„Hat den Kontakt zu vielen ihrer klassischen Wähler verloren“: Ex-SPD-Bundestagsabgeordneter rechnet mit Partei ab
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Der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Joe Weingarten zeichnet ein ernüchterndes Bild der deutschen Sozialdemokratie. Seiner Ansicht nach hat die SPD nicht nur den Kontakt zur wirtschaftlichen Realität verloren, sondern auch „den Kontakt zu vielen ihrer klassischen Wähler“.
Joe Weingarten ist SPD-Politiker, promovierter Verwaltungswissenschaftler und saß sechs Jahre lang für die SPD im Bundestag. Nun übt er in einem aktuell erschienenen Cicero-Interview scharfe Kritik an seiner Partei: Seiner Ansicht nach habe die SPD in weiten Teilen den Kontakt „zur wirtschaftlichen Realität“ verloren und spreche „oft eher über gesellschaftspolitische Debatten“ als über die „konkreten Sorgen des Alltags“.

Ist Parteimitglied und kritisiert die SPD dennoch scharf: Joe Weingarten.
Dass die Partei laut INSA-Umfragen aktuell nur noch bei rund zwölf Prozent liegt, führt Weingarten auch darauf zurück, dass sich die SPD auf mehreren Ebenen von „verschiedenen Lebensrealitäten“ verabschiedet habe. Speziell zu ihrer eigentlichen Zielgruppe – Arbeitnehmern, Handwerkern und Geringverdienern – habe sie den Kontakt verloren.
Bei Partei spiele „sektenhafter Charakter“ mit
Für diesen Zustand sei laut Weingarten auch das „Selbstrekrutierungsproblem“ verantwortlich. Statt neue Kräfte aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen zu integrieren, reproduziere sich die einstige Volkspartei inzwischen vor allem aus sich selbst heraus und habe dadurch einen „sektenhaften Charakter“.

Streitet ab, dass Menschen wegen des Sozialstaats nach Deutschland kommen: Bundesministerin für Arbeit und Soziales Bärbel Bas.
Die politische Blase und Bärbel Bas
Weingarten übt auch grundsätzliche Kritik an der inneren Aufstellung seiner Partei. In vielen Landesverbänden spiele es demnach immer weniger eine Rolle, ob Politiker fest im Wahlkreis verankert seien und gute Chancen auf ein Direktmandat hätten. Häufig setzten sich stattdessen Listenkandidaten durch, die sich vor allem an innerparteilichen Strömungen orientierten. Dadurch entstehe seiner Ansicht nach eine politische Blase, die ihre eigenen Debatten und ihre eigene Sprache immer wieder reproduziere.
Auch die Einschätzung, dass Menschen nicht aufgrund des Sozialstaats nach Deutschland einwanderten, wie es SPD-Arbeitsministerin Bärbel Bas behauptete, sei laut Weingarten eine „völlig weltfremde Einschätzung“. Zwar komme nicht jeder Mensch ausschließlich wegen der Sozialsysteme nach Deutschland, ein erheblicher Teil bleibe jedoch „dauerhaft im Transferbezug“.
Auf die Frage, ob Politiker wie er in der SPD noch eine Zukunft hätten, sagte Weingarten: „Ich hoffe doch sehr. Denn wenn nicht, dann hat die SPD insgesamt keine mehr.“
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