Merz beschimpft Unternehmer: „Ich treffe mehr von Ihnen auf dem Golfplatz als in den Talkshows“
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Wieder ein schlimmer Arroganz-Anfall des Kanzlers. Als Friedrich Merz (CDU) am Donnerstagnachmittag im Kaisersaal des Hotel Adlon gleich neben dem Brandenburger Tor ans Rednerpult tritt, herrscht gespannte Erwartung bei den versammelten Unternehmern der Stiftung Familienunternehmen und Politik. Merz lobt die Initiative der Firmenleute: „Sie haben einfach Lust darauf, unser Land neu zu formen, eben ein neues Wirtschaftswunder zu schaffen. Haben wir diesen Mut auch als Land, auch als Gesellschaft? Das ist vermutlich die große Frage in diesen Wochen und Monaten.“
Es klingt ein wenig, als sei er eine Art grübelnder Zuschauer in einem verzagten Land. Nicht Kanzler und Gestalter desselben. Die wohlständigen Deutschen, sagt Merz seien träge und schwer zu motivieren, und er wiederholt eine Passage, die er bei anderer Gelegenheit schon benutzt hat: „Ich sage das ohne jede Lamoyanz, eine wohlhabende Gesellschaft zu verändern, ist viel schwieriger, als ein Land nach Krieg und Zerstörung wieder aufzubauen. Noch einmal ohne jede Lamoyanz.“ Botschaft: Es soll nicht wehleidig klingen, aber in der Nachkriegszeit war der Wiederaufbau Deutschlands weniger schwer als mein Job heute.
Der Talk nach der Rede – bei Merz immer heikel
Doch dann kommt es auch hier zum Talk nach der eigentlichen Rede des Kanzlers. Eine heikle Situation bei all seinen Auftritten. Die Stimmung wird frostig, die Stimmung kippt. Sie kippt erst langsam, aber dann wird es heftig. Man könne auch Subventionen streichen für die Großindustrie, sagt die Chefin des Maschinenbauers „Trumpf“, Nicola Leibinger-Kammüller vom Kuratorium der Stiftung. Die Familienunternehmen haben keine Subventionen. „Dann sagen sie mir konkret welche“, gibt Merz patzig zurück. „Und ich gehe rüber ins Finanzministerium, und wir streichen die.“ Noch nimmt Leibinger-Kammüller die Pampigkeit mit Humor, spricht von ihrem dicken Filzstift zum Streichen der Subventionen und fasst zusammen: „Das heißt also: es geht nicht.“
Merz von oben herab: „Gehen Sie regelmäßig raus zu Interviews?“
Eine ungute Dünnhäutigkeit macht sich beim Kanzler breit. Als sich Prof. Rainer Kirchdörfer, Vorstand der Stiftung, über das schlechte Image der Unternehmer im Land beklagt, das Gerede über „die Reichen“, das Abschöpfen oder die Gefahr für die Demokratie, braut sich etwas zusammen, bis der Kanzler zur ersten Philippika ausholt.
Motto: Jammert mir nicht die Ohren die voll: „Mir fällt auf, dass in den letzten Jahren die Zahl derer, die bereit gewesen sind, sich öffentlichen Diskussionen zu stellen, aus dem Bereich der Unternehmen deutlich abgenommen hat. Es gibt nicht mehr viele, die bereit sind, sich mal an einem Sonntagabend in eine Talkshow zu setzen.“ Die Herren und Damen sind sich zu fein für die öffentlichen Debatten.
„Ja, das ist mühsam“, sagt Merz. „Und es ist manchmal sehr frustrierend. Und da haben sie manchmal ein hohes Maß an Ignoranz, dem sie da begegnen. Aber ich werbe ganz einfach dafür. Ich sage es so, wie ich es denke, wir“, er meint die Politiker, „machen es ja notwendigerweise. Es macht auch nicht immer Spaß.“ Dann kommt er erst so richtig in Fahrt: „Aber ich werbe dafür, dass Sie auch stärker, meine Damen und Herren, in die Öffentlichkeit gehen. Haben Sie Podcasts, die Sie regelmäßig bespielen? Gehen Sie regelmäßig raus zu Interviews? Gehen Sie regelmäßig raus in die Talkshows, wo Sie sich mal der Debatte stellen. Das sind nicht mehr so ganz viele.“
Und dann langt Merz noch einmal richtig hin, malt in fetten Farben das Klischee vom golfenden Seniorchef, der sich sonntags gewissermaßen vom Geldscheffeln erholt: „Ich treffe jedenfalls am Sonntag mehr Leute auf dem Golfplatz als abends in den Talkshows. Deswegen ist mein Appell an Sie. Sie müssen raus. Sie müssen raus mit den Botschaften, die sie haben. Sie müssen der Bevölkerung zeigen, was Unternehmertum heute ausmacht. Das ist zu viel Rückzug. Ich kann das manchmal sogar ganz gut verstehen. Das ist nicht immer schön, manchmal sehr verdrießlich. Aber sie müssen raus und müssen zeigen, dass Unternehmertum ein Gesicht hat, dass es Personen sind, dass es verantwortungsvolle Führungskräfte sind, die in unserem Land wichtig sind. Und ich werbe einfach dafür, dass sie das tun.“
Der Saal ist irritiert, applaudiert aber trotzdem als der Kanzler endet.
Dann bricht es aus Leibinger-Kammüller heraus. „Ich habe in meinem ganzen Leben, noch nie so viel Frust gesehen, wie auf dieser Messe. Ich habe mit verschiedensten Unternehmern gesprochen, die sagen, sie haben Kinder, die sind gut ausgebildet, die sind willig, die sind fleißig, die wollen arbeiten, aber die sagen, wir können nicht guten Gewissens die Nachfolge an die Kinder übergeben. Wir wickeln unsere Unternehmen ab!“
Eine offene Feldschlacht beginnt
Doch anstatt diese dramatische Beschreibung wirken zu lassen, wird Merz schnippisch: „Frau Leibinger-Kammüller, ich muss ihnen sagen, ich habe bei der letzten Bundestagswahl nur ganz knapp die absolute Mehrheit verpasst.“ Stille. „War knapp. Aber ich habe sie nicht. Ich muss jetzt mit der SPD zusammen regieren. Und das ist nicht so ganz einfach.“

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) neben Nicola Leibinger-Kammüller, CEO von Trumpf, sowie Rainer Kirchdörfer, Stiftungsvorsitzender, beim Tag des Familienunternehmens der Stiftung Familienunternehmen und Politik.
Das wiederum lässt Leibinger-Kammüller, eine der couragiertesten und klügsten Unternehmerinnen Deutschlands nicht auf sich sitzen. „Ich weiß, dass die Union in Geiselhaft ist zwischen links und rechts.“ Merz schüttelt den Kopf, will diese Zwangslage so nicht stehenlassen. Leibinger legt nach: „Sind sie! Sind sie! Ist so! Ich weiß auch, dass eine Minderheitsregierung eigentlich überhaupt nicht in Frage kommt, aber ALL IN! Würde man vielleicht sagen“, ruft sie in einer unglaublichen Aufwallung mit geballten Fäusten. „Alles riskieren!“
Was sich hier Bahn bricht, ist das komplette Unverständnis von Unternehmern, die täglich Entscheidungen treffen müssen, die jeden Euro verdienen müssen und sich nicht in Sachzwänge flüchten können. Es ist ein Bruch zwischen Wirtschaft und Politik, wie er sich seit Monaten schleichend abzeichnet. Eine offene Feldschlacht beginnt. Eine Feldschlacht um das Überleben der deutschen Wirtschaft.
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