Die große Chronik: Wie das Video von Sylt das Land an den Rand des Wahnsinns treibt
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Seit Tagen befindet sich das Land im Ausnahmezustand. Der Grund dafür: Ein Video aus Sylt, in dem mehrere Personen die Parole „Ausländer raus!“ auf der Melodie eines bekannten Eurodance-Hits singen.
NIUS dokumentiert, was in den Tagen danach passierte:
19. Mai
Am Pfingstwochenende veranstaltet der berühmte Nobel-Club „Pony“ in Kampen auf Sylt eine Party. Während der mehrtägigen Feier läuft am Sonntag das Lied „L’Amour toujours“ des italienischen DJs Gigi D’Agostino. Mehrere angetrunkene, junge Personen grölen zur Melodie des Songs die Parole „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“
Erstmals wurde das Lied im Oktober 2023 in einer Dorfdisco in Bergholz (Mecklenburg-Vorpommern) entsprechend umgedichtet. Von dort aus verbreitete sich die Parole als Meme in weiteren Clubs in ganz Deutschland und in den sozialen Netzwerken. „Ein rassistischer Ohrwurm wird zum TikTok-Trend“, berichtete der NDR bereits am 16. Januar.
Die Personen auf Sylt filmen sich bei ihren Gesängen. Das Video wird per WhatsApp verschickt und die Geschichte nimmt ihren Lauf.
Der Staatsschutz ermittelt
23. Mai
Der Polizei in Flensburg wird das Video zugespielt. „Auf dem Video ist zu sehen, wie mindestens Teile der abgebildeten Personen rechtsextreme Liedtexte (‚Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!‘) singen. Zudem liegt der Verdacht vor, dass durch eine Person der sogenannte Hitlergruß gezeigt wird“, heißt es in einer Pressemitteilung. Der Staatsschutz ermittelt wegen Volksverhetzung und des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Kennzeichen.
24. Mai
Am nächsten Morgen ist es die Top-Meldung des Tages. „Rechte Parole und Hitlergruß: Sylt-Urlauber schockieren in Disco“, heißt es beim Portal t-online. „Nazi-Skandal auf Sylt: VIP-Gäste grölen ‚Ausländer raus!‘“, titelt die Bild-Zeitung.
Am Mittag meldet sich Innenministerin Nancy Faeser zu Wort: „Was wir dort sehen, ist widerwärtig und menschenverachtend. Wer solche Nazi-Parolen grölt, ist eine Schande für Deutschland.“ Wenige Stunden später folgt der Bundeskanzler: „Solche Parolen sind eklig. Sie sind nicht akzeptabel“, sagt er.
In den Kommentarspalten regen sich zahlreiche Leute darüber auf, dass weder Scholz noch Faeser sich zu Messerattacken, Vergewaltigungen oder dem Judenhass an Universitäten äußern, aber betrunkene junge Leute auf Sylt ihnen eine Wortmeldung wert sind.
Am Abend berichtet auch die ARD-Tagesschau um 20 Uhr über „Ermittlungen wegen rassistischer Parolen“ auf Sylt. Offenbar hat der Fall anders als bei zahlreichen Flüchtlingsmorden eine „überregionale Bedeutung“.

Auch die Tagesschau berichtete.
Am Freitag tauchen dazu Videos eines Schützenfestes aus Löningen auf. Auf einer Party am Pfingst-Wochenende kam es ebenfalls zu den Rufen der Parole „Deutschland den Deutschen, Ausländer aus!“ zur Musik von Gigi D’Agostino. „In einer weltoffenen und toleranten Gesellschaft, die gerade erst das 75-jährige Bestehen des Grundgesetzes gemeinsam gefeiert hat, ist ein solches Verhalten mit unserem Menschenbild nicht vereinbar“, bedauert der Cloppenburger Polizeipräsident Andreas Sagehorn.
Forderung der Höchststrafe
25. Mai
Auf dem Bürgerfest anlässlich des 75. Geburtstages des Grundgesetzes fordert Bärbel Bas, Präsidentin des Bundestags, die jungen Leute aus dem Sylt-Video „vielleicht auch mal mit der Höchststrafe zu belegen“. Im Falle von Volksverhetzung sind dies fünf Jahre.
Ihre Partei postet auf X unterdessen eine Kachel, auf der zu lesen ist: „Deutschland den Deutschen, die unserer Demokratie verteidigen.“ Später löschen die Sozialdemokraten das Bild und bitten um Entschuldigung.

Die auf dem Sylt-Video zu sehenden Personen werden in die Öffentlichkeit gezerrt. Die Bild-Zeitung veröffentlicht Namen und Berufe. Bilder der Personen werden ungepixelt gezeigt. Wenige Monate zuvor zeigt die Bild in einem Videobeitrag drei junge Muslime, die erklären: „Wir wollen Hitler zurück. Wir wollen Juden vergasen!“. In diesem Fall werden die Gesichter verpixelt.
Am öffentlichen Pranger
26. Mai
CDU-Politiker Armin Laschet fordert einen umfassenden Online-Pranger. In der ARD-Sendung „Bericht aus Berlin“ kommentiert er das Sylt-Video wie folgt: „Ich glaube, die haben aber ihren Preis bezahlt. In kürzester Zeit waren alle Namen öffentlich, sie haben alle ihren Job verloren. Und ich glaube, als Gesellschaft müssen wir darauf achten, dass das bei allen diesen Vorfällen gilt.“ Er wünsche sich „genau so jeden Einzelnen zu bestrafen, der antisemitisch, rassistisch und anders ist.“
In den sozialen Netzwerken macht ein Statement der reichweitenstarken Influencerin Lola Weippert die Runde: „Ich habe gerade das schlimmste Video aller Zeiten gesehen“, schluchzt die 28-Jährige in einem Video auf Instagram. „Vorweg: Nazis sind echt der Beweis, dass Gehirnversagen nicht immer zum Tod führt.“
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier warnt vor einer Radikalisierung „auch in der Mitte der Gesellschaft“.
Die Taz enthüllt in seiner Geschichte „Champagner, Rolex und Rassismus“ Details über einen Mann, der ein Teil der elitären Reisegruppe der „Ausländer raus!“-Rufer ist und auf dem Video zu sehen ist. Er singt nicht mit, trotzdem recherchiert die taz in seinem Umfeld. Sein Vergehen: Er habe nicht eingegriffen. Doch zur Enttäuschung des linken Blattes berichten die Studenten des Uni-Dozenten, dass sich dieser nie zuvor politisch geäußert habe.
„Am Abend meldet sich nochmals Nancy Faeser in der ARD-Sendung von Caren Miosga: „Wir müssen aufpassen, dass sich Werte nicht verschieben. Deswegen ist es auch sehr wichtig, dass man dort die Grenzen aufzeigt“, sagt Innenminister Faeser. „Das ist etwas, was mir große Sorge bereitet. Es gibt Dinge in unserer Gesellschaft, wo wir wieder mit viel mehr gegenseitigem Respekt und Wertschätzung reagieren sollten. Das muss zurückkommen, auch in politischen Diskussionen.“
Ein Lied soll verschwinden
27. Mai
Bei der Staatsanwaltschaft Flensburg sind über das Wochenende mehrere Anzeigen wegen Volksverhetzung gegen die Beteiligten des Sylt-Videos eingegangen.
Das Oktoberfest in München verbietet derweil das Abspielen des Songs „L’Amour toujours“ des italienischen DJs Gigi D’Agostino. „Jetzt wollen wir es erstmal klar verbieten und dann schauen wir mal, was auf der Wiesn passiert“, erklärt Wiesn-Chef Clemens Baumgärtner (CSU). Die Überwachung auf dem Oktoberfest sei „lückenlos“, weshalb er sich keine Sorgen mache, dass dieses „Verbot nicht auch die ordentlichen Zähne hat, um zu greifen“. Auf der Wiesn sei „für den ganzen rechten Scheißdreck kein Platz“, so Baumgärtner. Das Lied an sich sei zwar nicht rechtsradikal, aber es habe eine „ganz klare rechtsradikale Konnotation“ bekommen.
Auch die Organisatoren der Fußball-EM ziehen nach. In den Fanzonen und während des Fanfests am Brandenburger Tor in Berlin soll der Song nicht gespielt werden.
Fast zeitgleich klettert der Song des italienischen DJs auf Platz 1 der Itunes-Charts.
Unterdessen berichtet die Bild-Zeitung auch über den Macher des Videos und zeigt ein Foto von ihm. Das Video soll er nicht selbst verbreitet haben.
In Magdeburg veröffentlicht die Polizei eine Pressemitteilung. Demnach habe ein Zeuge am 24. Mai gegen 20:15 Uhr am Magdeburger Dom ein PKW wahrgenommen, dass mit lauter Musik vorbeifuhr. Weiter heißt es: „Aus der geöffneten Scheibe der Beifahrertür konnte man dabei gut wahrnehmbar laute Musik hören, wo unter anderem zu einem Lied von Gigi D'Agostino ‚Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!‘ gesungen wurde. Der Zeuge informierte daraufhin die Magdeburger Polizei, welche kurz darauf den beschriebenen PKW mit zwei Insassen im Breiten Weg feststellen und kontrollieren konnte. Der PKW sowie die beiden männlichen Insassen wurden daraufhin nach möglichen Tonträgern durchsucht, woraufhin die Mobiltelefone als mögliche Tatmittel beschlagnahmt wurden. Gegen die beiden Fahrzeuginsassen, zwei Magdeburger im Alter von 22 und 27 Jahren, wurde zudem ein Ermittlungsverfahren zum Verdacht der Volksverhetzung eingeleitet.“
In Stuttgart kommt es unterdessen zu skurrilen Szenen: Hunderte rot-orange gekleidete Menschen, zumeist junge Männer mit Migrationshintergrund, skandieren am Sonntagabend auf dem Schlossplatz: „Ausländer raus! Ausländer raus!“ Sie sind bestens gelaunt und Anhänger des Fußballvereins Galatasaray Istanbul. Die Fans feiern den Gewinn der türkischen Meisterschaft. Und immer wieder brüllen sie rhythmisch in die Nacht: „Ausländer raus! Ausländer raus!“
28. Mai
Auch der Songschreiber aus Italien wird nun zu einem Statement genötigt. In seinem Hit gehe es ausschließlich um Liebe, bedauert der Musiker auf Anfrage des Spiegels. Die einzige Intention des Songs sei es, die Familie fest zu umarmen, danke zu sagen und gemeinsam zu Tanzen. „Das ist die einzige Bedeutung, die mein Lied hat“, sagt Gigi D’Agostino, bürgerlich Luigino Celestino Di Agostino. Seine Single war 2001 erschienen.
Der Berufsverband Discjockey (BVD) empört sich über die geplanten Aufführungsverbote des Partyhits „L'Amour toujours“ auf dem Münchner Oktoberfest und anderen deutschen Volksfesten: „Das ist katastrophal. Wo sind wir denn, Lieder zu zensieren?“, fragt BVD-Präsident Dirk Wöhler.
Auf dem öffentlich-rechtlichen Kanal Funk wird eine Karte veröffentlicht, auf der Vorfälle gesammelt wurden, „bei denen meist Jugendliche – ähnlich wie auf Sylt – rassistische Parolen zu ‚L’Amour toujours‘ von Gigi D’Agostino singen. Funk kommt auf 30 Vorfälle seit Oktober 2023.

Die Hamburger Hochschule der jungen Frau, die auf dem Sylt-Video zu sehen ist, gibt bekannt, ein Exmatrikulationsverfahren zu prüfen.
Der NDR berichtet darüber, doch zahlreiche Kommentare scheinen die Social-Media-Abteilung zu nerven. „Wie wäre es mal, wenn Sie sich um Messermänner, Drogenhändler, Mörder und Vergewaltiger kümmern?“ Der NDR reagiert auf diese und weitere ähnliche Fragen anderer Nutzer mit einem Gähn-Smiley. Später bittet man um Entschuldigung: „In eigener Sache: Unter diesem Tweet gab es unangemessene Antworten von uns, diese wurden gelöscht. Unser Team ist angehalten, auf Social Media nur sachlich und konstruktiv zum Thema zu antworten. Der Fall wird intern aufgearbeitet. Wir bitten um Entschuldigung.“

Die neuen reichen Rechten
29. Mai
Das Magazin Stern erscheint mit einem riesigen Hakenkreuz in einem Champagnerglas. Die Titelgeschichte lautet: „Die Champagner-Nazis – Der Skandal um ausländerfeindliche Parolen elitärer Partygäste auf Sylt ist kein Einzelfall – wie rassistisch sind die reichen Rechten?“

In Österreich wollen die größten Radiostationen, Ö3 und Kronehit, künftig auf das Abspielen des Songs verzichten.
Die Polizeiinspektion Cloppenburg meldet, nach dem Vorfall in Löringen fünf männliche tatverdächtige Personen ausgemacht zu haben. Die Tatverdächtigen hätten sich teilweise selbst gestellt. Gegen sie wird wegen Volksverhetzung ermittelt. Die Polizei warnt dazu eindringlich für zukünftige Fälle: „Sollten Sie auf Personen oder Personengruppen treffen, die fremdenfeindliche Gesänge anstimmen, Äußerungen oder Gesten machen, distanzieren Sie sich. Stellen Sie sich als Zeuge zur Verfügung.“
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