Ziemlich miese Freunde: Macron-Offensive zur Sicherheitskonferenz
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Chris BeckerFrankreichs Präsident Emmanuel Macron muss sich sicher einiges vorhalten lassen. Mangelnde mediale Umtriebigkeit und ein unterentwickeltes Talent zur Selbstvermarktung kann man ihm jedoch kaum unterstellen. Rechtzeitig zur Münchener Sicherheitskonferenz und zum Gipfeltreffen in Antwerpen am Donnerstag zog der Präsident sämtliche Register der politischen Kommunikation.
Den Aufschlag setzte Macron in Davos nach einer Augenverletzung mit einer verspiegelten Sonnenbrille, ein kokettes mediales Vorspiel, das ihn zeitweilig aus dem Umfragetief emporhebt. Im Vergleich zum vormaligen Piratenkanzler Olaf Scholz mit seiner Augenklappe wirkte der Franzose, zumal unter dem Eindruck der Grönland-Debatte, wie ein agiler und abgebrühter Kampfpilot. Vor drei Tagen dann gab Macron der Süddeutschen Zeitung (SZ), in deren Stammlande auch die Sicherheitskonferenz stattfindet, ein vor Selbstbewusstsein und Anmaßung strotzendes Interview. „Wenn wir nichts unternehmen“, so der Tenor, „ist Europa in fünf Jahren hinweggefegt“. Europa, sagen Sie, Herr Präsident, ja? Dann wollen wir mal.

Die „SZ“ am 10. Februar 2026
Von der Assymetrie deutsch-französischer Freundschaft
„Kämpfer für ein souveränes Europa“, so untertitelt die SZ das Macron-Portrait im Halbschatten seines Élysée-Palastes in ihrer unverwechselbaren, ostentativ aufgeklärten Manieriertheit. Es wird im Folgenden nicht um die SZ gehen, das Interview des ohnehin viel erfahreneren Kollegen ist fachlich herausragend, doch der neurotische Ästhetizismus der Münchener Linksliberalen in der Aufmachung dient bereits als schaurig-schönes Exempel für etwas, das später noch wichtig werden soll.
Die vielbeschworene deutsch-französische Freundschaft, die uns in der Schule als Motor der Europäischen Union vermittelt wurde, ist die vielleicht sagenhafteste aller außenpolitischen Illusionen, die sich die Deutschen tagtäglich zusammenträumen. Sie in Frage zu stellen, sie wenigstens ergebnisoffen zu diskutieren, gilt hierzulande als eine Art Sakrileg. Die Aussöhnung mit Frankreich nach dem Kriege ist der Kern der europäischen Identität, und diese wiederum ist der Kern der bundesdeutschen Selbstvergewisserung. Ohne sie plagt die Deutschen die Angst, dass sie morgen früh vielleicht als expansionslüsterne Imperialisten aufwachen. Das gilt zuvörderst für die westdeutschen „Boomer“, die sich ein Leben ohne Paris schwerlich vorstellen können. Wie in einer unglücklichen Beziehung hilft es sodann auch wenig, auf die überwältigenden Fakten aus den letzten Jahrzehnten hinzuweisen: Eine große rhetorische Geste pro Jahr genügt, damit die Traumwelt sich weiterdreht.
Die Nachkriegsgeschichte ist so derart reich an Beispielen für die grauenvolle Asymmetrie jener deutsch-französischen Freundschaft, dass man Bibliotheken damit füllen könnte. Westeuropäische Union und gemeinsame Verteidigung scheiterten schon zu Adenauers Zeiten an den französischen Machtambitionen, ebenso wie eine EU-Verfassung von 2004. Frankreich stimmte der deutschen Wiedervereinigung in den 1990ern nur unter der Bedingung einer gemeinsamen Währung zu, um den „Freuden“ dauerhaft eine Hand auf den Rücken zu binden. Bush und Gorbatschow hätten mit einem dauerhaft starken Deutschland in der Mitte Europas sehr gut leben können, doch das würde bedeuten, Paris mittelfristig zu einer Sekundärmacht werden zu lassen.

Ein französischer „Rafale“-Jet
Paris schreibt die Spielregeln
Dieses Muster setzt sich bis in unser Zeitgeschehen fort: Frankreich stieg kurzfristig aus dem Eurofighter-Projekt aus, stahl sich mit den Plänen davon und entwickelte die fast baugleiche „Dassault Rafale“. Der europäische Rüstungskonzern Airbus musste so aufgestellt werden, dass die französische, staatlich gelenkte Rüstungsindustrie die Oberhand behielt. Dem Nachfolger für den Eurofighter, „Future Combat Air System (FCAS) genannt, droht das gleiche Schicksal. In Fachkreisen gilt das Scheitern des Projektes im Grunde als ausgemacht. Frankreich droht außerdem unverhohlen mit dem Ende der Pläne für einen gemeinsamen Kampfpanzer, weil sie die deutsche Rüstungsindustrie begünstigen könnten. Und es geht genau so weiter: Frankreich verhandelt mit seinen drei Partnern Deutschland, Italien und Spanien derzeit über seinen Ausstieg aus dem Eurodrone-Programm, also der Entwicklung einer eigenen, europäischen, leistungsfähigen Überwachungs- und Kampfdrohne. Es gibt derzeit nicht ein einziges deutsch-französisches Projekt, das nicht vor dem Aus stünde. Neue Projekte gibt es sowieso nicht.
Während die Aussagen also immer blumiger, pro-europäischer werden, verhält es sich mit der tatsächlichen Zusammenarbeit praktisch umgekehrt proportional. Frankreich streut auch an anderer Stelle Sand ins Getriebe des vielbeschworenen „Motors“. Macron gefällt sich als linksliberale Führungsfigur des Anti-Trump-Milieus in Europa, während Deutschland und Italien in diplomatischer Klugheit den Kontakt nach Amerika halten wollen, wenigstens vorerst. Zur konkreten Unterstützung der Ukraine wiederum trägt Paris außer Sonntagsreden substanziell erschreckend wenig bei. Was die Ukraine braucht, muss sie kaufen (mit Geld, das ihr von nicht-französischen Staaten geliehen wird). Stattdessen erschwert Frankreich aus protektionistischen Gründen den Freihandel mit Südamerika. Es gefällt sich in der Rolle des Mahners für „europäische“ Werte und universalisiert seine Staatsdoktrin, während es afrikanische Länder durch ungerechte Handelsverträge und gelegentliche Militäreinsätze, in die es dann auch Deutschland hineinzieht, gefügig hält.
Zu guter Letzt ist Frankreich jeder Hebel recht, um seine Ansprüche auf Kosten anderer zu konsolidieren: Beinahe alle Vorschläge münden wie selbstverständlich in der Einführung von Eurobonds. Die EU-weite Schuldenaufnahme zur Bewältigung der Pandemie-Folgen und die Verschuldung für die Ukraine-Hilfe sind nur die Speerspitze. Erst gestern schloss das Königreich Norwegen mit Frankreich einen 370-Millionen-Euro schweren Vertrag über den Kauf von Waffen ab, die Oslo an Kiew liefern wird, da man in Paris die Kosten für diese Unterstützung nicht tragen will. Nun soll das französische Atomwaffen-Arsenal einen adäquaten Ersatz für die im Rückzug befindlichen Amerikaner darstellen, selbstverständlich zum Freundschaftspreis, wie es Frankreichs führender Atomwaffenexperte Bruno Tertrais im Interview mit der Zeit zwischen den Zeilen zum Ausdruck bringt. „Wenn wir nichts unternehmen, ist Europa in fünf Jahren hinweggefegt“, so Macron bei der SZ.
Wer den Artikel vor sich liegen hat, sollte mit einem Rotstift überall das Wort „Europa“ durch „Frankreich“ ersetzen, dann wird ein Schuh draus. „Außenpolitik ist die Kunst, einem anderen so lange auf den Zehen zu stehen, bis dieser sich entschuldigt“, so hat es der legendäre französische Außenminister Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord einmal ausgedrückt, und im Élysée scheint man sich das noch heute zu Herzen zu nehmen.

Macron gefällt sich als linksliberale Führungsfigur des Anti-Trump-Milieus in Europa.
Leben wie Gott in Frankreich
Der Wunsch der Deutschen, mit dem alten „Erbfeind“ gemeinsam in eine produktive und immer engere Vereinigung hineinzuwachsen, ist verständlich. Betrachtet man die Gesamtlage durch die Brille der moralischen Narration, wird die Verbindung im Grunde zum unanfechtbaren Imperativ. Deshalb ist es für die deutsche Öffentlichkeit auch so schwer, eine Gegenrede zu akzeptieren: Gegenläufige Ansätze müssen sich dem gefühlten Vorwurf aussetzen, schon morgen den militärischen Vorstoß in den Versailler Spiegelsaal zu planen. Das ist selbstverständlich nicht der Fall. Frankreich ist ein wichtiger Verbündeter und den Deutschen ein eng verbundener Partner, und eine friedliche Partnerschaft ist gut für den Kontinent. Eine unbedingte Selbstaufgabe eigener Interessen zugunsten der Regierung in Paris kann aber nicht deutsche Staatsräson sein.
Macron, eigentlich ganz Frankreich, befindet sich in einer schwierigen Lage. Die Staatsverschuldung ist außer Kontrolle, die Wirtschaft schwächelt. Durch die Reformunwilligkeit der Franzosen ist die Republik an die Grenze der Unregierbarkeit geraten. Premierminister kommen und gehen, ein Haushalt kann nach Monaten nur unter größten Mühen überhaupt verabschiedet werden. Ohne den Euro und die europäischen Institutionen, die fein säuberlich entlang französischer Interessen entworfen wurden, wäre das Land längst bankrott. Die Franzosen scheinen den alten Ausdruck „Leben wie Gott in Frankreich“ so zu deuten, dass sie selbst voraussetzungsfrei wie ein junger Gott leben können, während die Deutschen die Defizite schon ausgleichen werden. Den moralischen und politischen Führungsanspruch über den Kontinent will man dennoch nicht aufgeben. Die Sozialsysteme und die kulturelle Kohäsion sind in Frankreich dabei auch deshalb unter Druck, weil die Zuwanderung und Integration völlig außer Kontrolle geraten sind. Zynisch, wer fragt, welcher Gott denn mittlerweile in Frankreich zuhause ist. Wer aber Frankreich schätzt, sollte an den Rahmenbedingungen für seinen Aufschwung mitarbeiten, anstatt dem Fass das letzte bisschen Boden auszuschlagen.
Dem Präsidenten Macron wird das freilich auf den letzten Metern nicht mehr möglich sein, obschon er öffentlich über eine verfassungswidrige dritte Amtszeit witzelt. Der ambitionierte Griff nach der Führung in Europa ist noch mehr seine letzte Patrone als die seines Landes. Aus diplomatisch versierten Kreisen ist zu erfahren, dass er seinen Amtskollegen Merz und Meloni die gute Beziehung neidet und Frankreich der wirtschaftliche und militärische Aufschwung des selbstbewussten Polens zu schaffen macht. Zu den USA hatten die Franzosen seit dem Zweiten Weltkrieg ohnehin ein geopolitisches Konkurrenzverhältnis, weil deren Hegemonie über Europa den eigenen Interessen im Wege steht. Jetzt, wo sie zu bröckeln beginnt, fürchtet Paris den Aufstieg Deutschlands. Für die Bundesbürger mag das schwer zu glauben sein, verweigert sich die Berliner Republik doch selbst ächzend der sich anstauenden Reformlast. Scheinbar glauben die Franzosen mehr als die Deutschen daran, dass die „Fritzen“ ihre Wirtschafts-, Migrations- und Zeitenwende doch noch hinbiegen könnten, wo sie doch von allen schlecht dastehenden Staaten in der EU noch am wenigsten schlecht dastehen.

Merz bei seiner Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz
Es ist nicht alles schlecht
Die Eigensinnigkeit der französischen Geostrategie zu beschreiben, ist das eine. Wer einen prüfenden Blick auf das Vorgehen der Pariser Regierung wirft, der kann angesichts der beinahe charmanten Schamlosigkeit außenpolitischer Geltungsansprüche nur eine Augenbraue hochziehen. Für uns Deutsche ist eben diese Haltung aber auch eine erfrischende Kontrasterfahrung, die dem Betrachter die Planlosigkeit und den Mangel an Selbstvertrauen der eigenen Nation vor Augen führt. Der sturen Treue zur Staatskunst wohnt etwas Bewundernswertes inne, wovon gerade das staatstragende und regierungskritische deutsche Bürgertum sich eine dicke Scheibe abschneiden sollte. „Die wichtigste Kunst des Politikers besteht darin, neue Bezeichnungen für alte Einrichtungen zu finden, deren alte Bezeichnungen in der Öffentlichkeit anstößig geworden sind“, auch das ist ein Bonmot des Strategen Talleyrand-Périgord.
Frankreich hat seine alten Rheinbund-Ambitionen mit der Entdeckung des europäischen Binnengedankens erfolgreich verklausuliert, und es ist der Grande Nation nicht vorzuwerfen, dass unsere Landsleute diesem Mythos verfallen sind. Niemand hat uns dazu gezwungen, unsere Gas-Abhängigkeit von Russland gegen eine Gas-Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten einzutauschen, unseren Atomausstieg klammheimlich durch den Import von französischem Atomstrom zu ermöglichen. Niemand zwingt uns wirklich heute noch zum Euro in seiner jetzigen Form, zum Rückbau der Autoindustrie, zur militärischen Selbstverzwergung. Es wird dereinst auch allein unsere Entscheidung gewesen sein, anstelle des amerikanischen Nuklearschirmes unter den französischen geschlüpft zu sein, anstatt mit eigenen Nuklearwaffen das französische Arsenal zu ergänzen und so europäische Abschreckungslücken zu schließen. Es ist – aus französischer Perspektive – nur richtig, nach dem größtmöglichen Einfluss zu streben, um die Fünfte Republik zu retten.
Verheißungen der post-nationalen Welt
Während die Groß- und Mittelmächte der Welt derzeit überall zentnerschwere Pflöcke einschlagen, empört sich die deutsche Republik über Zahnersatz und Lifestyle-Teilzeit. Die Entlarvung der Franzosen-Rhetorik ändert daran nichts: Es ist nicht die Schuld unserer Nachbarn, dass die Bundesrepublik sich auf Gedeih und Verderb nicht als die Macht konsolidieren will, die sie sein könnte und müsste. Die Unkenrufe von rechts gegen den eigenen Staat und von links gegen die eigene Nation manövrieren das Vaterland von ganz allein in eine Sackgasse, dafür braucht es Putin, Trump und Macron keineswegs. Debatten, wie sie in Frankreich aus dem Herzen der Regierung heraus geführt werden – wie beispielsweise die nukleare Abschreckung oder der offizielle Appell für eine höhere Geburtenrate – sind in Deutschland allenfalls nationalkonservative Randpositionen und gelten als unschicklich. „Lob von der falschen Seite wäre fatal, wenn es nicht aufgewogen würde durch Tadel von der richtigen“, so hat es Reichskanzler Gustav Stresemann einmal formuliert.
Der post-nationale Globus, auf dem sich das liberale westdeutsche Bürgertum gedanklich eingerichtet hat, ist eine Farce. Zu unseren Lebzeiten wird es die Bullerbü-Weltordnung nicht geben; indes wird das Gegenteil zum Trend. Das allein spricht noch nicht dagegen, den eigenen Patriotismus herunterzuschlucken und sich im Kleinen und Großen der französischen Ambition zu unterwerfen. Na und? Dann ist der Preis für die ideell angestrebte europäische Einigung eben die französische Prägung im Kleinen und Großen. Wer so argumentiert, der blendet nicht nur aus, dass es jederzeit einen „französischen Trump“ geben könnte, der (oder die) getroffene Übereinkünfte jederzeit aufkündigen könnte. Auch die demokratisch-republikanische Verfügung über das eigene Leben mag der ein oder andere ohne Notwendigkeit an eine Schutzmacht delegieren wollen.
Doch wie nachhaltig wäre ein „französischer Weg“ für Europa, wo sich doch gerade zeigt, dass Frankreich selbst mit seinem Latein am Ende ist? Taugt die Sackgasse zur Schablone für eine gesamteuropäische Ordnung? Sicher nicht. Kriegt Deutschland aber die Kurve, findet es die Kraft für Reformen und eine benevolente Stärke in Europa – schlicht kein anderes Land ist dazu faktisch in der Lage – dann hat der Kontinent eine ehrliche Chance auf eine gute Zukunft.
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