Wie viel von Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ steckt in der französischen Realität?
Ein Beitrag von
Ein Gastbeitrag von David Engels.
Als im Januar 2015 Michel Houellebecqs Sensationsroman „Unterwerfung“ erschien, wurde er vor allem in der deutschen Presse mit einer gewissen Verstörung aufgenommen. „Satire“, sagten die einen, „Warnung vor rechtsradikalen Narrativen“ die anderen. Was war geschehen? Houellebecq hatte in seinem Roman mit fast chirurgischer Präzision ein künftiges Szenario entworfen, in dem Frankreichs „Mitte der Gesellschaft“ es lieber vorzog, mit den Linksextremen und den „moderaten“ Islamisten zu paktieren, als eine Regierung unter Marine Le Pen zu tolerieren. Die Folge: Die Einsetzung eines muslimischen Präsidenten, dem es gelingt, Schritt für Schritt den Islam als neue Leitkultur zu etablieren, der sich alle unterwerfen – nicht aus Glauben, sondern aus zynischem Opportunismus.
Denn der Islam bietet sich im Roman als ideale Kompromissformel dar, der von links bis rechts fast alle Funktionsträger in Politik, Verwaltung, Medien und Universitäten den einen oder anderen Vorzug abgewinnen können, ohne dem bisherigen klassischen Gegner einen Schritt entgegenkommen zu müssen: Selbstmord aus Angst vor dem Tod – verschönert durch Polygamie, Shisha und Lukum.

Juli 2024: Franzosen demonstrieren gegen Rechts
Knapp 10 Jahre später scheint es so weit zu sein, dass erste Bausteine der oben skizzierten Konstellation sich tatsächlich in der „echten“ Realität zusammenfügen.
Die „Unterwerfung“ als Blaupause der nächsten Jahre?
Emmanuel Macron hat nach dem für seine Partei desaströsen Resultat der Europawahlen die Entscheidung getroffen, die französische Nationalversammlung aufzulösen, um einen Befreiungsschlag für seine seit Jahren angeschlagene Popularität zu wagen. Frankreich sollte bewusst in die Unregierbarkeit gestürzt werden, um daraufhin den beiden „Extremen“, also dem „Rassemblement National“ der Marine Le Pen ebenso wie der neuen „Volksfront“ Jean-Luc Mélenchons, die Schuld zuzuschieben und sich erneut als Kandidat der Mitte zu empfehlen. Ob anlässlich einer neuerlichen Parlamentsauflösung 2025, oder – so ein hartnäckiges Gerücht – anlässlich einer verfassungsmäßig eigentlich nicht vorgesehenen dritten Präsidentschaftskandidatur unter Notstandsbedingungen: Macron wollte sich als Retter in der Not profilieren – auch, wenn er die Not dazu selbst schaffen mußte.

Marine le Pen und Parteikollege Jordan Bardella bei einer Demonstration gegen Antisemitismus in Paris im November letzten Jahres
Das Resultat der Wahlen ist nun aber keineswegs eindeutig ausgefallen: Keine der drei großen Gruppen – die zentristischen Macronisten, die Linksextremen und der „Rassemblement“ – verfügt auch nur ansatzweise über eine Mehrheit, und so scheint Frankreich in die Unregierbarkeit hineinzuschlittern. Möglich sind drei Modelle.
- Erstens: Es kommt zu einer Koalition zwischen dem Zentrum und der Rechten unter Führung Le Pens bzw. ihrer rechten Hand, Jordan Bardella (aber es kann als so gut wie ausgeschlossen gelten, daß sich Macron einer solchen Konstellation unterwirft). Die Folge: Chaos. Die Rating-Agenturen und Börsen würden die französische Wirtschaft (und mit ihr wohl die ganze Eurozone) in Grund und Boden spekulieren; Bürokratie, Medien, Judikative und Universitäten wurden jegliche Regierungsentscheidung boykottieren; und die großen Städte, allen voran Paris, würden im Chaos der Dauer-Demos versinken.
- Zweitens: Macron setzt (wie in den letzten Jahren) auf von ihm kontrollierte Minderheiten- oder Expertenregierungen, die freilich überaus unstabil sein werden und faktisch nur die laufenden Geschäfte regeln können. Die Folge: Chaos. Die jetzt schon seit Jahren überfälligen schweren Reformen werden einmal mehr in die Zukunft verschoben; Frankreich wird mehr denn je zum „kranken Mann Europas“ und entwickelt sich zu einem ethnisch zersplitterten Dritte Welt-Land.
- Drittens: Macron unterstützt oder toleriert („widerstrebend“) eine linksradikale Regierung, vielleicht unter einem „gemäßigten“ Sozialdemokraten wie etwa Raphael Glucksmann, der sich auf eine EU-konforme Wirtschafts-, Umwelt- und Außenpolitik konzentriert und seinen radikaleren Partnern die weitere „woke“ Umgestaltung der französischen Gesellschaft überläßt. Die Folge: Chaos. Denn es käme zu einer völlig ungesteuerten Flutung des Landes durch Migrantenheere bei gleichzeitiger Diversitäts-, Gender- und LGBTQ-Quotenpolitik und semi-kommunistischer Freiheitsbeschränkung – alle drei fest im Programm Jean-Luc Mélenchons verankert, dem eigentlichen Kopf der neuen „Volksfront“ und Anführer seiner wichtigsten Komponente, „La France Insoumise“. Denn diese Partei vertritt in fast schon sprichwörtlicher Weise den „Islamogauchisme“, also die (eigentlich widersprüchliche) Verbindung linksextremer und islamistischer Positionen, die sich nur vorübergehend vereinen in ihrem gleichstarken Ressentiment gegen den „alten weißen Mann“ – und in der Ruchlosigkeit, mit der sie den Partner als bloßes Instrument auf dem Weg zur Macht betrachten.

Der französische Präsident Emmanuel Macron mit Anhängern nach der Stimmabgabe für die zweite Runde der Parlamentswahlen in Le Touquet-Paris-Plage
Islamisierung als Frage der Zeit
In jedem dieser Fälle steuert nicht nur Frankreich, sondern ganz Europa auf ein dystopisches Szenario zu: Ein unregierbares Kernland, dessen politischen, wirtschaftlichen und ethnischen Bruchlinien auf demokratischem Wege nicht mehr zu kitten sind und früher oder später die Machtfrage erzwingen werden – und zwar nicht im Parlament, sondern auf der Straße. Dabei wird den Migrantengesellschaften der berüchtigten Banlieues eine zentrale Rolle zukommen, da sie aufgrund ihrer Zahl, ihrer Jugend, ihrer Kohäsion und auch ihrer Gewaltbereitschaft im deutlichen Vorteil sind.

Pro-Palästina-Demo in Paris
Dies ist überall in Frankreich ein offenes Geheimnis, und daher buhlt nicht nur die Linke, sondern zunehmend auch die Rechte um die Stimmen der Banlieues. Wie in Houellebecqs „Unterwerfung“ ist es daher höchstwahrscheinlich, dass der Islam egal, wie die Situation ausfällt, das Zünglein an der Waage sein wird und seine Unterstützung oder doch sein Stillhalten dem angedeihen lassen wird, der die höchsten Sozialleistungen verspricht – und der gleichzeitig die entsprechenden Weichen zu einer immer größeren Islamisierung des Landes stellt.
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David Engels
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