Zum Zustand der Bundeswehr: Ein Vaterland, das mit sich ringt
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Chris BeckerEinhundertsechsundachtzigtausendvierhundertunddreiundzwanzig, sage ich meiner Frau heute Morgen beiläufig, und sie weiß sofort, was ich meine: Die aktuelle Personalstärke der Bundeswehr nachzuschlagen gehört tagein, tagaus zu meiner Nachrichtenlage. Die Zahl völlig überflüssigerweise als Wort ausschreiben zu dürfen, ist einer der Unterschiede zwischen Literatur und dem schnelllebigen Kurzmeldungs-Journalismus.
Zahlen sind verführerisch, vor allem in Militär und Politik, denn sie versprechen so etwas wie Eindeutigkeit. Die Deutschen mögen Zahlen und nennen sie oft gemeinsam in der heiligen Dreifaltigkeit mit „Daten und Fakten“. Hat jemand seine Zahlen nicht parat und wird von Markus Lanz dabei erwischt, stammelt er oder sie ganz unglücklich in die Studiokamera. Sowas soll mir lieber nicht passieren. Zahlen, nicht nur falsche Zahlen, können aber auch in die Irre führen, täuschen. Man kann sogar mit ihnen lügen.
Von der angestrebten Sollstärke sind die Streitkräfte entsetzlich weit entfernt
Die Wahrheit ist: Wer von der Materie wenig Ahnung hat, der wird mit den Zahlen etwa so viel anfangen können wie ein Affe mit einer Uhr. Den Wasserstand der aktuellen Personalstärke der Bundeswehr zu prüfen, ist mehr ein Ritual als eine wirkliche Informationsbeschaffung. Ich erwarte schon seit Jahren nicht mehr ernsthaft, dass die Zahl plötzlich sprunghaft nach oben hüpft.
Das Personalamt der Bundeswehr vermutlich auch nicht. Zwar vermeldete es in der letzten Woche einen bescheidenen Anstieg (auch der Bewerberzahlen), doch insgesamt dümpelt die Anzahl der Soldaten seit langem im selben Bereich. Von der angestrebten Sollstärke von 260.000 aktiven Soldaten sind die Streitkräfte entsetzlich weit entfernt, in diese Lücke allein passten die Armeen mehrerer kleiner NATO-Partner. Dazu kommt eine weitere Kluft in der für die Abschreckung und den Wehrersatz so wichtigen Reserve, wo zwischen Anspruch (200.000) und Wirklichkeit (etwa 40.000) ein Unterschied vom Ausmaß beinahe einer Bundeswehr liegt. Kommen da im Vorjahresvergleich ein paar tausend hinzu, ist das zwar erfreulich, allerdings zeichnet sich noch lange kein Trend ab. Wäre es doch ein Trend, bräuchte die Bundeswehr in dieser Geschwindigkeit über hundert Jahre, um auf ihre Sollstärke anzuwachsen. Und selbst dann wäre sie personell in etwa halb so groß wie die (damals nur westdeutsche) Armee der 1970er und 80er Jahre.
Das ist nicht gut. Leute, die unseren Soldaten und unserer herrlichen Armee ganz im Allgemeinen aufrichtig gewogen sind, kritisieren diese – und andere – Zahlen zu Recht. Leute, die der Bundeswehr ganz und gar nicht gewogen sind, machen sich darüber her, wie schon über frühere Berichte zur Einsatzbereitschaft der Ausrüstung.

Schießtraining bei Bundeswehrrekruten
Fünfzig Prozent der Uniformierten kämpfen mit dem Waffensystem „Schreibtisch“
Leute, die sich mit der Materie wirklich auskennen, gibt es aber zum Glück auch noch. Sie verstehen es, hinter die unvollständige Wirklichkeit der Zahlen zu blicken und sie richtig zu interpretieren. Einer von ihnen ist Generalleutnant a.D. Alfons Mais, bis 2025 deutscher Heeres-Chef. Der General, von dem auch der berühmte Ausspruch stammt, das Heer stünde „mehr oder weniger blank da“, spart auch im Ruhestand nicht mit konstruktiver Kritik. Maßgeblich für die Kampfkraft der Bundeswehr ist nämlich nicht ihre personelle Gesamtstärke. So ist die Hälfte der Soldatinnen und Soldaten derzeit mehr oder weniger mit Verwaltungstätigkeiten beschäftigt. Sie haben richtig gelesen. Fünfzig Prozent der Uniformierten kämpfen mit dem Waffensystem „Schreibtisch“.
Entscheidend, kriegsentscheidend könnte man sagen, ist die personelle und materielle Ausstattung der Kampftruppen und der Kampftruppen allein. Aus ihnen ergibt sich nahezu vollständig die „Kriegstüchtigkeit“ der Bundeswehr. Weil die Politik allerdings auf Zahlen schaut, gilt derzeit ein Primat der Rekrutierung. Dies geht ausgerechnet zu Lasten der Einsatzbereitschaft und der Ausrüstung der kämpfenden Teile der Bundeswehr, und die Truppenausbildung, so der General am vergangenen Freitag, „wird zum Durchlauferhitzer“. Er hat Recht.

Generalleutnant a.D. Alfons Mais
Operation Truppenklau
Auch in anderen Bereichen ringt das Verteidigungsministerium mit Zahlen, Daten und Fakten. Derzeit hat die Bundesrepublik der NATO zehn einsatzbereite Brigaden zugesagt. Eine Brigade, das ist der kleinste militärische Großverband. Sie besteht aus mehreren Bataillonen, in etwa so, wie sich ein großer Fußballverein aus mehreren Jugendmannschaften zusammensetzt. Von diesen zehn der NATO versprochenen Brigaden sind derzeit acht tatsächlich aufgestellt. Die neunte, die sich Panzerbrigade 45 nennt, wird auch als „Litauen-Brigade“ bezeichnet und soll dauerhaft bei Vilnius stationiert werden. Die fünftausend Mann sowie das benötigte Gerät klaubt sich das Ministerium, das einen Großteil seiner ohnehin geschröpften Bestände an die Ukraine geliefert hat, aus den anderen Brigaden zusammen. In der Truppe wird diese Praxis mit schmerzlicher Ironie auch als „Operation Truppenklau“ bezeichnet. Es prüft also besser niemand nach, ob Ende 2027 die acht bestehenden Brigaden noch einsatzbereit sind. Die Zeit rennt nicht nur, sie galoppiert regelrecht davon. Es ist völlig unrealistisch, dass Verteidigungsminister Pistorius das Ziel wird einhalten können, ohne weite Teile der Bundeswehr regelrecht zu fleddern. Woher übrigens die nur als Phantom existierende zehnte Brigade kommen soll, steht in den Sternen.
Der Fairness halber ist zu sagen, dass die Bundeswehr auch in der Phase ihrer ersten Aufstellung in der Nachkriegszeit mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hatte. Bundeskanzler Adenauer machte den Westverbündeten damals Zusagen, für deren Erfüllung die fachlich kompetenten Verteidigungsminister mit erfahrenen Mitarbeitern letztlich ein Jahrzehnt brauchten – trotz einer allgemeinen Wehrpflicht, die 1962 von zwölf auf 18 Monate angehoben werden musste. Neu ist für die Bundeswehr, dass ein ganzer Großverband dauerhaft im Ausland stationiert werden soll. Eine dreijährige Auslandsverwendung ist beispielsweise für US-amerikanische Soldaten in Deutschland seit Jahrzehnten Alltag, inklusive Umzug mit Kind und Kegel. Deutsche Soldatenfamilien müssen sich daran erst noch gewöhnen. Trotz großzügiger Zulagen und einer familienfreundlichen Infrastruktur in Litauen melden sich derzeit viel zu wenige Freiwillige für die Litauen-Brigade. Der Minister muss hier mit Befehl führen, auch, wenn es unpopulär ist.
Überhaupt fragt man sich, wann sich die deutsche Politik – Regierungs- und Oppositionsparteien gleichermaßen – endlich dazu durchringen, die großartige deutsche Bundeswehr so auszustatten, wie es ihr gebührt. Die jüngst eingeführten Wehrdienst-Fragebögen sind ein Affentheater ohnegleichen, obwohl man sich bereits zu dieser nationalen Peinlichkeit kaum durchzuringen vermochte. Von selbst versteht sich, dass der Eiertanz um wirkliche Verbesserungen bei der Bundeswehr auch nicht zur – allseits beschworenen! – verschärften internationalen Sicherheitslage passt.
Mit verteidigungspolitischer Realpolitik tut sich so mancher schwer
Die beiden „Alles-bleibt-wie-es-ist“-Parteien SPD und AfD treten mit ihrem Ringen um einen verteidigungspolitischen Kurs besonders in Erscheinung. Beide scheinen im Staat in erster Linie den Sozialstaat zu sehen, der einen vor den kleinen und großen Widrigkeiten des Alltagslebens abschirmen soll. Das ist eine überraschend sozialkonservative, aber auch kleinbürgerliche und psychologisch verunsicherte Haltung. Außenpolitik macht einem Angst, denn sie könnte bedeuten, in irgendetwas hineingezogen zu werden. Dazu kommt, dass den einen der Staat nicht links, den anderen nicht rechts genug ist, um ihn und seine Bürger im Zweifel zu verteidigen. „Ihr verfluchten Racker, wollt ihr denn ewig leben?“, soll Friedrich der Große seinen fliehenden Soldaten hinterhergerufen haben.
Dass es sich die SPD mit verteidigungspolitischer Realpolitik schwertut, das lehrt die Geschichte der Bonner Republik. Die Wiederbewaffnung lehnte sie ab, Kanzler-Legende Helmut Schmidt ließ sie für den Doppelbeschluss über die Planke gehen. Trotzdem rang sie sich in historischen Situationen auch immer wieder durch, auch das gehört zur bundesrepublikanischen Folklore.
Irritierend ist allerdings die unklare Haltung der AfD zur Bundeswehr und der Verteidigung des Vaterlandes. Ein Twitter-Beitrag von AfD-Politiker Laatsch, der jüngst die Darstellung eines versehrten Kriegsveteranen mit den Worten „Karriere an der Ostfront“ und dem Hoheitszeichen der Bundeswehr überschrieb, steht stellvertretend für einen veritablen Richtungsstreit in der AfD. Auf der einen Seite wartet die Partei mit Politikern wie Oberst a.D. Rüdiger Lucassen auf, der als überzeugender Fachpolitiker auch im Fernsehen oder bei der Münchener Sicherheitskonferenz eine gute Figur macht. Für das nationalkonservative Spektrum sind der Wehrdienst und die demonstrative Nähe zum Militär schlichtweg Ehrensache.

Auf der anderen Seite findet man dort Persönlichkeiten wie Laatsch, Höcke oder Chrupalla. Ihre AfD ist eine Jammerlappen-Partei, die außer nicht enden wollendem Lamento und ins Leere laufendem Pathos rein gar nichts anzubieten hat. Mit der völlig irrsinnigen Behauptung, man könne diesem Staat nicht aufrichtig dienen, macht sie den Dienst bei Bundeswehr, Polizei und Feuerwehr zur Makulatur. Man fragt sich unweigerlich, wer im Falle eines Wahlsieges Grenzsicherung und legale Abschiebungen eigentlich durchführen soll. Regierungskritik und alternative politische Angebote sind ebenso wertvoll, wie es jenes unpatriotische Gejammer nicht ist. Die Bundesrepublik wird ihre dringend notwendigen Kurskorrekturen niemals bekommen, wenn das wohlfeile Schäumen nicht dem Realismus eines Oberst Lucassen weicht. Daran ändern auch die guten Zahlen für die AfD in den Umfragen nichts.
Die Bundeswehr muss zur Chefsache werden
Für die Bundesregierung gilt es wiederum, die Bundeswehr endlich zur Chefsache zu machen. Ein guter (zumindest beliebter) Verteidigungsminister ist eine Sache, doch historisch gesehen wurden die großen Entscheidungen in der Verteidigungspolitik aus dem Kanzleramt heraus getroffen.
Merz und die CDU müssen bei der Wehrpflicht und der Litauen-Brigade Druck machen, vor allem aber bei der Rüstung, es muss produziert werden. Und zwar jetzt. Hier darf man dann tatsächlich auf die Zahlen, nämlich die Produktionszahlen, schauen.
Eine andere Möglichkeit wäre, alle arabischen Zahlen abzuschaffen und sie – ganz im Sinne der Migrationswende – wieder durch römische zu ersetzen. So verzeichnet die Bundeswehr gegenüber dem Vorjahr einen Zuwachs von MMMDCXLI Soldaten, und dagegen kann wirklich niemand etwas sagen.
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