn sie nicht in die Western ihrer Kolonisatoren Eingang gefunden hätten? Welche bessere Werbung hätte die böhmische Stadt Pilsen bekommen können, als die weltweiten Brau-Plagiate Pilsner Bieres?! Und die Regenmacher-Rohre der australischen Aborigines müssen Rasta-lockige Öko-Paxe in den Wohlstandsmetropolen dieser Welt auch nicht aus den Kiffer-Händen legen, wenn sie kein tieferes Verständnis von der Herkunftskultur haben. Und wo welche Drogen, Kampfsportarten und Meditationstechniken entlehnt wurden, juckt von den empfindsamen Kultur-Gurus auch niemanden.
Kurz: Der vermeintliche Kampf gegen „kulturelle Aneignung“ ist Mumpitz und überflüssige Arbeitsbeschaffung für selbsternannte Sittenwächter. Es gibt keine geschützten Patente auf Geist, Kultur und Leben. Und das ist auch gut so. Am Ende kommen Indio-Hüte, afrikanische Schnitzereien und russische Balalaikas ohnehin alle aus einer Fabrik in Taiwan...
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Ralf Schuler
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