10 Jahre nach dem Terror von Paris: Europa hat die Gefahr des Islamismus immer noch nicht verstanden
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Zehn Jahre liegt das Blutbad, das Dschihadisten im Bataclan-Theater und an weiteren Orten in Paris anrichteten, zurück. Trotz vieler weiterer Terroranschläge begreift Europa jedoch das Wesen der mörderischen Ideologie des Islamismus immer noch nicht – und damit auch nicht die wachsende Gefahr, die von ihr ausgeht.
Vor zehn Jahren verübten islamistische Terroristen an fünf verschiedenen Orten in Paris – im Bataclan-Theater, am Stade de France sowie in Bars und Restaurants – grausame Anschläge. 130 Menschen wurden getötet und 683 verletzt, darunter mindestens 97 schwer. Monate zuvor, im Januar 2015, hatten radikale Muslime bereits ein Blutbad in der Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo angerichtet und einen jüdischen Supermarkt angegriffen (17 Tote).

130 Menschen starben 2015 bei den Terroranschlägen in Paris.
Dies war der Auftakt zu einer Terrorwelle, die ganz Mittel- und Westeuropa betraf. Tödliche Anschläge trafen Frankreich am schwersten – mit weiteren Massakern in Nizza (86 Todesopfer) und an etlichen weiteren Orten. Aber auch in Brüssel, Barcelona und Wien schlugen Dschihadisten zu.
Fast 10.000 gewaltaffine Islamisten in Deutschland
Und in Deutschland. Der Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche war mit 13 Todesopfern der schwerste, aber weder der erste noch der letzte. Auch in Hannover, Würzburg, Ansbach, Dresden, Mannheim und Solingen wurden Menschen von muslimischen Fanatikern angegriffen. Hinzu kamen mehrere Dutzend Anschläge mit Sprengstoff oder Gift, die rechtzeitig vereitelt werden konnten, wobei in fast allen Fällen die potenziellen Täter – oft als „Gefährder“ eingestuft – festgenommen wurden.
Das Bundesamt für Verfassungsschutz spricht von anhaltend hoher abstrakter Gefahr, verstärkt durch den Gaza-Krieg seit Oktober 2023. Im Verfassungsschutzbericht 2024 liegt das islamistische Personenpotenzial in Deutschland bei 28.280 Personen, davon 9.540 als gewaltorientiert eingestuft. Sowohl komplexe Anschläge durch entsprechend ausgebildete Mitglieder von Terrororganisationen wie dem Islamischen Staat als auch Angriffe von Einzeltätern, die online radikalisiert werden, stellen eine Bedrohung dar. Wie die Festnahme von Jugendlichen, die Anschläge auf religiöse Einrichtungen planten, zeigt, spielen Minderjährige eine immer größere Rolle im islamistischen Extremismus.
Die Ideologie des Islamismus mobilisiert die „radikalen Verlierer“ (Enzensberger) nicht nur in der arabischen Welt. Während die muslimische Bevölkerung auf allen Kontinenten wächst und dschihadistische Gruppen Amerika, Europa, Afrika und Asien terrorisieren, scheint man im Westen immer noch nicht aufgewacht zu sein. Viele haben Angst, des „antimuslimischen Rassismus“ oder der „Islamophobie“ bezichtigt zu werden, wenn sie das Thema des politischen und gewaltbereiten Islam ansprechen, andere träumen naiv von einer „bunten Vielfalt“, die nicht durch tragische „Einzelfälle“ infrage gestellt werden darf. Lieber tut man groteskerweise so, als sei das Motiv für eine Mordtat weiter rätselhaft, obwohl der Terrorist „Allahu akbar!“ gerufen hat.

Der bisher schwerste islamistische Terroranschlag in Deutschland: Am 20. Dezember 2016 raste Anis Amri mit einem entführten Lkw in den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz.
Totalitäre Ideologie mit globalem Machtanspruch
Aber nur für den Frieden braucht man zwei, für den Krieg genügt einer: Noch immer herrscht in Europa nicht das nötige Bewusstsein, die Bedrohung durch den Islamismus zu erkennen, der sich nun einmal dem globalen Dschihad verpflichtet fühlt. Dabei wächst die Gefahr mit der unkontrollierten Masseneinwanderung junger Männer aus den gefährlichsten Ländern der Erde. Unter ihnen sind Dschihadisten, die nichts Gutes im Schilde führen und als „Schläfer“ auf ihren Einsatz warten. Aber auch viele, die es im Aufnahmeland zu nichts bringen und im entsprechenden Milieu anfällig werden für radikale Prediger, die sie für den „Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen“ rekrutieren möchten.
Europa hat noch immer nicht verstanden, was der Islamismus überhaupt für eine Ideologie ist, obwohl sie sich vor fast hundert Jahren organisiert hat. Schlimmer noch: Es wird gar nicht erst danach gefragt. Schlichte Gemüter vermuten rationale Gründe für den Terror: Demütigung durch die koloniale Vergangenheit, Diskriminierung, Reaktion auf westliche Interventionen im Nahen und Mittleren Osten. Meist wird geleugnet, dass es eine signifikante Zahl von Muslimen gibt, die sich dem Terrorismus zuwenden könnten.
Dabei lässt sich sehr wohl erklären, was den Islamismus ausmacht. Er ist nicht einfach „religiöser Konservatismus“, sondern eine totalitäre politische Ideologie, die auf der absoluten Unterwerfung aller Lebensbereiche unter ein bestimmtes Verständnis der Scharia beruht und einen universellen Herrschaftsanspruch erhebt. Der radikale Islamismus – verkörpert vor allem durch die Muslimbruderschaft und ihre ideologischen Ableger (Hamas, Hizb ut-Tahrir, salafistisch-dschihadistische Strömungen sowie Teile der türkischen Milli-Görüş-Bewegung) – stellt für Europa eine der schwerwiegendsten ideologischen und sicherheitspolitischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts dar.

Der IS-Terrorist Issa al Hasan ermordete beim „Festival der Vielfalt“ in Solingen drei Menschen.
„Der Islam wird nach Europa zurückkehren, wenn nötig, mit dem Schwert“
Was noch immer nicht einmal Basiswissen ist, weil das Thema auch medial gemieden wird: Die Muslimbruderschaft wurde 1928 von Hassan al-Banna mit dem expliziten Ziel gegründet, die islamische Welt erneut unter einem Kalifat zu vereinen und langfristig die gesamte Menschheit der „Herrschaft Allahs“ zu unterwerfen. Sein Nachfolger Sayyid Qutb erklärt in seinem Hauptwerk „Meilensteine“ die gesamte nicht-islamistische Welt – einschließlich der säkularen muslimischen Gesellschaften – zur „Jahiliyya“ (Zeit der Unwissenheit vor dem Islam) und fordert den permanenten revolutionären Kampf, bis „die Herrschaft allein Allah gehört“.
Qutb schreibt wörtlich: „Die Muslime müssen sich von den bestehenden Gesellschaften absondern und eine eigene Avantgarde bilden, die den Dschihad führt, bis die ganze Welt dem Islam unterworfen ist.“ Dieser Anspruch ist nicht defensiv, sondern offensiv und universal. Yusuf al-Qaradawi, langjähriger geistlicher Führer der Muslimbruderschaft und bis zu seinem Tod 2022 eine der einflussreichsten sunnitischen Autoritäten Europas, drohte 2004 in einem Fatwa-Rat in Katar: „Der Islam wird nach Europa zurückkehren – entweder als Eroberer und Sieger, oder das wird das Ende Europas sein. […] Es wird durch Dawa (Missionierung) und durch das Schwert geschehen, falls nötig.“
Statt auf die schönfärberischen Interpretationen des Islam durch Orientalisten zu hören, wäre man gut beraten, islamistische Prediger und politische Führer beim Wort zu nehmen, die recht offen darüber sprechen, was sie vorhaben.
Omar Abdelkader (prominenter ägyptischer Prediger der Bruderschaft, 2011 in Kairo): „Hitler hat nicht genug getan. Wir werden die Arbeit vollenden und Europa von den Juden und Kreuzfahrern säubern.“ Mohammed Badie, Oberster Führer der Muslimbruderschaft (2011): „Der Koran muss das einzige Gesetz in Ägypten sein […] und danach in der ganzen Welt. Die Zeit der Demütigung des Islam ist vorbei.“ Ismail Haniyeh (Hamas-Führer): „Wir sind auf dem Weg nach Jerusalem, und danach nach Rom, nach Andalusien und darüber hinaus.“

Islamist mit einem Bild des Hamas-Führers Ismail Haniyeh, der auch Rom und Andalusien erobern wollte.
Abu Qatada (al-Qaida-Ideologe, lange Jahre in London lebend, 2004): „Die Fahne des Islam wird über dem Downing Street wehen und über dem Elysee-Palast.“ Anjem Choudary (britischer Prediger, mehrfach verurteilt, 2016 vor Gericht): „Wenn Muslime in ein Land kommen, haben sie die Pflicht, es zu erobern. Die normale Lage zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen ist der Krieg.“ Und auf jeder Konferenz der islamistischen Bewegung Hizb ut-Tahrir (weltweit aktiv, in Deutschland verboten, in Großbritannien und Belgien legal) wird das Ziel verkündet: „Das Kalifat wird Rom erobern“ – wörtlich gemeint als Eroberung Europas.
Auch Angriffe auf Kirchen nehmen seit 2015 zu
Was uns blüht, wenn die Islamisten die Oberhand gewinnen, ist offensichtlich, doch der Kontinent zieht es weiter vor, den Kopf in den Sand zu stecken. Seit den 1970er-Jahren und insbesondere seit 2015 hat er Millionen Muslime aufgenommen, darunter eine signifikante Minderheit, die sich ideologisch an den genannten Strömungen orientiert. Die Muslimbruderschaft betreibt in Europa ein dichtes Netz von Moscheen, Verbänden und „Kulturzentren“ (in Deutschland z. B. die Islamische Gemeinschaft in Deutschland IGD, die Zentralmoschee Köln des türkisch-islamistischen DITIB-Netzwerks sowie zahlreiche Milli-Görüş-Moscheen). Diese Strukturen verbreiten nicht nur die Ideologie Qutbs und al-Bannas, sondern schaffen Parallelgesellschaften mit eigenen Rechtsvorstellungen.

Zentralmoschee in Köln: Hier ruft der Muezzin freitags zum Gebet.
Auch, dass sich der Hass radikaler Muslime keineswegs auf Juden beschränkt, ist vielen noch nicht klar. Es ist sicher kein Zufall, dass Angriffe auf Kirchen in Europa seit 2015 deutlich zugenommen haben: von einigen Hundert dokumentierten Fällen pro Jahr auf über 2.000–3.000. Im Sommer 2016 wurde in einer französischen Kirche einem Priester die Kehle durchgeschnitten. Auch die Natur der Kirchenschändungen ist extremer geworden: Enthauptung von Statuen, Exkremente auf Altären, Brandstiftung.
Berichte unabhängiger Beobachter (wie das Observatory on Intolerance and Discrimination Against Christians in Europe – OIDAC, das Gatestone Institute und nationale Innenministerien) zeigen eine deutliche Zunahme von Vandalismus, Entweihungen, Diebstählen und Brandanschlägen auf christliche Kirchen und Symbole in Europa. Der Trend begann etwa ab 2015/2016 spürbar und hat sich seither verstärkt – besonders in Frankreich, Deutschland, Großbritannien und Spanien.
Europa muss Grenzen setzen, um nicht dereinst zum Kalifat zu werden
Demografisch „läuft“ es auch für die islamistischen Fanatiker: In vielen westeuropäischen Großstädten (Brüssel, Malmö, Rotterdam sowie in Teilen von London und Paris) liegt der muslimische Bevölkerungsanteil bei 20–40 Prozent, unter den unter 18-Jährigen teilweise über 50 Prozent. Wenn nur jeder Zehnte oder Zwanzigste von ihnen die radikal-islamistische Ideologie teilt, bekommen wir es mit Zehntausenden potenzieller Dschihadisten zu tun.
Der radikale Islamismus ist, auch wenn man das gern so hätte, eben keine Randerscheinung, die man durch „mehr Dialog“ entschärfen könnte. Er ist eine totalitäre politische Ideologie mit universalem Machtanspruch, die Europa offen als zu eroberndes Territorium betrachtet – sei es durch Demografie und Mission, sei es durch Gewalt. Die Drohungen von Qaradawi, Haniyeh, Choudary und vielen anderen sind keine leeren Worte, sondern die logische Konsequenz einer Ideologie, die keinen friedlichen Pluralismus kennt.
Europa steht vor der Wahl: Entweder es erkennt endlich die Natur dieser Ideologie und setzt ihr konsequent Grenzen: Verbot und Auflösung extremistischer Organisationen (wie eben immerhin von Innenminister Alexander Dobrindt für „Muslim Interaktiv“ erlassen), konsequente Abschiebung von Hasspredigern, Ende der Finanzierung aus reichen Öl-Staaten, klare Verteidigung säkularer Werte. Oder es wird Stück für Stück das werden, was die Ideologen der Muslimbruderschaft, die einen langen Atem haben, seit hundert Jahren verkünden: ein Teil des künftigen Kalifats, das von Demonstranten auch in Deutschland ja schon auf offener Straße gefordert wurde. Die leben übrigens immer noch mitten unter uns.
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Claudio Casula
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