Der Staat der Kartelle: Wie Mexiko nach El Menchos Tod in sein Schattenreich blickt
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Felix PerrefortDer Tod von El Mencho, Boss eines der gefürchtetsten Kartelle Mexikos, erschüttert das Land auf der Machtebene. NIUS erklärt, wie Kartelle als Parallelstaat agieren, warum der Staat trotz des Erfolgs weiter vor einem offenen Krieg steht – und was das mit der US-Außenpolitik zu tun hat.
Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, als am frühen Morgen des 22. Februar schwer bewaffnete Spezialeinheiten auf ein Anwesen bei Tapalpa im Bundesstaat Jalisco vorrücken. Die Kleinstadt schläft noch – ruhige Straßen, Bergluft, kaum Bewegung. Niemand ahnt, dass hier in wenigen Minuten eine der längsten Jagden Mexikos enden wird. Der Mann, den sie suchen, erkennt die Gefahr sofort.
Nemesio Oseguera Cervantes, genannt „El Mencho“, versucht mit mehreren Leibwächtern zu entkommen. Der Wald ist dicht, das Gelände zerklüftet. Als die Soldaten näherkommen, eröffnet seine Eskorte das Feuer. Sekunden später antworten die Spezialkräfte. Schüsse hallen durch die Berge von Jalisco. Bei dem Gefecht kommen auch schwere Waffen zum Einsatz. El Mencho wird schwer getroffen und erliegt auf dem Weg nach Mexiko-Stadt seinen Verletzungen – einer der meistgesuchten Drogenbosse der Welt ist tot.

Tapalpa ist die Stadt, in deren Nähe der mächtigste Drogenboss der westlichen Hemisphäre sein Ende fand.
Es ist eine Geschichte, die beinahe zu perfekt wirkt, um wahr zu sein: Nach Behördenangaben soll ausgerechnet eine überwachte romantische Kontaktperson den Ermittlern den entscheidenden Hinweis auf sein Versteck geliefert haben. Nachrichtendienste verfolgten Bewegungen im Umfeld des Kartellchefs, bis sich der Kreis bei Tapalpa schloss. Die Identität der Frau wurde offiziell nicht bestätigt.
Jahrelang entkam El Mencho dem Staat. Am Ende waren es nicht allein Feuerkraft und sicherheitspolitische Entschlossenheit, die ihn zu Fall brachten, sondern menschliche Nähe – ein Faktor, der in der Welt der Kartelle selten geworden ist. Doch sein Tod war nur der Auftakt.
Der Parallelstaat
Noch am selben Tag zeigte sich, welche Macht hinter dem Mann stand. Innerhalb weniger Stunden errichtete das Kartell Jalisco Nueva Generación Dutzende Straßensperren in mehreren Bundesstaaten des Landes. Busse brannten, Straßen wurden blockiert, Geschäfte angegriffen, Schulen geschlossen. Manche Aktionen fanden hunderte Kilometer vom Ort seines Todes entfernt statt. Das Kartell demonstrierte damit, dass es landesweit reagieren und den Alltag eines ganzen Landes stören kann. Während der Staat den Erfolg seiner Operation verkündete, zeigte das Kartell die Reichweite seiner Macht.
Das in Europa verbreitete Bild des Drogendealers als Randfigur greift hier nicht. In Mexiko sind Kartelle staatsähnliche Gebilde. Sie kontrollieren Territorien, organisieren Logistik, erzwingen Loyalität und verfügen über klare Befehlsketten. In manchen Regionen sind sie sichtbarer als staatliche Institutionen.
In sozialen Netzwerken kursiert ein Video, das schwer bewaffnete Kartellmitglieder wie militärische Einheiten zeigt. Auch wenn die Aufnahmen älter sind, vermitteln sie einen Eindruck davon, wie furchterregend diese Organisationen auftreten.
Wirtschaft unter Kartellherrschaft
Die Macht der Kartelle zeigt sich nicht nur in Gewalt, sondern im Alltag der Wirtschaft. In vielen Regionen Mexikos haben Unternehmen gelernt, mit der Realität zu leben. Wer produzieren, transportieren oder investieren will, kommt häufig nicht um Absprachen mit kriminellen Gruppen herum. Besonders für den Bergbausektor berichten Experten, dass Firmen faktisch gezwungen sind, Schutzgeld zu zahlen, um überhaupt operieren zu können. Für manche Unternehmen ist diese Abgabe kalkulierbarer als offener Widerstand. Das organisierte Verbrechen übernimmt damit eine Rolle, die eigentlich dem Staat zukommt: Es bestimmt die grundsätzlichen Regeln.
So entsteht faktisch eine parallele Wirtschaftsordnung. Lieferketten geraten unter Kontrolle, lokale Märkte werden beeinflusst, legale und illegale Strukturen gehen ineinander über. Die spektakuläre Gewalt ist nur die sichtbare Oberfläche – darunter existiert ein stabiles, funktionierendes „Gesellschaftssystem“. Gerade das macht Kartelle so widerstandsfähig.
Eine Gewaltmaschinerie
Der Tod El Menchos führte die Brutalität dieser Ordnung erneut vor Augen. Die höchsten Opferzahlen entstanden nicht während der eigentlichen Operation, seiner Festsetzung, sondern in den Stunden danach. Sicherheitskräfte und Kartellmitglieder lieferten sich Gefechte in mehreren Regionen. Je nach Behördenangaben starben mindestens mehrere Dutzend Menschen, teils ist von über 70 Toten die Rede – darunter auch Zivilisten.
Seit Beginn des mexikanischen Drogenkriegs im Jahr 2006 wurden nach Schätzungen hunderttausende Menschen getötet; häufig ist von 350.000 bis 400.000 Opfern die Rede. Als vermisst gelten nach offiziellen Angaben inzwischen weit über 100.000 Menschen. Ganze Regionen leben in einem Dauerzustand zwischen Staat und organisiertem Verbrechen – ein Krieg ohne klare Frontlinie.
Besonders erschütternd ist das Rekrutierungssystem der Kartelle. Minderjährige werden in großem Umfang angeworben oder unter Druck gesetzt. Für viele Jugendliche in armen Regionen sind Kartelle Arbeitgeber, Schutzmacht und soziale Ordnung zugleich. Gewalt reproduziert sich so immer wieder neu.
Das Lager – Blick ins Innere
Wie dieses System funktioniert, zeigt sich an Orten, von denen man wünschte, sie gäbe es nur in Horrorfilmen. Mütter von Vermissten entdeckten im vergangenen Jahr ein Gelände, das nach Ermittlungen eigentlich hätte gesichert sein müssen. Stattdessen fanden sie offene Zugänge und Spuren brutalster Gewalt.

Sie war ein Ort des Grauens: Die Izaguirre-Ranch liegt in der Gemeinde La Estanzuela bei Teuchitlán im mexikanischen Bundesstaat Jalisco.
Die Frauen stießen auf Kleidung, Abschiedsbriefe, persönliche Gegenstände, verkohlte Knochenreste, unterirdische Verbrennungsöfen. Der Tagesspiegel berichtet über das Lager Unvorstellbares: „Dort wollte das Kartell sie zu Killern ausbilden: Mit Folter in Form von Schlägen und Amputationen sollten sie desensibilisiert werden. Die Entführten mussten Mitgefangene vergewaltigen und Gladiatorenkämpfe absolvieren, in denen es um Leben oder Tod ging. Wer nicht überlebte, wurde in den Krematorien verbrannt und begraben.“
Es nimmt nicht wunder, dass amerikanische Politiker zunehmend von Terrorismus sprechen, wenn sie über diese Organisationen reden.

Nach der grausigen Entdeckung des Folterlagers trauern Mexikaner um die vielen Opfer.
„Abrazos, no balazos“ – finito?
Jahrelang setzte Mexiko auf die Formel „Abrazos, no balazos“ – „Umarmungen statt Kugeln“. Sozialprogramme sollten die Ursachen der Gewalt bekämpfen und die Rekrutierungsbasis der Kartelle austrocknen. Die Strategie blieb umstritten. Während Kritiker darin Nachgiebigkeit sehen, warnen Befürworter davor, dass militärische Konfrontation die Gewalt nur verschärfen könne.
Bereits lange vor dem Tod El Menchos deutete sich jedoch ein Kurswechsel an. Die Regierung unter Präsidentin Claudia Sheinbaum setzte stärker auf Operationen, Festnahmen und Beschlagnahmungen. Der Staat versucht sichtbar, Autorität zurückzugewinnen. Doch dieser Wandel vollzieht sich nicht allein aus innerer Überzeugung.
Druck und Hilfe aus den USA
Im Nachbarland hat sich seit dem Regierungswechsel auch in Sachen Mexikopolitik einiges verändert. Erst im September traf US-Außenminister Marco Rubio in Mexiko-Stadt seinen Amtskollegen Juan Ramón de la Fuente, um über die Bekämpfung der Kartelle und eine engere Zusammenarbeit bei der Grenzsicherung zu beraten. Rubio sprach davon, dass sie „operative Kontrolle über große Gebiete“ ausüben; eine Formulierung, wie sie normalerweise militärischen Konflikten vorbehalten ist.

US-Außenminister Marco Rubio spricht während einer Pressekonferenz mit Mexikos Außenminister.
So drängt Rubio auch darauf, Kartelle als Terrororganisationen einzustufen. Eine solche Entscheidung hätte weitreichende politische Folgen, nämlich die Möglichkeit von Militäroperationen, und würde den Druck auf Mexiko weiter erhöhen. Gleichzeitig betont er, dass der ideale Weg in der Zusammenarbeit mit mexikanischen Behörden liege.
Die Vereinigten Staaten betrachten Mexiko als innenpolitisches Problem: Kokain, Heroin, Crystal Meth und Fentanyl gelangen über das El-Mencho-Kartell in die Vereinigten Staaten. Doch Drogen sind nur ein Baustein eines weitverzweigten kriminellen Imperiums. Menschen- und Waffenhandel, Entführungen und Geldwäsche erweitern das kriminelle Angebot. El Mencho soll dabei ein Vermögen in Milliardenhöhe angehäuft haben.
Offiziell betont Mexiko seine Souveränität. Praktisch jedoch wächst der Einfluss der USA. Die Operation gegen El Mencho, unterstützt durch amerikanische Informationen, ist Ausdruck dieser neuen Realität; einer Realität, die hoffen lässt.
Ein Sieg ohne Ende
Der Tod El Menchos ist ein bedeutender Erfolg für den mexikanischen Staat. Einer der gefährlichsten Männer der Welt wurde aufgespürt und getötet. Doch die schnelle und koordinierte Reaktion seines Kartells zeigte zugleich, wie tief das System verankert ist. Mexiko blickt nach diesem Ereignis nicht nur auf das Ende eines mächtigen Drogenbosses, sondern auf ein Schattenreich, das sich über Jahre neben dem Staat entwickelt hat – mit eigener Wirtschaft, eigener Ordnung und einem Sumpf aus Gewalt.
Der Staat hat eine wichtige Schlacht gewonnen. Ob er den Krieg gewinnt, bleibt offen. Viel wird davon abhängen, wie eng und erfolgreich die Zusammenarbeit mit den USA verläuft. Im Kampf gegen die Kartelle steht Mexiko jedenfalls nicht allein. Auf amerikanische Rückendeckung kann es zählen.
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