Das Dunja-Prinzip: Wie der Nachrichten-Journalismus demoliert wurde
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Kaum eine Figur des öffentlich-rechtlichen Rundfunks steht in letzter Zeit so oft in der Kritik wie Dunja Hayali. In ihren Verantwortungsbereich fällt der KI-Skandal des ZDF ebenso wie die Verunglimpfung des ermordeten Aktivisten Charlie Kirk. Nun ist Dunja Hayali erneut eine grobe Irreführung unterlaufen, die sie vermieden hätte, wenn sie den vielleicht wichtigsten Grundsatz des journalistischen Handwerks beachtet hätte: die Trennung von Nachricht und Meinung. Dass sie ihn systematisch missachtet, folgt jedoch einem gefährlichen Zeitgeist, der den deutschen Nachrichten-Journalismus insgesamt demoliert hat.
Parteitag, Protest und Partei ergreifen
Hayali formulierte ihre Moderation so, dass der Zuschauer gar nicht anders konnte, als den Eindruck zu gewinnen, die AfD habe ihren Parteitag bewusst auf ein Datum gelegt, an dem einst die NSDAP ihren Reichsparteitag abgehalten hatte.
Die ZDF-Moderatorin konnte zwar nicht wissen, ob es sich bei der Übereinstimmung beider Daten um Zufall oder Absicht handelte, stellte aber trotzdem einen Zusammenhang her: „Am Wochenende hält die AfD ihren Parteitag ab, in Thüringen, und zwar an einem ganz speziellen Datum. Denn genau vor 100 Jahren, am 4. Juli 1926, fand ebenfalls in Thüringen ein wichtiger Parteitag der NSDAP statt.“ Mit dem Wörtchen „denn“ hatte Hayali eine entsprechende Absicht als erwiesene Tatsache behauptet, während der Zufall als bloße Schutzbehauptung der AfD dargestellt wurde. Hayali fuhr fort: „Zufall, sagt die AfD, drei Gründe, um dagegen zu protestieren und Zufahrtswege zu blockieren, sagen Demonstrierende.“
Hayali berichtete also nicht einfach, dass in Erfurt ein Parteitag stattfand, gegen den massiv demonstriert wurde, sondern ergriff Partei. Indem sie beim Zuschauer den Eindruck erweckt, dass sich die AfD mit voller Absicht in die Tradition der Nationalsozialisten stellt, schlägt sie sich auf die Seite der Demonstranten, deren Protest sie auf diese Weise legitimiert und veredelt.
Doch hat nichts daran gestimmt. Es handelte sich ziemlich offensichtlich um einen Zufall, denn die Messe Erfurt, also der Betreiber des Veranstaltungsorts, hatte der AfD jenes Datum zugewiesen. Bis heute haben weder Hayali noch das ZDF ihre Falschbehauptung korrigiert. Millionen treue Zuschauer des ZDF-heute-journals sitzen damit einem Irrglauben auf, der es allein wegen Hayalis Aktivismus in die Sendung schaffte und der dort kategorisch nichts zu suchen hat. Das journalistische Handwerk verbietet das seit mindestens 100 Jahren.
„Der Kommentar ist frei, aber die Fakten sind heilig“
Die Unterscheidung zwischen Nachricht und Kommentar reicht mindestens bis ins frühe 20. Jahrhundert zurück. „Comment is free, but facts are sacred!“, schrieb C.P. Scott, der Chefredakteur des Manchester Guardian, 1921 in seinem Jahrhundert-Essay. „Der Kommentar ist frei, aber die Fakten sind heilig.“ Etwas freier übersetzt: Während die Meinung sich ungebunden entfalten darf, sind die Fakten mit unbedingter Sorgfalt zu behandeln; sie müssen schlicht stimmen.

Von 1872 bis 1929 besaß C. P. Scott die Zeitung „The Manchester Guardian“, heute „The Guardian“.
Die „vornehmste Aufgabe“ einer Zeitung, so der Vordenker des Journalismus, „ist das Sammeln von Nachrichten. Um den Preis ihrer Seele muss sie dafür sorgen, dass die Versorgung mit ihnen nicht verunreinigt wird. Weder in dem, was sie gibt, noch in dem, was sie nicht gibt, noch in der Art der Darstellung darf das unverhüllte Antlitz der Wahrheit Unrecht erleiden.“
C.P. Scott stellt dem freien Kommentar damit die Nachricht gegenüber, die nicht verunreinigt werden dürfe, indem man mit den heiligen Fakten Schindluder treibe. Dunja Hayali tat genau das, indem sie die Fakten ihrer Meinung unterwarf und deshalb welche erfand – in Deutschlands wichtigster Nachrichtensendung.
Das Journalismus-Urgestein Peter Welchering kritisiert seit Langem die Rückkehr des Gesinnungsjournalismus in Deutschland, insbesondere im öffentlich-rechtlichen Bereich. Der Gesinnungsjournalismus hat ihm zufolge in Deutschland eine gewisse Tradition.

Peter Welchering kritisiert, dass der deutsche Journalismus „an die Wand gefahren wurde“ und „vollständig neu aufgebaut“ werden müsse.
„Ich bin schon so alt. Als ich in den Journalismus kam …“
Welchering arbeitet seit 1983 als Journalist und hat das Handwerk auch gelehrt. Er kennt die deutschen Medien lange genug, um zu wissen, dass der deutsche Nachrichten-Journalismus einst sehr vorbildlich sein konnte: „Ich bin schon so alt. Als ich in den Journalismus kam, ging’s da noch um abgesicherte Quellen, saubere Recherche und Objektivität als Leitideal“, hält er fest. Inzwischen befindet er sich im „UnRuhestand“, wie er auf X festhält – verständlich: Wenn das eigene Handwerk verraten wird, dann lässt einem das keine Ruhe.
Was dem Ruheständler keine Ruhe lässt, das sind Moderationen wie die Hayalis, die er in seinen journalistischen Lehrvideos als Paradebeispiel dafür anführt, wie man es nicht machen darf. Ebenfalls im ZDF-heute-journal sagte sie, nachdem der strikt konservative Aktivist Charlie Kirk von einem links-woken Attentäter kaltblütig ermordet wurde: „Kirks Ermordung ist durch nichts zu rechtfertigen“, um ihn fast im selben Atemzug als „radikal-religiösen Verschwörungsanhänger“ zu diffamieren, der sich durch „abscheuliche, rassistische, sexistische und menschenfeindliche Aussagen“ auszeichne.
Die rein moralische Verurteilung einer solchen Einlassung greift hier sogar noch zu kurz, weil das Versagen schlimmer, nämlich handwerklicher Natur ist: Politische Bewertungen wären in diesem Fall selbst dann abzulehnen, wenn Hayali Kirk als menschenfreundlichen Aufklärer und Humanisten bezeichnet und in den Himmel gelobt hätte.
Die Beerdigung der Objektivität
Doch das sieht vor allem die jüngere Generation (wie Hayali oder der erklärte ARD-Haltungsjournalist Georg Restle), aber auch Leonhard Dobusch vom ORF, nicht mehr so. Wertfreie Nachrichten könne es nicht geben, so Dobusch. „Ja, es ist nicht einmal möglich, sich Wertfreiheit auch nur anzunähern.“ Die Missachtung der Trennung von Nachricht und Meinung ist bewusstes Programm.
Das Kernargument dieser Denkweise geht so: Weil jeder Nachricht eine Wertung vorausgehe, und sei es nur die Vorauswahl des Journalisten, der zwischen verschiedenen Meldungen die für ihn relevanteste erwählt, sei überhaupt die Unterscheidung schon ideologisch. Das dem zugrunde liegende Missverständnis ist leicht aufzulösen.
Nachrichten bestehen aus Tatsachenbehauptungen, während Meinungen Werturteile sind. Auch wenn es eine Grauzone gibt, in der nicht sicher ist, ob eine Aussage dem einen oder dem anderen Bereich zuzuordnen ist, so existieren die zwei Pole eben doch. Wer sich an dieser grundsätzlichen Unterscheidung orientiert, dem wird auch einleuchten, was Detlef Esslinger, Leiter des Ressorts „Meinung“ bei der Süddeutschen Zeitung, schrieb: „Im Ideal-, wahrscheinlich sogar im Normalfall fällt die Vermischung von Nachricht und Kommentar denjenigen in der Redaktion auf, die einen Text anschließend redigieren, und sie fischen Formulierungen heraus, die darin nichts zu suchen haben.“
Warum Gesinnungsjournalismus in Lüge umschlägt
Meinungen und Tatsachen nicht zu unterscheiden, ist politisch gefährlich. Hannah Arendt kritisierte dieses Unvermögen, das sie in der deutschen Nachkriegsgesellschaft beobachtete, als „Hinterlassenschaft des Naziregimes“. Die totalitäre Propaganda der Nationalsozialisten habe „das Bewußtsein der Deutschen vor allem dadurch geprägt, daß sie es darauf getrimmt haben, die Realität nicht mehr als Gesamtsumme harter, unausweichlicher Fakten wahrzunehmen, sondern als Konglomerat ständig wechselnder Ereignisse und Parolen, wobei heute wahr sein kann, was morgen schon falsch ist“.

Hannah Arendt 1960 mit einem Reporter
Wichtig ist der politischen Theoretikerin, dass totalitäre Regime sich von demokratischen Regierungen nicht durch die Lüge selbst unterscheiden, auf die auch sie zuweilen zurückgreifen, sondern dadurch, „den Wert von Tatsachen überhaupt [zu] leugnen: Alle Fakten können verändert und alle Lügen wahrgemacht werden.“ Arendt beschreibt damit die Zerstörung des Maßstabs, an dem sich Lüge und Wahrheit überhaupt noch unterscheiden lassen.
Die Abschaffung von Wahrheit und Lüge im Wahn der Ideologie wäre die Vollendung der Propaganda. Propaganda beginnt jedoch vorher – und zwar mit der Weigerung, die Tatsache von der Meinung zu unterscheiden. Der Übergang zwischen Gesinnungsjournalismus und Propaganda ist deshalb so fließend, weil er den Tatsachen keinen „heiligen“ Wert zumisst, sondern der Haltung den Vorzug gibt. So überwältigt der Gesinnungsjournalismus die Tatsachen derart, dass schließlich sogar Unwahrheiten behauptet werden. Eben das passiert in Dunja Hayalis Moderationen. Das Dunja-Prinzip verkörpert das Gegenteil von Journalismus, der sich seit jeher und nur dadurch von Propaganda unterscheidet, dass er auf der Unterscheidung zwischen Meinung und Information hartnäckig beharrt.
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