Wir gewinnen nicht gegen die Islamisten, wir verlieren gegen sie
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In Berlin stirbt bei einem islamistischen Anschlag mindestens eine Teilnehmerin des Christopher Street Day. Fast 30 Personen werden verletzt, teils schwer. Und der Bundeskanzler schwadroniert davon, eine Gesellschaft zu verteidigen, die längst nicht mehr existiert.
Am Samstagnachmittag bin ich in Berlin zweimal durch den Demozug des Christopher Street Day gelaufen. Selten habe ich so viele Polizeikräfte an einem Ort gesehen. Etliche Seitenstraßen waren abgesperrt, unzählige Polizisten begleiteten die Menschen. Das Sicherheitskonzept erschien maximal engmaschig.
Am Abend war es nur noch Schall und Rauch. Ein Islamist fuhr in eine Menschenmenge und ging danach Berichten zufolge mit einer Machete auf Menschen los. Eine Frau starb, etliche Schwerverletzte müssen um ihr Leben kämpfen.

Der Tag nach dem Berliner CSD 2026: Entsetzen und Trauer statt Party und „Vielfalt“.
Unsere Art zu leben haben wir längst verloren
Der Bundeskanzler reagierte mit den üblichen Floskeln: „Wir sind offen und freiheitsliebend – und das werden wir auch bewahren und verteidigen.“ Merz stellte klar, dass Islamisten nicht zur Mitte der Gesellschaft gehören. Die klare Botschaft: Unsere Art zu leben lassen wir uns nicht nehmen! Von Islamisten lassen wir uns nicht einschüchtern! Wir sind mehr, wir gewinnen!
Das Problem: Friedrich Merz redet über eine Gesellschaft, die einfach nicht mehr existiert. Wir gewinnen nicht gegen die Islamisten, wir verlieren gegen sie, und das auf ganzer Linie. Am Samstag haben die deutschen Sicherheitsbehörden versagt. Wir verlieren, wenn ein solcher Anschlag trotz einer Horde von Polizisten und einer Masse an Sicherheitsvorkehrungen geschehen kann und der Täter danach frei durch die Gegend spaziert.
Wir verlieren, wenn das öffentliche Leben nicht mehr wie früher stattfinden kann. Weihnachtsmärkte, die stärker abgeriegelt sind als die deutschen Außengrenzen. Karnevalsumzüge, die genauso gut eine Polizeiparade sein könnten. Schützenfeste, die plötzlich zahlreiche Security-Mitarbeiter benötigen. Lokale Veranstaltungen, die aufgrund der enormen Sicherheitskosten gar nicht mehr stattfinden. Unsere berüchtigte Art zu leben haben wir in Wahrheit doch schon längst verloren.
Symbole rechtsstaatlicher Selbstaufgabe
Wir verlieren, wenn ein Terrorismus planender Islamist wie Abdul Rahman Ballout von einem Berliner Gericht nach Jugendstrafrecht sanktioniert und nach kürzester Zeit wieder auf freien Fuß gelassen wird. IS-Anhänger, die vom deutschen Staat keine Handschellen und Gitter erhalten, sondern 26 Gesprächstermine mit einer Beratungsstelle für Deradikalisierung, sind ein Symbol für die Selbstaufgabe eines Rechtsstaats, der sich der naiven Sozialarbeiterlogik beugt.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU, rechts) und Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) am Sonntag in Berlin. Nach der Trauerfeier ging es für den Kanzler weiter zum traditionellen Libori-Mahl nach Paderborn, wo er als Festredner geladen war.
Wir verlieren, wenn Islamisten massenhaft nach Deutschland einreisen und hier Sozialleistungen abstauben können, während in Moscheen der radikale Islam gepredigt wird und sich der Islam in immer mehr gesellschaftlichen Bereichen breitmacht. Wir verlieren auch mit einem Bundeskanzler Friedrich Merz, der jetzt „sehr besonnen“ über etwaige Maßnahmen gegen den Islamismus nachdenken will.
Was haben wir denn noch für eine Gesellschaft, die wir verteidigen könnten? Haben wir sie nicht schon vor Jahren aufgegeben? Wodurch entsteht eine freiheitliche Gesellschaft, die Politiker so gerne in ihren Sonntagsreden erwähnen und verteidigen wollen? Sie wird nicht durch Familien, Freundes- und Bekanntenkreise oder Arbeitskollegen erschaffen. Das sind alles Mikrokollektive innerhalb von Gesellschaften, die unterschiedlichste Werte und Prioritäten haben.
Wir sind mehr, aber wir sind schwächer
Wie lebenswert eine Gesellschaft ist, entscheidet sich dann, wenn die zahlreichen freiwillig gebildeten Kleinstgruppen gezwungenermaßen aufeinandertreffen – im modernen Nationalstaat, in der Öffentlichkeit. Der Freiheitsgrad einer Gesellschaft bemisst sich auch am Erscheinungsbild des öffentlichen Lebens. Jeder Merkel-Poller ist hierbei ein nicht beiseitezuwischender Hinweis darauf, dass wir uns, anders als Friedrich Merz das am Sonntag behauptete, eben doch „einschüchtern“ lassen.
„Wir sind mehr, wir sind stärker“ ist insofern ebenfalls eine falsche Aussage des Bundeskanzlers. Ja, wir sind mehr, aber wir sind schwächer. Nicht nur setzen wir unsere Ziele nicht mit Terrorismus durch, wir zeigen nicht einmal gegenüber Terroristen und Gefährdern Stärke und lassen sie gewähren. Wir machen uns Sorgen über die eigene Wortwahl, während für Gewaltexzesse regelmäßig gar keine Worte gefunden werden. Das „Wir“ in dieser Kolumne muss selbstverständlich als Synonym für die Regierungspolitik, den Regierungsjournalismus und den Regierungsintellektualismus verstanden werden.
Die offene Gesellschaft ist eine Illusion
Friedrich Merz kündigte an: „Wir werden die Freiheit, die Offenheit, die Liberalität unseres Lebens und unsere Gesellschaft mit allem, was wir tun können, verteidigen, und wir werden es gemeinsam auch machen.“ Die Frage sei erlaubt, welche Offenheit der CDU-Chef meint. Man lebt nicht in einer offenen Gesellschaft, wenn für jede Form der Offenheit Maßnahmen der Geschlossenheit erforderlich sind. Man lebt nicht in einer offenen Gesellschaft, wenn Polizeischutz notwendig ist.

Mit diesem Transporter tötete der Islamist eine Frau, insgesamt wurden bei dem Terroranschlag 30 Menschen zum Teil schwer verletzt.
Ein Mann, der davon redet, nun „sehr besonnen“ über Maßnahmen gegen den Islamismus nachdenken zu wollen, signalisiert zudem eher eine ausbaufähige Verteidigungsbereitschaft. Es ist eine bittere Schlussfolgerung, aber zehn Jahre nach dem islamistischen Anschlag auf den Breitscheidplatz wurde kein einziger Erfolg gegen den Islamismus erzielt, während dieser das deutsche Stadtbild und das deutsche Sicherheitsgefühl dramatisch verschlechtert hat.
Wird die Zahl der Personen mit der Bereitschaft multipliziert, für die eigenen Überzeugungen alles zu geben, sind die Islamisten in Deutschland in der Überzahl. Die Frage lautet nicht mehr, ob unsere Gesellschaftsform gegen den Islamismus verteidigt werden kann, sondern ob wir unsere westlichen Werte wiederentdecken und durchsetzen können. Dazu gehört auch ein Rechtsstaat, der mit maximaler Härte gegen den Islamismus agiert.
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