Energie, Armee, Industrie: Warum die politischen Eliten von Geopolitik nichts verstehen wollen
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Irgendjemand beugt sich über eine große Landkarte. Wenn wir Krieg und auch eine als besonders professionell empfundene Berichterstattung über Kriege mit diesem Bild verbinden, dann hat das ziemlich gute Gründe. Alle menschlichen Zivilisationen sind seit jeher mal Gefangene, mal Nutznießer ihrer geografischen Lage. Ihr Wohl und Wehe, ihre Wirtschaft und selbst die Herausbildung bestimmter kultureller Leitmotive hängen bis in das Mark von der Beschaffenheit ihrer Umgebung ab.
Ob ein Staat sich auf einer Insel befindet oder hoch in den Bergen gelegen ist, welche Rohstoffe ihrer Gesetzgebung unterworfen werden können oder wie und ob Handelswaren transportiert werden, sind nur die offensichtlichsten unter einer Vielzahl geografischer Faktoren.
Eiskalte Umkehrung der Realität
Auch im Zeitalter der Globalisierung und Digitalisierung sind diese Merkmale – Berge, Täler, Flüsse, Wüsten und Wälder – ebenso bedeutend wie schon vor Jahrhunderten. Es fällt den meisten Menschen nur schwer, das zu akzeptieren, da sie sich in ihrem Alltag in einer endlos abstrahierten Welt bewegen. Sie leben – zunächst – in einer bis zur Decke gefliesten, mit Silikon verdichteten, verkabelten, beheizten und mit dem Hochdruckreiniger abgespritzten Meta-Umgebung. Tagtäglich täuschen wir unser vor langer Zeit entstandenes Menschenhirn über die Natur dieser Arena, indem wir auf Dinge wie Uploadfilter, aus der Steckdose wie selbstverständlich fließenden Strom und auf die allerschrägsten moralisch-sittlichen Debatten zurückgreifen.
So kommt es, dass ausgerechnet Hinweise auf die ursprünglichen Zwänge der Geografie gesellschaftlich als Abstraktion wahrgenommen werden: eine eiskalte Umkehrung der Realität.

Im Teutoburger Wald besiegte Arminius Fürst der Cherusker die Römer. Der Wald wurde zum Symbol deutscher Resilienz und Souveränität.
Der moderne Mensch des politischen Westens realisiert selten, was die Grundlagen seiner bürgerlichen Existenz als mal unpolitischer, mal hyperpolitischer Konsument ist. Seltene Erden werden geschürft und in Mikrochips gepackt, ressourcenintensive Satelliten mit abertausenden Tonnen Treibstoff in die Erdumlaufbahn verfrachtet. Strom wird erzeugt, indem die Verbrennung irgendeiner mühsam gewonnenen Ressource eine Turbine antreibt – ob Uran, Öl oder Kohle – oder indem anderweitig, beispielsweise durch Wind oder Sonne, große Generatoren oder winzige Elektronen in Bewegung gesetzt werden. Fast immer ist bei Herstellung und Betrieb eine Menge Wasser im Spiel (beispielsweise, um Turbinen anzutreiben), in jedem Fall braucht es Leitungen, um den erzeugten Strom zum Bürger oder zu einem Unternehmen zu bringen. Entgegen den landläufigen Vorstellungen, dass das Internet sich irgendwie im Äther befindet oder gemäß dem Cloud-Begriff wie eine Wolke über unseren neunmalklugen Köpfen schwebt, ist sein Funktionieren – und damit auch die Verfügbarkeit von Dienstleistungen wie etwa an der Börse – abhängig von dicken Kabeln, die auf dem Meeresgrund liegen. Oder sehr dünnen Kabeln, die sich in den Wänden Ihrer Wohnung und unter dem Asphalt unserer Straßen befinden. Egal, woraus diese Wände oder diese Wege oder auch das Dach über unseren Köpfen gemacht ist, irgendwo müssen die dafür notwendigen Baustoffe auch gewonnen werden; von den Weideflächen, die wir für unsere Ernährung brauchen, gar nicht zu reden.
Dann wäre da noch das Wetter. Als wäre es nicht schwierig genug, zur Bewältigung von Bergen Tunnel und zur Überwindung der Wellen Schiffe erfinden zu müssen, haben es Menschen und Staaten mit Dingen wie dem Klima und Jahreszeiten zu tun. Was nützt einem eine Anbaufläche, wenn es im Sommer zu trocken oder der Boden ganzjährig gefroren ist? Was ein Hafen, wenn er das halbe Jahr über zufriert? Wie damit umgehen, dass im Winter die Sonne nicht genügend scheint, um eine Solarzelle zum Leben zu erwecken?
Das alles betrifft auch die Sicherheitsstrategie einer Nation
All das wäre schon Herausforderung genug, ohne dass Staaten und Zivilisationen auf diesem Planeten in Konkurrenz zueinanderstehen. Das betrifft nicht nur die Verfügbarkeit von Ressourcen, sondern auch die Sicherheitsstrategie einer Nation – bis hin zur operativen Kriegsführung. Eine Insellage bedeutet, über einen Wassergraben zu verfügen, ein aktiver Außenhandel heißt, Seewege sicher und frei halten zu müssen. Sandstürme verwandeln selbst die besten Satellitenbilder zu einem bösen Witz (Golfkriege), Sonnentage und wolkenlose Himmel ermöglichen den Einsatz zahlreicher Drohnen (Afghanistan). Schlammige, matschige Oberflächen lassen schwere Panzer schamhaft im Boden versinken, hart gefrorene Äcker hingegen ermöglichen ihnen, geradezu darüber hinwegzuschweben.

Bei wolkenlosem Himmel haben Drohnen die perfekte Einsatzbedingung.
Das gilt ebenso für die militärstrategische Ebene: Die Kontrolle über die Sinai-Halbinsel ermöglichte Israel bis zum Friedensschluss mit Ägypten etwas, das man „strategische Tiefe“ nennt und nicht mehr war als ein Frühwarnsystem, da eine potentielle ägyptische Invasion bis zum eigentlichen israelischen Staatsgebiet durch die Vergrößerung der Distanz schlichtweg länger dauerte. Die israelische Besatzung des Golan verunmöglicht es Syrien oder anderen Akteuren, von einem Hochplateau israelisches Kerngebiet unter Beschuss zu nehmen. Die osteuropäische Tiefenebene, ein flaches Terrain zwischen der Oder und Moskau, ermöglicht mechanisierten Kräften den Vorstoß in unglaublicher Geschwindigkeit in beide Richtungen, ebenso, wie der Rhein nach Westen hin eine schwer überwindbare natürliche Grenze darstellt und deshalb in Rom, Paris und Berlin historisch oft einen Zankapfel darstellte.
Sogar der Klimawandel selbst – schiffbare Wege in der Arktis, durch schmelzendes Eis erschließbare Ressourcen – birgt eine Vielzahl an Auswirkungen auf die Sicherheitsstrategie betroffener Staaten (siehe Grönland). Keine ernsthafte Analyse Syriens kommt aus, ohne in den durch die Trockenheit und Ernteausfälle in die Sozialsysteme der Städte strömenden Bauern einen zusätzlichen Auslöser des Bürgerkrieges zu sehen, oder in der vormaligen sowjetischen Marinebasis Tartus an der syrischen Küste einen Motivator hinter der damaligen russischen Intervention. Und so weiter.

Israelische Panzer besetzen die Sinai-Halbinsel nach dem ägyptischen Angriff im Sechs-Tage-Krieg.
Man könnte Bücher mit diesem Thema füllen, und brillante Autoren wie der Brite Tim Marshall haben das mit Erfolg getan. Wie bereits der Name verrät, bildet eine solide Erdkunde den Rahmen der Geopolitik, die mit ihrer militärischen und ökonomischen Strategie der rote Faden dieser Kolumne ist.
Jede Technologie ist immer nur die bestmögliche Anpassung an das Gelände, niemals dessen Unterwerfung. Transportflugzeuge haben auch heute noch dicke Propeller, wenn sie auf improvisierten Sandpisten landen sollen, damit die feinen Körnchen nicht in die hochmodernen Düsen gesaugt werden. Kampfjets, die auf den kurzen Landebahnen eines Flugzeugträgers starten sollen, müssen von vorneherein anders konstruiert werden, und eine militärische Nukleardoktrin ergibt ohne eine zivile Kernkraftnutzung schlichtweg keinen Sinn. Länder, die eine völlig unterschiedliche Geostrategie verfolgen, können daher selbst im besten Fall immer nur punktuell in der Rüstung kooperieren.
Geopolitisches Totalversagen – alles für den guten Zweck
So unvollständig die Zusammenfassung gewesen sein mag: Geografie und Wetter bilden eindeutig die unumstößliche Grundlage für jeden einzelnen Aspekt staatlichen strategischen Handelns.
Sie werden beim Lesen bereits gemerkt haben, wohin uns diese Analyse führt. Die politisch Verantwortlichen in Deutschland, unterstützt von einer Armee von öffentlich finanzierten Kultur- und Medienschaffenden sowie Akademikern, ignorieren diesen Umstand nicht nur. Sondern sie verfolgen geradezu hartnäckig eine gegenteilige Anti-Strategie, die das Land nachweislich, unverbesserlich und ohne Not in eine immer schlechter werdende Lage bringt.
Seinen Ursprung und erste Heimat hat das geopolitische Totalversagen im grünen Milieu, ist aber schon seit Jahrzehnten nicht mehr auf die Partei und ihre Anhänger beschränkt. Das ist, nur eine Randbemerkung, schon deshalb ein Stirnrunzeln wert, da es ja die Grünen sind, die die quasireligiöse Verklärung des Planeten als antropomorphe „Mutter Erde“ in die Mitte der Gesellschaft gezerrt haben. Doch es sind auch große Teile der anderen Parteien und der sogenannten sozialen Eliten, die sich in diesem Denken behaglich eingerichtet haben.
Beinah jede größere strategische Fehlentscheidung der letzten Jahrzehnte lässt sich auf die geradezu kokette Etablierung einer Gegenrealität zurückführen, die von dem Globus, den es vornehmlich zu retten gilt, Nullkommanichts wissen will. Die ruinöse Wirtschaftspolitik und eine zwischen Verzwergung und Größenwahn pendelnde Verteidigungspolitik ist ein furchtbarer Krampf, der in geschlossenen Räumen ersonnen wurde und nicht einmal dort funktioniert. Anstatt auf Diversifizierung in der Energiegewinnung zu setzen, steigt Deutschland in der denkbar schlechtesten Reihenfolge aus sämtlichen Stromerzeugungsformen aus.
Die Folge sind eine drastische Verschlechterung der Standortbedingungen für die Industrie sowie wachsende und erratisch wechselnde Abhängigkeiten von anderen Staaten. Infrastrukturprojekte werden durch kleinteilige Bürokratie und irrsinnige Auflagen dramatisch verzögert und verteuert. Der Schutz der global operierenden deutschen Handelsflotte, die siebtgrößte der Welt, wird bestenfalls verbündeten Staaten überlassen oder gleich dem lieben Gott. Für sehr viel Geld kauft Deutschland im Ausland alle Rohstoffe, die es selber nicht fördern kann oder will: Atomstrom aus Frankreich und Tschechien, Fracking-Gas aus den USA. Durch Klima-Entscheide verlieren Häfen wie Hamburg ihre Rolle an niederländische Konkurrenten, und was übrig ist, erfreut sich regelmäßiger Verkäufe an chinesische Investoren.

Durch Klima-Entscheide verlieren Häfen wie Hamburg ihre Rolle an niederländische Konkurrenten.
Für eine glaubwürdige Abschreckungspolitik gegenüber Russland fehlt es nicht nur an einer ausreichend großen Armee, sondern auch schlichtweg an einer guten Infrastruktur. Die Verlegung größerer NATO-Verbände über den Rhein droht an maroden Brücken zu scheitern, und das Schienennetz ist ausbaufähig. Noch immer verfügt die Bundeswehr nicht über die Fähigkeit, schwere Waffensysteme durch den Luftraum zu verlegen. Im Gerangel um den Zugang von Ressourcen fehlt es Deutschland inzwischen neben militärischer Hard Power auch zunehmend an ökonomischem Gewicht, dass es ersatzweise in die Waagschale werfen könnte. Die EU verhindert durch Umweltauflagen schon den Import für Hochrüstungstechnologie notwendige Rohstoffe, gefällt sich aber zunehmend in der Rolle des rhetorischen Anheizers gegenüber sämtlichen Weltmächten.
Sinn ergibt all dies eigentlich nur, wenn man ernsthaft der Überzeugung ist, dass die Rettung des Planeten nach einem deutschen Martyrium als Exempel verlangt. Dass man dabei auch „unsere Demokratie“ und den Sozialstaat in Bedrängnis bringt, scheint für den guten Zweck längst eingepreist. Das ist keine Strategie, sondern ein Kult.
Echte Geostrategie kennt die Realität
Echte Geostrategie funktioniert anders. Sie beugt sich über Landkarten, ja, aber sie kennt auch das Gelände. Sie kennt die Realität in den gasbefeuerten Hochöfen des Mittelstandes und weiß, welche Faktoren ein mögliches Schlachtfeld bestimmen. Sie verknüpft kleine Details auf beinahe nerdige Weise miteinander und entwirft dann eine globale Strategie, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Geopolitiker wissen: Niedrige Flusspegel bedeuten, dass Frachtschiffe nicht so schwer beladen werden können und dadurch der Preis für eine Tonne Kohle steigen kann. Geopolitiker statten die Bundeswehr so aus, dass sie nicht für Militärparaden oder Berichte aus dem Ministerium optimiert ist, sondern für den Kampf in einer erwartbaren Umgebung.
Vor allem aber haben geopolitisch denkende Leute in einer zunehmend rauen Welt einen entscheidenden Vorteil gegenüber denjenigen, die den Kopf in den Wolken tragen: Es gelingt ihnen besser, sich nüchtern in die Vorstellungswelt möglicher Widersacher und manchmal auch Verbündeter zu begeben. Auch dieses Talent muss man in den Reihen der Verantwortlichen mit der Lupe suchen. Das ständige Moralisieren kaschiert dabei immer weniger, dass es für die Stabilisierung von Wirtschaft und Sicherheit schlicht und ergreifend keinen Plan gibt. Anstatt durch Wachstum und Schlagkräftigkeit das Land zu konsolidieren, sollen es sich die Bürger irgendwo zwischen Degrowth und wachsender Bedrohungslage gemütlich machen.
Nun kommt also der Winter
Die auf der Internetseite der Bundesnetzagentur ausgewiesenen Gasspeicherfüllstände sind auf einem absoluten Tiefstand, viel niedriger als zu Beginn des Ukraine-Krieges. Die Versorgung durch Gas ist zwar gewährleistet – mittlerweile sind die Gasspeicher weniger wichtig als die LNG-Terminals, in denen kurzfristig per Schiff Gas importiert wird. Doch es ist auch teurer. Gas- und Netzpreise beginnen bereits rasant zu steigen, was für die schrumpfende Industrie eine weitere Belastung darstellt und zu einem erwartbaren Stellenabbau nach dem Winter beitragen wird. Soviel auch zum „Herbst der Reformen“.
Für die Ukraine bedeutet der anstehende Winter eine weitere Belastungsprobe für die zivile Bevölkerung und das lokale Krisenmanagement unter Kriegsbedingungen. Es ist zu erwarten, dass Russland seinen inkrementellen Vormarsch durch mutwillige Zerstörung ziviler Infrastruktur unterstützen wird, um die Moral der Ukrainer zu zerreiben. Dies fällt mit einer andauernden Wehrpflichtkrise und einem akuten Personalmangel der ukrainischen Armee zusammen. Im Clausewitz’schen Sinne – Das Ziel des Krieges ist, dem Gegenüber den eigenen Willen aufzuzwingen – nähert sich der Kreml, wenn auch schleppend, einem Sieg.

Es ist zu erwarten, dass Russland seinen inkrementellen Vormarsch durch mutwillige Zerstörung ziviler Infrastruktur unterstützen wird, um die Moral der Ukrainer zu zerreiben.
Die Parole „Winter is coming“ stammt aus der erfolgreich verfilmten „Game of Thrones“-Buchreihe des Autors George R.R. Martin. Passenderweise gibt es nirgendwo sonst in der Popkultur ein anschaulicheres Nebeneinander von Politik und Geografie als in dieser Serie: Mit dem nahenden Winter kommen auf die Königreiche der Fantasy-Reihe auch interne und externe militärische Bedrohungen zu. Die böse Königin muss sich bei der Zentralbank Geld leihen, um Söldner zu bezahlen; es gibt kriegsentscheidende Wunderwaffen (Drachen) und allerhand Palastintrigen.
Professor Carlo Masala, regelmäßig falsch liegender und außerdem ungedienter Militärexperte im Öffentlich-Rechtlichen, hat sich sogar eine Figur aus „Game of Thrones“ zum Twitter-Profilbild gewählt. Bei der Bevölkerung war die Fantasy-Serie ein durchschlagender Erfolg, wohl nicht zuletzt deshalb, weil Autor Martin reale Ereignisse aus der (überwiegend englischen) Geschichte zusammengekratzt und mit ein paar Fabelwesen garniert hat.
Im Fernsehen folgen die Leute also mit Faszination und Freude einem durchaus komplexen geopolitischen Drehbuch, doch in der realen Welt fordert sie ihre eigene Regierung noch immer nicht entschlossen zum Handeln auf. Noch ist der bequeme und weltfremde Alltag der Menschen zu selbstverständlich, immer noch suggerieren Medien und Parteien den Bürgern, dass ihr Alltagsleben hinter einer Mauer von Konsum und Hypermoral unverwundbar ist.
Muss es wirklich erst schlimmer werden, damit es besser werden kann? Nehmen wir uns Globus, Kompass, Karte und gehen mal wieder ins Gelände ...
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