Die Opferhierarchie des Shitbürgertums: Zehntausende unbekannte Frauen erhalten weniger Solidarität als eine Prominente
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Heute muss ich leider eine meiner Grundregeln brechen. Nämlich die, mich nicht zu sogenannten Prominenten zu äußern, deren Namen ich bis zur Schlagzeile nie gehört habe. Es ist wie mit jeder guten Regel, irgendwann gibt es eine Ausnahme. Diese Ausnahme entsteht zwingend durch die an Verlogenheit und Heuchelei kaum zu überbietende, selektive Empörungsreaktion von Linken auf die Fernandes-Ulmen-Geschichte.
„Empört euch!“, rief Ricarda Lang den männlichen Zuschauern der Aktuellen Stunde des WDR zu. „Lasst Frauen nicht alleine mit diesem Thema. Hört nicht weg, wenn in der Sportumkleide blöde Witze über Frauen gemacht werden. Relativiert das nicht und schweigt nicht dazu. Der Kampf um eine Welt, in der Frauen sicher leben können – und zwar analog und digital –, das ist auch euer Kampf.“
Anlass der Empörung: Die Schauspielerin Collien Fernandes wirft ihrem Ex-Mann Christian Ulmen vor, jahrelang Fake-Profile in ihrem Namen betrieben, gefälschtes pornografisches Material von ihr verbreitet und zahlreiche Männer zu Sexgesprächen eingeladen zu haben – sie nennt das „virtuelle Vergewaltigung“. Ulmens Anwalt weist die Vorwürfe als „unwahre Tatsachen aufgrund einseitiger Schilderung“ zurück.
Der Fall ließe sich eigentlich mit einem Satz hinreichend kommentieren: Hoffentlich kommt schnell die ganze Wahrheit ans Licht und hoffentlich werden etwaige Täter rechtlich empfindlich bestraft.

Die Schauspielerin Collien Fernandes
Seit 2017 weit über 50.000 Sexualdelikte
Im Gesamtkontext der deutschen Realität und relativ zum Gesamtausmaß analoger Straftaten gegen die körperliche Selbstbestimmung von Frauen ist dieses Promi-Drama eine Randnotiz. Eigentlich, denn die Reaktionen darauf erwecken den Eindruck, als handele es sich um eine Staatsaffäre allererster Güte. Sie offenbaren eine Opferhierarchie-Logik des Shitbürgertums, die Frauen nur als politisches Instrument betrachtet und somit mit Füßen tritt.
In Deutschland sind laut einer Schätzung des Bundesfrauenministeriums etwa 80.000 Frauen und Mädchen von weiblicher Genitalverstümmelung betroffen. Über 40.000 Mädchen gelten als gefährdet. Noch nie wurde Claudia Roth deshalb in der Bild mit den Worten „Ich habe geweint, weil da so viel Schmerz war“ zitiert, dafür muss schon ein C-Promi-Drama daher. Seit 2017 gab es weit über 50.000 Sexualdelikte durch Asyl-Migranten. Dazu fällt dem Sänger Max Raabe allerdings nichts ein, während er im Fernandes-Fall einen „totale[n] Alptraum“ sieht, der ihm „das Blut in die Füße“ rutschen ließe. Jeden Tag geschehen in der Bundesrepublik zwei Gruppenvergewaltigungen. Für diese Opfer gibt es keine Demonstrationen am Brandenburger Tor mit Luisa Neubauer, keine Solidarisierungen von Joko Winterscheidt, Axel Schulz, Michael Mittermeier und sonstigen Fernsehclowns. Täglich verursachen Flüchtlinge 25 Sexualverbrechen. Die davon betroffenen Menschen bekommen von Palina Rojinski, Rebecca Mir und Kevin Kühnert natürlich keine „Du bist nicht alleine!“-Solidarität.
„Deutschland ist ein absolutes Täterparadies“, durfte Collien Fernandes als Teil eines langen Blocks in den Tagesthemen mitteilen. Ein Zitat, das absolut richtig ist. Die Strafen für Gewalttäter sind in Deutschland lachhaft. Seit Jahren kommen schwerste Verbrecher mit lächerlichen Strafen davon. Seit Jahren schweigt das linkskulturelle Milieu allerdings auch zu diesem Zustand und verunglimpft jeden, der darauf hinweist.

Die Demo am Sonntag
Wo waren diese Leute in all den Jahren?
Collien Fernandes’ Post auf Instagram, in dem sie die Bekämpfung sexueller Gewalt fordert, hat weit über 500.000 Likes gesammelt. Wo waren all diese Leute all diese Jahre? Wo waren sie erst neulich, als der vertuschte Vergewaltigungsfall in einem Berliner Jugendzentrum öffentlich wurde? Ich habe von der Moralelite nichts gehört. Ich höre von ihnen nichts zu täglichen Gruppenvergewaltigungen, zu zehntausendfachen Genitalverstümmelungen in Deutschland, zu zehntausenden Opfern von Sexualdelikten, zur massiven Überrepräsentation von Migranten aus dem arabischen und afrikanischen Raum in solchen Statistiken. Schweigen im Walde ist die Tagesordnung.
Ist eine prominente Frau als digitales Opfer beklagenswerter als zehntausende normale Frauen als reale Opfer? Legt man das Ausmaß der Empörung in öffentlich-rechtlichen und linkspolitischen Kreisen zugrunde, besteht die Antwort aus einem großgeschriebenen „Ja“ mit drei Ausrufezeichen.
Warum ist von Linken wenig bis gar nichts über derartige Statistiken und die ihnen zugehörigen Einzelfälle zu hören? Eine Antwort ist, dass sie sich nicht mit ihnen identifizieren können. Die meisten weiblichen Opfer von Migranten existieren außerhalb der Lebensrealität des linksgrünen Wohlstands-Bürgertums. Es sind Frauen, die nachts auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind, sich kein Taxi leisten können. Die nicht das Privileg haben, ihre Nachbarschaft so zu wählen, dass sie unter ihresgleichen bleiben. Es sind Töchter, die von ihren Eltern nicht auf Privatschulen oder zumindest öffentliche Schulen mit geringem Migrationsanteil geschickt werden. Sie haben nicht den Luxus der Reichweite, der Tausenden, Hunderttausenden und Millionen Follower, der Kontakte zu Journalisten und Politikern. Sie sind diejenigen, die zuerst die Fehler von Politikern ausbaden müssen, ohne öffentliche Stimme, ohne öffentlichen Rückhalt, ohne Zugang zu Top-Anwälten, ohne Einladung in Talkshows. Was Linke nicht im Fernsehen sehen oder in Zeitungen lesen, existiert für sie bestenfalls peripher.
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Gute Opfer, schlechte Opfer
Das zweite Motiv, zu schweigen, ist ein politisches. Der über allem stehende „Kampf gegen Rechts“ führt zu einer weitgehenden linken Selbstzensur. Die negativen Seiten der Migration aus frauenfeindlichen Kulturkreisen müssen verschwiegen oder relativiert werden. Der AfD und den Rechten dürfe nicht in die Karten gespielt werden. Wer über Probleme spreche, stärke die Populisten.
Das traurige Ergebnis: Wer in Deutschland vergewaltigt oder umgebracht wird, kann oft nur dann auf linke Solidarität hoffen, wenn er ein politisch korrektes Opfer ist, also vorzugsweise von einem weißen Mann angegriffen wurde. Die physisch Schwächsten der Gesellschaft sind die ersten Leidtragenden des politischen Antifa-Wahns.
20.000 verstümmelte Frauen und 30.000 vergewaltigte Frauen können zusammengenommen niemals so viel Solidarität und Aufmerksamkeit erhalten wie eine Collien Fernandes. Das ist nicht die Schuld der Schauspielerin, das ist die Schuld des Shitbürgertum-Systems, das reale, politisch unangenehme Probleme ignoriert und sich als Ausgleichshandlung hysterisch in moralisch ausschlachtbare Nebenkriegsschauplätze hineinsteigert – ohne dabei das Leben normaler Frauen zu verbessern.
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