Antonio Rüdiger, der DFB und die Macht der Krokodilstränen – Ein Drama in drei Akten
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Ein Gastbeitrag von Pauline Voss
Heute heißt es oft, wir hätten „Peak Woke“ erreicht. Der Gipfel der Wokeness sei überschritten, die Ideologie befände sich auf dem Rückzug. Der Fall um Antonio Rüdiger zeigt, dass dies nicht so ist, dass unsere Institutionen und Debatten weiterhin von woker Ideologie geprägt sind. Und dass Entscheidungen, die im Namen dieser Ideologie gefällt werden, unsere Freiheit bedrohen.
Wie genau aber funktioniert die Macht der Wokeness, die Macht der Krokodilstränen?
I. Akt: Diskriminierungshypothese
Mitte März präsentierte der DFB das neue Auswärtstrikot in lila-pink, das eine „neue Generation deutscher Fußballfans und die Vielfalt des Landes repräsentieren soll“. Eine Farbe selbst kann nicht vielfältig sein, der DFB spielt mit dieser Zuschreibung also auf die gesellschaftliche Bedeutung der Farbe an.
Pink wird allgemein mit Weiblichkeit assoziiert. Im Werbevideo zum Trikot wird die Kritik an der Farbe bereits vorweggenommen: „Das Trikot will doch keiner haben!“, kommentiert eine Stimme, eine andere: „Ist das ein Frauentrikot?“

„Ist das ein Frauentrikot?“ – Der DFB nahm die Kritik am Design des neuen Nationaltrikots gleich vorweg.
Der DFB macht sich hier zunutze, was ich in meinem Buch „Generation Krokodilstränen“ als Diskriminierungshypothese bezeichne: Die Annahme, dass die Gesellschaft von permanenter Diskriminierung durchdrungen ist und nur durch einen Befreiungskampf erlöst werden kann.
Dieser angebliche Befreiungskampf sichert jedoch vor allem die Macht der selbsternannten Befreier: Indem der DFB das pinke Trikot als Opfer einer Hetzkampagne präsentiert, bevor diese Kampagne überhaupt stattgefunden hat, inszeniert er sich als Vorkämpfer des Feminismus und poliert sein eigenes Image auf.
II. Akt: Opfer-Inszenierung
Einige Tage später machte Julian Reichelt auf einen Instagram-Post des Nationalspielers Antonio Rüdiger aufmerksam, auf dem dieser mit einem erhobenen Zeigefinger beim Gebet zu sehen ist. Eine Geste, die der Verfassungsschutz und das Innenministerium regelmäßig als Erkennungszeichen von Islamismus eingeordnet hatten. Reichelt sprach nun von „Islamismus in der deutschen Start-Elf“.

Antonio Rüdigers Instagram-Post, der medial viel diskutiert, aber nur selten gezeigt wurde.
Wenn der DFB sich tatsächlich gegen Diskriminierung im Allgemeinen und gegen Frauenfeindlichkeit im Besonderen stellen wollte, dann müsste er Rüdigers Geste mit größter Besorgnis begegnen: Denn wohl keine Ideologie der Welt tritt die Rechte von Frauen derart mit Füßen wie der Islamismus. In seinem Namen werden Frauen gesteinigt, vergewaltigt, misshandelt, der Freiheit beraubt.
Wäre dem DFB an Frauenrechten gelegen, würde er Solidarität mit den weiblichen Opfern des Islamismus bekunden und Rüdigers Geste problematisieren.
Was der DFB jedoch problematisierte, war die Kritik an Rüdiger. Der Verband meldete Reichelt bei der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main. Rüdiger selbst stellte Strafanzeige bei der Berliner Staatsanwaltschaft wegen Verleumdung, verhetzender Beleidigung und Volksverhetzung.

Julian Reichelt kritisierte auf X und in NIUS-Beiträgen Rüdigers Zeigefinger-Geste als islamistisch. Der Nationalspieler zeigte den Journalisten daraufhin an.
Hier zeigt sich, dass es den Anhängern der Diskriminierungshypothese niemals darum geht, Diskriminierung zu bekämpfen. Ihr Ziel ist es, Fälle von angeblicher Diskriminierung zu erfinden, um diese zu ihren eigenen Zwecken zu instrumentalisieren.
Gegenüber Bild bezeichnete Rüdiger den Islamismus-Vorwurf als unbegründet, er lasse sich nicht „beleidigen und als Islamist verunglimpfen“. Der Fußballspieler sieht sich als Opfer, der DFB schließt sich dieser Sicht an. Wer heute öffentlich über Diskriminierung weint, der vergießt meist Krokodilstränen: simulierte Tränen, die vertuschen sollen, dass es einzig darum geht, Deutungshoheit zu erlangen.
III. Akt: Gefahren-Beweis
Um diese Deutungshoheit und die damit verbundene Macht zu erhalten, muss die vermeintliche Diskriminierung perpetuiert werden. Es müssen Beweise gesammelt werden, um die (eigentlich frei erfundene) Diskriminierung zu belegen. Auch dies gelang dem DFB vorbildlich.
In dieser Woche gaben der DFB und Adidas bekannt, Trikots mit der Nummer 44 vorläufig aus dem Sortiment zu nehmen, nachdem Nutzer in den sozialen Medien eine Ähnlichkeit zwischen dem Design der Zahl und der SS-Rune ausgemacht hatten. Durch seine schnelle Reaktion auf die Kritik bestätigte der DFB indirekt, dass von der aufgedruckten Zahl eine Gefahr ausgehen könnte. Der Verband distanzierte sich zugleich von „jeglichem rechten Gedankengut“.
In meinem Buch spreche ich in diesem Kontext von der „Kausalmacht des Nationalsozialismus“: Die Gegenwart muss permanent verwoben werden mit Analogien zum Nationalsozialismus. Die unbedeutendste Aussage wird metaphorisch aufgeladen, um vor einer bevorstehenden Rückkehr der Nazi-Zeit warnen zu können. Auf diese Weise kann die (erfundene) Diskriminierung glaubhaft gemacht und produktiv verwertet werden: Der DFB inszenierte sich, indem er die 44 aus dem Sortiment nahm, einmal mehr als Befreiungskämpfer gegen Unterdrückung durch „Rechte“.

Der DFB lässt das Nationaltrikot neu gestalten, da die Rückennummer 4 an SS-Runen erinnere ...
Der Verband reagierte also umgehend auf Kritik an einem Symbol, das versehentlich entfernt an ein Nazi-Symbol erinnerte. Kritik hingegen an einem absichtlich verwendeten Symbol, das als Islamisten-Gruß bekannt ist, versucht er juristisch zu untersagen.
Der Verband fantasiert eine Bedrohung von rechts herbei, während er den tatsächlich durch den Islamismus diskriminierten Frauen und Minderheiten in den Rücken fällt. Das Verhältnis von Institutionen wie dem DFB zu Diskriminierung ist rein instrumentell. Auch pinke Trikots können darüber nicht hinwegtäuschen.
Das beschriebene Muster wiederholt sich in vielen Debatten: Scheinbar geht es den Verfechtern der Diskriminierungshypothese darum, Diskriminierung zu bekämpfen. Tatsächlich aber zielen sie darauf ab, Diskriminierung zu instrumentalisieren, um ihre Macht zu sichern. Während allerlei Diskriminierung herbeifantasiert wird, wird die tatsächliche Diskriminierung verleugnet und damit gestärkt. Was dies konkret bedeutet, erfährt gerade der FDP-Politiker Paul Bressel: Seitdem er Rüdigers Geste als „Islamisten-Gruß“ bezeichnete, erhält er nach eigenen Angaben täglich hunderte Morddrohungen.
Der DFB führt derweil lieber einen Kampf gegen seine eigene Trikotnummer, als es sich mit Islamisten zu verscherzen.
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