Deutsche Autos: Premiumhersteller verlagern Produktion nach Osteuropa
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RedaktionIn den zehn größten Fertigungsländern Europas wurden im vergangenen Jahr 22 Prozent weniger Pkw und leichte Nutzfahrzeuge gebaut als 2019 – ein dramatischer Einbruch der Produktionszahlen. Das zeigt eine exklusive Analyse des Handelsblatts auf Basis von Zahlen des Datenanbieters Marklines.
Von dem Rückgang waren vor allem die größten westeuropäischen Fertigungsländer Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien und Großbritannien betroffen. Hier lag das Minus bei 26 Prozent. Bisher hatten sich vor allem Volumenmarken (Autos, die erschwinglich sind) wie Volkswagen ihre Produktionskapazitäten in Osteuropa ausgebaut. Nun erschließen auch Premiummarken verstärkt die Niedriglohnländer. „Es ist in allen Dimensionen attraktiver, in Osteuropa als in Westeuropa zu investieren“, sagte Mercedes-Benz-Chef Ola Källenius vor wenigen Tagen bei der Bilanzvorlage.
Diese Entwicklung ist eine „schleichende Katastrophe für Deutschland“
Besonders wichtig ist Ungarn. Mercedes verdoppelt dieses Jahr die Kapazität in Kecskemét von 200.000 auf 400.000 Einheiten. BMW hat in Debrecen mehr als zwei Milliarden Euro in ein neues Werk investiert und stellt erstmals Fahrzeuge in Osteuropa her. Die VW-Marke Cupra hat vor wenigen Monaten die Produktion des SUVs Terramar in Ungarn aufgenommen. Die Gewerkschaft IG Metall bezeichnet die Entwicklung als „schleichende Katastrophe für Deutschland mit Blick auf Wohlstand, Resilienz, Zusammenhalt und Zukunft“.
Mit Verlagerungen in Billiglohnländer lassen sich Milliarden Euro sparen und die Margen aufbessern. Volkswagen praktiziert diese Strategie bereits. BMW fährt gut acht Jahre nach der Entscheidung für ein neues Werk in Debrecen dort die Produktion des Elektro-SUV iX3 hoch. Es wird das erste vollelektrische Werk des Konzerns. Rund 2.000 Arbeitsplätze sollen entstehen. Weil die Vorbestellungen die Erwartungen der Münchener Zentrale überstiegen haben, führt BMW schneller als geplant eine zweite Schicht am Standort in Ungarn ein. Im Vollbetrieb mit drei Schichten ist das Werk auf 150.000 Fahrzeuge ausgelegt.

Ola Källenius, Vorstandsvorsitzender Mercedes-Benz Group, mahnt: „Deutschland muss seine Wettbewerbsfähigkeit erhöhen.“
Unattraktiv ist der Standort Deutschland aus Sicht der Auto-Bosse wegen hoher Ausgaben für Löhne, Steuern, Energie und einer überbordenden Regulierung. „Deutschland muss seine Wettbewerbsfähigkeit erhöhen“, mahnt Mercedes-Chef Källenius.
Die Arbeitskosten in Deutschland lagen 2024 im Schnitt bei 43,30 Euro pro Stunde, zeigen Daten der europäischen Statistikbehörde Eurostat. In Ungarn waren es nur 14,10 Euro. Mercedes spricht insgesamt von 70 Prozent niedrigeren Produktionskosten in Ungarn als in Deutschland. Die Schwaben planen, den Anteil der Produktion in Niedriglohnländern zwischen 2024 und 2027 von 15 auf 30 Prozent zu verdoppeln.
„Kaum jemand will angesichts der Standortbedingungen mehr in Deutschland investieren, sondern alle sehen sich aus wirtschaftlichen Gründen nach anderen Möglichkeiten um“, sagt Manual Kallweit, Chefvolkswirt beim VDA (Verband der Automobilindustrie), zum Handelsblatt. So locke Ungarn westliche Konzerne mit niedrigen Abgaben, schnellen Genehmigungen und höheren Förderungen.
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