Kein Krisen-Telefonat! Warum wurde Kai Wegner so lange vom Bundeskanzler gedeckt?
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- Neue Enthüllungen belasten nicht nur Berlins Regierenden Bürgermeister, der noch immer im Amt ist.
- Auch das Kanzleramt gerät zunehmend unter Druck. Es hat Informationen zum Berliner Stromausfall und der damit einhergehenden Kommunikation bewusst verschwiegen.
- Erst Gerichtsverfahren konnten die Kommunikationstaktiken von Wegner und Merz beenden.
Die Affäre um Kai Wegner weitet sich aus. Nachdem der Berliner Regierende Bürgermeister (CDU) bereits wegen falscher Angaben zu seinem Krisenmanagement während des Berliner Stromausfalls Anfang Januar massiv unter Druck geraten war und seine Kandidatur für die nächste Amtszeit zurückzog, geraten nun auch Bundeskanzler Friedrich Merz und das Bundeskanzleramt in den Fokus.
Auslöser ist eine Auskunft des Kanzleramts im Rahmen eines gerichtlichen Verfahrens. Darin heißt es unmissverständlich: Soweit feststellbar habe Bundeskanzler Merz während des Stromausfalls im Januar kein persönliches Gespräch mit Kai Wegner geführt – weder telefonisch noch persönlich. Darüber berichtete zuerst der Tagesspiegel. Diese Erklärung steht im direkten Widerspruch zu früheren Aussagen Wegners:
Wegner sprach öffentlich von Gesprächen mit Merz
Unmittelbar nach dem Stromausfall hatte Wegner im RBB erklärt, er habe „einmal mehr“ mit dem Bundeskanzler gesprochen. Damals schilderte er, gemeinsam mit dem Bund über den Einsatz von Nachrichtendiensten beraten zu haben. Auch die Berliner Senatskanzlei hatte wiederholt erklärt, es habe am 4. Januar ein Telefonat zwischen Wegner und Merz gegeben.
Bereits zuvor war bekannt geworden, dass Wegner den Ablauf des Krisentages offenbar mehrfach falsch dargestellt hatte. So hatte er erklärt, am Tag des Blackouts „den ganzen Tag am Telefon“ gewesen zu sein.
Eine Auskunft der Senatskanzlei – erst nachdem der Tagesspiegel diese vor Gericht erstritten hatte – ergab jedoch, dass am Morgen des Stromausfalls zunächst überhaupt keine dienstlichen Telefonate stattfanden. Stattdessen spielte Wegner Tennis. Diese Enthüllungen hatten schließlich seinen Rückzug als CDU-Spitzenkandidat für die Berliner Abgeordnetenhauswahl ausgelöst.

Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) begegnete dem längsten Berliner Stromausfall der Nachkriegsgeschichte mit einer Partie Tennis.
Kanzleramt korrigierte eigene Darstellung
Brisant ist nun vor allem die Rolle von Friedrich Merz. Denn nach Angaben des Tagesspiegels hatte das Kanzleramt noch Anfang Januar selbst erklärt, Wegner habe am ersten Tag des Blackouts mehrere Gespräche geführt, darunter auch mit Bundeskanzler Merz. Heute heißt es, Merz sei lediglich „in die Kommunikation eingebunden“ gewesen, ein persönliches Gespräch habe es nicht gegeben.
Das Kanzleramt teilte dem Tagesspiegel schriftlich mit, „dass, soweit feststellbar, der Bundeskanzler während der Dauer des fragegegenständlichen Stromausfalls in Berlin im Januar 2026 kein persönliches Gespräch mit dem Regierenden Bürgermeister von Berlin Wegner geführt hat, weder in Anwesenheit persönlich noch telefonisch“.

Zehntausende Haushalte waren in Berlin ohne Strom. Das schlechte Krisenmanagement wird nun aufgearbeitet.
Die ursprüngliche Auskunft sei auf ein „Missverständnis in der Kommunikation“ zurückzuführen. Bedeutet: Erst nachdem der Tagesspiegel einen presserechtlichen Eilantrag beim Berliner Verwaltungsgericht gestellt hatte, korrigierte das Kanzleramt ihre Kommunikation. Sprich: Merz hat gelogen und Wegner gedeckt.
Aussage gegen Aussage
Während das Kanzleramt kein Gespräch protokolliert haben will, widersprach die Berliner Senatskanzlei erneut. Demnach habe Merz Wegner am 4. Januar um 19.57 Uhr zurückgerufen. Das Telefonat habe vier Minuten gedauert. Das Bundeskanzleramt blieb dennoch bei seiner Position. Die Auskunft sei „weiterhin sachlich zutreffend“. Man habe alle verfügbaren Informationen ausgewertet. Gleichzeitig erklärte ein Regierungssprecher, sämtliche Telefonate würden im Kanzleramt grundsätzlich nicht vollständig dokumentiert. Zudem sei dem Bundeskanzler ein solches Telefonat „nicht erinnerlich“.

Nun scheint sich Merz mit Erinnerungslücken aktiv gegen Wegner zu wenden.
Warum griff das Kanzleramt nicht früher ein?
Die zentrale politische Frage lautet inzwischen nicht mehr allein, ob Kai Wegner falsche Angaben gemacht hat. Mindestens ebenso brisant ist die Frage, warum das Kanzleramt seine frühere Darstellung über Monate aufrechterhielt. Auch Anfragen von Journalisten hatte das Kanzleramt „zur Kenntnisnahme“ an Wegners Senatskanzlei weitergegeben.
Das Kanzleramt weist den Vorwurf eines abgestimmten Vorgehens mit der Berliner Senatskanzlei zurück. Von einem „Zusammenwirken“ könne keine Rede sein. Dennoch dürfte die Affäre auch für Friedrich Merz unangenehm werden. Denn entweder existierte das behauptete Telefonat tatsächlich – dann müsste das Kanzleramt seine Auskunft erklären. Oder es gab dieses Gespräch nicht; warum blieb Wegners Darstellung dann so lange unwidersprochen?
Für die Berliner CDU hat die Affäre bereits schwerwiegende Folgen. Nach Wegners Rückzug soll Finanzsenator Stefan Evers neuer Spitzenkandidat für die Abgeordnetenhauswahl werden. Politisch beendet ist die Debatte damit jedoch nicht. Vielmehr richtet sich der Blick nun zunehmend auf das Bundeskanzleramt und die Frage, welche Rolle es in der Affäre tatsächlich gespielt hat.

Wegner bei der Pressekonferenz am Freitag
Rückzug mit einer verheerenden Bilanz
Mit blinzelnden Augen, den Tränen nahe, verkündete Wegner seinen Rückzug von der Spitzenkandidatur. Damit beendet der CDU-Mann einen quälenden Prozess, eine unwürdige Hängepartie, die er selbst durch sein Beharren in den letzten Tagen zu verantworten hat, wie NIUS-Politikchef Ralf Schuler analysiert.
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Philippe Fischer
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