Transatlantische Spaltung: Warum die Europäer Donald Trump noch immer unterschätzen
Ein Beitrag von
Drohen, poltern, pöbeln – es ist die zweite Amtszeit von Donald Trump als US-Präsident, und die Europäer verstehen ihn noch immer nicht. Kanzlerin a.D. Angela Merkel sah sich ratlos seine TV-Shows an und schickte „Kundschafter“ nach Washington. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Nato-Chef Mark Rutte versuchten es mit triefender Schmeichelei, die Trump hämisch dieser Tage veröffentlichte und sich damit über die beiden Bücklinge lustig machte.
Trump und die Europäer trennen nicht nur die Wellen des Atlantiks, sondern kulturelle Welten. Wenn Trump ein Problem sieht, marschiert er darauf zu. Er achtet keine Konventionen und Regeln, sondern verfährt nach dem alten Immobilienhändler-Grundsatz: Will ich haben. Die Städte verlottern, er schickt die Nationalgarde. Im Welthandel gibt es Ungleichgewichte, er präsentiert eine Zoll-Liste des Grauens für den Rest der Welt. Was sich davon umsetzen lässt, wird sich zeigen. Motto: Sollen ihn Gegner oder Gerichte doch stoppen. Greifen China und Russland nach der Arktis, muss Grönland amerikanisch werden, damit die erst gar nicht auf die Idee kommen, anzulanden.

Nato-Chef Jens Rutte und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron: gespielte Vergnügung?
Trump kennt keine Regeln, für Europäer sind Regeln alles
Sehen die Europäer ein Problem, fragen sie zunächst, welche Regeln gelten und in welchem Gremium es besprochen werden muss. Ganz Europa ächzt unter der EU-Bürokratie, und schwuppdiwupp ist für den 12. Februar auch schon ein EU-Gipfel in Brüssel angesetzt, bei dem es um den Schwerpunkt Bürokratieabbau gehen soll. Wenn sich alle 27 Regierungschefs geeinigt haben, müssen nur noch die Kommission und das EU-Parlament zustimmen und schon wird die eine oder andere Richtlinie abgemildert. Wenn die deutsche Autoindustrie im Sterben liegt, schreibt Kanzler Friedrich Merz (CDU) einen Brief nach Brüssel und bittet, über das Verbrenner-Verbot 2035 nachzudenken. Er bekommt das Angebot einer 90-Prozent-Lösung und vorsichtiger Verschiebung, falls alle mitspielen …
Für Trump gibt es keine Regeln, nur Macht. Für die Europäer sind Regeln und Gremien alles. Wenn China und Russland nach Grönland blicken, würde Dänemark den Nato-Rat einberufen, der keine zwei Wochen später darüber sprechen würde, welchen Beistand welches Land leisten könnte und wie es koordiniert werden müsste. Der Befehlsstand läge dann übrigens wegen des Regionalprinzips der Nato in Norfolk, Virginia, USA.

Figuren von Trump und Putin bei einem Karnevalszug.
Während die Europäer langsam zu verstehen und noch langsamer zu akzeptieren beginnen, dass die Wunschwelt einer regelbasierten Weltordnung zerfällt, hat Trump diese nie akzeptiert. Sie hat ihn nicht einmal interessiert. Der UN-Sicherheitsrat blockiert sich ohnehin bei jeder Gelegenheit selbst, in der Generalversammlung sitzen achtzig Prozent „Schurkenstaaten“ und Despotien, deren Votum den USA ohnehin gleichgültig ist, und die großen Spieler wie Russland und China machen eh, was sie wollen.
Die europäischen Nerven flattern
Während die Europäer, vor allem die Deutschen, versuchen, mit Wind und Sonne ihre Wirtschaft in die Zukunft zu retten und gerade merken, dass sie nebenbei auch noch händeringend fossiles Gas und Kraftwerke brauchen, lässt Trump einfach bohren, was das Zeug hält, und die Tech-Giganten bauen eigene Atommeiler. Während Trump „Gerechtigkeit“ in der Weltgeschichte für eine Geschmackssache der Regionalfürsten hält und den Ukraine-Krieg einfach beenden will, selbst wenn es mit Grenzverschiebungen verbunden ist, lehnen die Europäer einen ungerechten Frieden ab und führen lieber einen gerechten Krieg weiter.
Das Irre ist, dass die Europäer (inklusive Deutschland) die Methode Trump nach all der Zeit nicht nur nicht verstehen, sondern auch offenbar kein Problem damit haben, ständig in der Defensive zu sein. Trump provoziert, pöbelt, droht und die aufgescheuchten Hühnchen im Abendland flattern würdelos umher, anstatt entweder klare Ansagen zu machen oder dem US-Präsidenten mit ihren Interessen zuvorzukommen.

US-Außenminister Rubio lauscht der Rede Trumps in Davos.
Im Grunde stoßen zwischen Trump und den Europäern Jahrhunderte Kulturgeschichte aufeinander: Während die Kolonisten im besiedelten und den Indianern blutig abgenommenen Amerika ihre eigenen Regeln machten und Pragmatismus das oberste Gebot war, wenn man im „wilden Westen“ überleben wollte, führten die Europäer jahrhundertelang Krieg gegen einander und versuchten mit komplizierten Regelwerken, aufgesplitterten Nationalstaaten und Kompromiss-Gremien Interessenkonflikte und Aggressionen zu dämpfen, auszuhandeln und so kultiviert bis in die Umgangsformen auszutragen, dass alle irgendwie damit leben können. Auch in Europa galt in Wahrheit immer das Recht des Stärkeren (z.B. die Achse Paris–Berlin), aber im vermeintlich geeinten Kontinent fühlte es sich netter an, wenn Vorabsprachen und Einbindung kleinerer Länder langwierig zum Gesamtkunstwerk zusammengeflochten wurden.
Europa ruft nach dem Schiedsrichter
Der Preis dafür sind Langsamkeit, verwaschene Kompromisse und offene Flanken bei Verteidigung, Grenzschutz und wirtschaftlicher Schlagkraft. In der Konfrontation Trump vs. Europäer erleben wir die ungebremste Wucht des 21. Jahrhunderts im Widerstreit mit Höflichkeiten des späten 20. Jahrhunderts. Das ungemütliche Aufbrechen der alten Weltordnung tritt uns in Gestalt eines triebgesteuerten Muskelmanns (Wirtschaftskraft, militärische Stärke) entgegen, der bislang unser Freund war und jetzt keinen Bock mehr hat, sich ausnutzen zu lassen. Uns, den Florett-Fechtern der Weltgeschichte, tritt er brutal zwischen die Beine, während wir nach dem Schiedsrichter rufen.
Um es klar zu sagen: Man muss weder Stil noch Umgangsformen von Donald Trump mögen oder unterstützen. Aber man muss die Realität zur Kenntnis nehmen, auf deren Grundlage wir handeln. Trump zu verstehen ist nicht schwer. Er ist ehrlicher als viele Politiker in Europa und marschiert geradlinig auf seine Interessen zu. Ihn dabei zu unterschätzen, ist fahrlässig. Zu glauben, dass er einfach Grönland aus Prestigegründen besitzen wolle, wie es manche deutschen Außenpolitiker tun, ist einfach nur dumm. Warum sollte Trump Dänemark schützen? Warum sollte er sich auf endlose Abstimmungen und einschläfernde Gipfel einlassen, wenn es zum Konflikt kommt? Nichts macht uns schwächer und angreifbarer, als Trump zu unterschätzen. Ihn wird es nicht interessieren, wir werden es spüren. Die Welt, die vor uns liegt, ist eher Rodeo als Opernball. Es wird Zeit, sich Cowboystiefel zu besorgen.
Auch bei NIUS:
Europas Unfähigkeit serviert Trump Grönland auf dem Silbertablett
Mehr NIUS:
Wie sich Donald Trump immer öfter mit seinen Verbündeten anlegt
Das größte Desaster der deutschen Ingenieurskunst: Wie Stuttgart 21 zum Symbol für das Scheitern deutscher Großprojekte wurde
Warkens Gesundheitsreform im Detail: Ein Schlag ins Gesicht Pflegebedürftiger
Musks Plan für die Zukunft im All
CDU-Fraktionschef und AfD-Spitzenkandidat: Reißt dieses Foto die „Brandmauer“ ein?
Kurz vor Amerikas 250. Geburtstag läuft es für Donald Trump nicht rund
Neue Claude-KI gibts nur mit Einschränkungen
Bundeshauptstadt des Bürgergelds: Ausgerechnet Bremen schmeißt den kritischen Jobcenter-Mitarbeiter raus
Mehr NIUS:
Musks Plan für die Zukunft im All
CDU-Fraktionschef und AfD-Spitzenkandidat: Reißt dieses Foto die „Brandmauer“ ein?
Kurz vor Amerikas 250. Geburtstag läuft es für Donald Trump nicht rund
Neue Claude-KI gibts nur mit Einschränkungen
Bundeshauptstadt des Bürgergelds: Ausgerechnet Bremen schmeißt den kritischen Jobcenter-Mitarbeiter raus
Merz bringt Merkels fatale Migrations-Parole: „Wir schaffen das!“
Verfassungsschutz: Extremisten in Berlin immer jünger, linker und islamistischer
Keir Starmer kniete für George Floyd, schwieg aber monatelang zu Henry Nowak
Ralf Schuler
Artikel teilen
Kommentare