Streitthema Arbeitsmarkt: Die Politik predigt Zuwanderung, die deutsche Wirtschaft setzt dagegen auf KI
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Andreas MoringWährend die Politik weiterhin erzählt, dass Zuwanderung die Probleme des Fachkräftemangels am Arbeitsmarkt lösen soll, steuern deutsche Unternehmen in eine ganz andere Richtung. Sie setzen immer mehr Künstliche Intelligenz ein, um Arbeit zu automatisieren, die vorher Menschen gemacht haben. Dafür werden massiv Stellen abgebaut. Und noch viel mehr Stellen gar nicht erst neu oder nachbesetzt. Für die Regierung von Merz und Klingbeil ist das allerdings kein Thema. Dabei ist es eine tickende Zeitbombe für das deutsche Sozialsystem.
Der demographische Wandel trifft den deutschen Arbeitsmarkt mit voller Wucht. Von den 34,2 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sind 7,8 Millionen zwischen 55 und 65 Jahre alt – das entspricht 23 Prozent. Ein knappes Viertel der Belegschaft wird also in den kommenden zehn Jahren ausscheiden. Noch vor zehn Jahren lag dieser Anteil bei nur 17 Prozent. „Die Babyboomer sind jetzt in dieser Altersgruppe angekommen“, erklärt BA-Vorstandsmitglied Daniel Terzenbach im Handelsblatt. Die Entwicklung stellt Politik und Unternehmen vor mehrfache Herausforderungen.

BA-Vorstandsmitglied Daniel Terzenbach
Der Arbeitsmarkt ist am Kipppunkt
Während die Unternehmen reagieren, hat die Politik den Ernst der Lage noch nicht verstanden und diskutiert Fragen, die sich in der Realität gar nicht mehr stellen. Denn immer mehr Unternehmen in Deutschland stellen um auf Automatisierung und KI. Damit werden Stellen gestrichen oder frei gewordene Stellen einfach nicht mehr nachbesetzt. Weil KI die Jobs übernimmt. Das ist gleichzeitig eine tickende Zeitbombe für das deutsche Sozial- und Rentensystem: Immer mehr Menschen gehen in Rente, immer weniger Menschen zahlen ist System – weil KI den Job übernimmt, aber keine Sozialabgaben zahlt.
Das Problem verschärft sich in mehrfacher Hinsicht.
- Erstens droht in Branchen wie dem Gesundheitswesen, die bereits unter Fachkräftemangel leiden, weitere Personalknappheit. Das Statistische Bundesamt prognostiziert bis 2049 einen Fehlbedarf von mindestens 280.000 Pflegekräften.
- Zweitens geht wertvolles Know-how verloren, während neue Fachkräfte rar sind. Die Zahl neu abgeschlossener Ausbildungsverträge bleibt rückläufig und hat den Corona-Einbruch noch nicht überwunden.
- Drittens neigt sich das deutsche Jobwunder dem Ende zu. Die jüngere Generation wächst nicht schnell genug nach, um die Abgänge zu kompensieren. „Wir erreichen beim Erwerbspersonenpotenzial 2026 einen Kipppunkt“, sagte Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der dpa. Das IAB erwartet für dieses Jahr noch einen leichten Zuwachs von 60.000 Personen, 2026 aber erstmals einen Rückgang um 40.000. Deshalb werde die Beschäftigung nicht wachsen, selbst wenn die Wirtschaftsleistung wie prognostiziert um 1,1 Prozent steigen sollte – was auch eher unwahrscheinlich ist.
Die Mär von der Zuwanderung
Auch die Zuwanderung hilft nicht mehr weiter. Zwar hatten Migranten in den vergangenen Jahren das Jobwachstum kurzfristig gestützt. Doch nach einem vorübergehenden Anstieg durch den Ukrainekrieg 2022 ist dieser Effekt verpufft. Waren die Ukrainer noch teilweise gut ausgebildet und im deutschen Arbeitsmarkt integrierbar, sind es Menschen aus Afghanistan oder afrikanischen Ländern nicht, denn die meisten haben keine Ausbildung, keine Sprachkenntnisse, keine Qualifikationen für Jobs in Deutschland.
Während alle linken Parteien in Deutschland, aber auch die Union, immer noch die Geschichte erzählen, Zuwanderung sei wegen des demographischen Wandels nötig, handeln die Unternehmen in Deutschland und schichten Arbeit um von Menschen auf KI. Immer mehr Unternehmen in Deutschland verstehen, dass Zuwanderung ihnen für den Fachkräftemangel und den Personalbedarf praktisch nichts nützt. Und dass die einzige Möglichkeit, auf den massenhaften Abgang der Babyboomer und gleichzeitig hohe Standort-Kosten in Deutschland zu reagieren, darin besteht, Abläufe zu automatisieren und KI dort einzusetzen, wo vorher Menschen klar strukturierte und geregelte Arbeiten gemacht haben. Denn genau das kann Künstliche Intelligenz besonders gut. Und mittlerweile ist sie so verlässlich und schnell, dass es viel einfacher ist, KI zu trainieren, als langwierig Menschen für Jobs zu suchen und diese einzuarbeiten.

Waren die Ukrainer noch teilweise gut ausgebildet und im deutschen Arbeitsmarkt integrierbar, sind es Menschen aus Afghanistan oder afrikanischen Ländern weniger, denn die meisten haben keine Ausbildung, keine Sprachkenntnisse, keine Qualifikationen für Jobs in Deutschland.
Stellen werden abgebaut, Menschen durch KI ersetzt
Allein in den letzten Wochen haben viele große Unternehmen in Deutschland radikalen Stellenabbau angekündigt. Bosch will 22.000 Stellen bis 2030 streichen. Der Zulieferer Konzern ZF will 7.600 Stellen abbauen. Ein anderer Zulieferer, nämlich Kiekert hat ebenfalls angekündigt, 4.500 Beschäftigte zu entlassen und geht in die Insolvenz. Und auch der Luftfahrtkonzern Lufthansa hat angekündigt, 4.000 Stellen zu streichen. Die Begründungen sind immer dieselben. Zum einen, die schlechten Bedingungen am Standort Deutschland wegen hoher Energiekosten, zu viel Bürokratie und beispielsweise dem Zwang zur Elektromobilität. Zum anderen geht es auch immer um Effizienz und schlankere Prozesse. Dahinter verbirgt sich der Einsatz von KI. Denn künstliche Intelligenz automatisiert in zunehmendem Maße klassische Verwaltungsarbeiten, die in Unternehmen bisher von Menschen gemacht worden sind. KI kann das genauer, schneller, zuverlässiger, rund um die Uhr und zu einem Bruchteil der Kosten.
Die Arbeitslosenzahl überschritt im August erstmals seit zehn Jahren die Drei-Millionen-Marke. Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften und Politik schlagen Alarm und fordern Subventionen oder Gesetzesänderungen wie eine Verschiebung des Verbrennerverbots. Doch noch mehr Subventionen werden das eigentliche Problem niemals lösen.
Der Hauptgrund für die Verschlechterung am Arbeitsmarkt sind nämlich nicht Entlassungen oder massenhafter Jobabbau, sondern das, was Unternehmen unterlassen. Die historische Dramatik liegt darin, dass kaum neue Stellen geschaffen werden.
Die Bundesagentur für Arbeit stellte fest: Das Risiko, durch Jobverlust arbeitslos zu werden, nimmt zwar zu, ist im langjährigen Vergleich aber immer noch niedrig. Dagegen liege die Chance für Arbeitslose und auch für Berufseinsteiger, eine neue Beschäftigung zu finden, „auf einem historisch niedrigen Niveau“. Der Personalabbau verlaufe „eher schleichend“. Die Krise liegt also nicht in außergewöhnlich vielen Jobverlusten, sondern in den besonders schlechten Chancen für Arbeitssuchende. Die „Abgangschance“ aus Arbeitslosigkeit lag zuletzt bei nur 5,6 Prozent. Das ist noch schlechter als auf dem Höhepunkt der Corona-Epidemie. 2019 lag der Wert bei über 7,4 Prozent.

Die Arbeitslosenzahl überschritt im August erstmals seit zehn Jahren die Drei-Millionen-Marke.
Deutschland hinkt hoffnungslos hinterher
Diese Erstarrung des Arbeitsmarktes ist bezeichnend für den Zustand der Wirtschaft und spiegelt sich auch bei Insolvenzen und Gründungen wider. Zwar sorgen Pleiten bekannter Unternehmen für Schlagzeilen. Nicht ausgeschriebene Stellen wegen Ersatz der Menschen durch KI bemerkt die Öffentlichkeit dagegen kaum.
Das Problem verschärft sich noch dadurch, dass seit Jahren viel zu wenig Unternehmen gegründet werden. 2024 wurden laut Ökonom Claus Michelsen rund 120.000 wirtschaftlich bedeutende Unternehmen gegründet, Nebenerwerbs-Gründungen ausgenommen. 15 Jahre zuvor waren es noch über 150.000. Die Zahl ist nicht nur im Zeitverlauf zurückgegangen, sie liegt auch weit unter dem Niveau anderer Länder. Deutschlands Unternehmenslandschaft erneuert sich nicht, sie veraltet und erstarrt. Für die Wirtschaft ist bei Arbeitsplätzen wie bei Unternehmen nicht nur der Saldo entscheidend, sondern auch die Erneuerung. Die Wirtschaft muss sich großen Umwälzungen anpassen, indem bestehende Unternehmen in neue Bereiche vorstoßen und entsprechend Arbeitsplätze schaffen oder indem neue Firmen gegründet werden. Genau das passiert aber nicht. Wo eine Chance liegen könnte, hinkt Deutschland hinterher. Nennenswerte Unternehmensgründungen im Bereich künstliche Intelligenz gibt es in Deutschland nicht. KI wird dafür eingesetzt, in bestehenden Großunternehmen die bestehenden Prozesse zu optimieren und zu verbilligen und Menschen durch Maschinen zu ersetzen. Die Unternehmen in Deutschland müssen das auch tun, wenn sie überhaupt ihre Wettbewerbsfähigkeit weltweit halten wollen.
Für Deutschland bedeutet das aber, eine noch schnellere Zersetzung des Sozialstaates und des deutschen Systems. Denn unsere Sozialsysteme werden von Abgaben aus menschlicher Arbeit getragen. Davon gibt es in Deutschland aber immer weniger. Interessanterweise gab es dazu beispielsweise auf der letzten Klausurtagung des Kabinetts von Merz und Klingbeil kein einziges Wort.
Das Thema scheint völlig außerhalb der Wahrnehmung von Kanzler, Vizekanzler und Ministern zu sein. Zumindest haben die Unternehmen in Deutschland aber die Zeichen der Zeit erkannt. Irgendwann wird diese Erkenntnis vielleicht auch einmal in der Politik ankommen. Doch dann wird es wahrscheinlich zu spät sein.
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