Die wichtigsten Fragen zur Lage in Israel: Wann kommt die Gaza-Offensive? Was wird aus den Geiseln? Greifen die USA ein?
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Die Lage in Israel wirft viele Fragen auf. NIUS-Reporter Jan Karon ist vor Ort, analysiert Hintergründe und gibt Antworten auf die drängendsten Fragen:
Wann kommt die Bodenoffensive in Gaza?
Die Ausführungen der New York Times, wonach sich die Bodenoffensive im Gazastreifen wegen schlechtem Wetters verschiebe, gilt hier in Israel vor Ort als unglaubwürdig.
Viel wahrscheinlicher erscheinen zurzeit zwei andere Gründe, warum sich der Einmarsch verzögert: Einerseits bringt eine Bodenoffensive des israelischen Militärs zahlreiche Unwägbarkeiten mit sich. Im dicht bewohnten Gebiet von Gaza muss die IDF vorsichtig vorgehen, um die Zahl von zivilen Toten möglichst klein zu halten und die Positionen von Hamas-Terroristen möglichst genau zu identifizieren.
„Urban Warfare“, also Krieg in Wohngebieten, ist dabei ein hoch komplexes militärisches Vorgehen, bei dem Soldaten nicht nur ihre Flanke schließen müssen und den Raum vor und hinter sich im Blick behalten müssen, sondern auch nach unten (Hamas-Tunnel) und oben (Beschuss von Wohnhäusern) denken müssen. Der Krieg wird also dreidimensional und gefährlich.

Israelische Soldaten an einer Versorgungsstation.
Zum anderen hat Israel Sorge vor einem Zweifrontenkrieg. Man weiß: Jede Eskalation mitsamt Bildern von Toten wird in der muslimischen Welt genutzt, um die Stimmung gegen Israel anzuheizen. Auch ein Eingreifen des Libanons – und womöglich sogar Jordaniens – scheinen dann wahrscheinlicher, was Israel um jeden Preis verhindern will.
Was ist im Norden an der Grenze zum Libanon los?
Im Norden, an der israelisch-libanesischen Grenze, liefern sich IDF-Soldaten und Hisbollah aktuell einen Stellungskrieg. Während im Südlibanon tausende Hisbollah-Einheiten stationiert sind, hat Israel in den vergangenen Tagen fast 30 Dörfer und Kibbuze im Umkreis der Grenze in den Süden evakuiert.
Immer wieder kommt es zum Ausbruch von kleineren Gefechten. Nachdem Hisbollah am Dienstag einen israelischen Panzer beschoss, bombardierten IDF-Einheiten eine Hisbollah-Stellung. Gegenüber NIUS sagt Arye Shalicar, deutscher IDF-Sprecher, die Hisbollah „zündele“ und teste immer wieder die Grenzen aus. Offiziell ist Hisbollah aber auf Kommando des Iran angehalten, sich aus dem Krieg rauszuhalten – bis jetzt.
Sicherheitsanalysten rechnen der schiitischen Miliz großes Eskalationspotential zu. Als sich am Dienstag die palästinensische Propaganda über das Bombardement Israels eines baptistischen Krankenhauses mit mehreren hunderten Toten verbreitete, zogen hunderte Hisbollah-Anhänger im Süden Libanons und Beiruts auf die Straße. Eskaliert die Lage im Norden, könnte dies für Israel unangenehm werden, verfügt Hisbollah schließlich über weitaus präzisere und gefährlichere Raketen als Hamas im Gazastreifen, die auch vom Iron Dome, Israels Raketenabwehrsystem, kaum abgefangen werden können.

Arye Shalicar ist Sprecher der israelischen Verteidigungskräfte.
Was wird aus den Hamas-Geiseln?
Die Geiseln sind, so zynisch das klingen mag, der Faustpfand der Hamas in diesem Krieg. Hamas weiß, dass der Westen alles tun wird, diese zu befreien, wodurch sie als Erpressungsmittel dienen, etwa für eine temporäre Aufhebung der Blockade Gazas oder der Freilassung von palästinensischen Gefangenen in den USA.
Der Westen derweil drängt auf eine diplomatische Lösung. So hat Bundeskanzler Scholz angekündigt, Druck auf den ägyptischen Machthaber Sisi auszuüben, der wiederum Einfluss auf Hamas haben könnte. Inwiefern Hamas aber ausgerechnet ihr größtes Druckmittel aufgibt – wohlwissend, dass Israel nichts davon abhalten wird, nach Freilassung der Geiseln den Gazastreifen zu bombardieren und zumindest vorübergehend einzunehmen –, darf bezweifelt werden, so tragisch dies klingen mag.
Greifen die USA ein?
Am heutigen Mittwoch wird US-Präsident Joe Biden in Tel Aviv erwartet. Er wird sich nicht nur mit dem israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu und Präsident Isaac Herzog treffen, sondern auch dem Krisenkabinett und IDF-Vertretern begegnen.
Die USA sind in vielerlei Hinsicht die Schutzgarantie Israels im Nahen Osten und haben bereits zahlreiche Kriegsschiffe der Marine in Stellung gebracht. Dass die USA direkt in den Konflikt eingreifen, scheint unterdessen unwahrscheinlich. Washington weiß, dass dies einen Flächenbrand zur Folge haben könnte, der zahlreiche arabische Länder zu Kriegsparteien werden ließe. Andererseits wissen arabische Staaten, allen voran Iran, dass sie kein Interesse haben, einzugreifen, wenn dies die USA als Bündnispartner aktivieren würde. So schrecken sich beide Parteien, zumindest bisher, ab.

US-amerikanische Flugzeugträger sind im östlichen Mittelmeer in Bereitstellung.
Was passiert in den Nachbarländern Israels?
Die Stimmung kippt. Befeuert durch die Bilder der humanitären Katastrophe im Gaza-Streifen und durch palästinensische Propaganda scheint das Mobilisierungspotential im Nahen Osten zu wachsen.
In Jordanien, der Türkei, Libanon, Iran und Städten des Westjordanlandes entbrannten am gestrigen Abend Proteste, bei denen sich Demonstranten und Polizei teilweise Kämpfe lieferten. In Amman und Beirut mussten Gebäude der UN sowie die israelische und US-amerikanische Botschaft geschützt werden. Mit jedem Tag des Krieges, der vergeht und Israel Zeit gibt, Gaza von Hamas zu befreien (und dabei zivile Opfer in Kauf nimmt), wächst die Wut in der muslimischen Welt.
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Jan A. Karon
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