Moralprediger Micky Beisenherz: Er fordert Sensibilität, hat seinen Ruhm und Vermögen aber auf Demütigung aufgebaut
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Als typischer Vertreter des links-grünen, so „progressiven“ Milieus in der Medienwelt mahnt Micky Beisenherz gern Achtsamkeit an, belehrt Thomas Gottschalk über sensible Sprache und will den renitenten Dieter Bohlen gecancelt sehen. Er selbst verdient daran, als Dschungelcamp-Autor über die dort gedemütigten Promis zu spotten.
Michael „Micky“ Beisenherz ist als Autor (u.a. für den Stern), TV-Moderator („Kölner Treff“ im WDR) und Podcaster („Apokalypse & Filterkaffee“) ein „Medienschaffender“, wie er im Buche des grün-woken Gutmenschen steht. Sich selbst versteht er als liberal, gesellschaftskritisch und aufgeklärt. Natürlich ist er gegen die AfD und Donald Trump, natürlich schloss er in der Corona-Zeit Impfskeptiker, denen er „post-post-pubertäre Renitenz“ unterstellte, aus seiner Empathiefähigkeit aus und forderte „Impfpflicht jetzt!“.
Beisenherz unterstützt auch den Klimaschutz. In einer Kolumne im Stern schrieb er im August 2019 eine Lobpreisung Greta Thunbergs („For the Greta good – die junge Frau und das Meer") und meinte, dass Klimaschutz erst dann greife, wenn er emotional berührt. In der WDR-Talkshow „Die letzte Instanz“ wies er den TV-Entertainer Thomas Gottschalk dafür zurecht, tabuisierte Wörter wie das „N-Wort“ oder das „Z-Wort“ zu verwenden: „Wenn Leute sagen, es verletzt uns, dann lass’ es doch!“
Folgerichtig nur, dass Beisenherz die Buchvorstellung von Robert Habecks „Den Bach rauf“ moderierte und den Grünen backstage zur Begrüßung umarmte („Ja, ich mach’s doch gerne!“) und auch für die heute-show schrieb. Kurz: Der Haltungs-Promi passt zur grün-roten Blase wie Faust aufs Gretchen.

„Ich mach’s doch gerne!“: Beisenherz und Robert Habeck bei der Buchvorstellung.
In Recklinghausen weltberühmt
Wer, wie Beisenherz, meint, „man muss übrigens nicht links-grün sein [...], um die AfD öffentlich scheiße zu finden“, kann ganz schlecht damit leben, wenn jemand anderer Ansicht ist. Als Pop-Titan Dieter Bohlen kürzlich in einem Interview die Regierung als „Blockierung“ kritisierte, den undemokratischen Umgang mit der Oppositionspartei thematisierte und die „Brandmauer“ treffend „völlig idiotisch“ nannte, sprach der damit Millionen aus dem Herzen, zog aber auch gleich Beisenherz’ Zorn auf sich.
Der aus Recklinghausen stammende Beisenherz billigte ihm in einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung (SZ) nur „lokalen Weltruhm“ zu, als wäre Bohlen lediglich in Tötensen ein Promi, und forderte RTL nur notdürftig verklausuliert auf, sich von Bohlen zu trennen. Dessen Ankündigung, im Fall einer Vermögenssteuer „in sechs Stunden weg“ zu sein, veranlasste Beisenherz dazu, über mögliche Aufnahmeländer zu spekulieren, wobei ihm ausgerechnet Russland und Afghanistan einfielen. An Bohlens Stelle wünscht er sich mehr afghanische „Ortskräfte“ im Land.
So ist das heute, wenn man „wirtschaftlich ist alles scheiße“ sagt – dann wird einem Putin empfohlen, oder die Taliban. Selbst stets meinungsstark auftretend, kann Beisenherz es nicht vertragen, wenn sich jemand anders mit Reichweite in einer Weise äußert, die ihm nicht passt. „Das immer nur noch Grellere besiegt das Sensible. Damit herzlich willkommen in der Welt von Dieter Bohlen.“
Fachmann für Hohn und Spott im Asi-TV
Was uns zu der Frage bringt, ob wir es hier nicht mit ganz dünnem Eis zu tun haben, auf dem sich der Bohlen-Basher bewegt. Micky Beisenherz mahnt im Zwangsgebühren-TV Sensibilität an, was einer gewissen Ironie nicht entbehrt, wenn man sich anschaut, womit er selbst wirklich bekannt geworden ist, nämlich mit seiner Autorentätigkeit für die Trash-TV-Show „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ (IBES). Er selbst teilte der SZ einmal in einem Interview mit, das auch als Dschungelcamp bekannte Format halte er „überhaupt nicht“ für Trash-Fernsehen.
Der Mann, der Gottschalk mitteilte, er solle sich Tabu-Wörter eben verkneifen, wenn jemand „sich verletzt fühlt“, ist bei den Sätzen, die er den Dschungelcamp-Moderatoren in den Mund legt, seit jeher reichlich unsensibel. Das Show-Format, reinstes Asi-TV, besteht ausschließlich darin, abgehalfterte Prominente, die es irgendwann vollständig aus der Bahn geworfen hat, maximal zu demütigen.
Je tiefer der Absturz, desto mehr Angriffsfläche für fiese Beisenherz-Kommentare bieten die in den Urwald verfrachteten Kandidaten. Meist stecken sie bis zum Hals in Schulden und/oder sind alkoholabhängig. Zu den „Dschungelprüfungen“, bei denen die Camp-Bewohner alles von Straußenanus und Busschweinsperma über Mehlwürmer und Riesenmaden bis hin zu Känguru-Hoden, pürierter Ente mit Entenblut und Kotzfrucht hinunterwürgen müssen, gesellen sich die zynischen Kommentare von Sonja Zietlow und Jan Köppen.

Moderatorin Sonja Zietlow lästert mit Beisenherz’ Sprüchen über die Kandidaten ab.
Witze über Alkoholiker
Die Micky Beisenherz (mit Jens Oliver Haas) ihnen seit 2009 aufschreibt. Salz in die Wunden verschuldeter, alkoholkranker Menschen, die im Camp gedemütigt werden, zu reiben, das ist das Geschäftsmodell des sich so empathisch gebenden Gag-Schreibers. Die Schadenfreude und die Lust des Fernsehpublikums an der Demütigung der Ex-Promis maximal zu steigern, ist sein Metier.
Dieter Bohlen warf er vor, dass dessen „lokaler Weltruhm vorrangig auf dem Angeilen und Absauen von Berufsschülerinnen in Casting-Formaten basiert“, seine eigene, gewiss sehr gut bezahlte Tätigkeit besteht darin, sich demütigende Kommentare über die Has-Beens im Dschungelcamp auszudenken, damit sich der Mob vorm Bildschirm beömmeln kann.
Als 2016 Jenny Elvers, Jürgen Milski und die anderen Camp-Bewohner Stunden im Regen ausharren mussten, ließ er Sonja Zietlow lästern: „Da kommen einige extra in den Dschungel, um trocken zu bleiben – und dann sowas.“ Etliche IBES-Kandidaten, von denen einige schon nicht mehr leben, hatten ein Alkoholproblem, etwa Nadja Abd el Farrag („Naddel“), Jenny Elvers, Willi Herren, Werner Böhm (bekannt als Gottlieb Wendehals), Martin Semmelrogge oder Helmut Berger. Letzterer wurde nach zwei Tagen (in denen er vom Sender auch Bier bekam) aus Gesundheitsgründen aus der Sendung genommen.
„Zynisch und menschenverachtend“ sind immer nur die Anderen
Sprüche, die Beisenherz den Moderatoren des Dschungelcamps unter anderem in den Mund legte:
„Wir haben dieses Jahr zwölf Camper. Auch wir mussten einsehen: manchmal geht’s halt nur über die Quantität.“
„Bevor es ins große Finale geht, müssen wir erst noch ein paar Altlasten entsorgen“ (vor dem Auszug von Helena Fürst)
„An Brigitte ist mehr rumgebastelt worden als am Berliner Flughafen. Einziger Unterschied: Sie ist deutlich fertiger.“
„David Ortega – an dem nicht nur sein eigener Lebenslauf, sondern gleich die komplette Evolution vorbeigelaufen ist.“
„Sophia will nix mehr trinken. Das könnte schwer werden – Jenny kann davon ein Lied singen.“
Herabsetzende Bemerkungen, die, würden sie aus dem bürgerlichen Lager kommen, im Juste Milieu des Micky Beisenherz als „zynisch und menschenverachtend“ gebrandmarkt würden – und die Urheber als „Menschenfeinde“, die Artikel 1 des Grundgesetzes mit Füßen treten.

Micky Beisenherz pflegt ein zynisches Geschäftsmodell.
Das Set im Urwald ist wie eine Art Kolosseum, nur dass die Delinquenten, bevor sie den Löwen zum Fraß vorgeworfen werden, noch kurz vorher in ihrem letzten Rest Würde verbal gedemütigt werden. Wenn man den dafür nötigen Zynismus aufbringt (Moderatorin Sonja Zietlow: „Man weiß ja, in Laboren gibt es sehr viele Tierversuche. Das verabscheuen und verurteilen wir, deswegen nehmen wir natürlich Menschen. Und auch nicht irgendwelche Menschen, sondern Stars. Und auch nicht irgendwelche Stars, sondern dich.“), kann man so etwas über viele Jahre machen.
Nur will das eben nicht zur gesellschaftskritischen Attitüde passen, die Beisenherz sonst an den Tag legt. Im Fernsehen für mehr gesellschaftliche Sensibilität zu plädieren und tags darauf nach Australien zu fliegen, um auf abgestürzte Promis zu treten, die schon am Boden liegen, lässt schon an der Aufrichtigkeit der moralischen Appelle zweifeln.
„Was seid ihr denn eigentlich hier für Mimis?“
Über Daniel Lopes’ frühe Eliminierung und seine Verbindung mit dem verstorbenen Schauspieler Willi Herren (implizit dessen Alkoholprobleme und Karriereende) ließ Beisenherz so lästern: „Mensch Meier, wer konnte denn auch ahnen, dass mit Daniel Lopes ausgerechnet der Schützling von Show-Titan Willi Herren herausfliegt – und zwar als erster.“ Und als der Ostdeutsche Nico Schwanz ins Dschungelcamp zog, hieß es gleich: „Der Nico wartet schon, dass der Ranger ihm Begrüßungsgeld gibt.“ Über die Herkunft abzulästern, geht also doch – solange es keine gesellschaftlich schützenswerten Gruppen sind, auf deren Kosten der Witz geht.
Wer, wie der vor Jahren durch Suizid aus dem Leben geschiedene Daniel Küblböck, weinend und kreischend vor Panik in einem Glassarg mit 30.000 Kakerlaken überschüttet wird, brauchte zur grenzwertigen Erfahrung nur noch zynische Kommentare des WDR-Moralpredigers. Wer sich „anstellte“, fing sich Beisenherz-Sprüche wie „Was seid ihr denn eigentlich hier für Mimis?“ ein.

Panik im Kakerlaken-Sarg: Für Daniel Küblböck gab’s noch Häme obendrauf.
Nun könnte man sagen: Niemand wird gezwungen, ins Dschungelcamp zu ziehen, die Teilnehmer sind selbst schuld, wenn sie sich Beisenherz’ „ironische Zuspitzungen“ anhören müssen, aber darum geht es nicht. Selbst dieses TV-Format mag seine Berechtigung haben, wenn sich die Macher zu ihrem Zynismus bekennen würden. Aber Beisenherz postuliert progressive Moral (Empathie, Rücksicht auf Verletzlichkeit, Bewusstsein für Machtstrukturen), während er im Dschungelcamp die Moderatoren gezielt auf den Schwächen der gedemütigten Teilnehmer herumreiten lässt.
Empathie fürs Image, Zynismus für die Quoten
Ein Autor, der sich politisch für die Sensibilität gegenüber gesellschaftlichen Ungleichheiten starkmacht, schreibt Texte für ein Format, das Ungleichheit und Entwürdigung zur dramaturgischen Ressource macht. Satire ist es schon deshalb nicht, weil es nicht die Mächtigen, sondern eben gerade die ganz unten sind, auf die der Spott zielt.
Die Empathie fürs Image, der Zynismus für die Quoten. In diesem Paradox hat sich Micky Beisenherz bequem eingerichtet. Er hat ja auch kein Problem damit, Elon Musks Plattform X / Twitter als „Kackfass“ zu bezeichnen und unbekümmert weiter zu nutzen, schließlich gilt es über 300.000 Follower zu bespaßen. Das macht er mitunter handwerklich nicht schlecht, er verfügt über Wortwitz und Dummheit kann man ihm auch nicht unterstellen. Ein Recht darauf, die Stummschaltung unliebsamer Meinungen zu fordern, lässt sich gleichwohl nicht daraus ableiten.
Das Recht, sich politisch zu äußern, haben auch Vertreter des nicht-linken Lagers, umgekehrt spricht Bohlen Beisenherz das ja auch nicht ab. In einem gesellschaftlichen Klima, das jeden Regierungskritiker in die Schmuddelecke drückt, beweist ein Dieter Bohlen weit mehr Mut als Beisenherz, der immer sicher am linken Beckenrand entlangzuschwimmen pflegt. Und gerade er, der – wie sein Rant gegen Dieter Bohlen in der SZ zeigt – immer ad hominem geht, sollte mit dem Achtsamkeits-Getue vom moralischen Hochsitz herunter vorsichtig sein.
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Claudio Casula
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