SS-Skandal um Spitzenkandidat Krah: Entgleitet Weidel die Kontrolle über die AfD?
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Die Alternative für Deutschland erlebt ein Beben. Ein SS-Beben. Und mit ihr Partei-Chefin Alice Weidel.
Nach den Aussagen des Europa-Spitzenkandidaten Maximilian Krah über die Waffen-SS, in der nicht jeder „automatisch ein Verbrecher war“, so Krah, ist vom Europa-Wahlkampf nicht mehr viel übrig. Krah wird nicht mehr auftreten und hat auch den AfD-Vorstand verlassen, die Nummer zwei für Europa, Petr Bystron, steht im Verdacht, Bestechungs-Geld aus Russland erhalten zu haben. Die Umfrage-Werte sind von einstmals 22 Prozent um knapp ein Drittel eingebrochen.
Es ist ein Beben, das auch Partei-Chefin Alice Weidel erschüttert. Entgleitet der Vorsitzenden ihre Partei?

Maximilian Krah mit den Partei-Chefs Alice Weidel und Tino Chrupalla
Ein neues Phänomen ist es nicht, dass AfD-Politiker auffällig undifferenziert über den Nationalsozialismus sprechen, heftige Relativismus-Kritik ernten und sich mit nachträglichen Erklärungsgebäuden zu retten versuchen: ob „Opfer-Kult“ oder der Holocaust als „singuläres Ereignis“.
Doch mit seinen Worten über die SS hat Krah eine rote Linie überschritten, die im bürgerlich-konservativen Lager und auch gesamt-gesellschaftlich mit einer klaren Übereinkunft gezogen wird: Die Waffen-SS war eine verbrecherische Organisation und mit ihr all ihre Mitglieder.
„Ich werde nie sagen, dass jeder, der eine SS-Uniform trug, automatisch ein Verbrecher war“, hatte Krah der italienischen Zeitung La Repubblica gesagt. Auf die Frage, ob die SS Kriegsverbrecher seien, antwortete er: „Es gab sicherlich einen hohen Prozentsatz an Kriminellen, aber nicht alle waren kriminell.“ Man müsse sich das von Fall zu Fall anschauen, so Krah weiter.
Weidels Mann für Europa außer Kontrolle
Es ist eine Aussage, die jeder politischen Vernunft widerspricht und die Frage aufwirft, ob Partei-Chefin Alice Weidel überhaupt einen Hauch Kontrolle über ihren Spitzenkandidaten hat, um wenigstens diesen unumstößlichen und in den Nürnberger Prozessen ausgeurteilten politischen Konsens nicht ins Wanken zu bringen und dem Versuch einer relativierenden Geschichts-Stunde zu opfern.
In einer Sondersitzung des Partei-Vorstandes wurde am Mittwoch beschlossen, dass Krah nicht mehr am Europa-Wahlkampf teilnehmen wird – außerdem trat er aus dem Vorstand aus. Weidel und Co-Chef Tino Chrupalla sagten dazu: „Im Ergebnis wurde ein massiver Schaden für die Partei im laufenden Wahlkampf festgestellt, für den der Spitzenkandidat den Vorwand geliefert hat.“

Die AfD-Doppelspitze steht gewaltig unter Druck.
AfD-Rechtsausleger Krah war nicht Weidels Wunsch-Kandidat, nachdem Krah vom thüringischen Landeschef Björn Höcke unterstützt wird. Ein Lager, das Weidel kommunikativ immer wieder als „die paar Spinner in der Partei“ beiseite zu wischen versucht hatte. Doch im Angesicht der großartigen Umfrage-Werte jenseits der 20 Prozent im Hochsommer 2023 schienen alle innerparteilichen Gräben wie zugeschüttet. Krah wurde mit zwei Dritteln der Stimmen zum Spitzenkandidat gewählt, unterstützt von der Parteispitze. Krah war auch Weidels Kandidat.
„Idiotisch“ und „politisch unfähig“
Hört man sich in der AfD über die jüngsten Ereignisse um, ist die Wut groß: Krah sei einfach nicht in der Lage, Geschichts-Stunde und Politik voneinander zu unterscheiden, heißt es aus AfD-Kreisen gegenüber NIUS. Es fallen Worte wie „idiotisch“ und „politisch unfähig“. Auch im Bundesvorstand soll die große Mehrheit nicht damit einverstanden gewesen sein, dass Krah überhaupt auf die Frage der italienischen Zeitung eingegangen sei.
Es ist das Problem der AfD, das der Partei auch auf europäischer Ebene auf die Füße fällt: Während Parteien wie der Rassemblement National in Frankreich oder die Fratelli d’Italia in Italien versuchen in die Mitte der Gesellschaft zu wirken und die schrillen Töne abnehmen, scheinen die Höckes und Krahs innerhalb der AfD immer mehr an Einfluss und Deutungshoheit zu gewinnen – und der Weidel-AfD die bürgerliche Anschlussfähigkeit Stück für Stück zu entziehen.
Europas Rechte wenden sich ab
„Ich bestätige, dass wir nicht länger zusammensitzen werden. Die AfD hat rote Linien überschritten“, sagte auch der Spitzenkandidat vom Rassemblement National (RN) Jordan Bardella in einer Debatte im französischen Fernsehsender LCI am Dienstagabend. Neben dem RN ging am selben Tag auch die italienische Lega unter Matteo Salvini auf Distanz, obwohl sie eigentlich als AfD-nah gilt. Auf einer Kundgebung in Madrid, die die spanische Vox-Partei vom 17. bis 19. Mai organisierte, war die AfD ebenfalls nicht eingeladen, aber Marine Le Pen vom Rassemblement National. Damit wird die AfD im Europaparlament immer mehr zum Außenseiter.

Marine Le Pen vom Rassemblement National war bei der Veranstaltung der spanischen Vox zu Gast – die AfD nicht.
Die AfD droht nach der Europawahl nicht in die rechte ID-Fraktion aufgenommen zu werden. Derzeit bildet der französische RN die zweitgrößte Delegation der ID-Gruppe und die deutsche AfD die drittgrößte. In den Umfragen liegt der RN in Frankreich bei 32 Prozent, die AfD bei rund 17 Prozent. Es gibt Überlegungen beim RN, mit anderen Parteien aus der konservativen Fraktion EKR zusammenzuarbeiten. Le Pen nutzte in Madrid etwa die Gelegenheit, die Vizepräsidentin der Fidesz-Partei des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban, Kinga Gal, zu treffen. Die Fidesz und ihre 12 Abgeordneten gehören derzeit keiner Fraktion im Parlament an, und es ist unklar, welcher Fraktion sie sich nach den Wahlen anschließen werden. Die AfD steht bei derartigen Gesprächen außen vor.
Weidels unzureichende Führung, die in Kontrollverlust über die Spitzenkandidaten ausgeufert ist, isoliert die Partei in Europa und lässt sie in den Umfragen abstürzen – sowohl für Europa als auch bei der Sonntagsfrage zur Bundestagswahl.
Bleibt die Frage, ob das derzeitige Krisen-Management in der AfD-Spitze in ein Wackeln der Parteispitze mündet oder ob der geschasste Krah nun Anlass ist, weitere Rechtsausleger aus der Partei zu verbannen und die Radikalisierung der Partei zurückzudrehen.
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