NIUS-Kolumnist Chris Becker beantwortet die wichtigsten Fragen zum Iran-Krieg
Ein Beitrag von
Chris BeckerWie geht es im Iran weiter und wie positionieren sich Akteure wie Russland im aktuellen Krieg?
NIUS hat seinem Kolumnisten und Militärexperten Chris Becker einige Leitfragen gestellt, die den Deutschen derzeit auf den Nägeln brennen. Der ehemalige Luftwaffenoffizier spricht über Rohstoffpreise, wechselseitige Abhängigkeiten und persönliche Beziehungen im Machtapparat. Und beantwortet die Frage: Wie lange wird dieser Krieg dauern?
Wie findet Putin den Krieg?
Ich kann nicht in irgendjemandes Kopf schauen, aber man darf annehmen, dass die derzeitigen Auswirkungen des Irankrieges dem Kreml gravierend in die Hände spielen.
Gleich zu Beginn würde ich deshalb die für Russland ungünstigen Entwicklungen zügig durchgehen, sie gehören zur seriösen Analyse mit dazu. Auf der ganz großen Landkarte stellt es für Putin durchaus einen Reputationsschaden dar, dass er verbündete Potentaten zuletzt nicht an der Macht halten konnte. Namentlich sind das Assad in Syrien, Maduro in Venezuela und Khamenei in Teheran. Der Ukrainekrieg bedeutete eine Verlagerung der russischen Mittel hin zur eigenen europäischen Westfront, dadurch hat Russland seinen Einfluss auf Syrien verloren. Mit den neuen Machthabern in Damaskus muss der Kreml nun relativ kleinlaut über die wichtige Mittelmeer-Marinebasis Tartus verhandeln; also genau mit denen, die es zu Assad-Zeiten noch als Terroristen bekämpft hat. In Venezuela haben die USA die „Donroe-Doktrin“ (also eine Kombination aus Donald Trump und der historischen Monroe-Doktrin) durchgepeitscht. Stand jetzt verfügt Russland über keine wirklichen Verbündeten mehr im Nahen Osten. Die USA dominierten die Region auch vor dem Angriff ohnehin strategisch beinahe vollständig. Man sollte ebenfalls nicht vergessen, dass im Verlaufe des Ukrainekrieges auch sämtliche russische Militäroperationen in Afrika praktisch zum Erliegen gekommen sind.
Das war’s dann aber auch schon. Bisher lässt der Irankrieg Russland einigermaßen kalt, was ich als Hinweis darauf deute, dass man womöglich nicht mit einem ernsthaften Regimewechsel rechnet. Eine Schwächung Teherans und des alliierten Regimes ist für die Russen erst mal keine gute Nachricht, möchte man meinen. Aber die Situation vor Ort war, wie gesagt, ja eine ziemlich unangefochtene US-Hegemonie. Dann wurde der Tisch umgeworfen. Jetzt werden Chaos und Unordnung kommen, und der Kreml sieht so etwas womöglich auch als Chance, wieder einen besseren Platz am Tisch zu bekommen. Man könnte noch auf die Idee kommen, dass durch den Krieg die Versorgung Russlands mit Shahed-Drohnen gefährdet ist, aber danach sieht es nicht aus. Shahed und ähnliche Systeme sind zwar ein iranisches Design, aber sie werden mittlerweile überwiegend tief im russischen Hinterland hergestellt, beispielsweise in der Stadt Jelabuga.
Dann kommen eine ganze Reihe von Faktoren, die aus Moskauer Sicht auf der Haben-Seite stehen. Das Offensichtlichste sind die Rohstoffe. Chaos und Zerstörung in der Straße von Hormus bedeuten, das wurde ja nun wirklich von sämtlichen Zeitungen dutzendfach thematisiert, eine Verteuerung der Preise auf dem Weltmarkt. Für manche Importeure bedeutet es aber auch eine Verknappung der Versorgung. Preis und Versorgung sind wirklich zwei Paar Schuhe, und das ist in den letzten Tagen in der deutschen Debatte auch richtig durcheinandergeraten. Lieferketten haben eine starke geografische Komponente, sie sind komplex und überraschend statisch. Es ist auch nicht jede Öl- und jede Gassorte chemisch gleich, und es kommt immer darauf an, was Sie mit dem Rohstoff genau anstellen wollen.
Russland ist im Kern eine Rentenökonomie und der Staatshaushalt basiert massiv auf den Erträgen des Rohstoffexportes. Putin darf sich also über steigende Einnahmen freuen. Mehr noch, es bedeutet auch, dass er an ausländische Devisen kommt, in einer Wirtschaft, die zunehmend auf Rüstungsproduktion abgestellt ist, ist das mindestens genauso wichtig. Das Allerbeste ist, dass die Versorgungsknappheit ausgerechnet China und die Preissteigerung ausgerechnet Europa trifft. Der zunehmende Einfluss des chinesischen Milliardenstaates schwebt über dem demografisch schrumpfenden, aber rohstoffreichen Russland wie ein Damokles-„Spieß“, den Peking irgendwann umdrehen könne. Die jetzige Lage sorgt wieder für etwas mehr Augenhöhe.
Die Amerikaner haben das geschnallt, und versuchen nun, das einzudämmen. Bei seinem anstehenden Peking-Besuch will Trump die Chinesen davon überzeugen, statt russischem Öl US-amerikanisches zu kaufen, die Diplomaten der nachgeordneten Ebene bereiten das gerade vor. Gleichzeitig erlaubt die USA – die Meldung kam heute beim Frühstück – ihren indischen Raffinerieunternehmen jetzt für 30 Tage den Kauf russischen Öls, um den Weltmarktpreis zu stabilisieren. Während der Ukraine-Verhandlungen ist das ein peinliches Eingeständnis.
Oh, und apropos Ukraine-Verhandlungen: Natürlich strapaziert der Iran-Krieg die amerikanischen Fähigkeiten. Die mediale und öffentliche Ablenkung ist das eine, da die europäische Ukraine-Unterstützung stark an der öffentlichen Meinung hängt. Weniger Fernsehbilder schlagen sich unmittelbar in weniger politischer Unterstützung nieder. Mehr noch ist das aber eine Herausforderung für die Rüstungspolitik. Das ist ja genau das Problem, das moralisch argumentierende Kreml-Kritiker gegenüber den strategisch denkenden Kreml-Kritikern haben: Im Krieg sind Jubel-Nachrichten über die schlechte Wirtschaftslage in Russland ziemlich egal, weil Kriegswirtschaft sich anders als Friedenswirtschaft nicht über die Nachfrage, sondern über das Angebot definiert. Du musst produzieren wie ein Wahnsinniger, die Rechnung dafür zahlt hinterher der, der verliert. Auch deshalb ist der rohstoffreiche Donbass so ein Zankapfel, wobei sich schrägerweise alle darüber einig sind, dass die EU in jedem Fall einen Teil der Rechnung zahlen wird.

Putin und Trump bei ihrem Treffen in Alaska
Wie ist jetzt das Verhältnis zwischen Netanjahu zu Putin und anderen Oberhäuptern?
Das ist ein ziemlich angloamerikanischer, in diesem Sinne beinahe hollywoodesker medialer Ansatz. Durch Trumps Reality-TV-Manier, „my dear friend soundso“, „we have a great relationship“, „I don’t like him“, wird das auf die Spitze getrieben. Das heißt nicht, dass persönliche Beziehungen in der internationalen Politik nicht wichtig wären, im Gegenteil, aber sie bestehen in der Moderne nur vordergründig zwischen Oberhäuptern. Man findet sie eher unter denen, die womöglich eine Stufe darunterstehen. Gerade das Weiße Haus und den Kreml dürfen wir uns nicht so vorstellen, bei kleineren Staaten ist das nochmal etwas anderes. Putin ist der Mittelpunkt eines inneren Kreises und nach allem, was man sagen kann, von diesen Dingen inzwischen weiter weg als je zuvor. Ich würde sagen, das einzige historische Kapitel, in dem es so eine persönliche, kumpelhafte Beziehung von weltpolitischer Bedeutung jemals gab, war die Verbindung zwischen Kanzler Schröder und Putin, und das ist über zwanzig Jahre her. Es wirkt fast so, als schirme sich Putin aktiv von derartigen personalisierten Beziehungen nach außen ab.
Es gibt aber durchaus, gerade mit Blick auf Netanyahu und Israel, einiges dazu zu sagen. Die Beziehung zwischen „Bibi“ und Donald Trump scheint sehr eng zu sein. Ich würde sagen, dass die Achse Amerika–Israel inzwischen auf der persönlichen Ebene und im Machtzentrum Washingtons enger ist als die allgemeine, breite Solidarität mit Israel in der amerikanischen Bevölkerung. Ich traue mich sogar zu mutmaßen, dass das der Höhepunkt der geschichtlichen Beziehung sein könnte und der Zenit überschritten ist. Die Wahlbevölkerung in den USA und damit die empfundene Solidarität zu Israel macht eine Metamorphose durch, jetzt auch in der religiös-rechten Stammwählerschaft der Republikaner. Gewissermaßen als Folklore wird das noch lange anhalten und in konkreten Fragen wird es auch nach wie vor eine enge Zusammenarbeit geben, aber auf dieser Flughöhe dürfte es das gewesen sein.
Israel und Russland teilen ein paar Interessen im Nahen Osten. Die wichtigste dürfte eine Art anti-türkische Schnittmenge sein. Die Türkei drängt in das Vakuum der islamischen Führerschaft, das der Iran hinterlassen könnte. Ankara hat Moskau als Schutzmacht Syriens nach dem islamischen Triumph über Assad abgelöst und ringt mit Russland um die Dominanz des Kaukasus. Als NATO-Partner kontrolliert es den Zugang zum Schwarzen Meer und zur Krim. Aserbaidschan, ein Turkstaat im postsowjetischen Raum, sucht demonstrativ die Nähe zu Erdoğan und will sich seine Unabhängigkeit gegenüber dem großen Nachbarn im Norden bewahren. In Israel gibt es auch eine große russischsprachige Minderheit aus der ehemaligen UdSSR. Nach einer möglichen Verschlechterung der Beziehungen zu Washington könnte das noch einmal interessant werden für den Kreml. Ich vermute, dass all solche Überlegungen in Moskau eine sehr viel größere Rolle spielen als irgendwelche „Handshakes“.

Israels Premierminister Benjamin Netanjahu und der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev pflegen gute Kontakte.
Verliert Russland mit dem Iran-Krieg nicht geopolitisch an Einfluss?
Russland hat eine sehr starke Anpassung seiner Doktrin vorgenommen und sich geopolitisch spürbar aus der sogenannten „Dritten Welt“, Afrika, Südamerika und dem Nahen Osten, absentiert. Man zieht sich sozusagen wie ein Muskel im geopolitischen Nahbereich zusammen, die Ressourcen fließen stark in den eurasischen, europäischen Raum. Mit einer heimischen Kriegswirtschaft produziert man im Schwerpunkt nicht mehr die berüchtigte AK-47 für die Exportbilanz, sondern vor allem für die eigene Front. Russland ist ideologisch flexibler als die Sowjetunion und muss nicht irgendwo zur Ehrenrettung sozialistischer Regime herbeieilen. Deshalb bin ich mir fast zu 100 Prozent sicher, dass Trump und Rubio demnächst auch auf die Durchsetzung der „Donroe-Doktrin“ in Kuba zielen werden, und es wird Russland relativ wurscht sein. Im Gegenteil entspricht diese Art der Großraumordnung durchaus den Kreml-Vorstellungen, und sie respektieren das sogar, solange ihnen ihr eigener Raum von den USA ebenfalls zugebilligt wird. Wir leben nicht mehr in den 1960ern, und Moskau muss eine moderne Rakete heute nicht mehr zwingend in der Nähe eines anderen Staates aufstellen, um ihn nuklear abschrecken – oder bedrohen – zu können.

Kubas Diktator Fidel Castro und der sowjetische Generalsekretär Nikita Chruschtschow: Während der Kuba-Krise platzierte das Kreml-Regime Raketen auf der karibischen Insel.
Wann kommt die iranische Revolution?
Tja, kommt sie denn überhaupt? Die USA scheinen sich selbst nicht klar darüber zu sein, ob sie einen Regimewechsel mit militärischen Mitteln überhaupt anstreben. Dass sie dafür keine eigenen Bodentruppen einsetzen wollen, scheint indes relativ klar geworden zu sein.
Ich würde argumentieren, dass selbst ein stark unter Druck stehendes autoritäres System noch lange überleben kann, solange seine zentralen Machtinstrumente funktionieren.
Nach schweren militärischen Schlägen und der Tötung wichtiger Führungspersonen wird der Iran vorübergehend von einem kollektiven Führungsgremium regiert, das aus dem Präsidenten, Sicherheitsrat und weiteren Spitzenfunktionären besteht. Dass diese Institutionen weiterhin öffentlich auftreten und Entscheidungen treffen, darf als Zeichen dafür gelten, dass die politische Führung noch handlungsfähig ist. Auch die schnelle Ernennung neuer Militärkommandanten deutet darauf hin, dass das Regime versucht, die Kontinuität der Befehlsstrukturen zu sichern. Man hat sich in Teheran dem Vernehmen nach bereits vor dem Angriff ideologisch und organisatorisch darauf eingestellt, dass es zu einem großen „Martyrium“ in der Führungsetage kommen wird, und teilweise die Befehlsketten dezentralisiert. In gewisser, perverser Weise kommt es so zu einem islamistischen Bilderbuch-Machtwechsel.
Der entscheidende Faktor für das Überleben des Regimes ist die Kontrolle über die Sicherheitskräfte und die großen Städte. Solange Regierung, Revolutionsgarden und Polizei in der Lage sind, die wichtigsten urbanen Zentren zu kontrollieren, bleibt das System stabil. Ein frühes Anzeichen für einen möglichen Kollaps wäre daher, wenn lokale Behörden oder Sicherheitskräfte die Kontrolle über Städte verlieren oder sich weigern, Proteste zu unterdrücken. Ebenso kritisch wäre es, wenn Polizei oder Militär nicht mehr bereit wären, Demonstranten festzunehmen oder gegen oppositionelle lokale Strukturen vorzugehen.
Ein weiteres Warnsignal wäre eine Fragmentierung der Sicherheitsapparate. Große Desertionen aus Armee oder Revolutionsgarden oder sogar Kämpfe zwischen abtrünnigen Einheiten und loyalen Kräften würden darauf hinweisen, dass der staatliche Machtapparat zerfällt. Historisch ist dies ein frühes Merkmal von Bürgerkriegen gewesen, etwa in Syrien oder Libyen.
Ein Regimekollaps wird zumeist erst dann wahrscheinlich, wenn sich eine koordinierte nationale Opposition herausbildet, die tatsächlich territoriale Kontrolle ausüben kann. Derzeit existiert eine solche Opposition im Iran jedoch kaum; die Regimegegner sind stark fragmentiert, viele befinden sich im Exil und verfügen über keine organisierte militärische Struktur im Land. Selbst Koalitionen oppositioneller Gruppen, etwa kurdischer Parteien, können allenfalls Unruhe stiften oder den Iran territorial desintegrieren. Ohne externe Intervention wird das nichts, zumal ich die Sorge habe, dass die Türkei sich befleißigt sieht, gegen die Kurden vorzugehen.
Wenn Sie an das Assad-Regime und den syrischen Bürgerkrieg denken, dann sehen Sie über die gut zehn Jahre des Konfliktes hinweg eine große Konstante: Wer die großen Städte und die Sicherheitsapparate kontrolliert, hält sich erstaunlich lange an der Macht. Aus westlich-medialer Sicht endete der syrische Bürgerkrieg schließlich überraschend anlasslos, aber die Wende kam in den arabischen Landesteilen erst mit einem Loyalitätsumschwung hin zu al-Scharaa, dem heutigen Machthaber, und seinen Anhängern.
Die Abwesenheit einer einheitlichen und militärisch handlungsfähigen Nationalopposition, die ein Überlaufen weiter Teile des iranischen Militärs attraktiv macht, ist also ein gewichtiges Argument gegen einen Regimewechsel. Ein Treppenwitz der Geschichte ist schließlich das Gegenüber von Reza Pahlavi und Modschtaba Khamenei, dem Sohn des getöteten Ayatollah. Khamenei jr. hat bei dem Luftschlag auch seine Mutter und seine Ehefrau verloren, was ihn sicher nicht besonders milde stimmen dürfte. Nun können Sie, wenn Sie so wollen, den Legitimitätskampf im Iran zum Ringkampf zweier ungekrönter Kronprinzen stilisieren. Das ist krass, wenn man sich vorstellt, dass die islamistische Revolution sich auch brutal gegen das monarchische Dynastieprinzip stellte. Gleichzeitig verleiht es Modschtaba eine seltsam leidensfähige Aura, die Pahlavi im „bequemen“ Exil nicht unbedingt für sich beanspruchen kann.
Zu guter Letzt wäre es einfach dumm, jetzt zu denken, dass irgendeine Nachkriegsordnung völlig säkular und gänzlich ohne den Islam auskommen könnte. Die Ayatollahs sind der schiitische Klerus, den kann man nicht einfach abschaffen. Was ich jetzt sage, ist keine Gleichsetzung, aber es sind Analogien bestimmter Rollen: Erinnern Sie sich an die deutsche Gesellschaft nach dem Ersten Weltkrieg. Die Ablehnung des Versailler Vertrages, Revanchismus und ein gewisser Militarismus waren bis tief in Zentrum und Sozialdemokratie hinein geteilte Auffassungen. Und nach dem Ende des Franco-Regimes in Spanien konnte man den nationalkonservativen Klerus auch nicht einfach auf den Mond schießen. Deshalb bezeichne ich die Liquidierung weiter Teile der iranischen Staatsführung auch als „Overkill“ und als unnötigen Bruch mit dem internationalen Comment.

Reza Pahlavi gilt als vom Westen favorisierter Nachfolger für die Führung im Iran.
Wie lange dauert der Krieg noch?
Letztlich ist das eine Frage der Definition, um die das Weiße Haus gerade auch regelrecht herumeiert. Es stimmt, dass es auch andere Faktoren gibt: Reicht die moderne Munition? Wie positionieren sich die Golfstaaten, macht China Druck? Dazu meine ich nur, dass kein Konflikt dieser Welt jemals deshalb enden wird, weil den Vereinigten Staaten von Amerika als erster Kriegspartei die Kugeln ausgehen. Der anderen Seite gehen schließlich auch die Kugeln aus, und man darf annehmen, dass das regelmäßig zuerst geschieht. Andere Überlegungen, wie beispielsweise die Annahme, dass die alliierten Golfstaaten nervös werden, sind da schon relevanter. Ich glaube auch nicht, dass Israel und die Golfstaaten sich für einen demokratischen Iran bis zum Äußersten in die Bresche werfen; mit semi-autoritären, halbwegs pro-westlichen Systemen lässt sich viel leichter umgehen.
Die Operationsziele, die sich um die strategischen Offensivfähigkeiten des Iran drehten – Nuklearprogramm, Raketenprogramm, Marine als Würgegriff an der Hormuzstraße – sind im Grunde bereits weitestgehend erreicht. Militärisch heißt das: Erfolg. Man könnte auch sagen, das allein hätte doch gereicht. Aber es musste ja unbedingt ein halb voller Enthauptungsschlag sein.
Nein, ich denke vielmehr, dass sich die Frage der Dauer des Krieges ziemlich schnell entscheidet, sobald Donald Trump sich festgelegt hat, was schon immer sein Ziel gewesen sein soll. Er hat angekündigt, dass er in der Nachfolge-Frage in Teheran konsultiert werden will, „beteiligt werden, so wie in Venezuela“. Mir erscheint ein Venezuela-mäßiges „Ende“ des Krieges derzeit am wahrscheinlichsten, wobei „Ende“ im Hinblick auf die bereits eingetretene Destabilisierung der Region natürlich sehr relativ zu verstehen ist. Wenn wir die offiziellen, staatlichen, westlichen Militärschläge meinen, dann sage ich jetzt einfach mal: Bis Ostern ist Schluss. So lange reicht auf jeden Fall die Munition der Amerikaner, dann läuft die 30-Tage-Russenöl-Erlaubnis der USA aus, dann kommt der Urlaubszeitraum für westliche Dubai-Touristen und für die Republikaner ist es eh ein schönes, pseudochristliches Datum für Frieden. Wenn sie wollen, dass sich bis zu den Midterms die Preise erholen, und diese – dann wieder – Senkung als Gewinn verkaufen wollen, müssen sie sich ranhalten. Wenn die Republikaner vor dem drohenden Verlust beider Parlamentskammern noch das Regime in Kuba abräumen wollen, müssen sie sich ranhalten, bevor sie in die Hurrikan-Zeit kommen. Die beeinflusst nicht nur Operationen in der Karibik, sondern trifft auch immer die konservativen US-Südstaaten besonders hart.
Übrigens gibt es auch unter den hart gesottenen amerikanischen Streitkräften so etwas wie eine Kriegsmüdigkeit. Die Flugzeugträger-Besatzungen gehen von einer Urlaubssperre in die nächste, Rotationen werden ausgesetzt. Die patriotischen Wähler im Inland, denen „Make America Great Again“, aber ohne fremde Kriege, versprochen wurde, merken sich so etwas.

Laut US-Verteidigungsminister Pete Hegseth wollen die USA die Luftschläge intensivieren.
Was kostet so ein Krieg eigentlich? Und wie weit reichen die Auswirkungen auf deutsche Bürger?
Diese Frage eröffnet eine weitere Dimension der militärischen Operationsführung, denn Krieg zu führen, ist unglaublich teuer. Das gilt nicht nur für die Konfliktparteien: Jedes versenkte Schiff der iranischen Marine, jede verschossene Rakete, jede abgefangene Drohne ist unfassbar teuer. Dazu kommen die Schäden an der Infrastruktur auf allen Seiten, die Verluste durch das Export- und Tourismusgeschäft am Golf und die Auswirkungen auf den Welthandel. Auch das ist einer der Gründe, warum in zwei bis drei Wochen Schluss sein könnte, jedenfalls, was die aktiven Operationen anbelangt. Deutschland treffen diese Entwicklungen in einem verwundbaren Moment wirtschaftlicher Schwäche. Es intensiviert den Reformdruck in einem „Superwahljahr“ und offenbart die eigene globale Abhängigkeit wie Handlungsunfähigkeit. Sämtliche Folgen des Irankrieges – Verrohung der internationalen Übereinkünfte, Flüchtlingswellen, Preissteigerungen, Rüstungsverlagerungen der USA aus der Ukraine weg – werden Deutschland mit besonderer Härte treffen, völlig müßig, wie auch immer es sich kommunikativ dazu positioniert.
Mehr NIUS: Dramatische Warnung aus Katar: Kompletter Energie-Lieferstopp innerhalb weniger Wochen
Weitere Artikel zum Thema
„Feinde“: Wie Politik und Medien mit Kriegs-Rhetorik und NGO-Truppen die freie Presse bekämpfen
Deutsche Marine: Vom „Platz an der Sonne“ in den Schatten Trumps
Die Angst vor Kernenergie ist tödlicher als Kernenergie selbst – und das lässt sich beweisen
Warnsignal für Klingbeil! Keiner bietet bei Auktion für Anleihen - Deutschlands Schulden werden plötzlich schwer verkäuflich
Die Nicht-Impfstoff-Hersteller von BioNTech – und das deutsche Staatsversagen
So kam ZDF-Intendant Norbert Himmler zu seiner zweiten Amtszeit
Kulturkampf in der CDU: Göttinger CDU-Politiker unterstützen linksextremen Buchladen
Chris Becker
Autor
Artikel teilen
Kommentare