Wissenschaftsphilosoph darf nicht auf der Frankfurter Buchmesse auftreten: „Klarer Fall von Cancel Culture“
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Der Philosoph Michael Esfeld wollte auf der Frankfurter Buchmesse eigentlich sein neues Buch „Land ohne Mut“ vorstellen. Doch daraus wird nichts. Bei der Livro-Gemeinschaftsausstellung für kleinere Verlage darf der renommierte Wissenschaftler nicht auftreten. Warum wurde dem Achgut-Verlag, bei dem Esfeld sein Buch publizierte, abgesagt? Ein Fall von Cancel Culture?
Vom 18. bis 21. Oktober findet erneut die Frankfurter Buchmesse statt. Über ihren „Livro“-Katalog bietet der Marketing- und Verlagsservice des Buchhandels (MVB) kleineren Verlagen die Möglichkeit an, auf der Buchmesse ihre neuen Werke vorzustellen. Grundsätzlich können dabei alle deutschen Verlage teilnehmen. Die MVB ist ein Tochterunternehmen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Dieser gründete 1949 die Frankfurter Buchmesse.
Esfeld ist Mitglied der Leopoldina
Nun hat der MVB der Achgut-Edition die Teilnahme am Stand verwehrt. Michael Esfeld, der seit 2002 an der Universität Lausanne in der Schweiz das Fach Wissenschaftsphilophie lehrt, spricht gegenüber NIUS von einem „klaren Fall von Cancel Culture“. Für den gebürtigen Berliner steht fest: „Wenn ausgewiesene Wissenschaftler mit ihren Büchern gecancelt werden, dann sollte für das Publikum offensichtlich sein, dass bei denjenigen, die canceln, etwas nicht stimmt“.
Für die Verantwortlichen seiner Auslandung findet das Mitglied der renommierten „Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina“ eindeutige Worte: „Statt um Vertreter einer offenen Gesellschaft handelt es sich um Feinde der offenen Gesellschaft im Sinne Karl Poppers.“

Der Chef der Frankfurter Buchmesse Jürgen Boos
„Bücher zensieren kommt für uns nicht in Frage“
Weshalb aber wurde er ausgeladen? Nicht zugelassen sind laut MVB lediglich Titel, deren Inhalt gegen „gesetzliche Bestimmungen“ oder „behördliche Verbote“ verstößt, sowie Bücher, „deren Präsentation dem Veranstalter aus anderen Gründen nicht zumutbar ist“. Da das Buch von Michael Esfeld natürlich gegen keine gesetzlichen Bestimmungen verstößt, bleibt die Frage: Welche „anderen Gründen“ könnten das sein?
„Die Präsentation eines vergleichbaren Titels bei einer der vergangenen Livro-Ausstellungen sowie die Listung im begleitenden Livro-Ausstellungskatalog stießen bei Messebesuchern und vor allem bei anderen Ausstellern unserer Gemeinschaftspräsentation auf starke Ablehnung“, teilt der MVB auf Nachfrage von NIUS mit. Heißt übersetzt: Das Buch von Esfeld kann aufgrund eines anderen nicht genannten „gefährlichen“ Buches nicht vorgestellt werden. Angesichts „drohender Geschäftseinbußen“ sei man gezwungen gewesen, das Buch des Wissenschaftsphilosophen abzulehnen, so die Pressesprecherin. Achgut-Herausgeber Fabian Nicolay sieht darin einen tiefen Eingriff in die Meinungsfreiheit: „Es geht hier offenbar darum, uns als Verlag aus dem Sichtfeld zu verbannen“, erklärt er.
Seltsam wirken in diesem Zusammenhang auch die Versprechungen des MVB auf ihrer Webseite: „Wir machen Bücher sichtbar“ und „Bücher zensieren kommt für uns nicht in Frage“, heißt es dort. Wie stehen diese Aussagen in Einklang mit der Ausladung eines im deutschsprachigen Raum bekannten Wissenschaftlers? Darauf gibt der MVB keine Antwort.
Zumindest das Leopoldina-Mitglied Christoph Lütge, Philosoph und Wirtschaftsinformatiker, sprang Esfeld kürzlich bei. „Gerade die Buchkultur sollte doch eigentlich offen für kontroverse Themen sein. Statt dessen haben die Veranstalter offensichtlich Angst, sich echten Debatten zu stellen“, kritisierte Lütge.
Das neue Buch „Land ohne Mut“ von Michael Esfeld (Mitglied und Kritiker der Leopoldina) darf auf der Frankfurter Buchmesse nicht präsentiert werden. Das stimmt sehr bedenklich, völlig unabhängig davon, wie man zum Inhalt des Buches steht. Gerade die Buchkultur sollte doch…
— Christoph Lütge (@chluetge) August 7, 2023
Und was sagen die Verantwortlichen der Frankfuter Buchmesse um Chef Jürgen Boos zur dieser Posse? Auf Anfrage von NIUS will man den Fall nicht kommentieren. „Nach wie vor ist es so, dass Bücher auf der Frankfurter Buchmesse von den Aussteller*innen präsentiert werden“, heißt es lediglich.
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