Lauterbach will mehr als 2 Milliarden Euro Steuern aus dem Land vertreiben
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Karl Lauterbach sagt, er könne auf Gutverdiener „verzichten“, die darüber nachdenken, Deutschland wegen der massiven Steuer- und Abgabenlast zu verlassen. Der SPD-Politiker hat dafür massive Kritik geerntet und den Beitrag, den weit über 1 Million Menschen gesehen hatten, inzwischen gelöscht.
NIUS analysiert, warum Lauterbachs Aussage hochgefährlich ist – denn unter den Auswanderwilligen und den Auswanderern sind überproportional viele Menschen, die jung und gut ausgebildet sind. Mit ihrem Fortzug fallen Hunderttausende Menschen weg, die hohe Summen für Sozialstaat und Staatskasse leisten. Es geht um mehr als 2 Milliarden Euro.

Der Lauterbach-Beitrag bei X
„Auf diese Leute können wir verzichten“
„Die ewige Übertreibung von jungen Talenten, die mit dem hohen Rentenbeitrag (‚schnief‘) nicht klarkommen und deshalb angeblich auswandern. Auf diese Leute können wir verzichten“, schreibt Karl Lauterbach am Mittwoch bei X und ergänzt anzweifelnd: „Falls es sie überhaupt gibt.“
Dass Lauterbachs Worte denen von DDR-Machthaber Erich Honecker gefährlich nahe sind, der im Herbst 1989 in einem Kommentar der staatlichen Nachrichtenagentur zu Fluchtwilligen die Worte „Man sollte ihnen deshalb keine Träne nachweinen“ ergänzen ließ, könnte Zufall sein.
Lauterbach hatte auf einen Beitrag des Chefs der Lobbygruppe „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“, Thorsten Alsleben, reagiert, der von befreundeten Gutverdiener-Familien berichtet hatte, die Deutschland verlassen wollen.
Zum einen scheint Lauterbach nicht an dieses Phänomen zu glauben („Falls es sie überhaupt gibt“), er scheint den Faktor hoher Sozialabgaben nicht anzuerkennen („schnief“) und die Relevanz des Problems nicht zu überblicken („Auf diese Leute können wir verzichten“).
Auswanderer haben viermal häufiger einen Hochschulabschluss
288.579 Deutsche sind 2025 aus Deutschland ausgewandert. Knapp zwei Drittel von ihnen sind jünger als 40 Jahre, drei Viertel haben einen Hochschulabschluss. Das sind 216.000 deutsche Akademiker, die das Land allein im vergangenen Jahr verlassen haben. Das geht aus einer Befragung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung hervor.
Zum Vergleich: Nur rund 18 Prozent der Menschen in Deutschland haben einen Hochschulabschluss.
Es sind also junge, überdurchschnittlich gut ausgebildete Fachkräfte, die Deutschland den Rücken kehren. Menschen mit Hochschulabschluss verdienen laut der Berufsvermittlungsbörse Stepstone im Mittel mehr als 17.000 Euro mehr an Bruttolohn (68.250 Euro) als Menschen ohne akademischen Grad (51.200 Euro). Das deutsche Mediangehalt beträgt 53.900 Euro.

Das heißt natürlich auch: Ein Hochschulabsolvent zahlt deutlich mehr Steuern und Sozialabgaben als ein Durchschnittsverdiener. In Zahlen sind das knapp 4.000 Euro mehr Einkommenssteuer pro Jahr, 2.650 Euro mehr Rentenbeiträge, 2.400 Euro mehr Krankenkassenbeiträge und knapp 700 Euro mehr Beiträge in die Pflegekasse pro Jahr.
Dem Sozialsystem entgehen mehr als 2 Milliarden Euro
Zusammengerechnet kommen so mehr als 10.000 Euro an Steuern und Sozialabgaben zusammen, die Staat und Sozialsystem entgehen, wenn Akademiker das Land verlassen. Bei 216.000 ausgewanderten Akademikern, die es allein im Jahr 2025 waren, häuft sich so eine Summe von mehr als 2 Milliarden Euro an. Das ist das, worauf Lauterbach zu verzichten bereit war.

Quelle: Mediendienst Integration
Durch deutsche Rückkehrer lässt sich dieser Effekt von Steuer- und Sozialabgabenverlust und „Braindrain“ nicht auffangen. Zum einen wandern seit nunmehr 2005 jedes Jahr mehr Deutsche ins Ausland ab als Deutsche aus dem Ausland zurückkehren – der Negativ-Saldo beträgt seit 2025 rund 1,13 Millionen. Darüber hinaus ist die Akademiker-Quote unter den Rückkehrern mit 69 Prozent etwas niedriger als die der Auswanderer (76 Prozent).
Ein Beispiel für besagten „Braindrain“, also den Verlust von Bildung und Fähigkeiten durch Migrationsbewegungen, sind mehr als 2.000 Ärzte, die Deutschland verlassen – 60 Prozent davon sind deutsche Staatsbürger. In Debatten rund um Migration wird oft vorgetragen, dass rund 6.000 Ärzte aus Syrien in Deutschland arbeiten. Das ist auch zutreffend. Die Tatsache, dass seit der Flüchtlingskrise 2015 mehr als doppelt so viele deutsche Ärzte ausgewandert sind, rückt die Zahl ins Verhältnis.
Fest steht: Karl Lauterbach hat mit seinem Tweet nicht nur jede Menge Zorn auf sich gezogen. Faktisch hat er gesagt, Deutschland könne auf mehr als 200.000 top-ausgebildete Menschen verzichten, die dem Staat jedes Jahr mehr als 2 Milliarden Euro an Zusatzeinnahmen bringen.
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Julius Böhm
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