Jetzt streiten Katar-Scheichs, Sozialisten und die Bosse um die Zukunft von VW
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Volkswagen stolpert durch eine historische Krise. Der Konzern will seine Modellpalette massiv ausdünnen, Varianten streichen und seine Produktion auf deutlich weniger Fahrzeuge ausrichten. Nach der Aufsichtsratssitzung am Donnerstag blieb aber offen, ob und welche Werke geschlossen werden.
VW-Chef Oliver Blume spricht von der umfassendsten Neuausrichtung der Konzerngeschichte. Blume sagte: „Wir reduzieren Komplexität, fokussieren unsere Technologien, richten Produktentwicklung und Produktion noch regionaler in den Märkten aus, bauen Überkapazitäten ab, straffen unser Beteiligungsportfolio und verschlanken unsere Strukturen.“

VW-Boss Oliver Blume
Am Freitag die nächsten schlechten Nachrichten: Volkswagen hat im ersten Halbjahr dieses Jahres weltweit 4,13 Millionen Fahrzeuge ausgeliefert – das sind sechs Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.
Diese Modelle könnte es bald nicht mehr geben
Was klar ist: Nach Angaben von Volkswagen soll die Modellpalette angesichts der aktuellen Krise schrittweise um bis zu 50 Prozent schrumpfen. Auch die Komplexität bei Motoren, Ausstattungen und technischen Varianten soll um bis zu 75 Prozent sinken. Die konzernweite Produktion soll nach Medienberichten künftig nur noch auf rund neun Millionen Fahrzeuge pro Jahr ausgelegt werden. Vor Corona kalkulierte VW noch mit bis zu zwölf Millionen Fahrzeugen.
Kleine Audi-Modelle fallen weg
Bei Audi hat man die Bereinigung der Modellpalette bereits gestartet: Die kleinen Modelle A1 und Q2 werden nicht weitergeführt. Wegen geringer Margen kann man auf diese Modelle besonders gut verzichten. Auch der prestige-trächtige A8 (Produktion in Neckarsulm) fällt weg. Bei den SUVs könnten die komplexen Sportback-Modelle entfallen, schreibt die Automobilwoche.

Bereits im April ist die Produktion des Q2 ausgelaufen.
Die Marken Skoda und Cupra sind hingegen schlank aufgestellt – dort sind keine Modellkürzungen zu erwarten. Unklar ist lediglich, ob bestimmte Verbrenner-Varianten wie Scala und Kamiq einen Nachfolger erhalten.
Weniger Modelle bei Porsche
Carrera, Carrera 4, Carrera S, Carrera 4S, Carrera GTS, Carrera 4 GTS, Carrera Turbo, Carrera Turbo S, GT3 – und alle Varianten noch als Cabrio. Porsche ist in der Komplexität seines legendären Sportwagens 911 ein Vorreiter. Für jedes Modell müssen jedoch Komponenten entwickelt werden. Eine Verschlankung der Vielfalt ist dort besonders erwartbar. Das Modell bleibt als Kern der Marke aber erhalten, genauso wie Cayenne und Macan das Porsche-Geschäft stützen.

Porsche könnte sein breites Antriebsportfolio beim 911 kürzen
Der neue Porsche-Chef Michael Leiters könnte jedoch eine Grenze bei Taycan und Panamera setzen. Ersterer schwächelt enorm im Verkauf. Zwei große Limousinen im Portfolio könnten eine zu viel sein.

Michael Leiters
Ursachen und Hintergründe
Der Kern der Krise bei VW liegt zum einen in Deutschland. NIUS-Kolumnist Gunnar Schupelius verwies in NIUS Live am Freitag auf politisch gemachte Ursachen. Die Automobilhersteller seien durch immer neue Vorgaben und das geplante Verbrenner-Aus auf Technologien festgelegt worden, obwohl die Nachfrage nach Elektroautos hinter den Erwartungen zurückbleibe. Schupelius forderte deshalb eine politische Kehrtwende: „In diesem Moment hätte der Bundeskanzler sagen müssen: Ich stelle das Verbrenner-Aus hiermit erneut infrage.“
Ähnlich argumentierte NIUS-Politikchef Ralf Schuler. Er verlangte neben einem Ende des Verbrenner-Verbots auch niedrigere Energiepreise und einen umfassenden Abbau von Regulierungen. „Ich verstehe immer nicht so richtig, worauf wir eigentlich noch warten“, sagte er. „Je weiter wir es verzögern, desto tiefer rutschen wir in den Abgrund.“
Zum anderen hat die VW-Krise ihre Ursache auch in China. Ausgerechnet der Markt, der VW über Jahre groß gemacht hat, wird zum Problem. Chinesische Hersteller wie BYD greifen VW im E-Auto-Markt an, sind günstiger, schneller und technologisch bei Software und Batterie oft näher am lokalen Kunden.

Geringere Produktionskosten und staatliche Unterstützung schieben chinesische Autos auf den europäischen Markt.
Dazu kommen schwache Nachfrage in Europa, US-Zölle und ein teurer Konzernumbau. Auch Porsche, lange der Gewinnmotor des Konzerns, schwächelt massiv: Im ersten Halbjahr 2026 sanken die Verkäufe weltweit um 16 Prozent, in China sogar um 32 Prozent. Wenn China, Porsche und das Volumengeschäft gleichzeitig unter Druck stehen, wird aus einem Sparprogramm eine Standortfrage.
Das Szenario
Offiziell spricht VW bislang nicht von Massenentlassungen. Medienberichte zeichnen aber ein anderes Bild: Laut Manager Magazin könnten bis zu 100.000 Stellen weltweit wegfallen, laut BILD sogar bis zu 120.000. Bereits vereinbart war ein Abbau von rund 50.000 Jobs.

NIUS-Politikchef Ralf Schuler
Ralf Schuler, NIUS-Politikchef, wies in NIUS Live am Freitag darauf hin, dass es sich dabei um einen dauerhaften Verlust industrieller Arbeitsplätze handeln wird. Es sei ungewiss, ob neue Unternehmen und Start-ups die wegfallenden Jobs ersetzen könnten. Auch die zugehörigen Zulieferbetriebe sind noch nicht eingerechnet.
Diese Werke stehen im Fokus
Besonders im Blick stehen vier deutsche Standorte: Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm. Nach den Berichten gibt es dort keine Garantie, dass nach dem Auslaufen aktueller Modelle neue Fahrzeuge folgen.

Der VW-Standort in Emden
Emden ist heute ein E-Auto-Standort. Dort laufen unter anderem der VW ID.4 und der ID.7 vom Band. Zwickau ist das Symbolwerk der VW-Elektrowende. Dort werden unter anderem VW ID.3, ID.4 und ID.5 sowie Audi Q4 e-tron und Cupra Born gebaut. Hannover betrifft die VW-Nutzfahrzeuge mit Modellen wie ID. Buzz und Multivan. Neckarsulm ist ein Audi-Standort mit Modellen aus der A6-Familie sowie der E-Auto-Produktion in den Böllinger Höfen.
Zusätzlich gerät Osnabrück unter Druck. Nach BILD-Informationen will Katar als VW-Großaktionär keine alternative Nutzung des Werks: VW hatte demnach eine Absichtserklärung mit dem israelischen Staatskonzern Rafael unterzeichnet. In Osnabrück sollten Komponenten für das Raketenabwehrsystem Iron Dome entstehen. Der katarische Staatsfonds QIA soll dagegen Bedenken angemeldet haben.

BU: Mohammed Saif Al-Sowaidi vertritt Katar und dessen Staatsfonds im VW-Aufsichtsrat
SPD reagiert empört
Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD), Mitglied im VW-Aufsichtsrat, sprach von einer sehr intensiven Beratung des Aufsichtsrats am Donnerstag. Er stellte klar: „Das Schließen von Werken ist kein Zukunftskonzept.“ VW brauche Zukunftsperspektiven für seine Standorte.

Keine Einsparungen, sondern Standortgarantien. Olaf Lies (SPD) stellt sich auf die Seite der Arbeitnehmer.
Auch Niedersachsens Wirtschaftsminister Grant Hendrik Tonne (SPD) forderte Klarheit vom Vorstand. In Sachsen wächst ebenfalls der Druck. Dort ist vor allem Zwickau betroffen. Vertreter der sächsischen SPD warnten vor schweren Folgen für die ganze Region.
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