Brandmauer-Neurose: Wenn Lachen unter Verdacht gestellt wird
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Ein Foto macht Furore: Fröhlich lachend sitzen der AfD-Spitzenkandidat von Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, und CDU-Fraktionschef Guido Heuer Seite an Seite.
- Ein Foto, dessen ganze politische Sprengkraft darin besteht, dass zwei Männer lachen, die nicht lachen sollten!
- Ein Foto, dass die Argwöhner und Verdachtschöpfer auf den Plan ruft, hier könnte in fröhlicher Ausgelassenheit die „Brandmauer“ zwischen Union und AfD gerade gefallen sein, weil sich zwei Politiker nicht politisch korrekt angiften.
- Ein Foto, dass den einen, Guido Heuer von der CDU, angeblich in „Erklärungsnot“ bringt, wie Bild schreibt. Dass „Irritationen“ auslöst (Tagesspiegel, Mitteldeutsche Zeitung), Heuer „in Nöte“ bringt (Focus) und in den MDR-Nachrichten ausführlich vermeldet wird.

CDU-Fraktionschef Guido Heuer und AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund Schulter an Schulter bei einer Veranstaltung in Sachsen-Anhalt. Botschaft: Die Chemie stimmt!
Sind wir eigentlich noch ganz bei Trost in diesem Land?
Dicht umlagert von TV-Teams und Print-Reportern musste sich Heuer auf dem CDU-Parteitag in Dessau rechtfertigen, wieso er gemeinsam mit dem AfD-Mann Siegmund gelacht habe. Eine Falschaussage von Siegmund habe er im Streitgespräch korrigieren und nach dem einzigen Mikrofon greifen wollen, erklärte Heuer, und es schien ein Stoßseufzer der Erleichterung durch Land und Medien zu gehen: Gottseidank, er hat nicht politisch gelacht, sondern nur menschlich! Puh! Das war knapp. Nicht auszudenken, wenn er sich mit dem Konkurrenten auch noch kollegial gut verstanden hätte. Gut möglich, dass dennoch ein Restverdacht bleibt. Stalin hätte so unzulässig lachende Genossen ausgewechselt.
Wir lernen: Grimmig gucken ist Pflicht, wenn die AfD im Raum ist. Abgrenzung ist Haltung.

Guido Heuer auf dem CDU-Landesparteitag in Dessau
Wer die Brandmauer nur behauptet und nicht in Körpersprache, Blick und Grimasse lebt, gerät unter Verdacht. Zeig‘ uns dein wahres Gesicht, Genosse, sang einst der „Oktoberclub“ in der DDR („Sag mir, wo du stehst“). Und vom Podium des CDU-Parteitags in Dessau wurde sicherheitshalber öffentlich verkündet, dass man sich nicht mit dem Foto befassen und nicht über die Brandmauer reden solle (NIUS vor Ort).
Dieses Land ist verrückt geworden!

Spitzenkandidat und Amtsträger Sven Schulze kämpft weiter mit Brandmauer-Prinzip um Wählerstimmen.
Ein zwangloses Foto wird zum Politikum. Wer Meinungsfreiheit betont, bedient angeblich ein „rechtes Narrativ“, wenn Meinungsfreiheit „den Falschen“ nützt. Und wer darauf hinweist, dass die Mehrheiten demokratischer Wahlen zu respektieren sind, wird als Aktivist und Unterstützer der AfD verdächtigt, als sei es in einer Demokratie für Demokraten nicht das Normalste der Welt, Wahlergebnisse grundsätzlich zu akzeptieren.
Was kommt als Nächstes? Wird gesellschaftlich ausgestoßen, wenn sich ein CDU-Romeo in eine AfD-Julia verliebt? Dürfen die Brüder Marcus (AfD, Bundestag) und Andreas Bühl (CDU-Fraktionschef im Thüringer Landtag) in ihrem Wahlkreis (Ilm-Kreis) nicht mehr auf ihren Familienfeiern über den Weg laufen?

Das Foto vom lachenden Siegmund und Heuer legt die besorgniserregende Neurose einer Gesellschaft offen, die getrieben vom politischen Furor einen festgehaltenen Moment der Menschlichkeit unter Verdacht stellt.
Lachen wird zur Anklage
Lachen, einer der ursprünglichsten und am Ende nicht restlos zu kontrollierenden menschlichen Reflexe, wird zur medialen und gesellschaftlichen Anklage. Als gäben Mitglieder konkurrierender Parteien ihre Gegnerschaft auf, wenn ihnen eine menschliche Regung unterläuft. Im Falle des krassen Umfrage-Gefälles zwischen AfD und Union in Sachsen-Anhalt wäre das sogar noch abwegiger. In der Bonner Republik galt das gemeinsame Bier über Fraktionsgrenzen hinweg nach getaner Redeschlacht noch als Zeichen einer erwachsenen Demokratie. Lange ist’s her.

Ausgerechnet jene, die immer die „Spaltung der Gesellschaft“ beklagen, fordern diese bis in die letzte Verästelung des Alltags ein. „Verfeindlichung“ (Udo di Fabio) als Vollzeitbeschäftigung, Argwohn als Geschäftsmodell und der Verdacht, dass AfD-Leute fast schon keine Menschen mehr sind – all das kommt in dem vermeintlichen Skandal um das Lach-Foto zum Ausdruck. Kämpfer gegen Rechts und Brandmaurer, die sich so tief in ihre Schützengräben eingegraben haben, dass Gesten und Mimik ausreichen, um ins politische Verhör genommen zu werden. Wie ehedem ein zur Rede gestellter Abweichler vor die gesellschaftliche Parteikontrollkommission geladen wurde.
Es gibt Momente, da möchte ich mit Goethes Gretchen ausrufen: Deutschland, mir graut vor dir!
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Ralf Schuler
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