„Ich treffe viele Frauen“: Wie Klingbeil das Ehegattensplitting zum Sündenbock macht
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Rohstoff-Reserve Frauen: Wann immer in den letzten Tagen von Reformen die Rede war, bringen SPD-Politiker die Steigerung der Erwerbsquote von Frauen ins Gespräch.
Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) wird (hier im ZDF-Interview) deutlich: „In der Tat treffe ich viele Frauen, die sagen: Ich würde ja gern mehr arbeiten, aber dafür müsst ihr das Ehegattensplitting abschaffen, weil es uns gerade steuerlich gar nicht mehr Anreize gibt, mehr zu arbeiten.“ Auch die kostenlose Mitversicherung von Familienmitgliedern wird gern als Hürde für mehr Vollzeit arbeitende Frauen ins Feld geführt. Botschaft: Mehr Frauen in Vollzeit gleich mehr Steuereinnahmen und mehr Beiträge für die Sozialkassen.
Mit der Realität hat all das nichts zu tun. In Wahrheit entlastet das Ehegattensplitting Paare und belastet nicht. Eine ungünstige Konstellation könnte bei großen Einkommensunterschieden durch die Steuerklassen 3 und 5 entstehen, was man allerdings dadurch beheben kann, dass beide Partner die Klasse 4 wählen, wie der Bund der Steuerzahler völlig zu Recht erklärt. Wenn es am Ort keine Kita gibt, hilft allerdings auch kein abgeschafftes Splitting oder eine andere Steuerklasse.
Wir wissen nicht, welche Frauen Lars Klingbeil da „immer wieder“ trifft. Vieles spricht dafür, dass es sich um ideologisch gefestigte SPD-Genossinnen mit wasserdichtem feministischem Weltbild handelt, denn selbst die offiziellen Zahlen der Bundesregierung geben das massenhafte Drängen zur Vollzeit-Arbeit nicht her.
In der offiziellen Fachkräftestrategie der Bundesregierung von 2022 heißt es auf Seite 18: „Ein wesentlicher Grund für den hohen Teilzeitanteil und die geringere Wochenarbeitszeit bei Frauen sind die Betreuung von Kindern bzw. familiäre Verpflichtungen. Dabei würden viele in Teilzeit arbeitende Frauen ihre Arbeitszeit ausweiten wollen, vor allem in Ostdeutschland. Hier liegt ein Potenzial, das auch im Sinne der Fachkräftesicherung gehoben werden sollte.“ Frauen als „Potenzial“ der Politik – ein etwas eigentümliches Menschenbild. Als Fußnote 24 wird hier auf eine Mitteilung des Statistischen Bundesamts von 2020 verwiesen, die ein ganz anderes Bild zeigt: Je mehr Frauen sozial abgesichert sind, desto weniger wollen sie mehr arbeiten. Von rund neun Millionen Teilzeitfrauen will nur etwa jede neunte mehr arbeiten. Aber: Von 10 Millionen Vollzeittätigen möchte jede fünfte weniger arbeiten.
49 Prozent der vollzeitbeschäftigten Frauen würden ihre Arbeitszeit gern reduzieren
Ein Gesamtbild, das auch durch Studien des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (auf Basis des Sozioökonomischen Panels) bestätigt wird. Demnach würden rund 49 Prozent der vollzeitbeschäftigten Frauen in Deutschland ihre Arbeitszeit gern reduzieren. Das ist also fast jede zweite Frau. Die gewünschte Ziel-Arbeitszeit läge demnach bei 34 bis 35 Wochenstunden. Übrigens würden auch 58 Prozent der Männer gern ihre Arbeitszeit verkürzen.
Steigt man tiefer in die Statistiken ein, so ergibt sich ein sehr differenziertes Bild. Vereinfacht gesagt: Je höher die Bildung, desto häufiger der Wunsch nach weniger Arbeit. Der Grund: hohe Arbeitsintensität, Stress und der Wunsch nach besserer Work-Life-Balance. Eine Wochenarbeitszeit von 30 bis 35 Stunden wird von dieser sozialen Gruppe als wünschenswert angegeben.

Genossen unter sich: SPD-Arbeitsministerin Bärbel Bas und der SPD-Finanzminister Lars Klingbeil
Bei geringer qualifizierten Frauen gibt es ebenfalls Reduktionswünsche, aber aus anderen Gründen: Häufig wird hier körperliche Belastung oder Schichtarbeit genannt und teilweise auch der mangelnde Spielraum für Verhandlungen über Geld und Arbeitszeiten.
Interessant ist auch der Blick auf die familiären Hintergründe. Mütter (vor allem mit kleinen Kindern) äußern deutlich häufiger den Wunsch nach reduzierten Arbeitszeiten, wobei sich der Wunsch, Kinder selbst zu betreuen, die Waage hält mit dem Verweis auf fehlende Infrastruktur wie Kita oder Ganztagsschule. Bei kinderlosen Frauen gibt es ebenfalls einen hohen Reduktionswunsch, der aber stärker getrieben wird durch den Verweis auf mangelnde Freizeit, Rücksicht auf die eigene Gesundheit und persönliche Projekte.
Klingbeils Vorstellung hat mit den Lebensentwürfen der Menschen nichts zu tun
Fasst man all das zusammen, so ergibt sich ein Bild, wonach der Wunsch nach mehr Freiheit sehr weit verbreitet ist. Klingbeils Vorstellung, dies mit Wegfall von kostenloser Mitversicherung und Abschaffung des Ehegattensplittings ändern zu wollen, würde also auf eine schlichte Mehrbelastung von Familien, eine Art Strafbesteuerung, hinauslaufen, die mit den Lebensentwürfen der Menschen nichts zu tun hat oder ihnen sogar zuwiderläuft.
Man darf also große Zweifel hegen, ob und wie viele Frauen Lars Klingbeil tatsächlich trifft, die mit ihrer mangelnden Arbeitsauslastung hadern, denn der Blick nach Skandinavien zeigt etwas ganz anderes: Je höher der Standard der Gleichstellung und der freien Wahlmöglichkeit, desto häufiger kehren Frauen zu traditionellen Rollen zurück.
Das sogenannte „Gender-Equality-Paradox“ wurde unter anderem in den Studien von Gijsbert Stoet und David Geary beschrieben. Demnach wählen in sehr egalitären Ländern wie etwa Schweden oder Norwegen Frauen seltener technische Berufe als in weniger egalitären Ländern, was man auf die Formel bringen könnte: mehr Gleichstellung, größere Unterschiede. Das bestätigt sich auch beim Abfragen des Werteverständnisses. Viele Paare sagen: „Wir wollen Gleichberechtigung.“ Aber nach der Geburt eines Kindes reduzieren Frauen die Arbeitszeit stark, Männer kaum. Fazit: egalitäre Einstellungen, aber traditionelles Verhalten.
So gibt es in Ländern wie Schweden sehr hohe Erwerbsquoten von Frauen, viel bessere Kinderbetreuung und mehr Väter in Elternzeit. Trotzdem arbeiten Frauen häufiger Teilzeit und übernehmen mehr Care-Arbeit. Ganz offensichtlich, weil sie es wollen, nicht, weil sie es müssen.
Wenn es dem SPD-Chef wirklich um die Frauen ginge, würde er mehr Wahlfreiheit schaffen und weniger ideologische Belastungen für Familien.
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