Wir erleben in Echtzeit, wie ein Schicksalsroman über Deutschland geschrieben wird
Ein Beitrag von
Der Wahlkampf-Endspurt in Dresden läuft, Ministerpräsident Michael Kretschmer erhält tatkräftige Unterstützung von Markus Söder und Friedrich Merz.
Die düsteren Szenen kommen erst später. Am Anfang läuft noch fast alles nach Plan ...
Zwanzig Minuten zu spät ziehen die Matadoren dann doch noch ein. Langsam wälzt sich der Tross mit CSU-Chef Markus Söder und CDU-Frontmann Friedrich Merz vom Eingang her den Hügel hinauf auf den Konzertplatz Weißer Hirsch. Baumlang der Bayer und der Sauerländer. Der eigentliche Star des Abends, Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), hält sich wacker im Pulk zwischen Kameras, Bodyguards und Parteigefolge.
Gemeinsam mit den Unionsgranden will Kretschmer die entscheidenden zwei Prozentpunkte für die Landtagswahl am kommenden Sonntag aufholen, die er in den Umfragen derzeit noch hinter der AfD zurückliegt.

Auftritt: Söder, Kretschmer und Merz kommen auf dem Konzertplatz an.
Matter Beifall brandet auf, den man nur hören kann, weil die Wahlkampf-Regie die Musik zu spät startet, die für gewöhnlich Kundgebungen wie diese von Anfang an mit wummernden Beats unterlegt, damit Stimmung simuliert wird und mögliche Buh-Rufe untergehen. Ein paar hundert Dresdner sind am Montagabend auf den spätsommerlichen Konzertplatz gekommen. Es gibt Bier, Bratwurst, Kartoffelsalat und Papiertüten vom „Team Kretschmer“ mit Kugelschreibern, Notizblock, einem Energieriegel der Jungen Union und einem Einkaufswagen-Chip mit Kretschmers Namen darauf.
Und immer wieder Migration
Dies sei eine „Schicksalswahl“ ruft Kretschmer von der Bühne ins geneigte Rund den Leuten entgegen, deren Stimmen er vermutlich ohnehin schon sicher hat. Söder sekundiert mit einer seiner üblichen, launig vorgetragenen Standup-Reden, erzählt von seinem „Migrationshintergrund“ (Großvater aus Sachsen) und der ersten Freundin, die aus Sachsen kam. Und immer wieder Migration: In ganz Deutschland gebe es Stadtteile, in denen sich manche nicht mehr zu Hause fühlen, sagt er. Die Grenzen müssten gesichert werden. Das Motto müsse lauten: „Kommst du als Straftäter nach Deutschland, wirst du schneller erwischt und länger verknackt!“

Söder und Kretschmer mit gebündelter Tatkraft auf der Bühne.
Wahlkampf, fast im Normalmodus, wenn die Konkurrenz von AfD und Sahra Wagenknechts BSW nicht wären, die ohne großen Aufwand Mehrheiten gewinnen, während Kretschmer wie ein Marathon-Mann durchs Land tourt und die Union mit größtem Einsatz auf Augenhöhe der AfD bringt. Ist es anfangs nur dieser „weiße Elefant“ im Raum, der wie ein unsichtbarer Schleier über der Szene liegt, so gleitet der Abend mit fortschreitender Zeit mehr und mehr in einen düsteren Modus ab.
Dämmerung senkt sich über Deutschland
Dem Bundeskanzler entgleite das Land, sagt Merz in seiner Rede, die von Dauer und Ernsthaftigkeit her im Vergleich zu Söder keinen Zweifel daran lässt, wer sich hier für den Kanzlerkandidaten der Union hält. Die Ampel werde so aktiv von den Menschen abgelehnt, wie noch keine Bundesregierung zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik, sagt Merz.

Auch in Dresden schießt Friedrich Merz gegen die Ampel.
Dämmerung senkt sich über Deutschland, und spart auch den Festplatz in Dresden nicht aus. Ein Umstand, den die Organisatoren offenbar nicht geahnt haben. Bald schon steht die wackere Riege der Unionsgranden nebst CDU-Direktkandidaten komplett im Dunkel der halbrunden Bühnenkuppel. Selbst am Rednerpult sprechen Schattenmänner zum Volk. Die Abendsonne lässt die Union im Stich. Als endlich jemand den Missstand bemerkt, flammt eine AfD-blaue Disco-Beleuchtung auf, die aus verborgenen Strahlern indirekt die Kuppel erleuchtet wie einen gespenstischen Dom.
Wer ein Symbolbild sucht für das verstörende Deutschland-Gefühl dieser Tage, der findet es hier. Eine Organisation, die bei einer Abendveranstaltung von heraufziehender Dunkelheit überrascht wird. Wahlkämpfer, die im Dunkeln tappen. Söder versucht, sich und Kretschmer mit der Handylampe anzuleuchten. Ein Land im „Schlaf vor dem großen Knall“, wie der Schriftsteller Uwe Tellkampf es im Interview bei „Schuler! Fragen, was ist“ dieser Tage ausdrückte. Tellkamp wohnt nicht weit vom Konzertplatz entfernt.

Und es ward Licht: Söder leuchtet Kretschmer mit der Handylampe an.
Derweil sinnieren die Grünen über ein AfD-Verbot
Doch auch jenseits der finsteren Platanen, die ringsum im Sachsen-Wahlkampf von bunten Schlaglichtern der letzten Tanzveranstaltung nur mäßig erhellt werden, schimmert der grassierende Irrsinn dieser Tage herüber. Während Kretschmer und Gäste zum Schluss im Dunkeln die Nationalhymne singen, denkt Grünen-Frontfrau Katrin Göring-Eckardt bei „Hart aber fair“ (ARD) über ein AfD-Verbot nach, weil die Partei zu einfache Antworten auf die „komplizierten Fragen“ der aktuellen Krisen gebe.
Der Video-Schnipsel macht auf den Handys die Runde. Die Union im Dunkel, die Grünen, eine 3-Prozent-Partei in Thüringen, wollen die 30-Prozent-Partei AfD verbieten, und man fragt sich, was vorgeht in Köpfen, die dem Mehrheitswähler ins Gesicht sagen, dass er irrt. Botschaft: Wenn ihr falsch wählt, verbieten wir die Partei wie die Messer der Attentäter. Wenn man die Demokratie zuschanden reiten will und noch mehr Wähler vor den Kopf stoßen will, dann macht man es genau so.
Es sind Szenen, die sich gespenstisch reihen zu einem Schicksalsroman der Deutschen in Echtzeit. Symbolhaft, bizarr, unwirklich und doch real. Nächstes Kapitel: Der Abstieg.
Das Bundeswirtschaftsministerium arbeitet derweil am „Strommarktdesign“ der Zukunft, wonach die Wirtschaft ihre Produktion an die Schwankungen der Erneuerbaren Energien anpassen soll. Die einst stolze Industrienation Deutschland im Spiel von Sonne und Wind … Auch diese Meldungen fügen sich in die Nachwehen des Messer-Terrors von Solingen und werden frisch gegendert von den „Mitarbeitenden“ im Rundfunk verlesen, wo Flüchtlinge nur noch „Geflüchtete“ heißen und Oppositionsführer Friedrich Merz dem Kanzler zur Verschärfung der Migrationsregeln „die Hand reichen will“, als hätte Olaf Scholz keine eigene Ampel-Mehrheit.

Friedrich Merz beim heutigen Krisengipfel zu Solingen im Kanzleramt.
Es ist dunkle Nacht, als die letzten Kämpen der Union sich zwischen den Bäumen hindurch auf den Weg vom Konzertplatz nach Hause machen und ihre Autos in den schmalen Gassen ringsum aus halblegalen Parklücken holen. Die Polizei hat da an diesem Abend ein Auge zugedrückt, den Besuchern freundliche Tipps gegeben. Keine besonderen Vorkommnisse. Tagebucheintrag August 2024 …
Lesen Sie auch:
Tellkamp: „Ich will nicht, dass ihr mir dauernd reinredet, was ich zu wählen, sagen, denken, lesen und sonst wie zu meinen habe“
Mehr NIUS:
Die skurrilsten Beschlüsse des Linken-Parteitags
Regierungs-Kommission fordert die AfD-Rente – die große NIUS-Analyse zu den 33 Empfehlungen
Bericht: Das will die AfD an deutschen Schulen und Universitäten verändern
Erst „faschistische Politik“ unterstellen, dann Reue bekunden: Linken-Chef bittet CDU um Entschuldigung
„Den Garaus machen“: Linke-Fanatiker ruft auf Parteitag zu Mord an Kapitalisten auf
33 Empfehlungen im Wortlaut: Das sind die wahren Pläne der Renten-Kommission
Neues Heizungsgesetz: Deutsche Umwelthilfe kündigt Klimaklage vor Bundesverfassungsgericht an
Neuer Linken-Chef Pantisano: Es gibt keinen Unterschied zwischen der CDU und den Faschisten
Mehr NIUS:
Erst „faschistische Politik“ unterstellen, dann Reue bekunden: Linken-Chef bittet CDU um Entschuldigung
„Den Garaus machen“: Linke-Fanatiker ruft auf Parteitag zu Mord an Kapitalisten auf
33 Empfehlungen im Wortlaut: Das sind die wahren Pläne der Renten-Kommission
Neues Heizungsgesetz: Deutsche Umwelthilfe kündigt Klimaklage vor Bundesverfassungsgericht an
Neuer Linken-Chef Pantisano: Es gibt keinen Unterschied zwischen der CDU und den Faschisten
Climate-Trouble: „Sie steckten mich in einen fensterlosen Raum“ – wie ein kritischer Professor aus seiner Universität gemobbt wurde
Kretschmer kritisiert AfD-Strategie: „Das bloße Ausgrenzen bringt nichts“
Aus Angst vor einer AfD-Regierung: Innenminister planen neue deutsche Sicherheitsarchitektur
Ralf Schuler
Artikel teilen
Kommentare