Hohe Energiepreise, Deindustrialisierung und der Aufstieg Chinas: Der tiefe Fall der BASF
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Die BASF in Ludwigshafen ist der größte Chemiekonzern der Welt und das wichtigste Industrieunternehmen Deutschlands. Für die deutsche Wirtschaft ist die BASF wichtiger als Volkswagen, Mercedes, Siemens oder Bosch. Jedes Auto, jedes Handy, jede Batterie, jedes Haus und jeder Computer enthalten Produkte der BASF. In Autos stecken BASF-Kunststoffe, Lacke, Akkus und Katalysatoren. In Maschinen und Elektronik finden sich BASF-Isolationsstoffe, Spezialchemikalien und Additive für Metalle und Leiterplatten. In Gebäuden sind es Dämmstoffe, Schaumstoffe, Beschichtungen, Klebstoffe und technische Kunststoffe. Volkswagen, Mercedes, Siemens und Bosch bauen die Endprodukte – doch ohne die chemischen Vorprodukte der BASF gäbe es deren Produkte nicht.
Deshalb ist die BASF die Wetterfahne der deutschen Industrie. Weht der Wind aus der falschen Richtung, bekommt ihn die BASF früher und stärker ab als andere Unternehmen. Geht es der BASF schlecht, dann geht es dem Rest der deutschen Industrie über kurz oder lang auch schlecht.

Anfang der 20er-Jahre: Die Leuna Werke (BASF) bei Merseburg
Die BASF steckt in der größten Krise seit ihrer Gründung
Und jetzt zeigt das vor wenigen Tagen veröffentlichte Konzernergebnis 2025: Der BASF geht es sehr schlecht. Der Ludwigshafener Konzern steckt in der größten Krise seit seiner Gründung im Jahr 1865. Umsatz und Gewinn sinken seit Jahren. War die BASF bis vor zehn Jahren ein langweiliger, aber profitabler Rohstoffladen, der Jahr für Jahr zuverlässig Gewinne in Milliardenhöhe an seine Aktionäre ausschüttete, wurden in den Jahren 2020 (minus 1,06 Milliarden Euro) und 2022 (minus 0,63 Milliarden Euro) erstmals Verluste geschrieben. Seitdem werden zwar wieder Gewinne gemacht, aber die sind mickrig und der Größe des Unternehmens nicht angemessen. 2024 betrug das Nachsteuerergebnis 1,30 Milliarden Euro (die aber hauptsächlich aus dem Verkauf der Öl- und Gasbeteiligung Wintershall Dea resultierten), 2025 waren es 1,43 Milliarden Euro (wovon nochmals 1,34 Milliarden Euro nicht operative Sondererträge darstellen).
Die Eigenkapitalrendite, die noch 2021 bei 15,6 Prozent lag, liegt heute (2025) bei mageren 4,8 Prozent. Das ist die Art von Kapitalverzinsung, die man von einem Dauersanierungsfall wie Thyssenkrupp erwartet, aber nicht von einem Chemieriesen wie der BASF.
So groß ist die Krise der BASF, dass eine nebensächliche Ankündigung, die mit dem Kerngeschäft nichts zu tun hat, den ganzen Rhein-Neckar-Raum aufgeschreckt hat: Die BASF will 4.400 Werkswohnungen im Raum Ludwigshafen verkaufen. Die Werkswohnungen der BASF sind keine Traumwohnungen, weil sie im schmuddeligen Ludwigshafen liegen und 60 bis 70 Jahre alt sind. Aber es handelt sich um gute und günstige Wohnungen, die nicht weit vom Werk liegen und in der Regel ordentlich saniert sind. Im Paket könnte der Verkauf dem Konzern 550 Millionen Euro bis 800 Millionen Euro einbringen – eine Summe, die in der nächsten Gewinn- und Verlustrechnung zwar einen einmaligen positiven Sondereffekt erzeugt, sich auf die Bilanzsumme von 80 Milliarden Euro aber überhaupt nicht auswirkt. Aber so groß ist offenbar die Not, dass die BASF trotz der zu erwartenden Kritik, die sofort aus allen Lagern einsetzte, sich dennoch zu diesem Schritt entschlossen hat.
Was sind die Gründe für den Abstieg dieses einstigen deutschen Vorzeigekonzerns? Was ist da genau los bei der BASF und wird das jemals wieder besser werden?
In Summe gibt es vier Gründe, die den Konzern immer weiter hinabziehen:
1. Die exorbitant hohen deutschen Energiepreise
Die BASF ist der größte industrielle Energieverbraucher Deutschlands. Allein der Standort Ludwigshafen verbraucht rund ein Prozent des gesamten deutschen Stroms und so viel Erdgas wie die Schweiz. Aber: Deutschland gehört bei Strom und Gas für die Industrie zu den teuersten Standorten der Welt. Beim Industriestrom und beim Industriegas zahlen deutsche Unternehmen im internationalen Vergleich zwei- bis dreimal so viel wie Wettbewerber in den USA oder in China. Das ist der Hauptgrund dafür, warum Ludwigshafen der einzige Standort des Unternehmens ist, der seit Jahren rote Zahlen schreibt und im weltweiten Vergleich nicht mehr wettbewerbsfähig produzieren kann.
2. Die deutsche Deindustrialisierung
BASF-Vorprodukte stecken in den Erzeugnissen fast aller anderen großen deutschen Industrieunternehmen. Geht es diesen Unternehmen schlecht, dann geht deren Nachfrage nach BASF-Produkten zurück. Und genau das ist in den letzten Jahren passiert. Wurden 2017 in Deutschland noch 5,65 Mio. Autos produziert, waren es 2025 nur noch vier Mio., ein Rückgang um 26 Prozent; wurden 2021 noch 293.000 Wohnungen fertiggestellt, sind es 2025 nur 205.000 gewesen. Im selben Zeitraum ist der Produktionsindex im Maschinenbau und in der Chemieproduktion jeweils um zwölf Prozent zurückgegangen, während die gesamte Industrieproduktion Deutschlands um acht Prozent sank. Deutschland leidet unter einer massiven Deindustrialisierung, die jetzt voll auf die BASF durchschlägt.
3. Der rasante Aufstieg der chemischen Industrie in China
China ist in den letzten zwanzig Jahren zum größten Chemiemarkt der Welt geworden und vereint heute 45 Prozent der weltweiten Chemienachfrage auf sich. Damit ist der chinesische Markt größer als derjenige Europas und der USA zusammen. Die BASF hat das früh erkannt und baut ihr Chinageschäft seit 30 Jahren strategisch aus; heute erzielt sie dort 15 Prozent ihres weltweiten Umsatzes. Damit ist China nach Europa und Nordamerika heute der wichtigste regionale Markt für die BASF. Zwanzig Jahre lang war das ein Segen für die Ludwigshafener, die sich sagen konnten, dass sie in China bestens positioniert seien, um die ständig steigende Chemienachfrage im Reich der Mitte zu bedienen.
Aber in diesen zwanzig Jahren hat China Chemiefabriken, Verfahren, Technologien, Patente und Anlagen auf der ganzen Welt eingekauft und selbst eine enorme chemische Industrie aufgebaut, die den Importen aus dem Westen und den Produktionen der BASF-Anlagen in China plötzlich massiv Konkurrenz macht. Aus dem Lehrling ist ein Meister geworden. Und dieser Meister kann sich bei den großen Volumenchemikalien, den sogenannten Commodities, inzwischen selbst versorgen. Hatte China im Jahr 2000 noch rund 60 Prozent seines Bedarfs an Commodity-Kunststoffen (Polyethylen, Polypropylen, Polyvinylchlorid, Polystyrol und PET) aus dem Westen importiert und war damals der größte Exportmarkt für Chemieunternehmen auf der Welt, deckt das Land heute bei vielen Standardkunststoffen und Basischemikalien 90 Prozent seines Bedarfs durch Eigenproduktion und ist bei einzelnen Produkten wie Polyester und Methanol inzwischen Weltmarktführer und größter Exporteur.
4. Die Exportoffensive der chinesischen Chemieindustrie
China hat in zwei Jahrzehnten mit staatlicher Planung und Finanzierung eine riesige Chemieindustrie aufgebaut, aber der eigene Markt ist nicht mitgewachsen. Seit dem Zusammenbruch der Immobilienindustrie im Jahr 2021, deren Wertschöpfung zwanzig Jahre lang ein Drittel des chinesischen Bruttoinlandsprodukts ausmachte, ist das Wachstum des Landes ins Stocken geraten. Die chinesischen Chemieanlagen, die für eine viel größere Industrie ausgelegt waren, sind jedoch inzwischen ans Netz gegangen und müssen nun, sollen sie profitabel sein, unbedingt ausgelastet werden.
Deshalb spielt sich jetzt bei den großen Massenkunststoffen und den Standardchemikalien exakt das ab, was sich bei Eisen und Stahl seit zehn Jahren abspielt: Die Chinesen überschwemmen die Welt mit ihren Produkten zu Preisen, mit denen keiner mithalten kann. China ist heute der größte Produzent der wichtigsten Massenchemikalien der Welt. Bei Polyester beziehungsweise PET betragen die chinesischen Kapazitäten 65 Prozent der Weltproduktion, bei Polypropylen sind es 40 Prozent, bei PVC 45 Prozent, bei Methanol 60 Prozent und bei Ammoniak 30 Prozent. In vielen Standardchemikalien kontrolliert China heute 30 bis 60 Prozent der globalen Kapazität. Und diese riesigen Mengen begegnen jetzt der BASF auf den Weltmärkten – in bester Qualität, stets verfügbar und zu Bestpreisen.
Das sind die Hauptgründe für die Krise der BASF. Nur: Lassen sie sich beseitigen? Kann das Unternehmen die Krise überwinden? Wird die BASF jemals wieder so stark, ertragreich und marktbeherrschend sein, wie sie es einst war? Antwort in einem Wort: nein. Die BASF wird diese Krise nicht überwinden und nie mehr zu ihrer alten Profitabilität zurückkehren.

Erneuerbare Energie kann keinen stabilen Energiepreis garantieren.
Die wahnwitzige Energiepolitik wird verhindern, dass BASF sich erholt
Der erste Grund dafür liegt in der Tatsache, dass die Energiepreise in Deutschland nie mehr sinken werden. Seitdem der Hahn mit dem russischen Erdgas abgedreht und die letzten Kernkraftwerke stillgelegt wurden, steigen die Energiepreise in Deutschland kontinuierlich und werden das auch in Zukunft tun. Nimmt man dazu noch den wahnwitzigen EU-Emissionshandel mit CO2-Zertifikaten und seine mörderische CO2-Bepreisung, die sich jedes Jahr verschlimmert, dann steht der deutschen Industrie in puncto Energieversorgung ein Horrorszenario bevor. Das ist der wahre Grund, warum das Ludwigshafener Verbundwerk der BASF, das größte Chemiewerk der Welt und seit mehr als hundert Jahren der Stolz des Unternehmens, nie mehr schwarze Zahlen schreiben und in zehn Jahren nicht mehr 30.000 Leute wie heute beschäftigen wird, sondern nur noch die Hälfte davon.
Die chinesische Großchemie wird die BASF auf den Märkten der Welt bei großen Standardkunststoffen und Massenchemikalien vor sich hertreiben, sie bei den Preisen unterbieten und ihr einen Großkunden nach dem anderen abnehmen, da ein privater westlicher Konzern mit einer sozialistischen Staatsindustrie, die von Staatsbanken finanziert wird, jahrelang mit Verlusten weiterarbeitet, nicht konkurrieren kann.
Als verhängnisvoll erweisen wird sich die Entscheidung des Unternehmens, in China seinen nach Ludwigshafen zweitgrößten Produktionsstandort aufzubauen: Dort, im südchinesischen Zhanjiang, entsteht auf einer Insel nahe der Küste für zehn Milliarden Euro ein Verbundstandort von der Größe einer Kleinstadt. Hier werden seit 2025 Grundchemikalien wie Ethylen und Ethylenglykol (dient als Kühlflüssigkeit für Motoren und Ausgangsprodukt für Polyesterfasern) für den chinesischen und asiatischen Markt produziert, 2026 soll Methylglykol (wird als Bremsflüssigkeit für Autos eingesetzt) dazukommen. Zhanjiang ist die größte Einzelinvestition in der Geschichte der BASF und wird nach Ludwigshafen und Antwerpen der größte und modernste Standort des Unternehmens sein.
Dieses phantastische Projekt, dem man Kühnheit und Wagemut nicht absprechen kann, wird voraussichtlich nie richtig profitabel werden. Die Gründe liegen auf der Hand: Geplant und projektiert vor 15 Jahren, als die chinesische Wirtschaft in den Himmel zu wachsen schien, ist der heimische Bedarf an Chemikalien in China nach dem Absturz der eigenen Wirtschaft nicht halb so groß wie gedacht. Produziert der neue Standort Zhanjiang erst einmal mit voller Kapazität, dann wird sich die BASF in einer doppelt unangenehmen Situation wiederfinden: Sie konkurriert jetzt in China selbst wie auch auf den Weltmärkten gegen chinesische Massenproduzenten, die den staatlichen Auftrag haben, mit aller Kraft um ihr Überleben zu kämpfen. Das ist ein Rennen, das auch die große BASF, die einst dem Rest der Rohstoffchemie weltweit das Fürchten lehrte, auf die Dauer nicht gewinnen kann.
Wer das nicht glaubt, dem sei der Name Höchst ins Gedächtnis gerufen. Neben der BASF und Bayer war Höchst bis vor dreißig Jahren der dritte der deutschen Chemieriesen, ein Chemie- und Pharmakonzern, dessen Logo, die berühmte Höchster Brücke, auf tausend Apothekenschildern prangte, der einen ganzen Stadtteil von Frankfurt einnahm und Ende der 1980er Jahre 170.000 Menschen beschäftigte. Im Zuge einer Reihe verhängnisvoller Entscheidungen von spektakulärer Dummheit wurde Höchst in den 1990er Jahren zerschlagen und in Einzelteilen verkauft; die Reste existieren in Frankfurt heute unter dem lächerlichen Namen Sanofi. Höchst selbst ist als Marke und Unternehmen komplett verschwunden.
Trifft der Vorstand der BASF in den nächsten zehn Jahren nicht extrem kluge und richtige Entscheidungen, dann könnte das auch das Schicksal der BASF sein.
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Markus Brandstetter
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