Alle, die der Spiegel nicht mag, sind Hitler: Über die Folgen der „Faschismus“-Inflation
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Der Spiegel macht sich gerne auf die Suche nach Faschisten. Er geht dabei vor wie ein Angler, der sich im Tiergeschäft einen Bottich lebender Makrelen besorgt, sie in seinen Teich kippt, die Angel auswirft und alle paar Minuten „Petri Dank“ ruft.
„Wie Faschismus beginnt“, titelt das Magazin auf seinem aktuellen Cover, darauf abgebildet der thüringische AfD-Chef Björn Höcke, die Vorsitzende der französischen Partei RN Marine Le Pen und US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump. Bereits im Mai hatte das Hakenkreuz für das Spiegel-Cover herhalten müssen („Nichts gelernt?“). Im Januar hatte das Heft vor „Diktator Trump“ gewarnt und vorsorglich „ein Szenario“ entworfen.

Das Cover des aktuellen Spiegel-Magazins.
Seit einigen Jahren kursiert für diese paranoide Obsession mit dem Nationalsozialismus das Bonmot „Everything I don’t like is Hitler“ – alles, was ich nicht mag, ist Hitler. Umso erstaunlicher ist es, wie ungeniert die beiden Autoren der aktuellen Spiegel-Titelstory, Lothar Gorris und Tobias Rapp, in diese Kerbe schlagen: „Die heimlichen Hitler“ ist ihre Geschichte überschrieben.
Secret Hitler
Sie beziehen sich damit auf ein Brettspiel mit dem Titel „Secret Hitler“, bei dem die Spieler entweder in die Rolle der „Demokraten“ oder der „Faschisten“ schlüpfen: „Ein Spiel über die Kunst des Lügens, die Naivität der Guten und die Gerissenheit der Bösen“, so das Magazin. Erste Erkenntnis also: Der Kampf gegen den Faschismus ist ein Kampf, in dem sich eine gute und eine böse Seite gegenüberstehen. Nachdem das politische Spielfeld dieserart übersichtlich sortiert wurde, erfahren wir, wie sich das Böse heute manifestiert:
„Der Rückfall in den Faschismus ist die Urangst der modernen demokratischen Gesellschaften. Doch was lange etwas hysterisch klang und unvorstellbar, erscheint inzwischen ernst und real. Wladimir Putins imperiale Ambitionen. Narendra Modis nationalistische Hindu-Regierung in Indien. Der Wahlsieg Giorgia Melonis in Italien. Marine Le Pens Normalisierungsstrategie in Frankreich. Javier Mileis Sieg in Argentinien. Viktor Orbáns autokratische Dominanz in Ungarn. Die Comebacks der FPÖ in Österreich oder von Geert Wilders in den Niederlanden. Die AfD in Ostdeutschland.“
All diese völlig unterschiedlichen Phänomene sind also Zeichen eines „Rückfalls in den Faschismus“: Melonis transatlantisch orientierte Politik, Mileis libertäre Abkehr vom Staat, Le Pens EU- und migrationskritische Ausrichtung – die selbst den Spiegel-Autoren so normal erscheint, dass sie der Normalität ein strategisches Kalkül unterstellen müssen, ohne sich jedoch mit einer Erläuterung dieser Unterstellung aufzuhalten. Denn es warten noch weitere Faschisten, die benannt werden müssen:
„Die drohende Wiederwahl Trumps und die Angst davor, dass er in einer zweiten Amtszeit wirklich Ernst machen könnte. Die Überfälle britischer Mobs auf Migrantenunterkünfte. Der Neonazi-Aufmarsch in Bautzen. Die Pandemie. Der Krieg in der Ukraine. Die Inflation.“ Schlechtes Wetter und Koriander, könnte man ergänzen. Die sind auch nicht sonderlich beliebt, ähnlich wie Corona und steigende Brotpreise, und damit mutmaßliche Faschismus-Beschleuniger.
Um nun herauszufinden, wie das Böse keimen kann, reisten die Spiegel-Autoren durch die Lande, führten tiefsinnige Gespräche mit Professoren aus den USA, Großbritannien und Deutschland und kamen mit einem Schatz poetischer Einsichten zurück, wie dieser: „Manchmal erweckt die Debatte über die Bedrohung der Demokratie den Eindruck, es sei plötzlich ein böser Geist über die Welt gekommen.“

So titelte der Spiegel im Mai.
Zehn Faktoren
Die Faschismus-Spezialisten bieten ein buntes Potpourri an Meinungen, garniert mit raunenden historischen Bezügen und apokalyptischen Prophezeiungen. Die österreichische Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl findet, „Gewalt“ im Netz sei „genauso real“ wie italienische Schlägertrupps, die in den Zwanzigerjahren dem Faschismus den Weg bereiteten. Der amerikanische Historiker Timothy Snyder versteigt sich zu der These, dass niemand in den vergangenen anderthalb Jahren so viel für den Vormarsch des Faschismus getan habe wie der Unternehmer und Besitzer der Plattform X, Elon Musk.

Elon Musk interviewte erst kürzlich Donald Trump – ob ihn das zu einem Wegbereiter des Faschismus macht?
Sollte Trump gewinnen, rechnet Snyder mit einem Kollaps der Wirtschaft, „organisiertem Widerstand“ und Turbulenzen bei FBI und Armee. Noch präziser scheint die Glaskugel des Historikers Robert Kagan zu funktionieren: „Trump werde erst das Justizministerium nutzen, um sich an seinen Feinden zu rächen. Er werde die Immigrationspolitik militarisieren und Hunderttausende Ilegale zusammentreiben lassen. (…) Erst verlören die Immigranten und Immigrantinnen ihre Bürgerrechte, dann auch die Oppositionellen, die man verhaften und anklagen würde“, zitiert der Spiegel Kagan.
Gleich zwei der Experten wollen den Aufstieg des Faschismus anhand zehn charakteristischer Faktoren erkennen. Dabei kommen sie jedoch jeweils zu zehn unterschiedlichen Faktoren. Das macht misstrauisch: Denn wenn das entscheidende verbindende Element der beiden Theorien die Zahl Zehn ist, könnte dies darauf hinweisen, dass sich beide Theorien vor allem an den Mechanismen des Sachbuchmarkts orientieren, der es goutiert, ein Phänomen auf zehn Faktoren herunterzubrechen.
Für Einwände gegen die jeweiligen Thesen oder Realitätschecks hat der Platz im Spiegel-Magazin offensichtlich nicht gereicht, schließlich mussten die Autoren noch die Büros und komplizierten Scheidungen der Professoren beschreiben. Einer von ihnen, Jason Stanley von der Yale-Universität, liest mit seinen Kindern, neun und 13 Jahre alt, gerne Platon. Damit sie verstehen, wie schwierig und stark zugleich die Demokratie ist.
Ein Führerkult für die gedemütigte Nation
Stanley ist einer der beiden Experten, die zehn Faktoren im Gepäck haben. Auffällig ist, dass seine Faktoren sich bei genauer Betrachtung auch auf Sozialdemokraten und Grüne sowie linke Medien anwenden lassen. So sagt Stanley etwa: „Der Faschismus hasst die Städte.“ (Die Grünen auch. Und wenn sie doch in Städten leben, dann verwandeln sie sie in Windeseile in verkehrsberuhigte Spielstraßen mit Hochbeeten.) Stanley sagt auch: „Faschistische Propaganda stellt den politischen Gegner als Bedrohung für die eigene Existenz und eigene Traditionen dar. ‚Sie‘ gegen ‚uns‘.“ (Nichts ist für Grüne und SPD identitätsstiftender als der Kampf „gegen Rechts“.) Stanley findet, moderner Faschismus sei ein Führerkult, der einer gedemütigten Nation die Wiedergeburt verspricht. („Die Erlöserin?“, fragte das Magazin Stern kürzlich und zeigte in der Pose der Freiheitsstatue die demokratische Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris, deren „Kampf“ erst jetzt beginne.)

Städte, wie Grüne sie lieben: die Berliner Friedrichstraße im Juli 2023.
Der Spiegel scheint an einer differenzierten Betrachtung von Sachverhalten wenig Interesse zu haben. Darum fällt ihm nicht auf, dass die enorm breite Definition von Faschismus, die viele der Experten vertreten, schließlich dazu führt, dass nahezu alles als Faschismus definiert werden kann und wir uns wohl auf einen Endkampf Faschisten vs. Faschisten bereit machen müssen.
Geradezu ulkig wird diese Blindheit gegenüber den totalitären Tendenzen des eigenen Lagers, als der Spiegel den Politologen Jan-Werner Müller zu Wort kommen lässt, der in Princeton lehrt: Man dürfe Viktor Orbán den Begriff der „illiberalen Demokratie“, den der ungarische Ministerpräsident für sich reklamiert, nicht zugestehen – denn dadurch erscheine Orbán wie ein Demokrat, wenn auch kein liberaler. Vielmehr müssen man ihn als Autokraten entlarven, erklärt der Professor, nur um dann, mit Blick auf die AfD, das „differenzierte Instrumentarium“ zu loben, das in Deutschland zur Verfügung stehe. Landesverbände verbieten, Organisationen oder Politikern Grundrechte entziehen – es müsse nicht gleich das Verbot einer ganzen Partei sein. Müller erklärt: „Man kann den noch nicht völlig radikalisierten Teilen dieser Partei signalisieren: ‚Leute, wir zeigen euch hier auf, wo die Grenzen der Demokratie sind.‘“
Merke: Faschisten im Ausland erkennt man daran, dass sie Grundrechte entziehen; Faschisten im Inland daran, dass sie Grundrechte entzogen bekommen.

Viktor Orbán propagiert die „illiberale Demokratie“.
Zu Besuch bei Höcke
Höchste Zeit also für die Autoren, sich den Faschisten im Inneren zu stellen. Sie fahren in das Städtchen Greiz im Osten Deutschlands, wo der AfD-Spitzenkandidat für Thüringen, Björn Höcke, einen Auftritt beim Sommerfest seiner Partei hat. Nicht viel los im Ort, der Spiegel hat dafür direkt eine Erklärung parat: „Es gibt kaum öffentliches Leben auf den Straßen der Altstadt, als ob sich die Menschen immer noch in der Diktatur wähnten und in den Schutz der Privatheit zurückgezogen hätten.“
Die Autoren stellen fest, dass ihnen die Art nicht gefällt, wie Höcke Wörter wie „Dragqueens“ und „Transgender-Models“ ausspricht. Wirklich weiter in der Faschismus-Analyse bringt sie der Besuch im Greizer Schlossgarten aber auch nicht. „Man bleibt etwas ratlos zurück“, resümieren sie zum Ende des Textes und zitieren die Worte des Politologen Ivan Krastev, laut dem Faschismus einfach zu definieren, aber schwierig zu erkennen sei, wenn man ihn sehe.
Zumindest aus dieser Bredouille weiß sich der Spiegel zu retten: Er erkennt den Faschismus prophylaktisch in allem, was ihm nicht gefällt.
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