Krieg im Iran: Wer ihn gewinnt und wer heute schon verloren hat
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Der Krieg der USA und Israels mit dem Iran ist zu einem Stillstand gekommen, und Friedensverhandlungen sind vorerst gescheitert. In so einer Situation blieben den USA, die den Krieg angefangen haben, grundsätzlich nur zwei Möglichkeiten: Wiederaufnahme der Offensive und Kampf bis zum Sieg. Oder aber Abzug der amerikanischen Kräfte und schmachvolle Rückkehr mit dem Eingeständnis, dass nichts erreicht wurde, der Angriff von vornherein ein Fehler gewesen sei und das Regime im Iran nun fester im Sattel säße als zuvor. Präsident Trump konnte sich offenbar für keine dieser Optionen entscheiden, also wählte er eine dritte: eine Seeblockade. Mit dieser will die USA dem Iran die wirtschaftliche Lebensader abschneiden und das Regime so zur Aufgabe, mindestens aber zur Wiederaufnahme von Friedensverhandlungen zwingen.
Seeblockaden stellen ein bekanntes Mittel der Kriegsführung seit der Antike dar, aber sie funktionieren nur selten. Und wenn sie es tun, dann ziehen sie sich lange hin und sind für alle Kriegsparteien aufwendig, mühselig und kostspielig. Kann also eine amerikanische Seeblockade der Straße von Hormus, dem wichtigsten Seeweg für den Export iranischen Erdöls, gelingen, oder muss sie scheitern?
Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zunächst klären, was im Moment überhaupt passiert, warum die Straße von Hormus so wichtig ist, wer in diesem Krieg welche Interessen hat und wie weit das Ganze eskalieren kann.

Öltanker und Frachtschiffe reihen sich in der Straße von Hormus auf.
Warum ist die Straße von Hormus so wichtig?
Durch die Straße von Hormus passieren jeden Tag rund 20 Prozent der globalen Ölverschiffung, in der Regel in Supertankern, die ihre Ware in den Ölhäfen von Kuwait, Bahrain, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten auf der einen und in den iranischen Ölhäfen auf der gegenüberliegenden Seite aufnehmen und von dort in die ganze Welt bringen.
Die Straße von Hormus ist sowohl für die arabischen Golfstaaten als auch für den Iran die zentrale wirtschaftliche Lebensader. Für Japan, Südkorea, China und Indien ist die Straße von Hormus ebenfalls von größter Bedeutung, da diese Länder die Hälfte ihres Ölbedarfs – im Fall Japans sind es sogar 80 Prozent – aus dem Persischen Golf beziehen, und dieses ganze Öl muss durch diese Meerenge transportiert werden.
Der Iran hängt komplett am Erdöl
Der Iran hat keine großen Erdölpipelines ins Ausland, weshalb etwa 90 Prozent der iranischen Ölexporte von der Insel Kharg im Persischen Golf durch die Straße von Hormus und von dort in ihre Bestimmungshäfen in China, Japan, Korea und Indien gehen. Der Iran stellt selbst nur etwa zehn Prozent der durch die Straße von Hormus transportierten Ölmenge, der Rest stammt aus Saudi-Arabien, dem Irak und den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Was jedoch oft unterschätzt wird: Für den Iran ist die Straße von Hormus kein strategischer Hebel, sondern eine Achillesferse. Eine Blockade trifft das Regime ins Mark. Schätzungen zufolge verliert der Iran durch eine Unterbrechung seiner Ölexporte im Moment rund 435 Millionen Dollar an Wirtschaftsleistung pro Tag. Da die Fördermengen nicht beliebig reduziert werden können, weil die Lagerkapazitäten des Landes begrenzt sind, würden sich die Speicher innerhalb von etwa zwei Wochen füllen. In der Folge müsste die Förderung gestoppt werden – ein Schritt, der Ölfelder dauerhaft beschädigen und Einnahmeverluste in Milliardenhöhe verursachen kann.
Nun ist es aber so: Die Wirtschaft des Iran war lange vor Beginn des jetzigen Krieges bereits schwer angeschlagen: Die Inflation lag bei rund 50 Prozent im Jahr, die Hälfte der Iraner lebt unter der Armutsgrenze, und die einst große, kaufkräftige Mittelschicht ist durch das Missmanagement der Wirtschaft von Revolutionsgarden, Militär und Klerus weitgehend zerstört worden. Eine wochen- oder gar monatelange Blockade der iranischen Erdölexporte würde Land und Regime daher schnell in den vollständigen wirtschaftlichen Ruin treiben und die Führung gänzlich delegitimieren.

US-Präsident Donald Trump gerät wegen der wirtschaftlichen Auswirkungen des Iran-Kriegs mehr und mehr unter Druck.
Selektive Seeblockade gegen iranische Häfen
Seit dem 13. April blockieren US-amerikanische Streitkräfte den gesamten iranischen Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus – nicht aber Öltanker, die aus den arabischen Ölhäfen kommen. Ziel der Amerikaner ist es, die iranischen Ölexporte zu unterbrechen und so die iranische Wirtschaft lahmzulegen, um das Land zu Zugeständnissen am Verhandlungstisch zu zwingen.
Zu diesem Zweck haben die USA mehr als 15 Kriegsschiffe im Einsatz, darunter mindestens einen Flugzeugträger (Carrier Strike Group), mehrere Lenkwaffenzerstörer der Arleigh-Burke-Klasse, ein amphibisches Angriffsschiff sowie weitere Begleiteinheiten. Ergänzt wird das durch Helikopter vom Typ Seahawk, Kampfflugzeuge (F/A-18 bzw. F-35 in Bereitschaft), Drohnen, Aufklärungsplattformen und mehrere tausend Soldaten inklusive Marines und Spezialkräften (SEALs). Das ist die größte Konzentration von US-Streitkräften in der Golfregion seit der Invasion des Iraks im Jahr 2003.
Operativ bedeutet das: Es findet keine vollständige physische Sperrung der Meerenge statt, sondern eine selektive Seeblockade gegen iranische Häfen. Schiffe aus oder nach dem Iran werden mittels Satelliten, AIS-Daten und Aufklärung systematisch identifiziert, verfolgt und bei Bedarf gestoppt. Konkrete Abfangaktionen erfolgen häufig außerhalb der eigentlichen Meerenge im Arabischen Meer, um das Risiko durch iranische Küstenraketen und Schnellboote zu reduzieren.

Der Flugzeugträger der US-Marine USS George H.W. Bush
Fangen die Amerikaner einen Tanker ab, dann gehen sie so vor: Ein amerikanisches Kriegsschiff nähert sich dem Tanker auf dem Weg zu einem iranischen Hafen, fordert ihn per Funk auf, abzudrehen und die Straße von Hormus zu verlassen. Wird dieser Befehl nicht befolgt, werden Spezialteams aus zehn bis zwölf Mann per Helikopter auf dem Schiff abgesetzt, um es zur Umkehr zu zwingen.
Mit Stand 15. April 2026 haben die USA acht Öltanker zur Umkehr gezwungen, während mehr als 20 Schiffe, die keine iranischen Ölhäfen anliefen, die Straße ungehindert passieren konnten.
Was stellt das höchste Eskalationspotenzial dar?
Die ersten Tage der Blockade sind ruhig verlaufen, aber das kann sich schnell ändern, denn die ganze Konstellation in der Straße von Hormus birgt ein großes Eskalationspotenzial. Drei Eskalationsstufen sind aus heutiger Sicht denkbar: Die harmloseste Variante stellen iranische Seeminen dar, die einen Tanker beschädigen oder zum Sinken bringen, oder ein iranischer Drohnenangriff auf Tanker mit arabischer Ladung, die von den USA durchgewunken werden.
Eine weitere Eskalationsstufe wäre der Fall, wenn US-Spezialkräfte auf einem Tanker zum Entern aufsetzen, der entweder iranische Sicherungsteams an Bord hätte oder unter einer nationalen Flagge verkehren würde, etwa der von Indien oder China. Damit hätte der Konflikt sofort eine internationale Dimension erreicht, die weder die USA noch China oder Indien wollen.
Das höchste Eskalationspotenzial hätte allerdings ein direkter Zwischenfall zwischen der US Navy und den iranischen Revolutionsgarden. Die Revolutionsgarden operieren bewusst asymmetrisch, mit kleinen Schnellbooten, Drohnen und Minen, während die US Navy über überwältigende Feuerkraft verfügt. Genau diese Asymmetrie ist das Problem: Schnellboote könnten Tanker oder US-Schiffe bedrängen, es käme zu Warnschüssen oder Drohnenüberflügen, eine Fehlinterpretation oder ein technischer Fehler wäre jederzeit möglich – und innerhalb weniger Minuten könnte daraus ein massiver Schlagabtausch entstehen.
Wer hat welche Interessen?
Im aktuellen Irankrieg verfolgen die beteiligten Mächte höchst unterschiedliche, teilweise gegensätzliche Interessen. Die USA und Israel wollen das iranische Atomprogramm dauerhaft zerschlagen, das Regime schwächen oder sogar zu Fall bringen und Irans regionales Proxy-Netzwerk (Hisbollah, Houthis, irakische Milizen) zerschlagen. Mit der selektiven Blockade iranischer Häfen seit dem 13. April versuchen die Amerikaner vor allem, die iranischen Ölexporte zu unterbrechen, die Wirtschaft massiv unter Druck zu setzen und Teheran so zu Zugeständnissen am Verhandlungstisch zu zwingen.
Der Iran hingegen kämpft um das pure Überleben seiner Islamischen Republik, den Erhalt seines Atomprogramms als Abschreckung und den Fortbestand seines Einflusses in der Region. Für die arabischen Golfstaaten steht vor allem die eigene Sicherheit und die ungehinderte Fortsetzung ihrer Öl- und Gasexporte im Vordergrund – sie fürchten iranische Vergeltungsschläge und wollen eine Eskalation vermeiden, die ihre Wirtschaft treffen würde. China und Russland sehen in dem Konflikt vor allem eine Chance: Peking will seine Ölversorgung sichern und den US-Einfluss im Nahen Osten weiter zurückdrängen, während Moskau von höheren Energiepreisen und der Ablenkung amerikanischer Ressourcen von der Ukraine profitiert.

Zahlreiche Schiffe warten in der Straße von Hormus auf Weiterfahrt.
Wie erfolgreich waren Seeblockaden in der Geschichte?
Ein Blick in die Geschichte zeigt: Seeblockaden waren selten erfolgreich. Im Peloponnesischen Krieg (431–404 v. Chr.) kontrollierte Athen das Meer und verlor trotzdem an Land gegen Sparta. Napoleons Kontinentalsperre gegen England (1806–1814) brachte nicht England an den Rand des Zusammenbruchs, sondern die Volkswirtschaften der von Napoleon beherrschten europäischen Staaten. Die Seeblockade der amerikanischen Südstaaten im Bürgerkrieg durch die Nordstaaten (1861–1865) traf den Süden wirtschaftlich massiv – und trotzdem musste das ausgezehrte Land durch den langen und grausamen Marsch Shermans durch Georgia (1864–1865) erst vollständig zerstört werden, bis es schließlich aufgab.
Die einzige erfolgreiche Seeblockade der modernen Geschichte ist die „Quarantäne“ Kubas durch die USA nach der Stationierung sowjetischer Atomraketen auf der Insel (1962). Hier erreichten die USA ihr Ziel, ohne den befürchteten Weltkrieg auszulösen. Allerdings war Kuba für die Sowjetunion nur von peripherer Bedeutung und daher leichter aufzugeben; zudem sagten die USA in einem geheimen Zusatzprotokoll zu, im Gegenzug amerikanische Raketen aus der Türkei abzuziehen.
Wie sind die Erfolgsaussichten der Amerikaner in der Straße von Hormus?
Glaubt man dem Wall Street Journal, dann hat das iranische Regime jede Menge guter Gründe, ernsthaft mit den Vereinigten Staaten zu verhandeln: Amerikaner und Israelis haben in fünf Wochen 17.000 Ziele zerstört, die iranischen Schäden summieren sich auf rund 270 Milliarden Dollar, die größten Raffinerien und Stahlwerke des Landes sind zerstört, zwölf Millionen Iraner – etwa die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung – haben keine Jobs mehr. Das Regime hat zudem einen Internet-Blackout über das ganze Land verhängt, damit die Iraner, die den Siegesbotschaften des Regimes schon lange nicht mehr glauben, keine „Feindsender“ hören.
Ob all diese Katastrophen allerdings genügen, das Regime zu ernsthaften Friedensverhandlungen und zum Verzicht auf sein Atomprogramm zu bringen, ist mehr als fraglich. Gewiss: Den Mullahs und den Revolutionsgarden läuft die Zeit davon. Irgendwann ist der Ausfall der Erdölexporte nicht mehr tragbar; irgendwann hat das Land kein Wasser, keinen Strom, keine Kunstdünger, keine Ernten und keine Nahrungsmittel mehr – aber bis dahin können noch Monate vergehen. Diktaturen, so hat die Geschichte gezeigt, sind oft resilienter als Demokratien.
Aber auch die Amerikaner haben nicht mehr ewig Zeit. Trump hat den Krieg im Iran gegenüber den Wählern nicht besonders gut begründet, seinen Gegner unterschätzt und offenbar angenommen, das verhasste Mullah-Regime würde binnen Tagen erst taumeln und dann untergehen. Das ist nicht so gekommen. Die Initiative eines siegreichen Erstschlags ist verpufft, die Fronten haben sich verhärtet und Verhandlungen sind bislang gescheitert.
Es wird auf einen Verständigungsfrieden hinauslaufen
Dabei braucht Trump – und mit ihm die Republikaner – schnell Erfolge, denn im November stehen die Midterms an, also die Kongresswahlen in der Mitte der Amtszeit eines US-Präsidenten, bei denen das gesamte Repräsentantenhaus und ein Drittel des Senats neu gewählt werden. Verlieren die Republikaner hier ihre Mehrheit, kann Trump nicht mehr durchregieren, denn weder lassen sich Kriege noch Gesetzesvorhaben allein durch Präsidialerlasse (Executive Orders) beschließen.
Trump und sein Kriegsminister Pete Hegseth wissen genau, dass sie sich weder Hunderte, geschweige denn Tausende tote amerikanische Soldaten noch einen „forever war“ wie einst im Irak (2003–2011) leisten können, weil genau das die Midterms unweigerlich zugunsten der Demokraten kippen würde. Ebenso ist ihnen klar, dass weder Erdölpreise und Inflationsraten auf der ganzen Welt weiter steigen noch das Wirtschaftswachstum in den Industrieländern einbrechen darf. Also stehen sie ebenso unter Druck wie die iranische Führung.
Daraus lässt sich schließen, dass weder die Blockade der Straße von Hormus noch der Krieg länger als mehrere Wochen andauern können. Im Endeffekt wird es auf einen Friedensvertrag zwischen dem Iran, den USA und Israel hinauslaufen, in dem der Iran unterschreibt, zehn oder zwanzig Jahre lang auf die Anreicherung von Uran zu militärischen Zwecken zu verzichten, dafür seinerseits die Straße von Hormus freigibt – während die Amerikaner ihre Flotte aus dem Persischen Golf abziehen und Trump wie gewohnt leicht kontrafaktisch verkündet, einen „beautiful victory“ erzielt und den Iran vernichtet zu haben: „We took out their navy. We took out their air force. We took out their military. We took it all out.“
Einen solchen Frieden nennt man einen Verständigungsfrieden. Das Muster ist seit Jahrhunderten bekannt: Da keine Seite den Krieg gewinnen kann, ihn jede aber beenden möchte, einigt man sich auf einen Kompromiss. Der Westfälische Friede (1648), der den Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) beendete, war ein Verständigungsfrieden, ebenso der Friedensschluss auf dem Wiener Kongress (1814–1815), der auf die napoleonischen Kriege folgte, und das Dayton-Abkommen (1995), das den Jugoslawienkrieg (1991–1995) beendete.
Sollte es so kommen, dann stehen die Gewinner und Verlierer von vornherein fest: Der größte Gewinner ist der Staat Israel, der gegen Iran, Hisbollah und Hamas seinen erfolgreichsten Krieg seit dem Sechstagekrieg (1967) geführt und dem Iran Schläge versetzt hat, von denen der sich nie mehr erholen wird. Gewonnen hat dann auch Trump, weil es ihm mit einem überschaubaren Einsatz von Ressourcen gelungen ist, das iranische Regime zwar nicht zu stürzen, Mullahs und Revolutionsgarden aber den Schrecken ihres Lebens zu versetzen.
Die größten Verlierer nach den iranischen Mullahs sind allerdings die europäischen NATO-Staaten, die sich bei diesem Krieg herausgehalten und damit den Zusammenhalt der NATO stärker gefährdet haben als je zuvor. Sollte sich die USA irgendwann aus der NATO verabschieden, dann wird der Irankrieg ein wesentlicher Grund dafür gewesen sein.
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Markus Brandstetter
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