Weil sie keine Hormone nimmt – alle stürzen sich auf Heidi Klum
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Was haben Lilly Becker, Schauspielerin Tina Ruland, Bestsellerautorin Ildikó von Kürthy, Janine Kunze und Moderatorin Marlene Lufen gemeinsam? Sie sprechen alle öffentlich über ihre Wechseljahre. RTL-Gesicht Katja Burkhard hat sogar ein Buch über das vermeintliche Tabu-Thema geschrieben, das eigentlich kein Tabu ist. Denn gefühlt reden aktuell alle darüber, und fast alle erwähnen die Hormonersatztherapie.

Viele deutsche Promifrauen zeigen sich überzeugt von der Hormonersatztherapie
Damit ähneln die Aussagen deutscher Promifrauen verdächtig denen vieler Hollywoodstars wie Naomi Watts oder Halle Berry. Sie berichten übereinstimmend von Symptomen wie Schlaflosigkeit, Hitzewallungen, Gelenkschmerzen, Gewichtszunahme – und Hormonen, die diese Beschwerden lindern könnten.

Janine Kunze spricht im Podcast "WechselWirkungPlausch" über die Hormonersatztherapie
Es scheint fast, als habe noch nie eine Frau diese (mitunter durchaus herausfordernde) Zeit ohne Pharmaindustrie überstanden. Immerhin ist Halle Berry ehrlich und sagt: „Ich nehme es seit fünf Jahren, und es hat nicht jedes Problem gelöst.“
Kritik an Klums Konzept
Die meisten anderen werben so begeistert, dass man fast geneigt wäre, dahinter eine Kampagne zu vermuten. Eine der wenigen, die nicht ins selbe Horn bläst, ist Heidi Klum. Und dafür wird die GNMT-Macherin jetzt angegangen.

Heidi Klum geht ihre Wechseljahre offenbar mit einer Portion gesunder Gelassenheit an
Die BUNTE fragt: „Reicht Heidi Klums Weg, mit den Wechseljahren umzugehen, wirklich aus?“ Auch andere Medien springen auf und erwähnen, dass Heidi KEINE Präparate gegen Wechseljahresbeschwerden nehme, so, als sei allein das schon erwähnenswert. Die 52-Jährige hatte vor kurzem in einer Instagram-Fragerunde verraten, wie sie mit dieser Phase umgeht:
„Das Einzige, was ich tue, ist positiv mit meinem Körper umgehen. Ich habe vier Kinder zur Welt gebracht, gestillt. Ich versuche einfach: gesund essen, viel kochen, Wasser trinken, schlafen, arbeiten. Vielleicht sollte ich irgendwas nehmen, aber mache ich nicht wirklich, noch nicht, nie.“
Sofort war die Aufregung im Netz groß. Dass sie sagte, sie sei heute einfach dicker als früher und gefalle sich damit, ging selbst bei vielen Body-Positivity-Jüngerinnen unter. Die Klum nimmt nix. Das blieb hängen. Und das hörten 12,7 Millionen Follower.
Die BUNTE fragt: „Doch reicht das wirklich aus, um diese Lebensphase gut zu meistern? Wie effektiv ist Heidis Ansatz, und welche weiteren Möglichkeiten haben Frauen, die mit Beschwerden kämpfen?“ Ein (männlicher) Gynäkologe empfiehlt daraufhin weitere Möglichkeiten, Achtung: Hormontherapie, neben pflanzlichen Mitteln und Methoden wie Akupunktur.
Schon 2024 hatten sich Magazine auf Heidi gestürzt, weil sie sagte, sie warte noch auf die Wechseljahre. Darauf klugscheißerte die Frauenzeitschrift BRIGITTE: „Sorry, Du bist schon drin!“
Was ist mit „My body my choice?“
Warum darf eine Frau Anfang 50 nicht selbst darüber bestimmen, was sie mit ihrem Körper anstellt? Jahrzehntelang galt die Anti-Baby-Pille als alternativlos, sicher und verträglich. Heute weiß man über viele dieser Präparate mehr. Aber wenn ein Pharma-Produkt so massiv gefeiert wird, dann darf man als Konsumentin hellhörig werden. Zumal wenn dieselben Werbeträgerinnen sonst gerne „My Body my choice“ rufen.
Als Heidi vergangenen Sommer zusammen mit ihrem Ehemann Tom Kaulitz eine mehrmonatige Wurm- und Parasitenkur startete, drehten die Medien hohl. „Wunderlich“ sei die Kur, schrieb t-online, „umstritten“ gar, meinte der Kölner Stadtanzeiger. Die naturheilkundliche Kur besteht aus pflanzlichen Nahrungsergänzungsmitteln wie Wermut, Kurkuma, Nelken und Papaya-Kernen und wird in den Sozialen Medien als Reinigungsmaßnahme beworben. Warum also die Aufregung?
Ob sich Promis impfen lassen, ob sie stillen, ob Supermodel Elle Mac Pherson ihren eigenen Weg findet, mit Brustkrebs umzugehen – immer stürzt sich sofort eine hysterische Medienmeute darauf, um das „einzuordnen“. Ja, Stars sind für Millionen Menschen Vorbilder und sollten keine gefährlichen Tipps geben. Aber können sie nicht auch Vorbilder in kritischem Denken sein?

Heidi Klum erschließt sich gerade völlig neue Fan-Gruppen
Was ist die Hormonersatztherapie?
Zurück zur Hormonersatztherapie, die Heidi Klum laut eigener Aussage nicht in Anspruch nimmt: Im Verlauf der Wechseljahre arbeiten die Eierstöcke schlechter, die Bildung der körpereigenen Hormone Estradiol und Progesteron nimmt ab. Und hier kommt die Ersatztherapie, meist mit bioidenten Hormonen, ins Spiel. Das sind Hormone, deren molekulare Strukturen identisch sind mit den körpereigenen. Die meisten stammen aus einer pflanzlichen Quelle wie Yamswurzel oder Soja. Diese Therapie – in Tabletten-, Gel- oder Sprayform – soll schonender sein als die jahrzehntelang verschriebene Hormonersatztherapie und vor Osteoporose, Herzproblemen, Schlafstörungen schützen. Keine Frage: Vielen Frauen mag das helfen, wenn der Leidensdruck groß ist. Aber das sollte jede für sich selbst entscheiden dürfen!
Für viele Menschen ist Heidi Klum wegen ihrer Modelshow ein Hassobjekt, für andere ist sie eine Empowerment-Heldin. Und eine ganz neue Zielgruppe feiert die vierfache Mutter für ihren Weg, sich um ihre Gesundheit zu kümmern – auf ihre eigene Art.
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