Die Pisa-Studie als letzter Beweis: Wir entwickeln uns zurück
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„Die Fähigkeit zur Sprache ist der Schlüssel zur kulturellen Identität, zur Selbstreflexion und zur kollektiven Entwicklung der Menschheit.“
Mit diesen Worten beschrieb der Sprachwissenschaftler Franz Boas eine der wichtigsten Errungenschaften menschlicher Zivilisation. Man fragt sich, ob Boas auch den Umkehrschluss seiner Aussage im Kopf gehabt hat: Die UNfähigkeit zur Sprache ist der Schlüssel zur RÜCKentwicklung der Menschheit.
Schulleistungen in Deutschland so schlecht wie nie
In der internationalen Leistungsstudie Pisa für das Jahr 2022 haben die deutschen Schülerinnen und Schüler so schlecht abgeschnitten wie noch nie zuvor.
Die große Frage lautet nun: Wie gut sind unsere Schülerinnen und Schüler für die Zukunft gewappnet? Können sie in einer Welt bestehen, die von Digitalisierung und stetigem Wandel in Wissenschaft, Technik und Gesellschaft geprägt ist? Zieht man die Ergebnisse der aktuellen PISA-Studie zu Rate, lautet die glasklare Antwort: Nein.

Der deutschamerikanische Sprachwissenschaftler, Physiker und Geograph Franz Boas.
Zahlen und Fakten zu Pisa 2022
Seit dem Jahr 2000 erhebt die Pisa-Studie Daten zur Leistung von Schülerinnen und Schülern im Alter von 15 Jahren. Untersucht wird die funktionale Grundbildung, also die veritabelste Form von Bildung – jene Form, die einen in die Lage versetzt, gelerntes Wissen auf Problemstellungen aus dem Alltag anzuwenden. Für ebendiesen Alltag jedoch, so scheint es, sind deutsche Jugendliche nicht gewappnet. In keinem Erhebungsjahr zuvor waren die Leistungen 15-jähriger Schüler so schlecht wie im vergangenen Jahr 2022.
Besonders deutlich fällt dies im direkten Vergleich mit den anderen Teilnehmer-Staaten auf: Während zum Beispiel die Lesekompetenz der Jugendlichen in den Pisa-Studien 2015 und 2018 noch deutlich über den jeweiligen Mittelwerten lag, ist in der Pisa-Studie 2022 kaum noch ein Unterschied zu erkennen.

Die Lesekompetenz nimmt seit 2015 rapide ab.
Speziell an nicht gymnasialen Schularten fällt diese Entwicklung ins Gewicht. Hier ist der Anteil leseschwacher Fünfzehnjähriger mit 35 Prozent besonders groß und seit dem Jahr 2018 um 6 Prozentpunkte signifikant gewachsen. An den Gymnasien zeigt sich ein deutlicher Rückgang des Anteils besonders lesestarker Jugendlicher. Waren das 2018 noch 27,3 Prozent, schrumpfte der Anteil 2022 auf alarmierende 19,2 Prozent.
Wir halten also fest: Es ist flächendeckend eine besorgniserregende Kompetenzabnahme beim Nachwuchs festzustellen.
Warum ist das so? Hier die Erklärungsansätze:
Versäumnisse während Corona
Der Lehrermangel und die unzureichende Ausstattung für einen digital gestützten Distanzunterricht legen die Vermutung nahe, dass insbesondere während der Corona-Pandemie eklatante Versäumnisse im Bildungssektor stattgefunden haben müssen. Defizite, die bis heute nicht aufgeholt werden konnten. Sicherlich spielt dies eine Rolle für die Kompetenzabnahme, die sich in den Pisa-Ergebnissen so deutlich manifestiert. Allerdings, so heißt es in dem aktuellen Bericht, „setzt sich mit Pisa 2022 auch ein Abwärtstrend fort, der sich schon in den letzten Pisa-Runden […] abzeichnete“.
Die Probleme existierten also bereits vor der Corona-Zäsur und die Pandemie wirkte eher als Katalysator denn als Initiator.
Das Streben nach Mittelmaß
Eine der Ursachen könnte durchaus auch im deutschen Selbstverständnis, genauer gesagt, im Verständnis des nationalen Bildungsauftrags an sich liegen.
32,5 Prozent der Neuntklässler können nicht richtig lesen, 22,3 Prozent nicht richtig schreiben. Jedenfalls nicht gut genug für einen mittleren Schulabschluss, zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB). In der Pisa-Analyse wiederum heißt es: „Die Befunde weisen auf einen erheblichen Förderbedarf von Schülerinnen und Schülern auf allen Leistungsniveaus hin.“
Doch statt auf Förderung zu setzen, schraubt man in Deutschland lieber die Ansprüche herunter.
„Noch vor rund drei Jahrzehnten verlangten die Bundesländer von den zehnjährigen Schülern einen aktiven und orthographisch beherrschten Grundwortschatz von 1100 bis 1300 Wörtern. Heute sind es nur noch gut 500 Wörter (in Bayern, Rheinland-Pfalz, NRW) bis 700/800 Wörter (in Brandenburg und Baden-Württemberg).“ Das sagte Josef Kraus, langjähriger Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, meinem NIUS-Kollegen Ralf Schuler.

Josef Kraus war von 1987 bis 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.
Hierin drückt sich ein bemerkenswerter politischer Konsens aus, der an vielen Beispielen festgemacht werden kann („Pünktlichkeit“ der Deutschen Bahn, „Erfolg“ der Fußball-Nationalmannschaft), jedoch nirgends so schwer wiegt wie im Bereich der Bildung. Diesen Konsens beschreibt mein Kollege Willi Haentjes treffend als „Streben nach Mittelmaß“.
Wer den Standard herunterschraubt, erhält im Durchschnitt bessere Ergebnisse. Problem gelöst, richtig? Auf dem Papier vielleicht, aber jeder Mensch versteht intuitiv die Absurdität innerhalb dieser verqueren Logik. Selten in der Menschheitsgeschichte wurden Probleme auf dem Papier gelöst. Und wenn man schon die Historie bemüht, lohnt sich auch ein Rückblick auf die Geschichte der Schrift und was sie für uns als Menschheit bedeutet.
Vom Wert des Wissens – ein Abstecher in die Vergangenheit
Frühe Spielarten der Kommunikation waren zunächst in Form von prähistorischen Symbolen und Piktogrammen vorhanden, die sich immer weiter entwickelten, bis es irgendwann möglich war, komplexe Zusammenhänge abzubilden. Eines der ältesten bekannten Schreibsysteme ist die sumerische Keilschrift, die etwa im 4. Jahrtausend v. Chr. in Mesopotamien entstand.

Das sogenannte „Codex Lipit Istar“, eine sumerische Rechtssammlung aus dem Jahr 2400 v. Chr.
Natürlich waren die frühen Menschen schon vor der Entstehung der Schrift in der Lage zu kommunizieren. Sie konnten grunzen, gestikulieren, Empathie ausdrücken. Sie konnten Stammesangehörige vor einem Löwen warnen, der neben dem fruchtbaren Flussbett seinen Mittagsschlaf abhielt, sodass Jäger und Sammler ihre Route anpassen konnten. Wie man jedoch auf einen Löwen reagiert, dem man nichtsahnend durch die Savanne spazierend begegnet, dieses Wissen verschwand gemeinsam mit der fleischlichen Hülle des Wissenden und musste anschließend mühsam von der Pike auf neu erlernt werden.

Mehrfarbige Höhlenmalereien aus der Ostsahara im Gebiet um den fast 2000 Meter hohen Gebirgsstock Uwaynat, der Ägypten, Libyen und Sudan teilt.
Erst mit der Entstehung der Schrift wurde die Menschheit in die Lage versetzt, Wissen zu sammeln, Informationen zu speichern und an nachfolgende Generationen weiterzugeben. Neben der Kunst der Metallurgie (Verfahren zur Gewinnung und Nutzung von Metallen) war die Schrift einer von zwei Haupttreibern für die Entwicklung moderner Zivilisationen.
Durch die Schrift kamen wir in den Genuss, vom kollektiven Wissensschatz vorangehender Epochen zu profitieren – ja, wir konnten unsere Gesellschaftsordnung, die sonst nur in unseren Köpfen existiert, über unser Ableben hinaus weitertragen und so hat die „Spezies Mensch“ schließlich exponentielles Wachstum freigeschaltet.
Wie cool ist das denn bitte?
Und heute?
Heute zollen wir einer der bedeutsamsten Errungenschaften unserer Zivilisation Tribut, indem wir uns eingestehen, dass man von Jugendlichen aus Nordrhein-Westfalen nicht erwarten kann, mehr als 500 Wörter zu kennen.
Man fragt sich, wie viele Wörter wohl asiatische Schüler zu ihrem Grundwortschatz zählen dürfen. Fakt ist jedenfalls: Bei der Pisa-Studie erzielten die Schüler aus Singapur, Japan und Südkorea Spitzenleistungen.
Und zum Schluss noch ein aufbauendes Wort an die Teilnehmer der Pisa-Studie: Für einen Job als Politiker reicht es allemal! Schauen Sie hier, Franziska Brantner (Die Grünen) spricht über die Qualifikationsvoraussetzungen für einen Sitz im Deutschen Bundestag:
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