41 Jahre später: Warum ich heute mehr Osten bin, als ich je war
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Ich erinnere mich noch genau, wie ich damals im Frühsommer vor 41 Jahren bei den schäbigen Wohnblocks in meinem Heimatort in Siebenbürgen stand. Ich war 9 Jahre alt, wir zählten das Jahr 1984 und unter den Kindern auf der Straße war die Sprache darauf gekommen, dass wir ja jetzt die „großen Papiere“ bekommen hatten, um mit der Familie in wenigen Wochen auswandern zu dürfen. Das rumänische Mädchen hatte mich gefragt, in welches Deutschland wir denn nun auswandern würden?
Ich wusste es nicht. Ich wusste ja damals nicht einmal, dass es zwei Deutschlands gibt, und die Situation hatte mich doch so beschämt, dass ich sie bis heute nicht vergessen habe.

Zusammengewachsen? Nicht wirklich, denn eine politische Linie zieht sich noch immer durchs Land.
35 Jahre Wiedervereinigung und dieses Land ist geteilter denn je
Damals hatte ich das erste Mal erfahren, dass Deutschland offensichtlich nicht ein Land ist, sondern zwei, und dass es einen ganz schönen Unterschied macht, in welchem Teil davon man dann lebt. Wer hätte damals geahnt, dass 41 Jahre später trotz 35 Jahren Deutscher Wiedervereinigung diese Frage immer noch relevant ist?
35 Jahre Wiedervereinigung und dieses Land ist geteilter denn je. Wie ein riesiger Spalt zieht sich der grüne Todesstreifen von gestern immer noch sichtbar im Wahlverhalten der Bevölkerung von heute über die Landkarte und teilt das Land in mehrheitlich „Schwarze“ im Westen und „Blaue“ im Osten.

Der Osten ist rechtskonservativ
35 Jahre sind eine ganze Generation von jungen Menschen, die bereits in der Freiheit des Westens geboren wurden und die alte DDR nur noch aus den Erzählungen ihrer Eltern oder gar Großeltern kennen. Man sollte meinen, dass damit doch Waffengleichheit in Ost und West herrsche, wenn alle im selben Land geboren sind, denselben staatlichen Prinzipien ausgesetzt sind und sich nicht nur eine Sprache, Kultur und Religion, sondern auch ein gemeinsames Werte- und Rechtssystem teilen. Stattdessen unterscheidet sich gerade bei der jungen Generation das Wahlverhalten massiv zwischen Ost und West. Der Osten ist rechtskonservativ, der Westen links-grün-woke.
Wer Deutschland jetzt nicht liebt, wird es auch später nicht tun
Erst kürzlich provozierte der Linken-Politiker Bodo Ramelow, immerhin auch einer der Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages, mit dem Vorschlag, die Nationalhymne, aber auch die Fahne der Bundesrepublik ad acta zu legen und durch eine neue Fahne und neuen Gesang zu ersetzen.
Die „Kinderhymne“ des Marxisten Bertolt Brecht schien ihm ein weit besserer „wunderbarer Text“, der als gesamtdeutsche Hymne dienen könne, denn er kenne Ostdeutsche, die „die Nationalhymne aus vielerlei Gründen nicht mitsingen“. Nun tun das auch zahlreiche deutsche Fußball-Nationalspieler nicht, entweder, weil sie den Text nicht kennen, sich schämen, oder sich im Herzen noch nie als Deutsche fühlten, sondern der Nation ihrer Väter nachhängen. Ramelow setzte hier aber auf die Befriedigung der Gefühle alter DDR-Romantiker, die eben auch traditionell mit der LINKEN immer noch ihre liebgewonnenen Nachfolger der SED-Mauerschützenpartei von damals wählen. Er stellte aber auch die Nationalfarben schwarz-rot-gold in Frage, auch damit würden viele „fremdeln“. Was Ramelow weglässt: Jene, die heute mit den Farben der Deutschen fremdeln, würden dies auch mit jeder Ersatzfarbe der Deutschen tun, finden sich doch eine ganze Menge frühere „Deutschland verrecke“-Rufer inzwischen in gewählten Ämtern. Die Schnittmenge zu jenen, die sowieso lieber die Regenbogenfahne oder dann wenigstens die Europafahne der EU hissen, ist da gar nicht so klein.
DDR-Kämpfer versuchen, neue Hymne in die Diskussion zu bringen
Mich selbst erreichte vor einigen Jahren skurrile, aber sehr ernstgemeinte Post: darin ein ganzes Hochglanzbuch und eine Vinyl-Schallplatte eines alten DDR-Kämpfers, der aus den beiden Nationalhymnen der DDR und der Bundesrepublik sowohl musikalisch als auch textlich eine Mischung hatte komponieren lassen und nun mit zahlreichen Briefen an Würdenträger genau wie Ramelow dafür kämpfte, das Lied der Deutschen von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, mit der Musik von Joseph Haydn, durch eine Reminiszenz an die verflossene DDR ersetzen zu lassen. Auch er nutzt das Argument, das Ramelow bedient: Die Ostdeutschen würden sich mit dem Liedgut des Westens nicht identifizieren, damit fremdeln.
Ich gehe davon aus, dass meine damalige Absage zur Unterstützung dieser Idee den Mann enttäuscht hatte. Ich musste aber aussprechen, dass wir ja schließlich nicht 1984 mit großer Mühe in den freien Teil Deutschlands ausgewandert waren, um nun nostalgisch jenem Staat zu huldigen, der seine Bürger mit Schießbefehl daran hinderte, den real gelebten Sozialismus zu verlassen. Wieder ein Leser weniger.
Die Deutschen brauchen keine neue gesamtdeutsche Hymne
Was Ramelow und andere nicht verstehen wollen: Die Deutschen brauchen keine neue Gesamtdeutsche Hymne und schon gar nicht im Osten. Dort haben Menschen viel eher das Problem, sofort als Rechte verschrien zu werden, wenn sie sich mit der Hymne, den Farben und der Kultur ihres Landes identifizieren. Wer Landesfarben abschafft, will die Identität zwischen Ost und West nicht einigen, sondern die gesamtdeutsche Identität abschaffen.
35 Jahre Wiedervereinigung und die Deutschen sind mehr denn je in einer Identitätskrise geteilt. Kein Themenfeld spaltet die Nation gerade tiefer als die Frage des Umgangs mit der unkontrollierten Migration. Der Osten will die Außengrenzen schließen, der Westen hat den Teddywerfer-Modus noch nicht ganz abgelegt, auch wenn die Einschläge der realen Verhältnisse im Land näherkommen und auch die Gutmeinenden der Willkommenskultur angesichts der Gewaltausbrüche fremder Nationalitäten auf deutschen Straßen langsam kleinlauter werden.
Unterdrückung statt Diskussion, so geht Einheit nicht
Doch anstatt die Probleme im Land zu lösen, reibt sich das deutsche Volk in der Frage auf, wie man verhindere, dass die Menschen jene Partei namens AfD wählen, die als einzige konsequent diese Problematik benennt. Anstatt den Osten zu verstehen, mit ihm zu reden, grenzt der Wessi heute den Ossi für sein Wahlverhalten als „Nazi“ ab.
Anstatt Probleme zu diskutieren, arbeitet man an Gesetzen, um Meinung zu unterdrücken. Etwas, das der Osten früher als Problem erkannte. Ist man dort doch bereits gewohnt, die atmosphärischen Störungen in der Gesellschaft weit vor dem ersten Gesetz zu erkennen, das einem den Mund verbietet. Wie in einem bösen Déjà-vu spüren jene die dunklen Wolken des Totalitären viel früher aufziehen, die bereits unfreiwillig Erfahrungen mit einem repressiven und intoleranten Staat sammeln durften.
Anstatt Probleme zu lösen, sinniert das System der alteingesessenen Parteien lieber, wie man dem Osten die stärkste Partei und dem Westen die stärkste Opposition einfach verbieten könnte.

Strickjackenträger Kohl und Gorbatschow 1990 im Kaukasus
Helmut Kohl kaufte auch meine Familie frei
Als ich damals im Jahr 1984 nach Deutschland kam, war Deutschland für uns eine Art „gelobtes Land“. Wir verdanken unsere Chance, in den Westen zu gelangen, direkt der Initiative des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl, der unter seiner Regierung konsequent und mit vielen Devisen deutschstämmige Bürger aus den Ländern hinter dem Eisernen Vorhang sprichwörtlich freikaufte. Derselbe Helmut Kohl, ohne den es die Deutsche Einheit nie gegeben hätte, weil es schon den Glauben an ein deutsches Volk geben muss, das sich durch mehr definiert als durch den Pass, den man heute auch Fremden bereitwillig und in Massen hinterherwirft. Wir waren als Siebenbürger Sachsen in Rumänien nicht nur im Eigenverständnis, sondern auch im Verständnis des deutschen Staates immer noch „echte“ Deutsche, Angehörige einer deutschen Volksgruppe, denen man auch genau deswegen half, in ihr Mutterland zurückkehren zu können.
Heute gerät man bereits in den Verdacht des Rechtsextremismus und droht vom Verfassungsschutz beobachtet zu werden, wenn man genau jenen Volksbegriff politisch für relevant hält, wie ihn das Grundgesetz im Übrigen bis heute definiert. Was damals normal deutsch war, gilt heute als „völkisch“ und damit als anrüchig.
Wo Patriotismus nicht erwünscht ist, kann kein Land zusammenwachsen
Wie soll ein Land jemals zusammenfinden, wenn Patriotismus nicht erwünscht oder gar als „rechts“ verfolgt wird? Unter welcher Fahne soll man sich gemeinsam versammeln, wenn das Schwenken der Deutschlandfahne selbst bei der Fußball-WM schon als grenzwertig gilt? Was bedeutet das Deutschsein, wenn es jeder ohne Kenntnis deutscher Sprache und Kultur haben kann, der es auch nur illegal über die Grenze schafft? Was ist Deutschland, wenn das Land die Grenzen seines Bodens nicht mehr sichert und Teile des linken Establishments sie zugunsten supranationaler Gebilde am liebsten wie lästige Kleidung abstreifen wollen? Wie soll ein Volk seine Interessen gemeinsam vertreten, wenn für manche die Interessen der ganzen Welt wichtiger erscheinen als die Probleme jener, die mit ihren Steuergeldern diese Weltrettungsphantasien bezahlen sollen?

Merz am Tag der Einheit in Saarbrücken
35 Jahre Deutsche Einheit seien ein Grund zu feiern, lässt nun der amtierende Kanzler Friedrich Merz sein Volk auf Social Media wissen. Die Vereinigung sei kein Selbstläufer, sondern „das Werk mutiger Menschen, die für Freiheit und Demokratie einstanden“. Es bleibe „unsere Aufgabe, aufeinander zuzugehen: in Ost, West, Nord und Süd. Unsere Vielfalt macht uns stark.“
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, zum Tag der Deutschen EINHEIT die deutsche VIELFALT zu beschwören. Aber vielleicht symbolisiert dieser sicher gut gemeinte Satz das Problem in wenigen Worten. Denn nicht die Vielfalt macht Deutschland stark, das Land war immer dann auf Erfolgskurs, wenn es in einer Einheit seine eigenen Interessen vertrat. Hätte Helmut Kohl auf die Vielfalt der Meinungen 1989 gehört, auf jene Bedenkenträger und strammen Sozialisten der SPD, die sich damals vehement gegen die Wiedervereinigung stemmten, hätte es diese nie gegeben. Es brauchte damals in der Tat jene mutigen Menschen, die selbst gegen den Widerstand in den eigenen Reihen das Richtige zum Wohl aller Deutschen taten.
Ich bin heute mehr Osten als jemals zuvor
Wir mögen also nun aufeinander zugehen in Ost, West, Nord und Süd – so als ob der Norden und der Süden dies jemals substanziell nötig gehabt hätten. Es zieht sich kein gedanklicher Todesstreifen zwischen Bayern und Rügen, aber immer noch eine toxische Linie zwischen Ost und West. Dass man 35 Jahre nach der Deutschen Einheit immer noch dazu aufrufen muss, aus Ost und West aufeinander zuzugehen, ist ein Armutszeugnis für eine Nation. Deutschland kann mehr. Viel mehr. Ein Anfang wäre gemacht, wenn gerade jene auch in der CDU, die nun zur Einheit rufen, den Osten nicht als Problembär der Nation oder wahlweise als Landstrich jener, die die „Nazipartei“ wählen, verunglimpfen würden. Ich hätte nie gedacht, dass ich es als Mädchen aus dem Osten 41 Jahre nach meiner Ankunft im Westen einmal so formulieren würde, aber ich bin heute mehr Osten, als ich es jemals war.
Lesen Sie auch: 35 Jahre Deutsche Einheit: Warum der neue Sozialismus sich nicht kampflos ergeben wird
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Birgit Kelle
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