Kapuzinermönch flüchtete vor dem Windrad-Wahn im Sauerland: „Wenn Politik und Lobbyismus sich verbinden, geht es gegen den Bürger“
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Eric SteinbergKapuzinerbruder Joachim Wrede ist eigentlich gebürtiger Sauerländer, hat seine Heimat jedoch vor kurzer Zeit verlassen – weil er den Ausbau der Windenergie in der Region nicht miterleben möchte. In seiner neuen Heimat, dem Kloster in Münster, erzählt er, warum ihm vor allem die Eingriffe in die Natur ein Dorn im Auge sind.
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Wir sind hier im Kapuzinerkloster Münster zusammengekommen. Warum nicht mehr im Sauerland?
Wrede: Ich habe Jahre in Schliprüthen im Sauerland zwischen Eslohe und Finnentrop verbracht. Dort habe ich kontemplativ eremitisch leben können – auf meinen eigenen Wunsch hin –, weil mir das persönlich liegt und weil ich meine, da ist eine Dimension zu entdecken, die uns in Kirche und Gesellschaft verloren gegangen ist. Aus der Stille, aus einem tieferen Grund, aus religiöser Innenerfahrung heraus zu leben.
Und diese Ruhe, die Sie jetzt gerade beschrieben haben, die wurde dann gestört. Richtig?
Wrede: Ja, die Ruhe wurde gestört. Ich meine, ich habe mich jahrelang dagegen verwahrt, dass Windräder errichtet werden. Nicht nur da am Ort, sondern insgesamt, weil das Sauerland eine Region ist, die noch große zusammenhängende Waldgebiete hat, die zerstückelt und zerstört würden durch Windindustrieanlagen. Dann habe ich mir gesagt: Jetzt geht es hier nicht mehr. Ich habe dann meinen Amtsoberen gebeten, mich zu versetzen.
Was stört Sie denn konkret an den Windanlagen?
Wrede: Es ist der Eingriff in die Natur, und der Mensch lebt in der Natur. Wir sind Teil der Natur. Das haben wir vergessen. Wenn dann der Infraschall, der hörbare Schall, auch noch mit dazu kommt, dann bringt das die ganze Gegend in Unruhe. Und die Tierwelt spürt das am ehesten, denn Infraschall ist für alle Tiere spürbar.
In Ostwestfalen war ich davon selbst betroffen. Ich habe versucht, das bei Ärzten zu melden. Dann wurde gesagt: „Da wissen wir jetzt erst mal keinen Rat drauf.“ Aber das ist jetzt schon Jahre her. Danach sagte mir jemand: Sie sind sensibel für Infraschall, 10 bis 30 Prozent der Bevölkerung sind das. Die spüren es sehr stark und die anderen spüren es nicht. Ob es dennoch auch mit ihnen etwas macht, ist eine andere Sache, aber das Spüren liegt halt nur bei diesen 10 bis 30 Prozent.
Ein Professor aus Bielefeld hat erforscht, was das mit dem Menschen und mit der Umwelt macht. Und der sagte mir: „Ja, da werden Sie sich nicht dran gewöhnen, da gibt es nur eines: Flucht.“ Dann habe ich nach Monaten diesen ersten Ort in Ostwestfalen verlassen. Aber es geht nicht nur um mich, und es geht nicht nur um Infraschall. Es geht um die Zerstörung unserer letzten Naturlandschaften, den Raubbau, der einfach kein Ende nehmen will. Und das ist ein Problem unserer Gesellschaft.
Ich würde gleich gerne noch mal auf diese Umweltzerstörung eingehen. Vorher aber noch einmal zum Infraschall: Wie haben Sie sich damals gefühlt?
Wrede: Ich hatte so eine Art Beklemmung in der Nacht und bin ein Stück gegangen. Und dann spürte ich plötzlich einen schwankenden Gang, so als wenn ich einen getrunken hätte am Vorabend. Zusätzlich hatte ich Druck auf den Schläfen. Und dann habe ich gedacht: Halt, da will sich ein Tinnitus entwickeln. Dann bin ich richtig aufmerksam geworden.
Waren das Anlagen, die in Ihrer unmittelbaren Nähe standen? Wie hat sich das ausgestaltet?
Wrede: Das waren sieben Anlagen in tausend Metern Entfernung – zu dieser Zeit noch gar nicht so groß wie die Anlagen, die jetzt im Sauerland geplant sind, denn die werden 240 Meter hoch samt Flügeln.
Und dann haben Sie sich das Sauerland ausgewählt, weil es da eben solche Pläne noch nicht gab?
Wrede: Es ging eher um die Frage: Wo findet man eine Einsiedelei? Das ist natürlich nicht so einfach. Ein Ort, der sehr still ist, der sehr ruhig ist. Da dachte ich, das ist ein guter Ort. Außerdem gab es die Möglichkeit, eine Anfrage an die Pfarrei zu stellen, denn ich hatte gehört, dass in dem alten Pastorat dieses Ortes im Moment niemand ernsthaft wohnen würde. Und weil es ein wirklich abgelegener Ort ist, erschien mir der gut.
Natur spielt für Sie in dieser unmittelbaren Umgebung eine große Rolle, nehme ich an.
Wrede: Unbedingt. Natur ist etwas, das einen zur Ruhe bringt, Impulse gibt und ein Gefühl des Einsseins mit dem großen Ganzen nahelegt. Und das ist letztlich der mystische Weg. Der kontemplative Weg läuft auf diese Einheitserfahrung hinaus. Das Einssein mit allem, mit dem Göttlichen, mit der Natur, mit sich selbst.
Sie sind jetzt geflüchtet. Aber ich denke, für viele andere, die dort im Sauerland leben, ist es nicht so einfach. Wie haben die darauf reagiert, dass diese Windenergieanlagen geplant sind und Sie den Ort deshalb verlassen?
Wrede: Ja, das ist natürlich ein geschicktes Taktieren von Politik in Verbindung mit Lobbyismus. Und wenn Politik und Lobbyismus sich verbinden, dann geht es gegen den Bürger. Es geht gegen die Natur. Dann ist es schwierig für die Leute, sich zu positionieren, ihre Meinung auch deutlich kundzutun, nicht sofort untergebügelt zu werden, nicht in die Enge getrieben zu werden. Und das alles ist geschehen. Das sind Machenschaften, die einen wirklich auf die Palme bringen, wenn man das jahrelang verfolgt hat. Plötzlich steht der Einzelne, der am Anfang gesagt hat „nein, das geht unter keinen Umständen“, allein da und muss sagen, dass er sich nicht weiter wehren kann. Man ist dann ausgesetzt und ausgeliefert.
Das wird auf Dauer auch Schäden in der Politik und in der Gesellschaft hinterlassen. Denn der Bürger spürt nicht mehr, dass er die Gesellschaft in die Zukunft bringt, sondern dass er einfach nur schlucken muss, was angeboten wird. Und da muss ich etwas tun. Im Moment sehe ich auch keine Partei, die da wirklich helfen könnte. Der wache Bürger ist über den Tisch gezogen worden.
Große Ortsversammlungen, bei denen das Thema besprochen worden wäre, gab es gar nicht?
Wrede: Doch, es gab auch Bürgerinitiativen, ein Nachbarort ist sehr aktiv gewesen. Aber die wurden natürlich auch mit der Zeit bearbeitet. Steter Tropfen höhlt den Stein. Man hat sich Zeit gelassen und die Gruppen gefügig gemacht innerhalb der Bürgerschaft. Da ist ziemlich viel Leidvolles geschehen. Eine Person aus Ostwestfalen, verheiratet mit einem Juristen, sagte mir schon vor Jahren frank und frei: „Die Sache mit der Windkraft-Lobby hat mafiöse Strukturen angenommen.“
Wir haben nun schon einige Male das Thema Naturschutz angesprochen. Ihnen liegt dabei vor allem der Wald am Herzen. Naturschützer, etwa auf grüner Seite, würden jedoch wahrscheinlich einwenden, dass der Ausbau Teil eines übergeordneten Projekts ist und dem Umweltschutz in ganz Deutschland dient. Was würden Sie dem entgegenhalten?
Wrede: Ja, da muss man ganz einfach Reinhold Messner zitieren: „Das, was sie schützen wollen, das zerstören sie“, die Natur. Also, ich verstehe nicht, wie Kopfwäsche in der Beziehung gelingen kann. Aber offensichtlich geht das.
Hat man denn andere Möglichkeiten?
Wrede: Ja, man müsste andere Möglichkeiten suchen. Das kann ich natürlich auch nicht ganz so einfach sagen. Erneuerbare Energien sind natürlich schon ein Thema, das man aufgreifen muss und das wichtig ist, aber nicht unter diesen Umständen und auf diese Art und Weise.
Wie beurteilen Sie denn dann die Zusammenarbeit beider Kirchen in Deutschland mit Akteuren wie Luisa Neubauer, die genau dieses Vorhaben vorantreiben?
Wrede: Es gibt natürlich eine gewisse Pluralität, auch in den Kirchen. Auch innerhalb der Kirche kommt es zu Kopfwäsche. Wir sind nicht von vornherein so einheitlich in unserer Denkweise, sondern lassen uns auch den Kopf waschen von Kräften, die uns nahe stehen. Und diese Pluralität ist auch gar nicht so verkehrt: So einlinig zu marschieren, ist meist gar nicht so gut. Es ist gut, dass es Links und Rechts gibt und es vielfältig ist. Das macht auch Kirche aus, die Vielfältigkeit. Aber in dieser Beziehung ist es für mich fast nicht einzusehen.
Den Verlauf dieser großen Fragen, die Sie jetzt gerade angesprochen haben, können wir wahrscheinlich heute nicht mehr besprechen. Aber ich würde gerne wissen: Wie geht es mit Ihnen persönlich weiter?
Wrede: Ja, ich werde hier weiterleben, mein religiöses Leben führen, auch kontemplativ leben. Die Mitbrüder sind damit einverstanden. Ich werde hier auch Kurse zur Kontemplation, Meditation und Zenpraxis anbieten. Ich hoffe, dass ich dadurch auch einen Beitrag liefern kann zu einem vernünftigen Umgang mit Natur, mit allem.
Jetzt sind Sie ja aus Höxter geflüchtet. Sie sind aus dem Sauerland geflüchtet. Und Sie sind jetzt ausgerechnet in Münster gelandet, was ja auch umgeben ist von vielen Anlagen. Also, wie fühlen Sie sich jetzt hier überhaupt?
Wrede: Es geht nicht nur allein um mich, sondern es geht mir auch um die Natur. Aber ich kann hier im Moment nichts dran ändern. Die Verantwortlichen werden sich nicht bei mir melden. Ich werde natürlich schon für meine Position eintreten – da, wo es gelegen ist, und auch dort, wo es ungelegen ist. Denn ich sehe das als eine Sache, die so nicht möglich ist, die uns als Menschen nicht in die Zukunft führt und die die Natur nicht in ihrem üblichen Tempo schwingen lässt. Das ist eine Katastrophe, so sehe ich es jedenfalls.
Wie hat eigentlich der Orden reagiert?
Wrede: Ja, die Mitbrüder, die bekommen das zum Teil gar nicht so richtig mit und andere dann in gefilterter Form. Ich habe wenige Mitbrüder, die aus dem Sauerland kommen, die das vielleicht vor Ort auch schon seit Jahren zu Gesicht bekommen.
Aber ist da eher Verständnis für die Position? Oder sagt man, irgendwoher muss der Strom hier ja herkommen?
Wrede: Das ist oftmals die leichte Art und Weise, mit diesem Thema umzugehen. Aber es ist eine verantwortungslose Weise, mit diesem Thema umzugehen. Aber das gibt es durchaus. Der Einzelne fühlt sich noch nicht existenziell verantwortlich für die Zukunft. Wenn wir diese Mentalität weiter pflegen, dann wird das sicherlich kein gutes Ende nehmen. Da bin ich mir ziemlich klar. Das sehe ich nicht blauäugig, sondern das sehe ich schwarz.
Vielen Dank!
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