Oliver Bierhoff im Stern-Interview: „Die Welt wundert sich über uns Deutsche, weil wir glauben, alle belehren zu müssen”
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Oliver Bierhoff schoss das Golden Goal zur Europameisterschaft 1996. Er war Manager der deutschen Nationalmannschaft, holte mit ihr den Weltmeistertitel 2014 und saß im Präsidium des Deutschen Fußball-Bundes. Im Stern-Interview spricht der 58-Jährige über sein aktuelles Verhältnis zum DFB.
„Zu einigen meiner früheren Mitarbeiter habe ich noch immer einen engen Kontakt. Und was die Nationalmannschaft betrifft: Ich bin interessierter Beobachter.“
Spätestens mit dem ideologisch aufgeladenen Auftritt der Nationalelf bei der WM in Katar 2022 wurde Funktionär Bierhoff zur Reizfigur. Nachdem die FIFA verboten hatte, in dem muslimischen Land die „One-Love“-Armbinde zu tragen, hielten sich die Spieler beim Fototermin den Mund zu.

Mit dieser Geste sorgte die Nationalmannschaft für Hohn und Spott bei internationalen Medien.
Deutschland scheiterte in der Gruppenphase, Bierhoff trat zurück.
Auch die WM 2026 wird überschattet von politischen Themen, vor allem vom Irankrieg. Dennoch spricht sich Bierhoff im Stern gegen eine Moraldebatte aus:
„Die Spieler müssen geschützt werden. Sie dürfen sich nicht treiben lassen. Man sollte ihnen sagen: Lasst die Medien meckern und konzentriert euch auf den Sport.“

Im Stern-Interview spricht sich Oliver Bierhoff gegen eine Moraldebatte vor der Fußball-WM aus.
Das wäre auch 2022 ein guter Weg gewesen. Stattdessen gingen Bilder der moralisierenden Deutschen um die Welt – nicht zuletzt dank der Armbinde tragenden damaligen Innenministerin Nancy Faeser. Die Geste der Spieler bewertet Bierhoff im Interview rückblickend kritisch.
„Die Idee kam aus der Mannschaft. Einige Spieler hatte die Debatte sehr beschäftigt, sie wollten eine Reaktion zeigen. Heute denke ich: Man muss sehr gut überlegen, ob man sich als Team bei einem Turnier politisch positioniert.“

Beim Auftaktspiel der deutschen Fußballnationalmannschaft gegen Japan trug die damalige Bundesinnenministerin Nancy Faeser die von der Fifa auf dem Platz verbotene „One Love“-Binde.
Welche Rolle spielte Bierhoff beim Armbinden-Skandal?
Viele Fußballfans warfen dem damaligen DFB-Funktionär vor, die Aktion vorangetrieben oder zumindest zugelassen zu haben. Dazu Bierhoff:
„Damals hätte ich mir gewünscht, dass sich das Präsidium des Verbandes klarer zu Katar äußern und vor die Mannschaft stellen würde. Stattdessen hatte ich das Gefühl, dass man sich eher hinter der Mannschaft und mir versteckt. Die Spieler sollten sich aber nicht verpflichtet fühlen, etwas zu sagen. Das zu verlangen, halte ich für überzogen und unangebracht. Im Übrigen: Die Welt wundert sich über uns Deutsche, weil wir glauben, alle belehren zu müssen.“
Einen Monat vor der WM in den USA, Kanada und Mexiko geht es in manchen Medien vorrangig um die Frage: Kann man an diesem Wettbewerb überhaupt teilnehmen? Dazu Bierhoff:
„Ich finde die meisten Diskussionen verlogen. Robert Habeck hat als damaliger Wirtschaftsminister einen Kniefall vor dem Emir von Katar gemacht, weil er dessen Flüssiggas kaufen wollte. Bei Habeck hat es keinen Aufschrei gegeben, da spielten Menschenrechtsverletzungen keine Rolle. Wir brauchten eben dringend Energie aus Katar. Unsere Nationalspieler dagegen sollten sich rechtfertigen, weil sie an der WM dort teilnehmen? Ernsthaft? Jetzt geht eine ähnliche Debatte los, jetzt stören wir uns an den USA.“

Oliver Bierhoff bestritt 70 Spiele für die deutsche Nationalmannschaft.
Nein zum Turnierboykott
Und Bierhoff wird noch deutlicher:
„Ich halte generell nichts von einem Turnierboykott. Lasst die Fußballer ihren Sport in Wettkämpfen ausüben, für die sie 365 Tage im Jahr hart arbeiten.“
Millionen Fans freuen sich auf das Fußballfest vom 11. Juni bis zum 19. Juli. Dennoch wird in vielen Medien die Debatte geführt, wie man mit dem Mit-Gastgeber USA umzugehen habe. Dazu Bierhoff:
„Es gibt enge wirtschaftliche Verbindungen zu den Vereinigten Staaten und unsere Regierung ist weiterhin um gute Beziehungen bemüht. Warum sollte ausgerechnet die Nationalmannschaft eine andere Haltung einnehmen?“
Dass US-Präsident Donald Trump die WM als Bühne für eigene Zwecke missbrauchen könnte, ist nicht abwegig. Dennoch besteht Oliver Bierhoff auf einer gewissen Neutralität:
„Daran wird der kritische Kommentar eines einzelnen Fußballers nichts ändern. Der DFB sollte einmal Position beziehen und dann deutlich machen: Lasst die Mannschaft in Ruhe! Tragt eure Moraldebatten gerne aus, aber nicht auf dem Rücken der Spieler.“
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