Analyse zu wirksamen Corona-Maßnahmen: Statistiker zerlegen RKI-Studie
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Die Corona-Maßnahmen waren in der Summe erfolgreich – das zumindest behauptet eine Studie des RKI. Anders sehen es fünf Statistik-Profis, die in einer Analyse zu dem Schluss kommen, dass die Eigen-Evaluierung der Regierungsbehörde grobe wissenschaftliche Fehler aufweist. Sie fordern das RKI auf, die Studie neu aufzusetzen.
„Die Maßnahmen dürfen nie hinterfragt werden“: Die absolutistische Order, die der damalige Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, im Sommer 2020 auf einer Pressekonferenz ausgab, markierte den Beginn eines mehr als zwei Jahre andauernden Maßnahmen-Exzesses. Von Schulschließungen über Kontaktbeschränkungen bis hin zu Maskenpflichten – Deutschland ließ nichts aus.
Kürzlich hat sich das RKI mit der „StopptCOVID-Studie“ selbst ein Zeugnis für dieses Vorgehen ausgestellt: Die Maßnahmen waren in der Summe erfolgreich, attestiert sich die Behörde selbstbewusst.
Wissenschaftlich unzureichend
Der Versuch, die eigenen Empfehlungen im Nachhinein zu legitimieren, ist aus Sicht des RKI nachvollziehbar. Dass Medien die Selbstbeweihräucherung bereitwillig aufgriffen und ohne Prüfung quasi im Wortlaut wiedergaben, hingegen nicht.
Fünf Statistik-Experten kritisieren nun in einer gemeinsamen Analyse, die das Online-Portal telepolis veröffentlicht hat, dass die Studie wissenschaftlich unzureichend ist.
„Das Modell kann gar nicht zeigen, dass die Zahlen aufgrund der Maßnahmen runtergingen. Um das zu zeigen, müsste man eine ganz andere Methode anwenden, die untersucht, ob unterschiedliche Interventionen zu Unterschieden in den Ansteckungen geführt haben: den sogenannten Differenz-von-Differenzen-Ansatz”, erklärt der Ökonom Oliver Beige, der diese Methode beim amerikanischen Nobelpreisträger David Card gelernt hat.
„Das Modell, das das RKI verwendet, wäre bestenfalls in der Lage zu zeigen, dass die Zahlen runtergingen, nachdem Maßnahmen in Kraft traten.” Doch selbst das konnten die Autoren mit ihrer Analyse nicht zeigen. „Die Zahlen fielen bereits, bevor Maßnahmen in Kraft traten”, erklärt Beige.
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Abenteuerliche Erklärung der RKI-Autoren
Die abenteuerliche Erklärung der RKI-Autoren für dieses Phänomen: Die Bevölkerung habe Regeln in vorauseilendem Gehorsam bereits befolgt, bevor sie verhängt wurden. Einen Beweis für diese Behauptung liefern sie allerdings nicht. Stattdessen finden sich zahlreiche Gegenbeispiele. So twitterte beispielsweise Gesundheitsminister Karl Lauterbach kurz vor dem zweiten Lockdown im Winter 2020: „Restaurants an den Ringen waren voll. Abstände oft nicht eingehalten. Lautes fröhliches Treiben. Auch Kneipen offen. Als ob Coronakrise zu Ende.“
Auch der Vergleich von Echtzeit-Daten, beispielsweise von Ländern und Regionen, in denen unterschiedliche Maßnahmen galten, zeigt keinen messbaren Unterschied der Infektions-Dynamiken. In verschiedenen Regionen mit lokaler Nähe brachen Infektionswellen häufig gleichzeitig – völlig unabhängig davon, welche Regeln galten. Ein Beispiel sind die Kurven in verschiedenen europäischen Ländern Ende 2021, die trotz völlig unterschiedlicher Maßnahmen parallel anstiegen, brachen und wieder abfielen.

Verschiedene Länder versuchen mit sehr unterschiedlichen Strategien, der Corona-Pandemie Herr zu werden. Trotzdem ähnelt sich der Verlauf ihrer Infektionswellen, teilweise erreichten diese fast zeitgleich ihren Höhepunkt bevor sie wieder abfielen.

Anfang 2021 war die Zeit der härtesten Maßnahmen (grüne Linie) – die Infektionszahlen fielen und stiegen jedoch dessen ungeachtet.
Auch Großveranstaltungen scheinen deutlich weniger Einfluss auf die Virusverbreitung zu haben als angenommen. So sank beispielsweise im Jahr 2022 der R-Wert in München bereits vor dem als Superspreader-Event angekündigten Oktoberfest – und fiel während des dreiwöchigen Volksfestes stetig weiter.

Das bekannteste Beispiel für eine Nation, die nicht auf strenge Coronamaßnahmen, sondern auf offene Kommunikation und Eigenverantwortung der Bürger gesetzt hat, ist Schweden. Die Zahl der Intensivpatienten entwickelte sich dort (rote Linie) zeitlich sehr ähnlich wie in Deutschland (grüne Linie).
Die fünf Statistiker fordern die beteiligten Institutionen nun auf, eine Untersuchung mit passendem Design von politisch unabhängigen Wissenschaftlern neu erstellen zu lassen. Statistiker Thomas Wieland zu NIUS: „Es ist verwunderlich, dass das RKI den zu Grunde gelegten Datensatz und den Quellcode der Auswertung noch nicht veröffentlicht hat. Das könnte die notwendige Transparenz schaffen, da externe Statistiker so das Modell nachrechnen könnten. Bei vielen wissenschaftlichen Fachzeitschriften sei das mittlerweile Standard. Auch das RKI hat das früher schon gemacht, zum Beispiel bei der Prognose zu neuen Corona-Varianten.“
Das Resümee des Ökonomen Oliver Beige: „Mit seiner Arbeit hat das RKI unfreiwillig bestätigt, was Wissenschaftler wie John Ioannidis und Michael Levitt schon lange sagten: Eine Epidemie breitet sich wohl – ob mit oder ohne Interventionen – nicht exponentiell aus.“
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