Warum sagt uns Scholz nicht die Wahrheit über Bidens Gesundheitszustand?
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Am Rande des NATO-Gipfels tritt der US-Präsident von einem Fettnapf in den nächsten, seine Auftritte lösen nachgerade Bestürzung aus. Von Kanzler Olaf Scholz ist dazu nichts zu hören.
Diese Szene spricht Bände: US-Präsident Joe Biden kündigt auf der Bühne den ukrainischen Präsidenten Selenskyj an: „Meine Damen und Herren: Präsident Putin." Applaus, nur Olaf Scholz wendet Biden irritiert den Kopf zu, klatscht nicht mit.
Es ist nur einer von vielen Irrtümern, die dem mächtigsten Mann der Welt unterlaufen. Er verwechselte den französischen Präsidenten Macron mit Mitterrand, Helmut Kohl mit Angela Merkel, sprach von „Mexikos Präsident al-Sisi“, als er den Staatschef Ägyptens meinte. Nun sprach er von „Vizepräsident(in) Trump“ statt von Kamala Harris, doch der Putin-Selenskyj-Fauxpas war der denkbar bestürzendere.
Die fast einstündige Pressekonferenz Bidens am Rande des NATO-Gipfels bot dann ebenfalls reichlich verstörende Momente. Neunmal streute er ein „anyway“ (egal) ein. In den sozialen Medien wurde sogleich ein entsprechendes Trinkspiel vorgeschlagen. Und so ging es Schlag auf Schlag:
„Ich befolge den Rat meines Commander-in-Chief" (Oberbefehlshabers), sagte Biden – der selbst der Commander-in-Chief ist. Oder trifft tatsächlich jemand anderes die Entscheidungen, wenn der Präsident schwächelt oder schläft?
Hat Olaf Scholz nie etwas bemerkt?
Nachdrücklich erklärte Biden, derzeit nicht mit dem russischen Präsidenten Putin sprechen zu wollen, solange dieser nicht bereit sei, sein Verhalten zu ändern. Andererseits: „Es gibt keinen Führer der Welt, mit dem ich nicht zu verhandeln bereit wäre.“
Was denn nun? Der bizarrste Moment zieht das Ende der Pressekonferenz nach sich. Gefragt, ob er für Harris zurücktreten würde, wenn sie eine bessere Chance hätte, Trump zu schlagen, sagt Biden: nur, wenn ihm sein Team sage, er könne nicht gewinnen. Und fügt gruselig flüsternd hinzu: „Niemand sagt das. Keine Umfrage sagt das." Hier bricht seine Pressesprecherin Karine Jean-Pierre mitten im ausbrechenden Tumult der Journalisten die Pressekonferenz ab, während Biden ein strahlendes Lächeln zeigt.
Das Drama nimmt Fahrt auf, der physische Verfall Joe Bidens und seine zunehmenden Aussetzer lassen keinen anderen Schluss zu: Dieser Mann ist nicht mehr fit fürs Amt. Die Frage ist: Hat Bundeskanzler Olaf Scholz, der angeblich häufig mit Biden telefoniert und ihn bereits dreimal zu Vieraugengesprächen im Weißen Haus besucht hat, nie etwas bemerkt?
US-Präsident Joe Biden und Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) beim Nato-Gipfel.
Wieder und wieder wiegelte der Kanzler Bedenken hinsichtlich der Verfassung Joe Bidens ab. Den katastrophalen Auftritt des Präsidenten im Fernsehduell mit Donald Trump Ende Juni sah er entweder anders – oder er tat nur so: Er habe den 81-Jährigen in der Debatte „klar und fokussiert“ gesehen. Da dürfte er der Einzige gewesen sein.
„Jemand, der sehr klar ist, der genau weiß, was er tut“
Frieden und Sicherheit sieht der Kanzler bei Biden „in guten Händen“, es gebe „gute Argumente“ für eine Wiederwahl. Spekulationen über dessen Gesundheitszustand tat Scholz vor wenigen Wochen ab. Bidens Erfahrenheit im Umgang mit Krisen weltweit sei „ein Asset, etwas Gutes“. Und: „Ich finde, dass Joe Biden jemand ist, der sehr klar ist, der genau weiß, was er tut.“ Lebenserfahrung und ein „ziemlich sicheres Urteil“ attestierte er Biden im März in der NDR-Talkshow „3nach9“:
„Mir gefällt nicht, was über Biden da öffentlich diskutiert wird.“ „Man darf, weil jemand etwas langsamer geht, nicht gleich davon ausgehen, dass er deshalb nicht in der Lage ist, ein so großes Amt auszuführen und dieses Land zu führen. Joe Biden kann das.“
Tatsächlich scheinen Biden und Scholz gut miteinander auszukommen, Scholz schätzt Biden als „Middle Class Joe“, einen Mann auch für die Arbeiterklasse. Und das State Department lobt die Zusammenarbeit mit der Bundesregierung als „beispiellos gut“. Laut des Transatlantikkoordinators der Bundesregierung, Michael Link, ist das Ziel, in den verbliebenden Monaten bis zur den US-Wahlen noch „ins Trockene zu bringen, was auch immer geht“ – bevor möglicherweise Donald Trump wieder ins Weiße Haus einzieht. Die zelebrierte Verbundenheit erinnert allerdings längst an zwei schwer angeschlagene Boxer, die sich verzweifelt aneinanderklammern. Zwei vergessliche Männer, die einander nur Gutes bescheinigen.
Nur der Kanzler hält Biden noch die Stange
Da sieht man als Bundeskanzler gnädig darüber hinweg, wenn Biden in der Normandie behauptet, Putin seit 40 Jahren zu kennen (damals war der Russe noch KGB-Offizier). Oder dass Joe Biden im Februar seine Begrüßungsworte für Scholz von bedruckten Karten ablas, um das Risiko erneuter Patzer zu minimieren. Noch vor zwei Tagen, vor dem Beginn des NATO-Treffens, erklärte Scholz, unbesorgt zu sein, Biden habe den Gipfel „sehr gut und sehr präzise vorbereitet“.

Der Nato-Gipfel in Washington wurde von Bidens Aussetzern überschattet.
Auch den fatalen Versprecher jetzt beim NATO-Gipfel nimmt er ihm nicht krumm: „Versprecher passieren, und wenn man alle immer genug beobachtet, findet man auch genug.“ In einem Interview mit dem US-Sender PBS sagte er, es wäre „ein großer Fehler, den Präsidenten zu unterschätzen“: „Seine Führung war sehr wichtig in den vergangenen Jahren und Monaten.“
Dass Scholz dem Präsidenten gewissermaßen zu Hilfe kommt, löste bei den Republikanern bereits Unmut aus. Einmischung in den amerikanischen Wahlkampf, lautet der Vorwurf.
Für Biden wird es derweil immer enger. Die Washington Post hat eine gute und eine schlechte Nachricht für den Präsidenten. Die gute: Umfragen zufolge liege er mit 46 Prozent Zustimmung gleichauf mit Trump. Die schlechte: Die Frage, ob Biden zurücktreten sollte, bejahten 67 Prozent der befragten Amerikaner, selbst unter den Anhängern der Dems waren 56 Prozent für seinen Rückzug. Doch noch will der Commander-in-Chief nicht aufgeben und betont ein ums andere Mal: „Ich muss den Job zu Ende bringen“.
Offen ist, ob man ihn den Job auch zu Ende bringen lässt. Selbst unter den Demokraten und ihren Anhängern mehren sich die Stimmen, die Biden zum Rückzug auffordern. Nur Olaf Scholz hält dem sichtlich überforderten alten Mann im Weißen Haus noch die Stange. Waren da irgendwelche Aussetzer? Olaf Scholz kann sich mal wieder nicht erinnern.
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