Linksgrüner Shitstorm gegen Özdemir: Die Grünen haben sich genau das Milieu herangezüchtet, das sie jetzt zerstören will
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Plötzlich ist er in aller Munde. Der grüne Landwirtschaftsminister Cem Özdemir ist im Auge des Orkans gelandet, oder: Mittelpunkt eines veritablen Shitstorms geworden. Der Grund: Äußerungen des Ministers in einem Gastbeitrag bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von vergangenem Freitag.
Darin berichtet Özdemir von seiner Tochter und beschreibt, dass, wenn diese in der Stadt unterwegs sei, es häufiger vorkomme, „dass sie oder ihre Freundinnen von Männern mit Migrationshintergrund begafft oder sexualisiert werden.“ Gegen jene Übergriffe habe sie sich ein „dickes Fell“ zugelegt. Und doch spüre der 58-Jährige, wie die Erfahrungen seine Tochter „umtreiben“. Und weiter: „Und wie enttäuscht sie ist, dass nicht offensiver thematisiert wird, was dahintersteckt: die patriarchalen Strukturen und die Rolle der Frau in vielen islamisch geprägten Ländern“.

Der Gastbeitrag Özdemirs in der FAZ.
Özdemirs Tochter würde außerdem zögern, dies anzusprechen, „weil sie nicht möchte, dass Rechtsradikale daraus Kapital schlagen“. So füge sie sofort hinzu, dass es viele Migranten gebe, die hier gesetzestreu lebten und hart arbeiten. All die Erfahrungen seiner Tochter könne Özdemir „nicht ignorieren“. Als Vater „will ich es nicht“, als Politiker „darf ich es nicht“. Man müsse, „sagen, was ist“ und „Realitäten sehen und benennen“.
Özdemir als „Gesicht der völkischen Wende“
Wer glaubt, dass gerade solch ein offener und ehrlicher Umgang mit Empfindungen vieler Frauen für Zuspruch sorgt, der irrt. Dass ausgerechnet ein Grünenpolitiker sexuelle Belästigungen und den Verlust des Sicherheitsempfindens der eigenen Tochter in den Zusammenhang mit Zuwanderung brachte, war für linke User auf sozialen Medien gefundenes Fressen. „Er ist nun ein Gesicht der völkischen Wende in der Bundesrepublik“, schrieb etwa der Professor Jürgen Zimmerer. Da seine Aussagen „xenophobe Stereotype“ bestätigten, disqualifiziere er sich „für höhere Ämter“.
Die selbsternannte US-Expertin und Publizistin Annika Brockschmidt teilte auf X mit: „‚Sorge um die Tochter‘ wegen ‚illegaler Migranten‘ ist nun wirklich das sexistischste, rassistischste Klischee schlechthin.“ Der SPD-Politiker Örkan Özdamir hingegen schrieb: „Das Problem für unsere Töchter sind nicht irgendwelche Muslime in Deutschland, sondern Rechtsextremisten, die Kindern, die nicht arisch sind, die Lebenschancen absprechen und die Macht übernehmen werden, weil migrantisierte Politiker wie du umfallen.“

Unter Gleichgesinnten: die selbsternannte US-Expertin Annika Brockschmidt.
Die iranischstämmige Antifaschistin und Aktivistin Daniela Sepehri nannte die Ausführungen Özdemirs „ekelhaft“ und fügte hinzu: „Mit solchen Narrativen unterstützen Sie einzig und allein die Rechten und fallen uns Migras in den Rücken.“ Und der Tagesspiegel-Journalist mit Arbeitsschwerpunkt Kolonialismus, Paul Starzmann, relativierte die Berichte gleich, indem er ein Bild über sexuelle Übergriffe auf dem Oktoberfest teilte und dazu schrieb: „Um diese Töchter könnte man sich auch Sorgen machen“.
Die Revolution frisst ihre grünen Kinder
Kurz: Seit Özdemirs Gastbeitrag in der FAZ steht das antirassistisch-progressive Milieu Kopf. Man fühlt sich vom türkischstämmigen Minister verraten. Es wird implizit vorgeworfen, dass er mit seinem Narrativ den Falschen in die Karten spiele – also genau das getan, was Özdemir ironischerweise im Aufsatz in der Frankfurter Allgemeinen als eines der größten Probleme der heutigen Debattenkultur umschreibt. Auch wird kritisiert, dass Özdemir eine weiße (und rechte) Sprecherposition einnehme und sich als Vorzeigemigrant anbiedere – obschon genau eine solche Haltung eigentlich paternalistisch und rassistisch, weil: bevormundend, ist.

Cem Özdemir – nun Onkel Tom?
Hinzu kommt: Die ganze Kritik folgt dem linken Vokabular und Jargon, das immer wieder die gleichen rhetorischen Versatzstücke ins Feld führt. Man falle „uns Migras in den Rücken“ mit „Narrativen“. Als „migrantisierter Politiker“ führe Özdemir eine „völkische Wende“ an. Was fehlte war nur der Verweis darauf, dass Özdemir „weißes Denken internalisiert“ habe und als „Token“ auftrete. Doch auch diese Vorwürfe dürften, so viel scheint sicher, irgendwo gefallen sein.
Am Ende offenbart der Shitstorm gegen den Landwirtschaftsminister nicht nur die Diskursunfähigkeit und unzureichende Reflexionsfähigkeit des linksgrünen Milieus. Vielmehr wird anhand des Beispiels auch deutlich, was passiert, wenn sich das eigene Vorfeld im Stile von Harpyien gegen einen selbst richtet. Die Experten und Wortführer des progressiven Lagers sind eigentlich Personen, die das grüne Juste Milieu bestens kennen. Kaum eine Partei hat so viel über den Kolonialismus gesprochen – und führt etwa „Unser koloniales Erbe“ als Schwerpunktthema. Die Hamburger Grünen ließen einst den eigenen Instagram-Account von Professor Jürgen Zimmerer bespielen. Annika Brockschmidt hingegen war als Stipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung in den USA. Und die persische Aktivistin Sepehri nennt sich in ihrem Profil selbst „linksgrünversifft“ – und war voll des Lobes ob des angekündigten Bruchs der Grünen Jugend mit der Partei.

Der Kolonialismus als grünes Butter- und Brot-Thema – doch jetzt richten sich Kolonialismus-Kenner gegen die Grünen.
Kurz: Egal wie progressiv du bist, irgendwann bist du nicht progressiv genug. Und wenn Cem Özdemir eines gelernt hat in den vergangenen Tagen, dann dass jegliche Diskussion unmöglich wird, wenn man sie mit Leuten führen muss, die ideologisch verbohrt und unbelehrbar sind. Die Revolution frisst ihre grünen Kinder – ganz besonders, wenn sie plötzlich zum Gesicht einer „völkischen Wende“ geworden sind.
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