Warum Özdemir ohne seine Partei im Wahlkampf besser dastünde
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Wenn am 8. März 2026, am internationalen Frauentag, der neue baden-württembergische Landtag gewählt wird, steht ein Sieger jetzt schon fest: Cem Özdemir. Der ehemalige Bundeslandwirtschaftsminister inszeniert sich im Wahlkampf als Allzweckwaffe. Er soll die Koalition aus Schwarz-Grün möglich machen, mehr noch: der nächste Ministerpräsident werden.
Sieben Faktoren sprechen dafür:
1. Das Wahlkampfteam setzt voll auf Cem und null auf Grün
Auf den Wahlplakaten findet sich das Logo ganz klein, auf Özdemirs gut gepflegtem Instagram-Account müssen die 211 Tausend Follower lange suchen, bis sie einen Hinweis auf die grüne Partei finden. Die Strategie: So tun, als sei man eine bürgerliche Partei, um dann nach der Wahl die grüne Keule auszupacken.

Man könnte meinen, Özdemir tritt als parteiloser Kandidat an.
Anders ist The Länd und seiner wirtschaftlich schwächelnden Hauptstadt nicht beizukommen. Denn die Autometropole Stuttgart und ihre Lastenradpartei sind sich nicht mehr grün. Aber ohne die Grünen geht es nicht, wenn man die AfD weiter konsequent ausschließt.
Beim SWR-Fernseh-Triell konnten sich alle davon überzeugen: CDU-Kandidat Manuel Hagel und Cem Özdemir fahren einen Schmusekurs, wie zwei Brautleute, die sich gedanklich mit einer arrangierten Ehe anfreunden.

Im Triell sprach Özdemir eine Koalition mit der CDU offen an.
2. Özdemir ist ein erfahrener Wahlkämpfer
Özdemir besänftigt im Vorfeld: „Wir sind Wettbewerber und keine Feinde.“ Aber zu einem Wettbewerb gehört auch, sich gegenseitig zu stören. Rechtzeitig taucht ein acht Jahre altes Video auf, geleakt von einer grünen Parteikollegin, das den CDU-Saubermann plötzlich gar nicht mehr sauber dastehen lässt. Darin berichtet Hagel vom Besuch in einer Realschulklasse, für einen 29-Jährigen gäbe es schlimmere Termine. Vor allem Eva, „braune Haare, rehbraune Augen“, werde er nie vergessen.
Was tut sein Kontrahent? Den eigenen Kasten sauber halten, maximale Großzügigkeit zeigen. Özdemir sagt, das Video sei nicht Teil der grünen Kampagne, sondern wurde von einer Abgeordneten geteilt. Das alles sei lange her, Hagel habe sich bereits dazu erklärt.
3. Özdemir hat den größten: Bekanntenkreis
Cem Özdemirs Wahlkampf lebt von seinem riesigen Netzwerk und belastbaren Kontakten. „Dann gehen Herr Hagel und ich zusammen zu Merz, um das Problem zu lösen“, tönt er, als es um Bürokratieabbau geht. Wir. Zusammen. Herr Hagel und ich.
Auch Prominente gehören zu seinem Dunstkreis. Den ebenfalls türkischstämmigen Aykut Anhan, besser bekannt als Haftbefehl, lädt er mitsamt Frau Nina zu seinem 60. Geburtstag ein. Ein gemeinsames Projekt verkünden die beiden sogar. Özdemir begründet das so: „Mich interessieren Leute, die jetzt nicht unbedingt den geraden Weg im Leben hatten. Das passt ja auch ein bisschen zu meiner Biografie.“

4. Brezel statt Börek: Özdemirs Vorzeigebiografie
Özdemir ist 1965 im schwäbischen Bad Urach als Sohn türkischer Gastarbeiter geboren. Sein Vater kommt aus einem anatolischen Dorf, die Mutter aus Istanbul. Der Vater stirbt 2015, die Mutter Nihal eröffnet eine Änderungsschneiderei und stirbt 2021, kurz bevor ihr Sohn Minister wird. Cem Özdemir, der schon als 28-Jähriger in den Bundestag einzieht, sagt immer wieder: „Meinen Eltern verdanke ich alles.“ Er lebt seine Wurzeln – die türkischen wie die schwäbischen. Immer wieder betont er seine drei Leitlinien: Sprache, Arbeit, Gesetzestreue. Und er liebt stabile Verhältnisse, politisch wie privat.

Özdemir punktet auch im bürgerlichen Lager als Musterbeispiel vollendeter Integration.
5. Özdemir setzt auf stabile Beziehungen
Am Valentinstag dieses Jahres heiratet er ein zweites Mal. Flavia Zaka, eine kanadische Juristin, 20 Jahre jünger. Kennengelernt haben sie sich, so schreibt t-online, beim Geburtstag einer gemeinsamen Freundin auf der Tanzfläche. Nach Ehefrau Nummer eins, Pia Castro, mit der er zwei erwachsene Kinder hat, nun also der zweite Versuch kurz nach Mitternacht im Tübinger Rathaus, getraut vom Oberbürgermeister Boris Palmer. Später im Jahr soll es noch eine große Feier geben. Jetzt drängt der Wahlkampf. Und für den greift Özdemir auf den Mann zurück, mit dem ihn eine merkwürdige Bromance verbindet.
6. Boris Palmer und Cem Özdemir – wer braucht hier wen?
Boris Palmer, der parteilose Oberbürgermeister der Studentenstadt Tübingen, hat mit Özdemir eine Art politischer On-Off-Beziehung. 2021 sagt Özdemir, das ständige „Missverstandenwerden“ von Palmer könne er nicht mehr hören. Palmer, der die Grünen 2023 im Streit verließ, schade der Sache.
Der eine ist gern umstritten, der andere wäre gern unumstritten. Mal distanziert sich Özdemir mit Palmer, dann sucht er den Schulterschluss mit dem eigenwilligen 53-Jährigen. Beobachtern fällt aber der Zeitpunkt der Annäherung auf: Von dieser Wahl könnten beide etwas haben. Palmer schiele möglicherweise auf einen Ministerposten. Er hole mit seiner hemdsärmeligen Art Wählerschichten, die die Grünen verprellt haben. Denn jenseits des „Alnatura-Adels“, wie die Welt schrieb, gibt es noch Hunderttausende, für die Papierstrohhalme nicht oberste Priorität haben.
7. Cem kann Kult
Zu offiziellen Terminen in Berlin kommt Özdemir gern mit E-Bike, er feiert die schwäbische Brezel, ist Vegetarier und Fan der Toten Hosen. Cem Özdemir wirkt wie einer, der noch Bodenhaftung hat, einer, bei dem halt auch mal die Nerven blank liegen. Nach der Randale in der Stuttgarter Innenstadt im Corona-Sommer 2020 schnauzt er einen Mann an, der sein Interview unterbricht: „Halten Sie bitte die Fresse, danke, ich rede gerade.“
Eigentlich macht Özdemir viel richtig. Aber all das täuscht nicht darüber hinweg, dass er ein überzeugter Parteimann ist. Wer also im März einen sympathischen Landesvater wählt, bekommt die Grünen im Paket gleich mit.
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Melanie Grün
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