Dachdeckermeister klagt über Bürokratie-Irrsinn: „Früher hat man das Geld auf der Baustelle verdient, heute sitze ich im Büro“
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Eric SteinbergDokumentationspflichten statt Dachpfannen: Seit seiner Kindheit liebt Maik von der Kammer aus dem niedersächsischen Winsen das Dachdeckerhandwerk. Im Familienbetrieb groß geworden, half er früher schon nach der Schule, um seine Leidenschaft zum späteren Beruf zu machen. Doch anstatt seinem Traumjob auf dem Gerüst nachgehen zu können, beschäftigen ihn zunehmend Gefährdungsbeurteilungen, Prüfprotokolle und undurchsichtige Ausschreibungen.
Was früher Handwerk war, ist heute zunehmend Schreibtischarbeit. Der Alltag des niedersächsischen Dachdeckermeisters habe sich in den vergangenen Jahren stark verändert: „Früher hat man das Geld auf der Baustelle verdient, und heute sitze ich im Büro.“ Seit etwas mehr als einer Dekade habe der bürokratische Irrsinn immer weiter zugenommen. Mittlerweile ist die Aufteilung seiner Arbeitszeit erschreckend: „50 bis 60 Prozent ist nur noch Schreibkram und Nachweise.“
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Bevor auf einer seiner Baustellen überhaupt gearbeitet werden darf, müssen erst einmal Gefährdungsbeurteilungen erstellt, Mitarbeiter unterwiesen und sämtliche Abläufe dokumentiert werden. Allein dafür kalkuliert er pro Baustelle „locker eineinhalb bis zwei Stunden“. Hinzu kommen regelmäßige Prüfungen von Leitern, Maschinen und Elektrogeräten. Ob das nötig ist? „Ein normaler Mensch, der ein bisschen denken kann, geht zum Chef, wenn die Leiter eine Beule hat, und sagt: Ich brauche eine neue“, sagt von der Kammer. Selbst neue Geräte, steht die Verpackung auch daneben, dürfen erst nach Kontrolle und Kennzeichnung eingesetzt werden.

Bei der Überprüfung der Leitern kommt es auf jedes Detail an.
„Ich bin da reingeboren“
Seit 1967 gibt es den Betrieb des Dachdeckers bereits: „Der Opa hat früher angefangen, ganz klein“. Solange er denken könne, „renne ich mit Opa auf Dächern herum“, sagt er. „Damals nach der Schule, als ich sieben Jahre alt war, bin ich immer schon mit dem BMX zu den Mitarbeitern, habe da noch ein bisschen geholfen und bin eigentlich da reingeboren.“
Früher sei manches einfacher gewesen: „Früher hast du ein bisschen mehr Zeit gehabt. Da konntest du auch mal sagen, ich gehe eine Stunde früher von der Baustelle.“ Heute sei das nicht mehr möglich, da „musst du eine Stunde länger machen“, berichtet von der Kammer.
Neben den bürokratischen Hürden im täglichen Alltag, legt der Staat ihm selbst bei Ausschreibungen noch Steine in den Weg. Öffentliche Ausschreibungen meidet der Dachdeckermeister inzwischen fast ganz. Der Aufwand sei zu hoch. „Da bräuchte man eigentlich einen Rechtsanwalt nur für den Papierkram.“

Eigentlich würde der Chef hier viel öfter vorbeischauen: Maik von der Kammer auf der Baustelle in Winsen.
Von der Kammer will trotz der vielen Hürden nicht aufgeben. Aber damit es in Zukunft wieder bergauf gehen kann, ist er sich sicher: „Wir müssen halt wieder zurück zu dieser Leistungsgesellschaft. Er wolle einfach zurück, „zu dem, was ich gelernt habe.“ Aber auch, wenn die Situation aktuell nicht leicht ist, verbleibt er hoffnungsvoll: „Ich bin auf jeden Fall noch guter Dinge, dass sich das irgendwann ändern wird.“
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