Mit der Geiselbefreiung von Entebbe zeigte Israel vor 50 Jahren, wie man den Terror bekämpft
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Mit einem beispiellos wagemutigen nächtlichen Kommandounternehmen im fernen Uganda rettete Israel über hundert jüdische Geiseln. Am 4. Juli jährt sich „Operation Yonathan“ zum 50. Mal. Sie ist noch immer ein leuchtendes Beispiel dafür, dass man vor dem Terror nicht zurückweichen darf und ihm empfindliche Schläge verpassen kann.
Am 27. Juni 1976 kidnappt ein deutsch-palästinensisches Terror-Kommando Flug 139 der Air France von Tel Aviv nach Paris bei einem Zwischenstopp in Athen, wo die Sicherheitsvorkehrungen nur lax sind. An Bord des Airbus A300 befinden sich die zwölfköpfige Crew und 258 Fluggäste. Die Entführer – zwei Mitglieder der Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) sowie Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann von den deutschen Revolutionären Zellen – verlangen die Freilassung in verschiedenen Ländern inhaftierter Terroristen.

Der deutsche Terrorist Wilfried Böse war der Anführer der Hijacker. Er wurde in Entebbe getötet.
53 Häftlinge in Europa und Israel sollen freigepresst werden – darunter Angehörige palästinensischer Terrorgruppen, der Japanischen Roten Armee, der deutschen Rote-Armee-Fraktion (RAF) sowie der Bewegung 2. Juni. Flugzeugentführungen haben sich seit Ende der 60er-Jahre als probates Mittel erwiesen; europäische Regierungen zahlten Lösegelder und setzten Terroristen auf freien Fuß. Von mehr als 200, die zwischen 1968 und 1975 im Westen verhaftet wurden, sind im Jahr 1976 gerade noch drei in Gewahrsam.
Französischer Flugkapitän mit Courage
[Einschub: Beim ersten Hijacking hat sich Israel noch erpressen lassen, danach flogen bewaffnete Sky Marshalls in den Maschinen der El Al mit und vereitelten den nächsten Versuch. Seither ist kein israelisches Flugzeug mehr entführt worden, jedoch im Jahr 1972 eine belgische Maschine der Sabena, die in Tel Aviv landete, wo ein Kommando die Geiseln befreite. Dabei: der junge Benjamin Netanjahu und Israels späterer Regierungschef Ehud Barak. Einschub Ende.]
In der entführten Air-France-Maschine sitzen unter anderem 106 jüdische Passagiere. Nach einer Zwischenlandung im libyschen Bengasi nimmt die entführte Maschine Kurs auf Uganda. Am Flughafen von Entebbe werden die Geiseln in die alte Transithalle verbracht. Dort trennt man die jüdischen Passagiere von den anderen, die nach Paris fliegen dürfen.
Auch Flugkapitän Michel Bacos und seiner Crew wird erlaubt, zu gehen. Doch der Pilot weigert sich, seine jüdischen Passagiere allein zu lassen, und überzeugt auch die Besatzung. In unseren Tagen scheint ein solches Zeichen der Solidarität kaum noch denkbar. Bis heute wird der couragierte Mann, der 2019 starb, in Israel verehrt, bei seiner Beerdigung wurde auf seinen Wunsch die Hatikva, die israelische Nationalhymne, gespielt.
In Entebbe stoßen weitere palästinensische Terroristen hinzu, das Ziel war also kein zufälliges. Wie sich herausstellt, macht Ugandas berüchtigter Diktator Idi Amin mit den Geiselnehmern gemeinsame Sache. Derweil verhandelt die französische Regierung, internationale Staats- und Regierungschefs äußern ihre Besorgnis, Erklärungen werden abgegeben, Diplomaten führen Gespräche.

Verbündet: Idi Amin und PLO-Chef Jassir Arafat.
Deutsche Terroristen führen Selektion durch
Und für die Geiseln läuft die Zeit ab. Die freigelassenen Passagiere berichten von der Selektion im alten Flughafenterminal. Dabei sind nicht Israelis von Passagieren mit anderen Staatsbürgerschaften getrennt worden, sondern Juden von Nichtjuden. Dazu wurden Pässe kontrolliert, Namen aufgerufen und gezielte Befragungen durchgeführt.
Die Trennung der Passagiere haben Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann organisiert. Das ruft in Israel Erinnerungen an die Herrschaft der Nationalsozialisten wach, die in den Vernichtungslagern die Ankommenden erfassten und entschieden, wer als Arbeitssklave noch eine Weile weiterleben und wer vergast werden sollte. Und unter den Geiseln sind mehrere Holocaustüberlebende, die entsetzt sind, wieder von Deutschen selektiert zu werden. Ein Mann zeigt Böse seine eintätowierte Nummer aus dem KZ, doch Böse sagt: „Ich bin kein Nazi, ich bin Idealist.“
In Jerusalem wird diese Nachricht mit großer Besorgnis aufgenommen, zumal die Terroristen mehrere Ultimaten stellen. Im Kabinett wird heftig um eine Entscheidung gerungen. Es ist ausgerechnet Ministerpräsident Yitzchak Rabin, der zögert, als die Möglichkeit einer Kommandoaktion erwogen wird – und Verteidigungsminister Schimon Peres derjenige, der sie favorisiert. Der Vorschlag, mehr als hundert Soldaten der Eliteeinheit Sajeret Matkal im 4.000 Kilometer langen Tiefflug (unter dem Radar) über feindliche Länder ins Herz Afrikas zu entsenden, ist tatsächlich hochriskant. Für die Geiseln, für die Soldaten – und für die Regierung. Für den Fall, dass die Kommandoaktion im Desaster endet, hat Rabin schon die Rücktrittserklärung vorbereitet.

Mit vier Hercules-Transportmaschinen fielen die Israelis in Uganda ein.
Am Abend des 3. Juli starten vier riesige Transportflugzeuge vom Typ Lockheed C-130 Hercules vom (damals noch von Israel kontrollierten) Sinai in Richtung Süden. Ihnen folgen zwei Boeing-Maschinen, eine als Einsatzzentrale, die andere mit medizinischem Equipment. Um die Ugander zu täuschen, hat man auch einen Mercedes des Typs mitgenommen, den Diktator Idi Amin fährt. Das einzige Modell, das man im noch recht sozialistischen Israel auftreiben konnte, war ziemlich betagt und musste erst flottgemacht und schwarz umlackiert werden.
Yoni Netanjahu wird als einziger Soldat getötet
Nach siebenstündigem Flug landet um Mitternacht die erste Hercules unbemerkt auf dem alten Teil des Flughafens von Entebbe. Die Soldaten stürmen auf die Halle zu und töten alle sieben Geiselnehmer. Doch auch drei Geiseln kommen bei dem Feuergefecht ums Leben, und mindestens 20 ugandische Soldaten.

Yoni Netanjahu, Kopf der Operation, fiel bei der Befreiungsaktion.
Und auch Yonathan „Yoni“ Netanjahu, der ältere Bruder des heutigen Ministerpräsidenten, wird tödlich getroffen. Er hat die Elitekämpfer angeführt und wird der einzige unter ihnen bleiben, der bei der Operation Donnerschlag stirbt. Mehrere werden verletzt, Surin Hershko wird so unglücklich getroffen, dass er bis heute im Rollstuhl sitzt. Eine weitere Geisel, die 75-jährige Dora Bloch, die zum Zeitpunkt der Befreiungsaktion in einem Krankenhaus in Kampala liegt, weil sie sich Tage zuvor an einer Fischgräte verschluckte, wird später auf Befehl des rachsüchtigen Idi Amin von Offizieren aus der Klinik gezerrt und ermordet.
Die Israelis evakuieren die Geiseln und geleiten sie zu den Flugzeugen. Sie zerstören noch elf auf dem Flugfeld geparkte ugandische Mig-21-Abfangjäger, dann ist es vorbei. Die erste Hercules hebt 90 Minuten nach der Landung ab, die anderen folgen und bringen die befreiten Geiseln nach einer Zwischenlandung in Nairobi sicher nach Tel Aviv, wo bereits eine begeisterte Menschenmenge auf sie wartet.

Ein Pilot wird bei der Rückkehr von der euphorisierten Menge gefeiert.
UN sollte Israel verurteilen
Die „Operation Donnerschlag“, die in „Operation Yonatan“ umbenannt wurde, war ein an ein Wunder grenzendes Unternehmen und ein besonders eindrücklicher Beweis für die Wehrhaftigkeit des jüdischen Staates. Aber schon damals, nur wenige Tage nach der Geiselbefreiung in Entebbe, verlangten die afroarabischen und sozialistischen Staaten eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrates – wegen der „Verletzung der Souveränität Ugandas“. Das Regime des blutrünstigen Diktators Idi Amin ließ in Person ihres Außenministers, Oberstleutnant Juma Oris Abdalla, erklären: „Wir ersuchen diesen Rat, Israels barbarische, grundlose und unverantwortliche Aggression gegen die souveräne Republik Uganda offen auf das Schärfste zu verurteilen.“
Schon vor 50 Jahren wurde versucht, das Opfer zum Täter zu machen. Was damals noch bei der Abstimmung scheiterte, ist heute Alltag. Während Israel gegen die Hamas, die Hisbollah, die Huthis und das iranische Mullah-Regime Krieg führen muss, werden Rufe nach dem „Völkerrecht“ laut, das de facto Diktaturen und Terrororganisationen schützt. Und die Verurteilungen Israels, das auf Angriffe aus mehreren Ländern reagiert, gelten längst als obligatorisch.
Der palästinensische Terror, dem Israel schon vor seiner Gründung ausgesetzt war, endete mit der Befreiungsaktion von Entebbe keineswegs, vielmehr eskalierte er, nachdem im Zuge des „Friedensprozesses“ von Oslo Autonomiegebiete entstanden, in denen die Terrorgruppen gediehen und einen sicheren Hafen fanden.

Israels Premier Benjamin „Bibi“ Netanjahu am Grab seines Bruders
GSG-9-Chef Ulrich Wegener lernte von den Israelis
Der Terror suchte auch Deutschland noch weitere Male heim. 15 Monate nach Entebbe, im Herbst 1977, befreite eine Spezialeinheit der Grenzschutzgruppe 9 (GSG 9) eine entführte Lufthansa-Maschine im somalischen Mogadischu. Der Kommandeur, Ulrich Wegener, war schon vor der Landung in Entebbe eng mit den Israelis vernetzt und hatte sogar nützliche Informationen für sie gesammelt, als er Tage zuvor mit freigelassenen deutschen Geiseln sprach und sich inkognito vor Ort begab. Wegener war bereit, von den erfahrenen Israelis zu lernen, weshalb bei der „Operation Feuerzauber“ im Oktober 1977 drei von vier Terroristen getötet und alle Geiseln befreit wurden.
Entebbe zeigte zweierlei: die Entschlossenheit Israels, des Staates, der als Zufluchtsort für verfolgte Juden in der alten historischen Heimat gegründet wurde, bedrohte Juden zu schützen, und sei es, dass sie 4.000 Kilometer entfernt als Geiseln gehalten werden. Die Judenmörder von heute wissen, dass sie einen Preis zu zahlen haben. Wer, wie etwa die Hamas oder das Regime in Teheran, seine Vernichtungswünsche nicht einmal verheimlicht, sondern vor aller Welt artikuliert, muss damit rechnen, dass Israel zurückschlägt.
Aber „Unternehmen Yonathan“ steht auch vorbildhaft für die Weigerung, terroristischer Erpressung nachzugeben. Tut man es, ist die nächste Erpressung nur eine Frage der Zeit. Opfer fordert die entschlossene Haltung so oder so, doch sichert nur die standhafte Gegenwehr das Überleben. Mit Mut und Einfallsreichtum lassen sich dem Terror schwere Schläge versetzen, wie etwa die „Pager-Aktion“ im Libanon gegen die Hisbollah gezeigt hat.
Nicht andere die „Drecksarbeit“ erledigen lassen
Nicht zuletzt sind die Feinde Israels auch die unseren, wie Europa nach zahllosen Terroranschlägen von Dschihadisten leidvoll erfahren musste. Heute sind es islamistische Täter, die es auf Israelis und Juden, aber auch auf die westliche Zivilisation abgesehen haben. Und sie sind nicht mehr nur mit Kalaschnikow-Maschinenpistolen bewaffnet wie zu Zeiten Wilfried Böses und Brigitte Kuhlmanns. Zu was sie fähig sind, haben sie am 7. Oktober 2023 in Südisrael, aber auch an vielen anderen Orten von New York über Madrid, London und Berlin bis Sydney bewiesen.
Weder Beschwichtigung der Terroristen noch Belehrungen an jene, die ihnen entgegentreten – meist die USA und Israel – werden den Westen von der Geißel des weltweiten Terrorismus erlösen. Vielmehr gilt es, sich dem Kampf gegen den Terror anzuschließen, der uns ohnehin heimsucht. Wenn schon vor 50 Jahren ein kleines Land mit damals gerade mal drei Millionen Einwohnern den Schneid aufbrachte, eine der waghalsigsten Operationen der Militärgeschichte durchzuführen, sollte eine gemeinsame Antwort gefunden werden, statt anderen die „Drecksarbeit“ (Friedrich Merz) zu überlassen und sie dann noch vom hohen moralischen Ross herunter zu maßregeln.
Um sich des Terrors zu erwehren, braucht es Entschlossenheit und einen langen Atem. Dass man ihm schmerzhafte Schläge zufügen kann, hat Israel mit vergleichsweise bescheidenen Möglichkeiten schon vor einem halben Jahrhundert mit der „Operation Yonathan“ vorgemacht. Heute ist das Land stärker denn je und weiß sich seiner Haut zu erwehren. Der Westen sollte erkennen, dass es unser natürlicher Verbündeter ist.
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