Bayreuther Festspiele: Wie viel Hitler steckt in Richard Wagner?
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Wie jeden Sommer verwandelt sich die kleine fränkische Metropole Bayreuth auch in diesem Jahr wieder in den Schauplatz eines weltweit renommierten Opernfestivals: Vom 25. Juli bis zum 28. August widmen sich die Bayreuther Festspiele ausschließlich den Werken Richard Wagners. Anlässlich des 150-jährigen Jubiläums des Festivals hätten die diesjährigen Festspiele besonders groß und prächtig ausfallen sollen. Aber die Stimmung ist mies: Es mangelt an Einnahmen, Sponsoren und Fördergeldern. Das geplante große Jubiläumsprogramm inklusive Festmeile auf dem Luitpoldplatz musste abgesagt werden, weil die Stadt nicht in der Lage war, lumpige eineinhalb Millionen Euro aufzutreiben.
Schlimmer noch als die finanzielle Notlage des Festivals ist die ideologische. Richard Wagner war, wie sich auch unter Leuten herumgesprochen hat, die seine Opern nicht kennen, ein Antisemit und Hitler sein größter Fan. Deshalb stellen Kulturkritiker gerne die Frage: Wie viel Wagner steckt in Hitler und wie viel Hitler in Wagner? Das ist eine dumme Frage, aber da die Antworten meist noch dümmer ausfallen als die Frage selbst, müssen wir uns damit beschäftigen.
Wagners antisemitische Theorie
Also: Richard Wagner war in der Tat ein Antisemit. Das weiß jeder, der sich näher mit seinem Leben und Werk beschäftigt hat – allein deshalb, weil Wagner mit seinen Meinungen nie hinter dem Berg hielt. Als Dichter, Schriftsteller und Redner ebenso versiert wie als Komponist, hat Wagner in seinem Leben eine Fülle von Schriften über Theater, Oper und Musik verfasst. Darunter findet sich auch ein Aufsatz über „Das Judenthum in der Musik“. Der erschien im Jahr 1850 unter dem Pseudonym „K. Freigedank“ in zwei Folgen in der Neuen Zeitschrift für Musik, der damals führenden deutschen Musikzeitschrift.

20 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung ließ Wagner sein antisemitisches Pamphlet noch einmal unter seinem richtigen Namen erscheinen.
In diesem berühmt-berüchtigten, aber kaum gelesenen Pamphlet zieht Wagner mächtig vom Leder. Auf 50 schwer lesbaren Seiten entwickelt er eine metaphysische Theorie über jüdische Komponisten und ihre vermeintliche Unfähigkeit, echte Kunst zu schaffen. Juden, behauptet er, seien ein fremdes Element innerhalb der deutschen Kultur und sprächen noch nicht einmal richtig Deutsch. Wahre Kunst jedoch könne nur aus dem Geist und der Sprache eines Volkes entstehen, weshalb Juden dazu keinen Zugang hätten. Deshalb könnten sie zwar nachahmen, seien aber nicht zu originär schöpferischen Leistungen fähig. Da Juden jedoch über Geld und Einfluss in Presse und Schrifttum verfügten, würden sie einen oberflächlichen, modischen Kunstbetrieb fördern, von dem das Publikum sich täuschen lasse.
Das ist Wagners ganze antisemitische Theorie – mehr ist es nicht. Den realen Gehalt dieser metaphysischen Spekulationen, die im nationalistischen Denken der Romantik wurzeln und von Johann Gottfried Herders Ästhetik stark beeinflusst sind, will Wagner dann an zwei Komponisten jüdischen Glaubens demonstrieren, die er beide bestens kannte: an Felix Mendelssohn Bartholdy und an Giacomo Meyerbeer. Nach so vielen Spintisierereien über die vermeintliche Unfähigkeit jüdischer Komponisten, schöpferisch Tiefes zu schaffen, muss am konkreten Beispiel jetzt das gefunden werden, was zuerst behauptet wurde, und Wagner findet es natürlich: Mendelssohn, behauptet er, sei außergewöhnlich begabt, aber ohne schöpferische Tiefe; seine Musik brillant, aber inhaltsleer. Der Opernkomponist Meyerbeer, heute fast vergessen, zu Wagners Zeit aber ein Superstar, hingegen komponiere zwar effektvoll und hochdramatisch, aber nicht aus künstlerischer Überzeugung, weshalb ein gelangweiltes Publikum, das auf billige Wirkung aus sei, sich von ihm bereitwillig täuschen lasse.

Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847): Einer von Wagners frühen Förderern – und später Zielscheibe seiner antisemitischen Polemik.
Bei jüdischen Komponisten bediente sich Wagner nur allzu gerne
Wagners Pamphlet ist das Dokument einer außerordentlichen Perfidie, wie es sie in der Musikgeschichte kein zweites Mal gibt. Denn Wagner war mit Mendelssohn und speziell Meyerbeer nicht nur befreundet, sondern hatte beiden viel zu verdanken. Mendelssohn hat den jungen und unbekannten Wagner nicht nur gefördert, Wagner hat sich bei Mendelssohns kompositorischen Errungenschaften auch noch jahrzehntelang bedient. So wären die pochenden Achtelnoten in den Bläsern am Anfang des zweiten Akts von „Tannhäuser“ ohne Mendelssohns Italienische Sinfonie ebenso undenkbar wie die gebrochenen Es-Dur-Akkorde aus dem Vorspiel zum „Rheingold“ ohne Mendelssohns Ouvertüre „Die schöne Melusine“.

Giacomo Meyerbeer (1791–1864): Der jüdische Komponist war zu Lebzeiten ein Superstar der Oper und einer der wichtigsten Unterstützer des jungen Richard Wagner.
Bei Meyerbeer liegt der Fall noch deutlich krasser. Dem damals weltberühmten und viel erfolgreicheren älteren Kollegen hatte sich der unbekannte und erfolglose Wagner 1840, als er in Paris auf Arbeitssuche war, in einem der peinlichsten Bettelbriefe der Geschichte als „Sclave“ angedient und flehend versichert: „Kaufen Sie mich darum, mein Herr, Sie machen keinen ganz unwerthen Kauf!“ Meyerbeer hat Wagner zwar nicht gekauft, ihm aber über Jahre hinweg geholfen, Kontakte, Aufträge und Arbeiten vermittelt und ihn bei der Durchsetzung von „Rienzi“ und „Der fliegende Holländer“ in Dresden entscheidend unterstützt. Genau wie bei Mendelssohn hat Wagner sich auch bei Meyerbeer musikalisch gerne bedient: „Rienzi“ ist eine Grand opéra im Stile Meyerbeers, aber auch im bewusst prächtig ausgestatteten Wartburg-Akt des „Tannhäuser“ und im „Rheingold“ stecken noch jede Menge von Meyerbeers großer, schwülstiger Opernkunst.
Gäbe es für Wagners antisemitisches Pamphlet, das er 1869, fast zwanzig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung, noch einmal und jetzt unter seinem richtigen Namen erscheinen ließ, überhaupt eine Erklärung, dann ist es diese: Für Wagner war diese Abrechnung mit seinen jüdischen Mentoren eine persönliche Katharsis. 1850 war das schlimmste Jahr in Wagners an Tiefpunkten, Krisen und Katastrophen so reichem Leben. Hoch verschuldet, ohne Geld, ohne Aufträge, ohne nennenswerte Beschäftigung, in ganz Deutschland nach dem 1848er-Aufstand in Dresden als Revolutionär verfolgt und steckbrieflich gesucht, verspürte er nun in einem Ausbruch von Neid und Bosheit den Zwang, sich von den Leitfiguren seiner jungen Jahre zu reinigen. Und diese Leitfiguren waren neben Carl Maria von Weber und dem heute vergessenen Opernkomponisten Heinrich Marschner vor allem Mendelssohn und Meyerbeer. Beide besaßen neben Geld und Erfolg all das, was der in Armut aufgewachsene Halbwaise Wagner sein Leben lang vermisste und ihnen neidete: eine wohlhabende Familie, ein kunstsinniges und verständnisvolles Elternhaus, überreiche Talente im Falle Mendelssohns und eine fantastische Adaptionsfähigkeit in Verbindung mit geschicktem Networking im Falle Meyerbeers.
Ein Nazi noch vor Hitlers Geburt?
Diese Deutung soll Wagners antisemitische Schrift weder rechtfertigen noch wegdiskutieren – aber sie kann sie erklären. Wagner war ein hasserfüllter Antisemit, aber von ihm stammt weder eine Rassentheorie, noch redete er einer Vernichtung der Juden das Wort. Deshalb ist Wagner weder Vorläufer des Nationalsozialismus noch ein Nazi avant la lettre. Die vielen Kulturkritiker, Buchautoren und Fernsehjournalisten, die kürzlich allesamt den Antifaschismus entdeckt haben, wollen Wagner aber genau dazu erklären: zu einem Nazi, bevor es das Wort überhaupt gab. Deshalb fragen sie nie nach Wagners Musik, sondern immer nur danach, wie viel Wagner in Hitler und wie viel Hitler in Wagner steckt.
Eine Antwort darauf können wir bereits geben: In Wagner steckt überhaupt kein Hitler. Und zwar nicht aus dem lachhaften Grund, weil Wagner bekanntlich sechs Jahre vor Hitlers Geburt (1883 bzw. 1889) gestorben ist, sondern deshalb, weil Wagner am Ende seines Pamphlets in einer häufig zitierten und immer falsch interpretierten Passage zwar vom Untergang des jüdischen Volkes spricht, damit aber nicht dessen physischen Untergang meint, sondern sein Aufgehen im deutschen Volk, also ihr „Aufhören, Juden zu sein“. Dies würde nach Wagners skurriler Theorie jüdische Musiker und Dichter in die Lage versetzen, tiefe und wahrhaftige Kunstwerke zu schaffen. Diese Aussage ist unerquicklich, sachlich falsch und aus Sicht jeder Kulturtheorie einfach lächerlich. Aber sie ist weder die Vorbereitung des Holocaust noch der direkte Weg nach Auschwitz.

Richard Wagner im Jahr 1871
Hitlers lebenslange Wagner-Verehrung
Bleibt also die Frage, wie viel Wagner in Hitler steckt. Kurzantwort: eine ganze Menge. Hitler war von frühester Jugend an Wagnerianer. Noch in Linz versetzte der „Rienzi“ ihn in höchste Verzückung, während er in seiner Wiener Zeit, obwohl jahrelang nahezu mittellos, regelmäßig Wagneraufführungen in der Hofoper besuchte. Im Männerwohnheim sang er laut „Du Schwan, zieh hin“ aus seiner Lieblingsoper „Lohengrin“, halbe Wagneropern kannte er auswendig. Wagner begeisterte, inspirierte und verfolgte Hitler ein Leben lang. Noch im April 1945 stand er im Führerbunker stundenlang vor dem Architekturmodell seiner geplanten Kulturmetropole Linz und sprach mit Albert Speer über die Baupläne für ein monumentales Opernhaus, in dem natürlich Wagner gespielt werden sollte.
Bei so viel Wagner-Begeisterung konnte es nicht ausbleiben, dass Hitler den heiligen Gral der Wagner-Verehrung, das Städtchen Bayreuth mit seinem Wagner-Festspielhaus und der Villa Wahnfried, in der der Meister 15 Jahre lang gelebt, gearbeitet und gelitten hatte, persönlich kennenlernen wollte. 1925 war es dann so weit. Finanziert, betreut und verwöhnt vom Klavierbauerehepaar Bechstein, kreuzte Hitler im Tourenwagen und mit Ledermütze in Bayreuth auf, wo er mit der Hausherrin, Wagners Schwiegertochter Winifred, einer Walküre englischer Herkunft, groß und kräftig wie ein Mann, Freundschaft schloss und bald zum herzlichen Du überging. Von da an besuchte er die Bayreuther Festspiele bis 1940 jedes Jahr, von der hitlerbegeisterten Hausherrin jedes Mal glücklich empfangen, bis sich das Verhältnis schlagartig abkühlte, als Winifred Wagners zweite Tochter Friedelind 1939 nach England emigrierte und dort in der Presse mit dem Mann abrechnete, den sie einst angehimmelt hatte.

Das Bayreuther Festspielhaus: Von Richard Wagner selbst entworfen und seit 1876 Spielstätte der Bayreuther Festspiele.
Im Schatten der alten Sünden
Die engen Beziehungen des Wagner-Clans zu Hitler werfen seit der Wiedereröffnung der Bayreuther Festspiele 1951 einen Schatten über das Wagner-Festival, der jedes Jahr dunkler wird. Obwohl Winifreds Söhne (und Wagners Enkel) Wolfgang und Wieland in den 1960er und 1970er Jahren den alten Germanenplunder aus Flügelhelmen, Schwertern und Schildern aus dem Fenster warfen und durch moderne Opernregie versuchten, Wagner ideologisch zu reinigen, wurden ihnen die alten Sünden nie verziehen. Wagners Urenkelin Katharina Wagner, die seit 2015 die Festspiele leitet, ihre Cousinen Nike und Daphne sowie ihr Cousin Wolf Siegfried werden von Presse und Fernsehen praktisch täglich verhört, überwacht und überprüft, um herauszufinden, was sie bei der Bewältigung der Vergangenheit ihres berühmten Ahnen heute wieder falsch gemacht haben. Das Thema Richard Wagner und der Nationalsozialismus ist seit Jahren schon das einzige Thema der Bayreuther Festspiele – Wagners Opern, die er selbst Musikdramen nannte, rangieren demgegenüber schon lange im Hintergrund. Wagner ist für viele Kulturjournalisten sowie Musik- und Theaterwissenschaftler kein Komponist mehr, sondern ein früher Chefideologe des Dritten Reiches, der nebenbei ein bisschen komponiert hat.
Der Wagner-Clan und Wagner-Fans auf der ganzen Welt, von denen es immer noch viele gibt, sind diesen ideologischen Kaperfahrten eines geheuchelten Antifaschismus hilflos ausgeliefert, denn die Bayreuther Festspiele sind seit Jahren defizitär und finanziell total auf den Bund, das Land Bayern und die Stadt Bayreuth angewiesen. Obwohl die Karten inzwischen im Schnitt 200 bis 300 Euro kosten, ist allein damit nichts gewonnen – 40 Prozent des jährlichen Budgets kommen vom Steuerzahler. Diese Abhängigkeit wird sich in den nächsten Jahren noch verschärfen, weil die Kulturtöpfe von Bund und Ländern leer sind, zahlungskräftige Sponsoren nicht an Bäumen wachsen und die graue ideologische Monotonie des Begleitprogramms aus jungen Menschen keine Wagnerianer macht.
Was die Wagner-Gegner gerne vergessen
Das ist schade, denn Richard Wagner war nicht der Alfred Rosenberg des 19. Jahrhunderts, sondern einer der größten und wirkungsmächtigsten Opernkomponisten aller Zeiten. Wagner gehört nicht nur mit Mozart, Verdi, Puccini und Richard Strauss zu den besten, beliebtesten und am meisten aufgeführten Opernkomponisten aller Zeiten – er hat auch Harmonik und Orchestrierung beeinflusst wie kein anderer Komponist vor ihm. Wagner hat mit dem Tristan-Akkord, der konsequenten Nutzung von Chromatik und neuen harmonischen Verbindungen die spätromantische Harmonik zu einer bis dahin unerreichten Höhe geführt. Er hat das Orchester und die Behandlung seiner Instrumente revolutioniert und die italienische Nummernoper des 18. Jahrhunderts durch sich kontinuierlich entwickelnde Musikdramen mit der berühmten „unendlichen Melodie“ abgelöst.
Wagner hat unzählige Komponisten beeinflusst, und seine Wirkung reicht bis heute. Bruckners 7. Sinfonie, Richard Strauss’ „Also sprach Zarathustra“ und Debussys „Prélude à l’après-midi d’un faune“ wären ohne Wagner undenkbar, Puccinis Leitmotiv-Technik in „Tosca“ und „Madama Butterfly“ ohne Wagner nicht vorstellbar, und die Filmmusiken von Erich Wolfgang Korngold („Robin Hood“), Max Steiner („Vom Winde verweht“) oder John Williams („Star Wars“) würden ohne Wagner fundamental anders klingen.
Von all dem haben verlogene zeitgeistige Ideologen keine Ahnung. Die würden aus Bayreuth gerne einen Schrein machen, in dem wir kollektiv für Wagner und Hitler büßen und nebenbei hoch subventionierte Aufführungen von Wagners Opern durch furchtbare Regisseure, zweitklassige Sänger und ein drittklassiges Orchester ertragen müssen. Das sollten wir nicht zulassen.
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Markus Brandstetter
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