Ob Scholz dabei ist oder nicht, ist auch egal: So unwichtig ist Deutschland für die Welt geworden
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Ist es Ihnen aufgefallen? Olaf Scholz hat es nicht aufs große Familienfoto der Weltklimakonferenz in Dubai geschafft. Die wichtigsten Staats- und Regierungschefs der Welt. Und niemand merkt, dass Deutschland fehlt … warum auch.
Prof. Werner Patzelt über die neue deutsche Unwichtigkeit.
Das heutige Deutschland hat nicht mehr viel gemein mit Preußen. Ist das aber ein Lob? Immerhin war „Mehr sein als scheinen“ ein Wahlspruch, der wirklich Wichtiges am auf Pflichterfüllung gegründeten preußischen Selbstverständnis ausdrückte. Geschenkt, dass er auch in den „Nationalpolitischen Erziehungsanstalten“ der Nazis prangte. Musste aber die innerliche Neuausrichtung Deutschlands so weit gehen, dass solche Selbstbescheidung neuer Großmannssucht wich, die uns allmählich lächerlich macht?
„Wir sind wieder wer!“
Zu regen begann die sich zur Zeit des angeblichen „Wirtschaftswunders“ mit der einprägsamen Formel „Wir sind wieder wer!“. Die erkämpfte Fußballweltmeisterschaft von 1954 beglaubigte das weit über den damals noch sehr harten bundesdeutschen Alltag hinaus. In dem strengten sich die Deutschen wirklich an, um bald wieder ein besseres Leben zu haben.

Das Wunder von Bern: Deutschland wird 1954 Fußballweltmeister, Fritz Walter und Sepp Herberger werden auf den Schultern getragen.
Der Marsch durch die Institutionen
Dann kam die Kulturrevolution an den Universitäten sowie in sämtlichen Bereichen von Intellektualität und Kunst, einsetzend mit Protesten gegen den Schah-Besuch im Sommer 1967 und eintauchend in die weltweite Protestbewegung der „68er“.
Während der 1969 beginnenden Kanzlerschaft Willy Brandts versammelten sich die Aufbegehrenden unter dem Feldzeichen „Mehr Demokratie wagen“. Von den zu „reinen Spießern“ gewordenen „Nazi-Eltern“ distanzierte sich die neue Generation und trat ihren „Marsch durch die Institutionen“ an. Zuerst untergrub sie ideologieverliebt den Rückhalt Helmut Schmidts in jener SPD, die dessen wirtschafts- und sicherheitspolitisch umsichtige Kanzlerschaft nur noch widerwillig ertrug. Am so unbeirrbar siegreichen Helmut Kohl verzweifelte sie fast, fand aber in den grünen Medienlieblingen bewunderte Vorkämpfer ihrer Ideen. 1998 sah sie sich am ersten Etappenziel einer dauerhaften Umgestaltung Deutschlands. Gar triumphieren konnten deren Nachfolger zur Zeit Angela Merkels, als eine unwiderstehliche Vergrünung der CDU begann. Und 2021 waren die Erben von Deutschlands transformationslüsternen Generationen auf dem Gipfel ihrer Macht angelangt.
Vom nationalen Stolz zum globalen Humanismus
Zwar hatte die SPD schon im Wahlkampf von 1972 plakatiert: „Deutsche, wir können stolz sein auf unser Land“. Dass dieser Satz heute als politisch anstößig gilt, gibt Aufschluss über instabile Tiefenschichten unserer Kultur. Vier Jahre später las man auf SPD-Plakaten vom „Modell Deutschland“, gekennzeichnet durch Frieden, Sicherheit und soziale Demokratie.
Nach weiteren vier Jahren wurden die Grünen gegründet. Die machten vom Naturschutz bis zum Weltklima alle staatsübergreifenden Systemzusammenhänge zur politischen Gestaltungsaufgabe ihrer Generation – und moralisches Überlegenheitsgehabe zum eigenen Markenzeichen. Ein Jahrzehnt später verblasste dank des Zusammenbruchs der Sowjetunion der Ost/West-Konflikt. Die sofort einsetzende Globalisierung, damals noch stabilisiert entlang von US-Interessen, relativierte rasch den Wert von Nationalstaaten.
Insbesondere linksgrünen Deutschen bot das eine willkommene Chance, ihre ungeliebte Nationalität endlich abzustreifen. In der fürs Alltagsleben unvermeidlichen Lebenswelt wäre man, wie vor dem Sündenfall von Bismarcks Reichsgründung, bald nur noch ein weltoffener Hanseat oder heimatliebender Schwabe, ansonsten aber mindestens Europäer – und am liebsten ein Weltbürger, der überall zu Hause ist, wo man sein Englisch gerade noch versteht. Das „Deutsche“ an der eigenen Gesellschaft, auf Sonderwegen seit Martin Luther in den Faschismus herabziehend, verdünne man am besten so sehr durch umfangreiche Einwanderung, dass es fortan kein bedrohliches Deutsch-Land mehr gäbe, sondern nur noch eine multikulturelle und multiethnische „Bundesrepublik“. Die brauche zwar das Grundgesetz, doch nicht länger eine – wohl ohnehin nur imaginierte – „deutsche“ Kultur.

Brigitte Seebacher-Brandt, Witwe von Willy Brandt, mit den SPD-Wahlplakaten aus dem Jahr 1972.
Alles so schön bunt: erneut die Besten!
Fest glaubte man daran, dass dieses Land von ewig ungebrochener Wirtschaftskraft wäre, und zwar auch nach dem Abtreten von arbeitsversessenen Boomern und jener Nazi-Großeltern, die ihre große Schuld „durch bloßen Fleiß wiedergutzumachen“ versuchten. Getrost könne man nun Kunststücke einer Industriepolitik vorführen, die Kernkraft und Verbrennermotoren ächtet, sowie Deutschland zum sicheren Hafen von auf Bürgergeld hoffenden Migranten aus aller Welt machen, desgleichen zum verlässlichen Zahlmeister von EU, UNO und Klimaklubs.
Im Übrigen wurde in Aussicht gestellt, dass spielerisches Lernen ohne Leistungs- und Wettbewerbsdruck verlässlich in eine Arbeitswelt mit gesicherter Work/Life-Balance geleite sowie, nach nicht allzu langer Zeit, ein auskömmliches Rentner- und Pensionärsdasein beschere. Ergänzend habe man die Mutter aller kulturellen Übel, nämlich eine ernstgemeinte christliche Religion, durch allgemeinen Humanismus überwunden. Dasselbe werde man nun auch für jenen Islam leisten, den das aufgeklärte Deutschland und Europa in dessen neuer Heimstatt willkommen hießen.
Also sind wir Deutschen nun nicht nur „wieder wer“, sondern erneut die Besten – jetzt freilich beim Gutsein, nicht bei Verbrechen. Und stolz sind wir obendrein auf Siegerdisziplinen wie die rechtliche und sprachliche Beseitigung von Geschlechtsunterschieden, die Korrektur von Geschichtsfehlern durch heutiges Bußverhalten, den Verzicht auf kulturelle oder – igitt! – nationale Selbstbehauptung, sowie eine Ersetzung von bloß interessengeleiteter Realpolitik durch echt wertebasierte Außenpolitik.
Allerdings muss man bei der letzteren eben doch Fünfe oft gerade sein lassen. Oder trachtet danach, sogar rein symbolische Handlungen – wie Politikerbegegnungen mit von Großmächten unerwünschten Leuten – ins Verborgene abzuschieben. Auch deshalb regt sich immer wieder die Sorge, es könnten jene „herrlichen Zeiten“ eine Schönwetter-Episode sein, in die uns – statt Kaiser Wilhelm II. – nun eben die Grün-Roten geführt haben. Oder deutscher Moralgigantismus wäre auf den schwankenden Grund von Gleisnerei und Blendertum gebaut, auch von verrottender Infrastruktur und staatlich strangulierter Wirtschaftskraft, desgleichen von verlotternden Alltagssitten und williger Gefügigkeit, wann immer solchen Schwächlingen ein Stärkerer entgegentritt – gleich ob in der internationalen Politik der im multikulturellen Alltag.
Verwöhnte Eliten: von der neuen Scham, ein Deutscher zu sein
„Mehr scheinen als sein“ führt also womöglich auch zu einem üblen Ende. Nimmt uns heutige Deutsche eigentlich noch jemand ernst, der uns wirklich kennt? Glaubt er unsere rhetorischen Floskeln vom Kampf gegen den Antisemitismus und zur Existenz Israels als praktiziertem Teil unserer Staatsräson? Schätzt er unsere pubertierende Migrationspolitik? Unsere potemkinsche Militärpolitik? Unsere Scheckbuchdiplomatie, fortan bei schwindsüchtigen Staatsfinanzen? Unser Kuschen vor selbstgewissen Großmächten sowie vor solchen Staaten, welche die Schleusen der Migration nach Deutschland öffnen oder schließen können? Unseren Hochmut gegenüber kleineren Ländern wie Ungarn? Unser Großtun auf internationalem Parkett? Freut man sich nicht eher, wenn Versuche des „Klimakanzlers Scholz“ vereitelt werden, auf der UN-Klimakonferenz in Dubai zu glänzen?
Irgendwie geniert man sich wieder, ein Deutscher zu sein. Zu den Ursachen gehört allerdings nicht mehr allein das Erbe von Hitler, Himmler & Co. Man schämt sich vielmehr für den Niedergang eines Landes, das vor achtzig Jahren kraftvoll aus Ruinen auferstand, dem aber verwöhnte Eliten, verblendete Intellektuelle und verzogene Nachwuchspolitiker immer weniger zum Guten gedient haben. Sollten wir nicht besser „mehr Preußen wagen“?
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Werner J. Patzelt
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