„In der freien Wirtschaft hätten Sie diesen Job nicht bekommen”, schreibt ein CEO an Klingbeil gerichtet – auf LinkedIn kippt die Stimmung
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Immer mehr Vorstandschefs von Wirtschaftsunternehmen geben ihre Zurückhaltung auf – und wenden sich ohne Umweg über Medien direkt an die Öffentlichkeit. Auf LinkedIn äußern sich CEOs zunehmend auch politisch und positionieren sich zu wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Fragen. Kommunikationsanalysen wie der aktuelle „LinkedIndex 2026“, eine Studie zur LinkedIn-Aktivität und Reichweite von Top-Managern in deutschen Börsenunternehmen, zeigen, dass sich die Plattform inzwischen zur zentralen Bühne für Führungskräfte entwickelt hat.
Als Udo Heuser, Geschäftsführer der Wiesbadener Nobilis Group, einem der führenden Vertriebe für Luxus- und Nischendüfte, Anfang des Jahres einen Beitrag zur deutschen Wirtschaftspolitik auf LinkedIn veröffentlichte, formulierte er seine Kritik ungewöhnlich scharf. „Lieber Lars Klingbeil, Sie reden immer von Gerechtigkeit und der Umverteilung des Wohlstandes. Hören Sie damit bitte auf“, schrieb er, adressiert an den SPD-Finanzminister.
Nach einem Jahr im Ministeramt sichere sich Klingbeil einen Pensionsanspruch, der für einen Arbeitnehmer nach 40 Jahren Arbeit unerreichbar sei, erhalte 300.000 Euro jährlich sowie automatisch steigende Diäten trotz defizitärem Haushalt und eine lebenslange Pension. Ganz ohne unternehmerische Verantwortung, persönliches Risiko oder Haftung. Heuser konstatiert: „In der freien Wirtschaft hätten Sie diesen Job nicht bekommen.“ Ein Seitenhieb, der sich rasch verbreitete und tausendfach diskutiert wurde.
„Keine neuen Daumenschrauben!“
Auch Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie, meldet sich auf LinkedIn zunehmend deutlich zu Wort. In einem aktuellen Beitrag warnt er, die Bundesregierung sende mit ihrem Gesundheits-Sparpaket „die falschen Signale“ und riskiere, eine Schlüsselindustrie durch zusätzliche Belastungen auszubremsen. Während andere Länder gezielt um Hightech-Investitionen werben, drohe Deutschland an Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren – eine Entwicklung, die er mit klaren Forderungen nach verlässlicher Politik, echten Reformen und einem stärkeren Fokus auf wirtschaftliche Rahmenbedingungen verbindet.

Auch Wolfgang Große Entrup findet deutliche Worte.
Der Berliner Investor Jakob Mähren, seit mehr als zwei Jahrzehnten am Immobilienmarkt aktiv, äußerte bereits vor einem Jahr per Videobotschaft deutliche Kritik am von der Bundesregierung beschlossenen Sondervermögen. „Schulden sind nicht per se schlecht“, sagte er – schließlich lebe gerade die Immobilienbranche vom Einsatz von Fremdkapital. Zugleich betonte er, dass die Reihenfolge entscheidend sei: Erst müsse klar sein, wohin die Mittel fließen, bevor neue Schulden aufgenommen würden. Es gehe darum, dass öffentliche Ausgaben „einen richtigen Weg“ hätten – und dieser entstehe in Deutschland nur durch konsequenten Bürokratieabbau, stärkere Digitalisierung und die Bereitschaft, zunächst an anderer Stelle zu sparen.
„Firlefanz-Maßnahmen und Verbotserlasse sind einem Industriestaat wie Deutschland nicht würdig“
Auch Carsten Maschmeyer nutzt LinkedIn regelmäßig für politische Positionierung. In einem viel diskutierten Beitrag forderte er Ende 2024 ein Ende des „ideologischen Kampfgehabe[s]“ in der Energiepolitik und plädierte für pragmatischere Lösungen. Er verbindet seine Kritik häufig mit Appellen an Reformfähigkeit und Innovationskraft – und positioniert sich damit klar gegen aus seiner Sicht zu starre politische Ansätze.
„Die Wettbewerbsfähigkeit Europas steht unter Druck“
Siemens-CEO Roland Busch gehört zu den sichtbarsten CEOs auf LinkedIn in Deutschland. Zwar formuliert er Kritik oft diplomatischer, betont aber regelmäßig die Notwendigkeit besserer Rahmenbedingungen. Europa müsse „schneller, einfacher und digitaler werden“, fordert er – eine Formulierung, die vor allem auf Bürokratie und schleppende Reformprozesse zielt. Innovation scheitere nicht an Ideen, macht Busch deutlich, sondern an Strukturen. Offene Angriffe vermeidet der Siemens-Chef, doch seine Botschaft ist eindeutig: Ohne grundlegende Veränderungen droht Europa im globalen Wettbewerb weiter zurückzufallen.
„Die deutsche Stromversorgung ist an ihre Grenzen geraten“
Auch Markus Krebber, Vorstandschef des Energiekonzerns RWE, nutzt LinkedIn, um aus seiner Sicht bestehende energiepolitische Missstände öffentlich zu adressieren. In einem Beitrag im vergangenen Herbst warnte er, „die deutsche Stromversorgung ist an ihre Grenzen geraten“, nachdem die Preise am 6. November kurzfristig auf „mehr als 800 Euro pro Megawattstunde“ gestiegen waren – rund das Zehnfache des üblichen Niveaus. Solche Ausschläge seien „mehr als nur ein Warnschuss“, schrieb Krebber.
Leonhard Birnbaum, Vorstandsvorsitzender des Energiekonzerns E.ON, nutzt LinkedIn für wirtschaftspolitische Appelle. In einem Beitrag warnte er, Europa dürfe „nicht in alte Muster von Dirigismus und Planwirtschaft zurückfallen“ und kritisierte eine Flut von Regulierung mit tausenden Gesetzesakten. Für mehr Wachstum brauche es „mutigere“ politische Entscheidungen und bessere Rahmenbedingungen. Birnbaum formuliert seine Kritik sachlich – doch seine Botschaft ist klar: Zu viel Regulierung gefährdet aus Sicht der Energiewirtschaft die Wettbewerbsfähigkeit Europas.
„Europa traut seinen Innovatoren nicht über den Weg“
Telekom-CEO Tim Höttges richtet auf LinkedIn ungewöhnlich deutliche Worte an die Politik. In einem Beitrag zum europäischen AI Act warnte er vor einigen Monaten, gut gemeinte Regulierung drohe „zum Innovationshemmnis zu werden“. Innovation finde in Europa oft statt, „als hätte man eine Hand auf den Rücken gebunden“, schreibt Höttges. Der regulatorische Ansatz sei zu stark von Vorsicht und Misstrauen geprägt – und gefährde Tempo, Talente und Wettbewerbsfähigkeit. Offene Regierungskritik formuliert auch er nicht explizit, doch seine Botschaft ist klar: Die politischen Rahmenbedingungen bremsen aus Sicht eines der größten Telekommunikationskonzerne Europas die technologische Entwicklung.
In einem Beitrag zur europäischen Digitalpolitik warnt SAP-CEO Christian Klein, ein zu starkes Streben nach technologischer Unabhängigkeit könne „die Wirtschaft schädigen und Innovation verlangsamen“. Klein äußert sich regelmäßig zu Regulierung und Wettbewerbsfähigkeit, vermeidet jedoch offene Angriffe auf die Politik. Seine Beiträge wirken eher wie strategische Standortanalysen – und zeigen damit die vorsichtigere Seite des Trends.
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